26. VdS-Tagung in der Archenhold-Sternwarte in Berlin

Vom 12. bis 14. September hatte die Vereinigung der Sternfreunde e. V. (VdS) zu ihrer diesjährigen Tagung nach Berlin in die Archenhold-Sternwarte eingeladen. Gleichzeitig sollte hierbei auch das 50 jährige Bestehen der VdS gebührend gefeiert werden.

Diesen Termin hatte ich schon vor langer Zeit in verschiedenen Astrozeitschriften gefunden, aber meist ignoriert, da ich niemanden in der Bundeshauptstadt kenne, und die teuren Hotelübernachtungen vermeiden wollte. Vor ein paar Monaten dann besuchte ich Christian Harder in Fintel und er eröffnete mir, dass er ebenfalls nach Berlin fahren wollte und wir die Möglichkeit hätten, privat unterzukommen. Für mich bestand zu dem Zeitpunkt das einzige Problem darin, nicht zu wissen, ob ich auch am Freitag, den 12. September Urlaub bekommen würde. Aber zu meinem eigenen Erstaunen klappte das relativ problemlos und so holte mich Christian an diesem Tag um 13:30 Uhr ab. Gegen 18 Uhr kamen wir schließlich in Friedrichhain im ehemaligen Ostberlin an, luden bei heftigem Regenwetter unser Gepäck ab und machten uns nach einem kurzem Imbiss in einer nahegelegenen türkischen Pizzeria und einem Einkauf in einem Supermarkt auf den Weg in den Treptower Park, wo sich die Archenhold-Sternwarte befand.

Leider verschätzten wir und gewaltig, was die Dauer des Fußmarsches anging. Statt gedachter 15 Minuten waren es dann 45, die uns vorbei an verlassenen, abbruchreifen Fabriken mehr oder weniger direkt nach Treptow führten. Dafür konnten wir interessante Eindrücke nächtlicher Spreefahrten gewinnen. Als wir ankamen, hatte der Fachvortrag von Prof. Dr. Gerhard Neukum, Freie Universität Berlin, über Raumfahrtmissionen zum Mars bereits begonnen. Nach einer kurzen Inspizierung der ausgestellten Fernrohre, des VdS-Standes und einiger Nebenräume in der Archenhold-Sternwarte schlichen wir leise in den Einstein-Saal und bekamen noch viele Details der Missionen OPPORTUNITY und SPIRIT geliefert. Zu unserem Glück dauerte der Vortrag dann auch etwas länger als geplant. Leider bot sich danach, wie im Programm angekündigt, keine Gelegenheit für eine Beobachtung des Mars am berühmten Treptower Refraktor. Das war sehr bedauerlich, zumal wir auf dem dieses Mal nur 30 Minuten dauernden Rückweg feststellten, dass Mars in einem weitgehend aufgeklarten Himmel leuchtete.

Am nächsten Morgen machten wir uns nach dem Aufstehen und Duschen dann auf den Weg zu einem Bäcker. In der Hinsicht hat unsere Bundeshauptstadt vielen anderen Städten viel voraus: Egal ob Samstag oder Sonntag, der Bäcker hatte morgens ab 6 bzw. 6:30 Uhr geöffnet. Das stelle man sich mal in Hamburg vor! Wir kauften kurz ein, gingen zurück in die Wohnung, frühstückten und brachen dann auf nach Treptow, dieses Mal aber mit PKW.

Es gelang uns sogar, auf dem Gelände vor der Sternwarte einen Parkplatz zu bekommen. Schnell noch ein paar Fotos vom Gebäude oder der Büste Archenholds und schon gingen wir ins Foyer, lösten die Eintrittskarte und stellten fest, dass noch gar nicht so viele Sternfreunde da waren, wie befürchtet. Daher hatten wir Zeit, den VdS-Stand zu begutachten, oder die in Glasvitrinen ausgestellten Fernrohre zu bestaunen. Es war auch ausreichend Zeit, das Ganze mit Digitalkamera und auf Video festzuhalten, Stände der VdS-Fachgruppen Spektroskopie und Sonne zu besuchen, oder an die Verkaufsstände der Archenhold-Sternwarte, des Kosmos-Verlages und des Spektrum-Verlages zu gehen und schon mal nach interessanten Büchern Ausschau zu halten. Dabei traf man dann auch alte Bekannte beispielsweise aus der hier stark vertretenen VdS-Fachgruppe Sonne.

