2. Tagung der Fachgruppe „Geschichte der Astronomie“ der VdS


Zum zweiten Mal traf sich die vor etwa zwei Jahren neu gegründete Fachgruppe der Vereinigung der Sternfreunde, dieses Mal im thüringischen Sonneberg, einer traditionsreichen, dennoch seit der Wende arg gebeutelten Sternwarte, die beileibe ein besseres Schicksal verdient hätte und sich nunmehr in privatwirtschaftlicher Hand befindet (und auch von dem Erfolg der Firma abhängt, die sie nunmehr finanziell unterstützt).

Um nicht den weiten Weg von Hamburg aus nach Sonneberg nehmen zu müssen, hatte ich schon vor geraumer Zeit beschlossen, mich in Kirchheim einzuquartieren und von dort aus zur Tagung zu fahren. Dem hatte sich Christian Harder bald angeschlossen und so riss uns an diesem Morgen schon um 6 Uhr der Wecker aus einem mal wieder nur sehr kurzen Schlaf.

Nach dem Frühstück stiegen wir ins Auto und fuhren los. Dabei stellten wir fest, das die Autobahn A 71 nach Suhl durchgebaut ist (dazu gehört auch ein gut 8 km langer Tunnel unter dem Rennsteig). Von hier aus ging es auf Bundesstraßen nach Sonneberg, wo wir nach etwa zwei Stunden, einer kleinen Irrfahrt durch den Ort, auf dem Erbisbühl ankamen. Interessant war, das wir vor dem Rennsteigtunnel strahlenden Sonnenschein und dahinter eine zwar nicht unbedingt sehr dichte, gleichwohl immerhin vorhandene Nebelsuppe antrafen (auf dem Rückweg passierte abends das Gleiche!). Auch war hier die Temperatur um 7 bis 8° geringer. Der Nebel wurde offenbar vom Gebirge gebremst.

Auf der Sternwarte war es übrigens auch deutlich kühler, während wir auf der Fahrt so um die 10° Außentemperatur hatten, waren es dort nur 4,5°.

Die Tagung selbst fand im Vortragsraum der Sternwarte statt. Als wir ankamen, hatten schon viele der Teilnehmer an den bereit gestellten Tischen Platz genommen, sodass wir mit den Hinterbänken bzw. den hinten aufgestellten Stühlen, Vorlieb nehmen mussten.

Ziemlich pünktlich um 9:45 Uhr begann die Veranstaltung mit Grußworten von Dr. Kroll, einem der Mitinhaber der Firma, die die Sternwarte betreibt (und die selbst einen Bezug zur Astronomie in ihrer täglichen Arbeit hat), und Dr. Thomas Weber, dem gegenwärtigen Leiter der Sternwarte Sonneberg. Dem schloß sich die Begrüßung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Fachgruppenleiter Wolfgang Steinicke an, der gleichzeitig einige notwendige Regularien bekannt gab.

Im ersten Vortrag referierte der schon erwähnte Dr. Weber „Aus der Geschichte der Sternwarte Sonneberg“ . Er gab einen Überblick über die wechselvolle Geschichte der Sternwarte, natürlich unter besonderer Berücksichtigung ihres Begründers Cuno Hoffmeister, der unter höchst widrigen Umständen genügend Zähigkeit besaß, die mit der Sternwartengründung auftretenden Probleme zu meistern. Das war insbesondere zur DDR-Zeiten beileibe keine leichte Aufgabe. Außerdem war Hoffmeister ein außerordentlich versierter Veränderlichenbeobachter.

Arndt Latußeck sprach anschließend locker und kompetent über „Dreyers Briefe an Hagen / Auf Schatzsuche in Birr Castle“. In diesem zweiteiligen Vortrag ging er auf den sich über mehrere Jahre hinziehenden Briefwechsel zwischen J.L.E. Dreyer, dem Begründer des New General Catalogue (NGC) und Johann Georg Hagen, dem Entdecker der sog. Hagenschen Wolken in der Milchstraße (die bis heute aber nicht verifiziert werden konnten) und dem aktuellen Zustand des Leviathan und der Sternwarte des 3. Earl of Rosse. Während seines Studienaufenthaltes in der Sternwarte der Sommerresidenz des Papstes am Castel Gandolfo konnte der Referent einen Teil des überaus interessanten, jedoch kaum beachteten Schriftverkehr zwischen Dreyer und Hagen einsehen. Und in Birr Castle ging er den Spuren alter Aufzeichnungen Lord Rosses nach, die hinter einer Wandverschalung gefunden worden und arg gelitten haben, nun aber, nach der Restaurierung im Rahmen eines „Fundraisings“ für viel Geld verkauft werden sollen, um finanzielle Mittel für die Reparatur des Leviathans zu bekommen.

Daniel Fischer war danach in seiner bekannt lockeren Vortragweise mit einem Beitrag über „Die Himmelsscheibe des Dschingis Khan? Eine astronomische Detektivgeschichte im Auftrag der Bundeskunsthalle“ an der Reihe. Er berichtete, wie er zu dem höchst eigenartigen Auftrag gekommen war und wie sich daraus im Laufe der Zeit eine spannende astronomiehistorische Arbeit entwickelte. Am Anfang stand das Gerücht, das es eine mongolische Sternkarte mit 300 Sternbilder geben sollte, die zwar nicht direkt gefunden wurde, aber es gibt Hinweise auf einen Ort in der Mongolei, wo sich diese befinden könnte, leider existiert darüber bis heute weltweit kein einziges bekanntes Photo. Und am Ende der Recherchen ist ein solches noch immer nicht abzusehen, man wird hier wirklich sehen müssen, was die Zukunft in dieser Sache vielleicht noch bringen wird.

