8. Juni 2004: Venustransit

Spätestens nach dem Merkurtransit vom 2003 war man allgemein gespannt auf den Durchgang des zweitinnersten Planeten, der am 8. Juni 2004 in der Zeit von 7:20 Uhr MESZ bis 13:20 Uhr MESZ, je nach geographischer Position, stattfinden sollte.

Die Aussichten
Im Gegensatz zum Merkurdurchgang 2003 habe ich dieses Mal Urlaub bekommen, doch das Wetter schien sich in den Tagen vor dem Ereignis irgendwie mal wieder nicht richtig entscheiden zu können. Konventionelle Wetterberichte berichteten mal von gutem, mal von schlechtem Wetter, selbst professionelle wie Bolam waren sich höchst uneins, oder fielen gleich ganz aus. Je näher der 8. Juni kam, desto deutlicher wurde, dass man Hamburg verlassen musste, um den Durchgang in seiner ganzen Länge beobachten zu können. Die Frage war nur, wohin. Aus Richtung Nordosten drohte ein Tiefdruckgebiet mit Gewittern, also schieden Schleswig-Holstein und Dänemark aus. Auch Mecklenburg-Vorpommern, das sich kurz zuvor noch als Ausweichziel angeboten hatte, musste von der Liste gestrichen werden. Andrè Wulff und ich wollten dann am 8. Juni morgens früh aufbrechen und in Richtung Münsterland fahren. Doch mussten wir dazu noch die Wetterprognosen vom Vorabend abwarten. Die Lage wurde aber immer unübersichtlicher, plötzlich schien sogar die Möglichkeit zu bestehen, den Venustransit in der näheren Umgebung von Hamburg beobachten zu können.

Der Tag des Venustransits (1): Der Morgen
Kurz nach vier Uhr bog André mit seinem Astromobil in meine kleine Anrainerstraße ein und wir beluden das Auto mit meiner Ausrüstung (90/1000er Refraktor, Montierung und eine Transportkiste mit Zubehör). Dabei eröffnete er mir, das wir in die Nähe von Hildesheim führen würden. Eine Gruppe von Beobachtern aus Hamburgs Osten war auch auf dem Weg dorthin und so war unser erstes Etappenziel die Autobahnraststelle Stillhorn, wo wir mit Ulrike und Michael Steen und Michael Winkmann zusammentrafen. Helge Schlinzig, mit dem wir per Handy in Kontakt standen, war schon am Vorabend nach Einum gefahren und konnte berichten, dass da der Himmel die ganze Nacht über klar war und er auch beobachtet hatte.

Das Ziel stand also fest, wir würden an den Rand des kleinen Dorfes bei Hildesheim fahren. Die kleine Kolonne machte sich also auf den Weg. Das Wetter wurde aber zunächst keineswegs besser. Über dem Norden schien eine beständige Schicht aus Wolken und Hochnebel zu hängen. Hartwig Lüthen, der panikartig in Richtung Melle aufgebrochen war, berichtete unterwegs von einer aufkommenden Wolkenschicht. Was würde das für uns bedeuten? Wie schnell war die Schicht in Hildesheim?

Die anfängliche Skepsis, ob unsere Astrotour nicht vielleicht doch in einem Fiasko enden würde, während man in Hamburg trotz ungünstiger Vorhersagen gute Beobachtungsbedingungen haben würde, wich allmählich mehr und mehr der Hoffnung und der Erkenntnis, das wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Je näher wir Hannover kamen, desto mehr lichtete sich der Wolkenschleim. Und als wir schließlich ankamen, stand die Sonne zwar in einer horizontnahen Syphschicht, aber sie würde bis zum Transit noch deutlich höher steigen, schließlich war es erst kurz vor 6:30 Uhr.