Gegen 10 Uhr war es dann soweit und wir begaben uns in den Einstein-Saal, dort, wo schon der Namensgeber seine Vorlesungen gehalten hatte. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Hausherrn Prof. Dr. Dieter B. Herrmann im Einstein-Saal, in der er auf die Geschichte der Sternwarte und deren Situation zur DDR-Zeit und heute kurz einging, begann der erste Block der Amateurvorträge.

Thomas Erfurth berichtete über die Polarimetrie Aktiver Galaxienkerne. Dr. Eberhard Bredners Thema war das Dynamische Universum life: Beobachtung von totalen und streifenden Sternbedeckungen im Rahmen der Fachgruppe Sternbedeckungen IOTA/ES. Wolfgang Steinicke, Leiter der erst vor kurzem neu gegründeten VdS-Fachgruppe Geschichte der Astronomie referierte danach über Johann Kern – Pionier der visuellen Deep-Sky-Beobachtung und dessen eindrucksvolles Wirken als „Bauernastronom“. Kurz vor der wohlverdienten Mittagspause stellte Prof. Herrmann sein neues Buch über die Milchstraße vor, das er später auch in einem der Nebenräume signierte.

Von diesen Vorträgen besuchten wir allerdings nur zwei, da man sich immer irgendwie entscheiden musste, mit Sternfreunden, die man lange schon nicht mehr gesehen hatte, Gedanken auszutauschen, oder den Referaten zu lauschen. Ich selektierte die Beiträge nach meinen Interessen und zog es dann vor, mit Leuten zu klönen.

In der Mittagspause begaben sich viele Sternfreunde in die umliegende Gastronomie. Gleichzeitig fand sich aber auch die erst im vergangenen Jahr wieder gegründete VdS-Fachgruppe Geschichte der Astronomie in angemessenem Rahmen in einer der kleineren Kuppel auf dem Sternwartengelände ein und diskutierte einige organisatorische Fragen und künftige Treffen und Vorhaben. So ist beispielsweise vorgesehen, 2004 eine Tagung nur zur Geschichte unserer Wissenschaft abzuhalten – eine überaus interessante und reizvolle Sache. Im Anschluss daran begaben wir Geschichtler uns dann in die „Eierschale“, einem der nahegelegenen gastronomischen Stätten, um dort weiter bei einem schmackhaften Essen über mögliche Themen der Fachgruppe zu diskutieren.

Kurz vor Wiederbeginn der Vorträge konnte der große Refraktor der Archenhold-Sternwarte besichtigt werden: Ein eindrucksvolles Instrument mit langer und aufregender Geschichte, deren Erzählung ein eigener Artikel wert wäre. Wer in Berlin weilt, sollte auf jeden Fall Treptow auf seinem Besuchsplan haben – ebenso wie das Zeiss-Großplanetarium am Prenzlauer Berg und die Wilhelm-Förster-Sternwarte.

Die nun folgenden Vorträge wurden im Einstein-Saal und dem Kleinen Saal zeitgleich gehalten, da ab 16 Uhr die Mitgliederversammlung der VdS im eigentlich dafür viel zu eingeschränkten und schlecht belüfteten Kleinen Saal stattfinden sollte.

Im Vortrags-Block IIa (Einstein-Saal) stellte Dr. Jens Biele den Rosetta Lander – Forschungslabor auf einem Kometenkern vor, Hans-Günter Diederichs beschrieb Protosterne, Galaktische Nebel und Galaxien im Infraroten – Beobachtungen mit SCT und CCD-Kamera, woran sich Michael Jägers Beitrag Von West bis Ikeya Zhang – helle Kometen im Rückblick anschloss und Bernd Hanisch mit dem Referat Das Licht der Planetarischen Nebel den Reigen der Vorträge abschloss.

