1. Norddeutsches Sternwartentreffen in Tornesch

Die Astrogruppe in Tornesch lud ein und Vertreter von immerhin sechs astronomischen Vereinigungen und Sternwarten kamen in die Kleinstadt westlich von Hamburg, um über die Zukunft der Amateurastronomie in Norddeutschland zu diskutieren.

Die Grundidee zu diesem Treffen entstand, nachdem die Sternwarten Tornesch und Neumünster gegenseitig Erfahrungen ausgetauscht hatten und man der Meinung war, die Zusammenarbeit nicht nur zwischen diesen beiden Einrichtungen, sondern auch im Verbund mit den anderen Sternwarten im norddeutschen Raum auszudehnen. Nach einem kurzen Austausch, auch über das Astronomieportal astrotreff.de, ging die Einladung an die Sternwarten im Norden raus. Man wollte am 25. Juni 2011, also deutlich nach den anderen Treffen wie dem NAFT oder der ATT, aber noch vor den Schulferien zusammenkommen. Rund 30 Sternfreunde der GvA-Hamburg, der GvA-Kiel, des Arbeitskreises Astronomie in Lübeck, der VHS Sternwarte Neumünster, der Sternwarte St. Andreasberg (deren Kollegen den weitesten Anfahrtsweg hatten) und natürlich der Regional- und Volkssternwarte Tornesch kamen und stellten in Vortragsform ihre Einrichtungen vor.

Die Veranstaltung, zu der ich mit Michael Steen anreiste, begann pünktlich um 13:30 Uhr mit einer kurzen Begrüßung durch Bodo Hübner. Danach hatte ich die besondere Ehre, den Eröffnungsvortrag zu halten. Gewählt hatte ich als Thema einen kurzen Auszug aus der umfangreichen Geschichte der Amateurastronomie in Hamburg, worin ich kurz Max Beyer, Wilhelm Gummelt und die Entstehung der GvA sowie ihre Vorläuferorganisationen vorstellte.

Die Bürgermeisterin aus Uetersen, Frau Andrea Hansen, richtete danach ihre Grußworte an das Plenum und wünschte den Teilnehmern Erfolg für die Veranstaltung.

Marco Ludwig aus Neumünster (in früheren Jahren scherzhaft auch Neufinster genannt), stellte als Erster die Institution vor, in der er aktiv ist. In den Jahren 1969 bis 1971 wurde die Sternwarte der Volkshochschule Neumünster mit tatkräftiger Unterstützung der örtlichen Wirtschaft und aus Mitteln der Zonenrandförderung (wer erinnert sich 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch an diesen stets immer gut gefüllten Topf in den Länderhaushalten?) auf dem Dach der DRK-Klinik Hahnknüll errichtet. Die 6m-Kuppel beherbergte immerhin einen 25cm-Spiegel mit einer Brennweite von 1,5 m und war seinerzeit die größte Sternwarte in ganz Schleswig-Holstein. Da die Sternwarte der Volkshochschule gehörte, war man verpflichtet, regelmäßig Kurse über Astronomie abzuhalten. Im Jahr 2000 regte sich in Neumünster Widerstand gegen die seit 30 Jahren unveränderte Leitung und es kam, wie es kommen musste: Wenn Vorsitzende trotz aller Verdienste nicht wissen, wann ihre Zeit abgelaufen ist, dann werden sie von der Geschichte hinweg gespült. Das gilt nicht nur für die hohe Politik. So auch hier: Es kam zu einem Umbruch innerhalb der Sternwarte (auch die GvA kann von Umbrüchen in ihrer langen Geschichte ein Liedchen singen), neue Leute übernahmen die Führung, neue Ideen entstanden und so gibt es heute nicht nur einen neu gestalteten Vortragsraum, es werden weiterhin die VHS-Kurse gehalten und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten sogar nach Prüfung einen Fernrohrführerschein. Man engagiert sich in der Jugendarbeit, unterhält in Tarbek eine Außensternwarte mit einer 2,4m-Kuppel, hat für die VHS den alten Lübecker 19“-Newton übernommen und aus der bisherigen „Arbeitsgemeinschaft Sternwarte der Volkshochschule Neumünster“ wurde die „Sternkieker-Astronomie AG“. Überdies wurde im Jahr der Astronomie 2009 ein Förderverein gegründet.

