Probleme mit der Deutung

Aber es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Probleme, die die Geschichte in einem anderen Licht erscheinen lassen. So hat es nach neuesten Untersuchungen wohl doch keine Volkszählung im Lande Judäa gegeben, jedenfalls gibt es in alten römischen Steuerlisten keine Hinweise darauf. Wohl gab es zu dieser Zeit im Imperium Romanum eine Steuerschätzung, doch war die für Judäa manchen Quellen zufolge nicht maßgebend. Wenn sie es aber doch war, gibt es ein ganz anderes Problem. Im Lukas-Evangelium heißt es:

2.1:
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2.2:
Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, als Cyrenius Landpfleger in Syrien war.

Der Evangelist Lukas gilt von allen vieren als der genaueste. Und wir haben mehrere Hinweise auf das Jahr, in dem die erste Steuerschätzung im Imperium Romanum stattfand. Der römische Schriftsteller Josephus Flavius weist sie für das Jahr 6 n. Chr. aus. Das aber widerspricht den in Matthäus und Lukas enthaltenen Hinweisen auf die Regierungszeit des Herodes. Dazu kommen Unklarheiten über den wahren Todeszeitpunkt König Herodes. Nach gängiger Lehrmeinung soll er im Jahr 4 v. u. Z. verstorben sein. Kurz zuvor soll eine Mondfinsternis beobachtet worden sein; bestattet wurde Herodes kurz vor dem jüdischen Passahfest. Da er den Kindsmord angeordnet haben soll, um einen potentiellen, vom jüdischen Volk verehrten König zu beseitigen und somit die Gefahr drohender Aufstände zu mindern, muss dies also früher geschehen sein, also in den Jahren vor 4 v.u.Z. Maria selbst ist ja bekanntermaßen rechtzeitig nach Ägypten geflüchtet. Allerdings haben sich bis heute keine schriftlichen Zeugnisse sowohl über den Kindsmord, als auch über den Aufstand der Juden nach dem Tod Herodes finden lassen.

Manche Autoren gehen aber davon aus, dass die Steuerschätzung im Jahr 6 v.u.Z. stattfand - ein Hinweis auf eine Anpassung der Jahreszahl, um den Problemen mit den Lebensdaten von Herodes aus dem Wege zu gehen?

Und noch etwas ist interessant: Im Matthäus-Evangelium ist von einem den Magiern voranziehenden Stern die Rede, der sie zum Geburtshaus Jesu führte, im Lukas-Evangelium hingegen stiegen Engel vom Himmel herab und verkündeten einfachen Hirten die Ankunft des Heilands, die daraufhin zur Krippe nach Bethlehem aufbrachen (Lukas 2, 8-16). Hier findet der Stern keine Erwähnung mehr. Also doch nur eine symbolische Darstellung? Man bedenke, dass viele Symbole in der Bibel nach Meinung heutiger Archäologen, Theologen und vor allem Altphilologen reine Metaphern sind, also nichtreale Erscheinungen, die den Glauben der Anhänger stärken sollten, denn im 4. Buch Mose heißt es (Mose 24,17):

„Es wird ein Stern aus Jacob aufgehen“.

Ein Hinweis, der Jesus als Messias bestätigen soll? Derartige Bemerkungen in der Heiligen Schrift sind ebenso sind alle Zahlenangaben in der nur mit sehr großer Vorsicht zu genießen und häufig nicht real!

Das Matthäus-Zitat
Die Bibel als Quellenmaterial
Die Evangelien
Auslegung des Quellenmaterials
Was war denn nun der Stern von Bethlehem?
Feiern wir das „richtige“ Weihnachten?
Literatur


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