Der Tag des Venustransits (2): Aufbau und Murphy
Gleich nach Ankunft beim Sportplatz am Rande von Einum wurden die Teleskope aufgestellt. Helge Schlinzig war hier klar im Vorteil, da er bereits in der Nacht seine Gerätschaften einnorden konnte. An den Instrumenten orientierte ich die Aufstellung meines Refraktors. Im Prinzip war alles schnell aufgebaut, doch die Sonne lief immer wieder so schnell raus, dass ich nicht gleichzeitig die Nachführung korrigieren und die Webcam per Notebook bedienen konnte. Ich hatte geplant, Ein- und Austritt der Venus vor der Sonne mit meiner Philips ToUCamPro II aufzunehmen. Doch hier hatte Murphy etwas dagegen. Weder war die Nachführung in den Griff zu bekommen, noch sah ich auf dem Monitor irgend etwas. Das lag zum einen daran, dass die Sonne immer zu schnell wieder rausgewandert war, dann aber auch an falschen Einstellungen im benutzten Programm „Vega“. Als alle anderen schon dabei waren, ihre ersten Aufnahmen zu machen, hantierte ich immer noch an der Aufstellung des Teleskops herum. Inzwischen war über eine Stunde vergangen. Es wollte alles irgendwie nicht funktionieren. Zur Lichtdämpfung hatte André mir aus Baaderfolie, die wir auf der ATT in Essen erworben hatten, einen kleinen Sonnenfilter gebastelt. Ich vermutete schon, dass die Filterdichte zu hoch war, sodass aus diesem Grunde kein Bild auf den Chip der Webcam zu bekommen war.

Aus lauter Verzweiflung nahm ich die Webcam ab und baute die Digiklemme für meine Videokamera an das Fernrohr. Aber auch mit dem Camcorder konnte das Problem, das ich durch den Filter fast nichts sah, nicht behoben werden.

Woran lag das ganze Herumgemurphe? Es war zum Haareraufen. Ich konnte anstellen, was ich wollte, die Sonne lief einfach zu schnell aus dem Gesichtsfeld heraus. Dabei war die Aufstellung des Teleskops nahezu perfekt. Aber dann brachte mich André auf die richtige Idee. In der Hektik hatte ich den DD1-Handtaster auf Südhalbkugel eingestellt (On-Schalter nach unten!)...

Nach dieser Korrektur lief dann die Nachführung nahezu perfekt - wie sie es bei vorherigen nächtlichen Beobachtungen auch immer gemacht hatte. Auch die Fehler bei der Einstellung im Programm konnte André recht schnell beheben, wobei außerdem das Problem bestand, auf dem Monitorbild bei der Tageshelligkeit überhaupt etwas zu erkennen. Das Notebook befand sich auf dem Rücksitz von Andrés Auto, leider aber in Blickrichtung zur Sonne. Aber mit einer übergehängten Wolljacke gelang es dann, eine einigermaßen ausreichende „Verdunkelung“ im Wageninnern zu erzeugen. Nun musste „nur“ noch die Venus gefunden und dann alles justiert werden. So konnte auch ich meine ersten, allerdings nicht ganz scharfen, Videos mit der Webcam aufnehmen. Dass der Schärfepunkt nicht hundertprozentig getroffen worden war, lag einmal an der hellen Umgebung, zum anderen aber auch am Seeing, das doch beachtlichen Schwankungen unterworfen war.

Den gesamten Venusdurchgang konnte ich nicht aufnehmen, da der Akku meines Notebooks maximal zwei Stunden durchhalten würde und ich (noch) keine Anschlussmöglichkeit an eine Autobatterie habe. Daher beschränkte ich mich nach ersten Aufnahmen darauf, das Transit an den anderen hier aufgestellten Fernrohren visuell zu verfolgen, oder mit der Kyocera Finecam-Digitalkamera an Michael Steens Refraktor freihändig zu fotografieren, hierbei die „Motorfunktion“, d.h. 3 Aufnahmen pro Sekunde, ausnutzend.