Gleichzeitig sprach im Kleinen Saal Christian Weis über Astronomische Bildung – Eine Umfrage unter jungen Menschen. Das Unsichtbare erkennen war dann kein Bericht über Verschwörungstheorien. Andreas Fornefett erläuterte vielmehr Dichte und Zustandsformen interplanetarer und intergalaktischer Materie. Zwei Berichte zur laufenden Marsopposition waren nach diesem doch anspruchsvollen Thema an der Reihe: Rolf Hofner berichtete über Die Beobachtung der Marsopposition auf den Kanarischen Inseln, angereichert mit zahlreichen eigenen Marsfotos, die er mit einen 10“-SCT und handelsüblichem Camcorder aufnahm und mit der bekannten Astrosoftware Giotto bearbeitete. Christian Harder gab dann Tipps zur erfolgreichen visuellen Marsmondbeobachtung, die dem staunenden Publikum die Möglichkeiten aufzeigten, wie man mit 10“ und 6“ Marsmonde beobachten kann. Im Anschluss daran stellte Dr. Stefan Binnewies das Buchprojekt Die Sternwarten Europas vor und warb darum, von Sternfreunden Aufnahmen noch fehlender professioneller Sternwarten zu bekommen. Ein geschichtlicher Beitrag beendete dann auch diesen Block an interessanten Vorträgen. Dr. Hartmut Frommert referierte über die Entdeckung der Galaxie M 64.

Danach stand dann die Mitgliederversammlung der VdS auf dem Programm, in dessen Rahmen Martin Mayer die VdS-Medaille 2003 verliehen bekam. An dieser Veranstaltung nahmen wir jedoch nicht teil, sondern begaben uns auf eine Sightseeingtour durch die Bundeshauptstadt. Wir fuhren durch das Regierungsviertel am Potsdamer Platz (wo sich seelenlose futuristische Glaspaläste aneinander drängten und kaum ein Gefühl des Wohlbefindens aufkommen ließen), fuhren an der Siegessäule vorbei und fanden schließlich an der Straße des 17. Juni (die eher einer gigantischen Prachtallee glich) einen Parkplatz. Wir näherten uns dem Brandenburger Tor von Westen her, vorbei an einem sowjetischen Ehrenmal. Anschließend ging es zum nur wenige Meter entfernten Reichstag, dann am Kanzleramt vorbei und durch Parkanlagen wieder zurück zum Auto. Kurz vor Erreichen der Sternwarte besuchten wir dann noch ein gigantisches, ebenfalls sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park, das alles in den Schatten stellte, was ich bisher in dieser Form gesehen habe. Zu dieser Art Gigantismus passten dann auch einige der extrem breiten Ostberliner Straßen, die an Paradealleen ehemaliger DDR-Führungsgrößen oder den wahnwitzigen Plänen des Nazibauers Albert Speer erinnerten, die aus Berlin ein Germania machen wollten. Diese protzigen und extrem überdimensionierten Bauten hätten da gut hingepasst.

Nach so viel Erlebtem in kurzer Zeit waren wir dann doch wieder froh, an der Sternwarte in Treptow zu sein, wo uns der feierliche Festakt zum 50. Jahrestag der Gründung der Vereinigung der Sternfreunde bevorstand. Zur Stärkung und zur Einläutung des feierlichen Teils der Veranstaltung Sekt und Brezel gereicht.

Nach kurzen Ansprachen von Otto Guthier, dem wiedergewählten Vorsitzenden der VdS, der auch den Festakt moderierte, und Dieter B. Herrmann, sprachen Günter D. Roth, Peter Völker und Werner E. Celnik über verschiedene Epochen in der Geschichte der VdS. Günter D. Roth, der eigens dazu auch München angereist war, umriss die Anfänge der Vereinigung, während Peter Völker die wilden 60er und 70er amüsant durchschritt, wobei er sich manchen Seitenhieb auf den damaligen Konflikt Ende der Sechziger zwischen alten konservativ orientierten VdSlern und der jungen aufstrebenden Generation von Sternfreunden ebenso wenig verkniff, wie in Richtung der damals Westberliner Wilhelm-Foerster-Sternwarte. Darauf hin sah sich dann ein WFSler als zusätzlich zu seinem Grußwort genötigt, Stellung zu beziehen.