Nach einer kurzen Pause, in der man sich in der Cafeteria mit Brötchen, Kuchen, Kaffee und Kaltgetränken laben konnte, ging es weiter mit Michael Kremin, der stellvertretend für Oliver Paulien auf die Geschichte und Gegenwart der immerhin seit fast 54 Jahren bestehenden Sternwarte Lübeck hinwies. Gegründet wurde sie 1957 durch den Astronomen Dr. Peter von der Osten-Sacken, der seit Ende des 2. Weltkrieges nicht nur in der Volkshochschule in Lübeck tätig war, sondern sich auch sehr um die Astronomie in seiner neuen Heimatstadt bemühte. Organisatorisch war die Sternwarte wie in Neumünster der Volkshochschule angegliedert. Aus den nur spärlich fließenden Geldmitteln wurde zunächst ein 25cm-Spiegel mit einer Brennweite von 2 m und dazu eine kleine Hütte auf dem Dach der Klosterhofschule angeschafft sowie die Räume der Sternwarte ausgestaltet, die ganz und gar nicht den Bedürfnissen der Astronomen entsprachen und viel zu klein waren, um sie optimal nutzen zu können.

Das Jahr 1974 brachte viele Veränderungen. So erhielt die Sternwarte ein neues Teleskop, ein 48cm-Newton mit 2 bzw. 6 m Brennweite, eine deutlich verbesserte Montierung und eine neue Kuppel. So entstand das zeitweise größte Amateurteleskop in Schleswig-Holstein und konkurrierte damit mit der VHS-Sternwarte in Neumünster, welche die größte Kuppel, ein Teleskop mit gleicher Öffnung, aber kürzerer Brennweite hatte. Gleichzeitig gründete sich in dem Jahr auch der Arbeitskreis Sternwarte Lübeck, der sich ab 1977 auch der Öffentlichkeit präsentierte. 1984 wurde die Vereinszeitschrift „Polaris“ ins Leben gerufen, 1988 erfolgte der Eintrag ins Vereinsregister der Stadt Lübeck. Aus rechtlichen Gründen wurde eine Umbenennung in „Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck“ erforderlich. 1990 erfolgte dann quasi mit Verabschiedung des bisherigen Sternwartenleiters Dr. von der Osten-Sacken die Zusage für eine Erweiterung der Sternwarte; es kamen neue Räumlichkeiten hinzu. Im Verein bildeten sich verschiedene fachlich ausgerichtete Arbeitsgruppen und eine Jugendgruppe. 1994 konnte durch die Possehl-Stiftung eine CCD-Kamera erworben werden, 1997 kam ein Gitterspektrograph hinzu. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde über die Jahre hinweg ständig intensiviert. Knappe Kassen der öffentlichen Hand führten dazu, dass die Volkshochschule die Sternwarte nicht mehr unterstützen konnte und so wurde sie 2007 offiziell vom ASL übernommen. 2009/2010 konnte durch die Gelder zweier Stiftungen ein 50cm-Astrograph von Planewave bestellt werden. Wie die Zukunft der Lübecker Sternwarte aussieht, ist allerdings derzeit noch unklar. Auf Grund der Neustrukturierung der Lübecker Schullandschaft wird die Schule, an der sich die Sternwarte befindet, geschlossen. Was dann aus dem Observatorium wird, kann derzeit niemand wirklich abschätzen. Von einer Schließung bis zu einer Verlagerung an einen anderen Standort ist derzeit alles möglich.

Unter dem Titel „GvA - In Hamburg ist alles anders als woanders“ beschrieb im folgenden Vortrag Hartwig Lüthen die augenblickliche Situation der GvA-Hamburg und ihrer Außensternwarte in Handeloh, unsere Workshops und die diversen Jugendarbeitsprojekte von Dirk Eckhoff und Jan Spieske.

Es folgte die nächste große Pause und die Aufstellung zum Gruppenfoto. Inzwischen hatte es angefangen zu regnen, doch nur der Fotograf hatte damit ein kleines Problem …