Nach der ersten Aufregung gingen wir dann zum geselligen Teil über. Einige aus unserer Gruppe belichteten weiter (so machte Helge Schlinzig mit seiner Digitalkamera automatisiert eine Aufnahmeserie des gesamten Transits, André belichtete ebenfalls mit einer Digitalkamera, Michael Winkmann konventionell auf Film), oder man klönte und tauschte Erfahrungen aus. Ein „Mini-ITV“ wurde hier abgehalten. Helge hatte einen kleinen Grill dabei und so stärkten wir uns morgens und halb zehn bereits mit Grillwürstchen. Das mutet auf den ersten Blick merkwürdig an, aber da wir alle schon sehr früh aufgestanden waren - ich z.B. um 2:45 Uhr - waren wir entsprechend hungrig.

Der Tag des Venustransits (3): Durchhalten bis zum bitteren Ende
Der Wettergott war uns gnädig. Zwar war der Himmel weitgehend aufgeklart und nur vereinzelt zogen ein paar Wolken durch (natürlich auch genau zum Zeitpunkt des ersten Kontaktes...), dafür war der Himmel aber durchgängig sehr diesig.

Die per Trecker, PKW (Dalmatiner-Gassifahren) oder LKW vorbeikommende Landbevölkerung nahm regen Anteil am Geschehen, einige hielten an und wollten den Transit durch die aufgestellten Teleskope sehen, was auch gerne gewährt wurde. Und was Folgen hatte: Eine Besucherin war so begeistert, dass sie spontan eine Kanne Kaffee vorbeibrachte, eine andere versorgte uns mit frisch gebackenem Kuchen. So konnte es weitergehen. Unsere Aktivitäten hatten sich im Dorf wie ein Lauffeuer verbreitet.

Es vergingen die nächsten Stunden in sehr angenehmer, stressfreier Atmosphäre. Angelehnt an eine bekannte Werbung hätte man auch sagen können: „Einum, 13 Uhr, das Wetter hält!“ Und unsere Laune auch. Erstaunt waren wir auch darüber, dass die Sternfreunde die Kuppel in ihrer mitten im Wald gelegenen Sternwarte offenbar nicht geöffnet hatten - das konnten wir durch einen fest aufgestellten Feldstecher die ganze Zeit über genau verfolgen!

Per Handy erfuhren wir dann, dass die Sternwarte Bergedorf einen regen Zulauf an Besucherinnen und Besuchern hatte und dass das Wetter in Hamburg wohl ganz annehmbar war. Ob die aber auch so ein „Astrofeeling“ hatten wie wir???

Immer noch sehr gut gelaunt und mit leichtem Sonnenbrand ging es dann in den Schlussspurt. In den letzten Stunden hatten sich Quellwolken gebildet, die sich nun aufzutürmen begannen. Dennoch gab es immer sehr große Lücken, durch die wir den Venustransit verfolgen konnten.

Meine größte Sorge galt der Frage, ob die Stromversorgung für meine SP-Montierung lange genug durchhalten würde, da ich sie die ganze Zeit weiterlaufen ließ.

Kurz nach 13 Uhr kam sich in unserem „Astro-Camp“ Hektik auf. Ich brauchte nur wenig in Deklination zu korrigieren, um Venus und Sonne wieder im Gesichtsfeld der Webcam zu haben. Dabei war kurz zuvor noch der Sonnenfilter vom Objektiv weggeflogen, so dass die Sonne zumindest teilweise auf den Chip der Webcam schien, vor dem sich aber noch der IR-Filter befand. Gottseidank hat er das gut überstanden.

Zwischen den aufkommenden Wolken konnte ich weitere, jeweils 20 Sekunden lange Videos (jeweils 2 x 2 Binning, bei einer Auflösung von 320 x 240 Pixel und 10 Bildern pro Sekunde) aufnehmen. Nachdem der eigentliche Vorübergang relativ lange dauerte - und die Venus vor der Sonne eine beachtliche Größe zeigte und problemlos mit bloßem Auge und Sonnenfilterfolie oder Sofibrille (!!!) zu verfolgen war - vergingen die Minuten zwischen 3. und 4. Kontakt wie im Fluge. Und dann war es leider schon wieder vorbei.