Christian Weis fasste in seinem Referat „Geschichte und Entdeckung der Messung der Lichtgeschwindigkeit“ die bekannten Fakten über Galilei, Römer, Bradley und anderen zusammen und gab Informationen über die Ergebnisse historischer Messergebnisse.

In der sich nun anschließenden Mittagspause versammelten sich die meisten der Anwesenden im Berggasthof „Zur Hohen Sonne“, um bei Rinderroulade und Klößen weiter zu fachsimpeln. Glücklicherweise fanden wir in Ansgar Korte, einigen GvA-Mitgliedern sicher nicht unbekannt, einen netten Chauffeur, der uns die etlichen Höhenmeter zur Sternwarte per Auto überwinden hilf. Wir hatten diesen Punkt beim Fußweg nämlich völlig unterschätzt!

Einen Einblick in Leben und Wirken von „Georg Joachim Rhetikus - ein Wittenberger Professor und sein Bericht über die Bücher des Kopernikus“ gab nach dem opulenten Mahl Prof. Dr. Wolfram Hergert, der zunächst die Biografie des aus Österreich stammenden Zeitgenossen Martin Luthers (zu dem er durchaus einige Kontakte pflegte) aufzeichnete und auf das Verhältnis Nikolaus Kopernikus zur katholischen Kirche, zu Luther und beiden zur Astronomie einging.

In seinem Vortrag „Schein oder Sein? - Nebelzeichnungen im 19 Jahrhundert“ berichtete Wolfgang Steinike über die Zeichnungen von John Herschel, Piazzi Smyth, Wilhelm Tempel und anderen Zeichnungen und verglich diese untereinander und mit heutigen CCD-Aufnahmen. Dabei zeigten sich oft die Grenzen zwischen der visuellen Wahrnehmung und der zeichnerischen Gestaltung. Auch ein wenig Statistik über die Zeichner (wer wann wie viele Objekte zu im wahrsten Sinne des Wortes Papier) gehörte zu dem Vortrag, der länger dauerte als geplant und die Zuhörerinnen und Zuhörer deutlich später in die Kaffeepause entließ. Ein starker Kaffee und ein Stück Kuchen waren zu dieser Stunde (etwa gegen 16:30 Uhr) waren notwendig, um auch den Rest der Tagung zu überstehen. Leider waren zu diesem Zeitpunkt schon einige Besucher wieder abgereist.

Nach einer halben Stunde Pause begann Lutz Clausnitzer zunächst mit einem Statement zur Lage des Astronomieunterrichtes in Sachsen und musste schon etwas gebremst werden, damit er auch noch etwas über sein eigentliches Thema erzählen konnte. Unter den Tagungsteilnehmern wurde dann eine Unterschriftenliste herumgereicht, auf der man sich eintragen konnte, um eine Petition an den sächsischen Landtag zur Erhaltung eines regulären Astronomieunterrichtes an den Schulen (und nicht dessen Angliederung an den Physikunterricht) zu unterstützen. Danach leitete der Vortragende über zu „Wilhelm Tempel - Entdecker von Planetoiden und Kometen“ , worin er die Biografie Tempels und seine Beobachtung und Entdeckungen darlegte.

Unter der vorgerückten Stunde litt dann der abschließende Vortrag von Mechthild Meinike und Petra Meyer über „Das Leben des Hermann Oberth (1894-1989)“ , in dem das Leben dieses Raketenpioniers nachgezeichnet wurde. Ein Thema, das durchaus verdient hätte, ausführlicher dargestellt zu werden, wobei die beiden Referentinnen sich aber sichtlich bemühten, die verlorene Zeit irgendwie wieder hereinzuholen.

Im Anschluss daran, mittlerweile war es ungefähr 18:45 Uhr, wurde in der Abschlussbesprechung der Verlauf der Tagung diskutiert und über den Ort für die nächste Tagung gesprochen. Nach dem Meinungsbild, das sich aus dem Plenum ergab, wird als nächster Tagungsort Potsdam favorisiert. Auch eine mehr thematische Ausrichtung der Veranstaltung wurde angesprochen, da es sich bei diesem Mal ergeben hatte, das mehrere Referenten über ähnliche Themen sprachen. Ob das allerdings sinnvoll und vor allem machbar ist, wird sich zeigen müssen.

Das Programm der 2. Tagung der Astronomiehistoriker jedenfalls war sehr interessant, wenn sich auch nur wenig Gelegenheit für den persönlichen Austausch untereinander oder die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ergaben. Insgesamt aber ist die Fachgruppe auf einem sehr guten Weg, um die Tagung in der Astroszene weiter zu etablieren, schließlich kamen mit 45 eingetragenen Besuchern schon mehr Leute als zur ersten Tagung in Göttingen!

Nach 19 Uhr hieß es für uns, Abschied zu nehmen und wieder nach Kirchheim zurück zu fahren. Die Fahrt durch dunkle und kurvenreiche Bundesstraßen und den gewagten Überholmanövern einheimischer „Rennexperten“ waren ein Abenteuer für sich, dennoch kamen wir wohlbehalten wieder an.

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