Danach stellte Utz Schmidtko als 1. Vorsitzender die Sternwarte St. Andreasberg vor. Diese Vereinigung zählt zu den jüngsten ihrer Art im Norden und ist eher aus einem Zufall heraus entstanden. Sternfreunde machten hier Urlaub und fanden für regionale Verhältnisse sehr gute Beobachtungsbedingungen vor. SQM-Messungen ergaben eine visuelle Grenzgröße von 21,9, wobei aber bedacht werden muss, dass diese Werte relativ und nicht mit der scheinbaren visuellen Grenzgröße für das bloße Auge zu verwechseln sind. Aber Werte über 20,0 weisen stets auf sehr gute Himmelsbedingungen hin. „St. Andreasberg statt Namibia“, lautete entsprechend der Werbeslogan für die Aktivitäten im Harzgebiet. Und das zeitigte alsbald Erfolg. Neben dem 2011 bereits zum zweiten Mal stattfindenden Teleskoptreffen mit dem Namen STATT (= St. Andreasberger Teleskoptreffen) wurde ein lang gehegter Wunsch in Angriff genommen: Der Bau einer richtigen Sternwarte in St. Andreasberg mit Schwerpunkt Informationsvermittlung für die breite Öffentlichkeit. Eine breit angelegte Kampagne wurde gestartet, um auch Offizielle für das Vorhaben zu gewinnen. Noch ist offen, ob die Planungen so umgesetzt werden können, wie erhofft, doch die Chancen stehen gut. Das ist aber noch nicht alles. Auf der Agenda der Sternfreunde steht neben einer Ausstellung zum Thema Lichtverschmutzung die Errichtung eines "DarkSkyParks". Ehrgeizige Ziele, denen man alles Gute und eine baldige Realisierung nur wünschen kann.

Hubert Paulus, Urgestein der Kieler GvA, berichtete, wie es damals zur Gründung der Sternwarte Kiel-Kronshagen kam und unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen dies möglich war. Im Grunde war ein Teleskop Schuld an der neuen Astrogruppierung im hohen Norden, die 1973 entstand. Schon seit mehreren Jahren befand sich damals ein 22,5cm-Spiegel mit 1,78 Metern Brennweite unter einer Kuppel auf dem Dach der Fachhochschule für Technik. Eberhard Riedel und andere Sternfreunde wurden auf dieses Instrument aufmerksam und machten sich auch sogleich Gedanken über die Sanierung und spätere Nutzung. Alsbald erhielt er von der FH die Genehmigung, sich um das Fernrohr zu kümmern. 1974 kam es zur Gründung einer eigenständigen GvA-Gruppe. Gute Kontakte bestanden zu diesem Zeitpunkt schon seit einiger Zeit auch zum Kieler Planetarium, außerdem kannten sich einige der Mitglieder aus Kursen an der Volkshochschule.

Man richtete auch in Kiel verschiedene Sektionen etwa zur Astrofotografie ein. Immer mehr Sternfreunde, auch aus dem weiteren Umland, kamen hinzu. 1979 begann für die Kieler nicht nur der Schritt an die Öffentlichkeit mit verstärkt durchgeführten Beobachtungsabenden. Durch die Initiative des Referenten begann im gleichen Jahr der Bau der Volkssternwarte auf dem Gelände der Realschule Kronshagen. Sie bestand zunächst aus einem 15cm-Refraktor unter einer 3,70m-Eigenbau-Kuppel. 1989 musste die alte Sternwarte auf dem Dach der Fachhochschule abgebaut werden, weil die FH in den Besitz des Landes Schleswig-Holstein übergegangen war und diese das Gebäude sanieren wollte. Zwar wurde versprochen, dass man danach an den alten Standort zurückkehren konnte, doch daraus wurde nichts, weil das neue Dach ein Schrägdach war und ein (!) Anwohner gegen das Schrägdach prozessierte. Zwar konnte er die Dachform nicht verhindern, wohl aber den Wiederaufbau der Sternwarte, die ihm angeblich für mehrere Stunden am Tag das Tageslicht nahm …

Schließlich wurde, nach einer Übergangszeit, die Sternwarte, die zuvor viele Jahre auf dem Dach der FH niemanden gestört hatte, nach Kronshagen verlagert und in die dortige Infrastruktur integriert. So gehörte die Kieler Gruppe schon weit vor den dramatischen Ereignissen in Hamburg im Jahr 2002 (übrigens bis heute ein einmaliger Vorgang in der gesamten deutschen Amateurastronomieszene) zur „Gesellschaft vertriebener Astronomen“! Der erzwungene Umzug war aber nicht nur von Nachteil, denn durch die Konzentration der Arbeit in Kronshagen konnte die Entwicklung der Gruppe stark vorangetrieben werden. Es kam später sogar eine weitere Kuppel und ein 20cm-Schiefspiegler zum Fernrohrpark hinzu und auch die Zusammenarbeit mit dem Kieler Planetarium gedieh bestens. Bis zum Jahr 2003 konnten dann noch Räumlichkeiten (der berühmte Hörsaal 101) in der FH für Vorträge genutzt werden. Danach mussten die Vorträge ebenfalls nach Kronshagen verlegt werden, was zu einem deutlichen Rückgang der Besucherzahlen führte. Auch wurden die öffentlichen Beobachtungsabende an andere Wochentage verlegt, doch immer weniger Besucher fanden sich tatsächlich ein. So entstand neben dem Astrostammtisch, den es nebenher schon länger gab, ein zusätzlicher Klönsnack. Im Januar 2010 gab es eine deutliche Erweiterung, der 12-Zoll-Meade ACF-SC mit 30,5 cm Öffnung und 305 cm Brennweite und eine Alt-AD7-Montierung mit FS-2-Steuerung wurden von der GvA-Außensternwarte nach Kiel verlagert. Dafür wurde der alte Schiefspiegler verkauft. Das Kieler Planetarium wurde unterdessen zum Mediendom, der intensiv mit dem Hamburger Planetarium kooperierte, wodurch sich die Kontakte der Kieler GvA zu dieser Art von Bildungseinrichtung ebenfalls verschlechterten. Anscheinend ist man in den neuen Planetarien nicht mehr an der Zusammenarbeit mit Sternfreunden und Amateuren, sondern vorwiegend an der ausschließlichen Kommerzialisierung und Umwandlung der einstigen Wissensvermittlungsstätten in Kunst- und Showtempel interessiert.