Der Tag des Venustransits (4): Austritt, Rückfahrt und erste Auswertungen
Da André am frühen Nachmittag noch einen wichtigen Termin hatte, bauten wir sehr schnell unsere Instrumente ab und verluden sie wieder ins Auto. Nach anfänglichen Problemen hatte die Technik durchgehalten, die Nachführung war klaglos durchgelaufen und auch das Notebook hatte noch genügend Saft auf dem Akku. Erst nach der letzten Aufnahme kam die Meldung, dass der Batteriestand sehr gering sei...

Während die anderen Teilnehmer des Camps noch Richtung Hildesheim fahren wollten, bewegten wir uns über die A 7 in Richtung Hamburg, wichen einem Stau über Landstraßen aus und kamen kurz vor 16 Uhr bei mir an. Nach dem Ausladen war erst mal Entspannung angesagt. Eigentlich wollte ich mich ein wenig auf Ohr legen, aber die Aufregung war dann doch zu groß, das Adrenalin noch nicht abgebaut. Also rief ich erst einmal meine Emails ab und begann nach dem Abendbrot mit ersten Auswertungen, wobei ich die kleinen Videos einmal mit Registax 1.0.0 bearbeitete. Später nahm ich mir die Rohdaten erneut vor und bearbeitete sie mit Giotto 1.33. Leider zeigte sich sehr schnell, dass die Schärfe nicht immer genau getroffen worden war. Aber auch, als ich ein Beispielsvideo in einzelne *.bmps zerlegte, dass das Seeing auch einen gewichtigen Anteil daran hatte.

Beobachtungsergebnisse und ein erstes Fazit
Visuell habe ich sowohl den Eintritt als auch den Austritt nicht verfolgt, daher kann ich auch nichts über Beobachtungen des Tropfenphänomens oder des (farbigen?) Lichtsaums um den Planeten herum aus eigener Erfahrung berichten. Aber zumindest ersteres wurde von den anderen Mitgliedern unserer kleinen Beobachtergruppe ebenfalls nicht gesehen. Auf einigen meiner Aufnahmen ist es schwer von Artefakten durch die Bildverarbeitung zu unterscheiden, sodass ich eher dazu tendiere, es als nicht real anzusehen.

Die nächsten Tage, insbesondere die auf der NAA-Mailingliste veröffentlichten und diskutierten Aufnahmen machen eines sehr wahrscheinlich: Das Tröpfchenphänomen ist offenbar eine Erscheinung, die nur bei nicht ganz scharfen oder sauber scharfgestellten Optiken auftritt. Interessant auch, dass Beobachter davon berichteten, dass sie beim Eintritt keinen Effekt gesehen haben, wohl aber beim Austritt.

Was aber bedeuten diese Beobachtungen mit Blick auf die Geschichte der Venusdurchgänge? Sind damit alle alten Sichtungen Irrtümer, die auf schlechte Optiken, schlechtes Seeing oder unscharfe Abbildungen beruhen? Ist diese Erklärung wirklich so einfach?

Den Lichtsaum, der ganz oder teilweise um die Venus herumreichte, habe ich auf meinen Videos nicht gefunden und auch visuell nicht gesehen, andere Beobachter und Astrofotografen konnten ihn jedoch zweifelsfrei belegen. In manchen Fällen war er offenbar sogar farbig. Aber er ist schwer von Bildverarbeitungsartefakten zu unterscheiden. Hier gilt paradoxerweise anscheinend genau das Gegenteil vom Tröpfchenphänomen, denn nur bei wirklich scharfen Aufnahmen konnte er eindeutig nachgewiesen werden.

Das Fazit: Der 8. Juni 2004 war ein erlebnisreicher und angenehmer Urlaubstag, den man in dieser Form gerne öfter haben kann. Ein astronomisches Highlight in sehr angenehmer Umgebung, was will man mehr?

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