Im Nachhinein hatten die „jungen Wilden“, denen nur kurze Zeit im VdS-Vorstand vorhergesagt wurde, bewiesen, dass sie es besser konnten, da in ihrer Zeit ein beachtlicher Anstieg der Mitgliederzahlen zu verzeichnen war, wie er später nur noch einmal erreicht wurde, nämlich, als der jetzige Vorsitzende in sein Amt übernommen hatte. Am Ende seiner Rede überreichte Peter Völker dann Werner E. Celnik und Wolfgang Steinicke ein Geschenk, dass an die damalige Zeit erinnerte. Als dritter im Bunde sprach dann Werner E. Celnik über die 80er und 90er Jahre bis heute und konnte anhand vieler Grafiken vorführen, wie sich die VdS in den letzten Jahren positiv entwickelte und welches die Ziele für die Zukunft sind. Dem folgten noch mehrere kurze Grußworte an das Plenum.

Unterbrochen wurden die Referate übrigens durch musikalische Einlagen Paul Hombachs, der experimentell versucht hat, Bewegungsabläufe im Sonnensystem mit Tönen gleichzusetzen, um Himmelsmechanik hörbar zu machen. Sicherlich gewagt, aber dennoch eindrucksvoll in der Ausführung.

Leider konnte nach Ende des Festaktes auch am Samstag der Mars wieder nicht beobachtet werden, da der Himmel völlig zugezogen war, dennoch lud Dr. Dietmar Fürst, Archenhold-Sternwarte, die Sternfreunde ein, zum Teleskop hoch zu laufen und sich anzusehen, wie man hätte beobachten können, wenn man denn beobachtet hätte. So klang dann dieser sehr informative und ereignisreiche Tag mit einem doch eher vergnüglichen Abschluss aus. Während Christian als erster nach oben stürmte, um einen Semiblick zu erhaschen, nahm ich die Gelegenheit für einen weiteren Informationsaustausch bzw. zum Kauf einiger kleiner Bücher, einer Mütze und eines T-Shirts mit VdS-Logo wahr.

Am Ende dieses stressigen, aber erlebnisreichen Haupttages kehrten wir wieder in unsere Unterkunft zurück, beschlossen aber, dem restlichen Programm nicht mehr beizuwohnen, sondern auszuschlafen und nach einem ausgiebigen Frühstück nach Hamburg zurück zu kehren.

Ab 10 Uhr hatte im Einsteinsaal Uwe Reimann zur Leonidenbeobachtung mit der Mintron in Südfrankreich eingeladen und Dr. Götz Hoeppe wusste interessantes Neues von der Andromeda-Galaxie zu berichten. Dietmar Büttner kam danach auf eine Wissenschaftliche Amateurarbeit – Auswertung von Sternbedeckungen durch den Mond zu sprechen, Helmut Strzynksi zeigte Spiralgalaxien in Bewegung und Dr. Jürgen Blunck erläuterte Die Gruppierung der 61 bekannten Jupitermonde.

Aber da befanden wir uns schon auf dem Rückweg, wobei wir am Prenzlauer Berg Halt machten, um das Ostberliner Planetarium zu besichtigen. Leider war hier geschlossen (wie anscheinend immer am Sonntag Vormittag), so dass wir nach einigen Fotos und ein paar Minuten Drehzeit mit der Videokamera endgültig gen Hamburg zurückkehrten.

Zwei Tage waren zu Ende gegangen, die wir nicht mehr missen mochten. Sie machten auch Lust auf weitere VdS-Tagungen, wenn man dazu nur nicht immer so lange Anfahrtwege in Kauf nehmen müsste...



Bilder: (werden demnächst folgen)


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