Bodo Hübner von der Regional- und Volkssternwarte Tornesch berichtete danach über die Geschichte der schon seit vielen Jahren bestehenden Vereinigung. Sein Interesse an der Astronomie wurde 1986 während der Beobachtung einer totalen Mondfinsternis geweckt und aus eigenen Aktivitäten, z. B. der Besuch von VHS-Kursen, entwickelte sich 1993 der noch heute bestehende Astrostammtisch. Es war im Jahr 1998, als vier emeritierte Wissenschaftler begannen, sich mit allerlei astronomischen und kosmologischen Themen zu beschäftigen und sich an verschiedenen Orten im Norden zu treffen. Aus dieser Keimzelle entstand erst eine lose Verbindung, die ILIAS (Interessengemeinschaft von Liebhabern der Astronomie), aus der sich 1999 der Verein Regionale Volks- und Schulsternwarte Tornesch e. V. (RVST) bildete. Alsbald suchte man nach einem Standort für eine Sternwarte, erst auf dem Tower des Fliegerhortes in Heist, dann bei der Ahrenloher Feuerwache und einem ungenutzten Speicher im Uetersener Hafen. Auch das Dach der Realschule in Tornesch wurde auserkoren. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden und so wurde die Sternwarte schon in den Planungen für den Umbau berücksichtigt. So verfügt der Verein heute über eine Sternwarte mit beachtlichem Equipment, zu dem unter einer Baader-Kuppel immerhin ein C14 gehört. Die Mitglieder des Vereins treffen sich jedoch nicht nur am Stammtisch und auf der Sternwarte, sondern nehmen an Teleskoptreffen und anderen astronomischen Aktivitäten teil.

Im Anschluss daran stellten Marco Ludwig und Torsten Lohf das Projekt einer Website vor, auf der sich alle norddeutschen Vereinigungen und Planetarien, die die Amateurastronomie unterstützen, vorstellen und ihre Veranstaltungshinweise, Projekte etc. veröffentlichen können. Keine Berücksichtigung hingegen sollen kommerziell ausgerichtete Händler und Sternentheater wie das Hamburger oder das Kieler Planetarium finden, weil diese sich in keiner Weise um die Amateurastronomie bemühen, die mit der neuen Website ein eigenes Sprachrohr entwickelt. Aufgenommen werden soll künftig die inzwischen verwaiste Website des Norddeutschen Astrofotografentreffens (NAFT). Die Form ist noch zu klären, die Betreuung wird die Sternwarte Neumünster übernehmen.

In der Abschlussbesprechung wurde das Ziel dieser neuen Art der Zusammenkünfte begrüßt und die Fortsetzung im nächsten Jahr beschlossen. Die Sternwarte Lübeck, 2012 Stadt der Wissenschaft, hat zu dem Treffen eingeladen. Beim nächsten Mal soll der Schwerpunkt der Themen auf der Vorstellung einzelner Projekte liegen, was nicht heißen soll, dass Sternwarten, die am ersten Treffen nicht teilgenommen haben (z. B. Bremen, Cuxhaven, Rostock, Heringsdorf etc.), sich nicht vorstellen dürfen.

Wer nach der Veranstaltung noch wollte, konnte an einer Führung durch die imposante Tornescher Sternwarte teilnehmen. Michael, Oliver Rensch und ich kehrten danach noch in einer örtlichen Lokalität ein und fuhren anschließend bei leichtem Regen wieder nach Hamburg zurück.

 


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