Die Bibel als Quellenmaterial

Sie gliedert sich grob in das Alte und das Neue Testament, wobei sich der erste Teil aus mehreren Büchern (Buch Mose, Buch Josua, Buch Ruth usw.), Psalmen und den Schriften der Propheten zusammensetzt, während dem zweiten die vier bekannten Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sowie die Apostelgeschichte des Lukas vorangestellt sind. Dem folgen die Paulusbriefe und die Briefe des Petrus, des Johannes, die Briefe an die Hebräer, Jakobus und Judas. Das Neue Testament schließt mit der Offenbarung des Johannes. Unberücksichtigt bleiben bei unserer Betrachtung die Spekulationen über das angeblich verschollene fünfte Evangelium des Thomas, der als einer der Jünger Jesu nicht an dessen Wiederauferstehung glaubte und deshalb von anderen Anhängern als Ungläubiger bezeichnet wurde. Das aus der Zeit um etwa 140 n. Chr. stammende Evangelium des Thomas ist keineswegs verschollen, es wurde 1946 noch vor den Schriftrollen aus Qumran von einem ägyptischen Bauern in einer Grabkammer nahe Luxor gefunden. Es ist weitaus weniger sensationell, als viele glauben machen wollen, besteht vorwiegend aus frommen Sprüchen, ist aber für die Deutung des Stern von Bethlehem nicht relevant. Auch die Apokryphen, nichtkanonische Texte, die Luther als besondere Schriften zwischen dem Alten und dem Neuen Testament definierte, bleiben außen vor bei unserer Betrachtung.

Die Bibel, wie wir sie heute kennen, entstammt im wesentlichen der Übersetzung Martin Luthers (1483-1546), die im Jahr 1534 in ihrer Gesamtheit fertig, später dann aber mehrfach überarbeitet und vielen sprachlichen Modernitäten angepasst wurde, die nicht immer den eigentlichen Sinn des Originals wiedergeben. Das hier besonders interessierende Neue Testament hatte Luther als erstes aus dem Altgriechischen ins damals geläufige Lateinische übersetzt und bereits im September 1522 nach nur neunmonatiger Arbeit noch ohne Namensnennung oder Erwähnung des Druckers, veröffentlicht. Luthers Bibel war beileibe nicht die erste Übersetzung vom Griechischen „Original” in die damalige Umgangssprache. So hatte bereits im 4. nachchristlichen Jahrhundert der heilige Hieronymus, Leiter des Jerusalemer Mönchsklosters eine erste Übertragung der biblischen Schriften ins Lateinische vorgenommen und Johannes Gutenberg hatte sie zwischen 1452 und 1455 als erstes kirchliches Werk mit den von ihm erfundenen Lettern gedruckt. Und bis heute hält der Streit über die so genannte Einheitsübersetzung der Bibel aus dem Jahr 1981 an, die für katholische und evangelische Gläubige mehr oder minder starke Unterschiede aufweist, die aber nicht mit den Bemerkungen über den Stern von Bethlehem in Zusammenhang stehen und daher hier vernachlässigt werden können.

Wie Sprachforscher anhand des Vergleichs der auf uns gekommenen Originalschriften in hebräisch und aramäisch feststellten, was auch neuere archäologische Funde eindrucksvoll belegen, wurden die Texte über Jahrhunderte hinweg erstaunlich genau übertragen, wenngleich sich auch die Sinninhalte bestimmter Worte im Laufe der Zeit veränderten und dadurch heute ein etwas verändertes Bild ergeben können.

Allerdings ist Luther allem Anschein nach nicht immer sehr sorgfältig bei der Übersetzung der griechischen Vorlage gewesen, wie Konradin Ferrari d`Occhieppo bereits 1977 in seinem Buch „Der Stern der Weisen” belegt hat. Er hat das Original wortgetreu übersetzt und dabei einige, aber doch wichtige Unterschiede, herausgefunden, wie wir weiter unten noch sehen werden.

Es gibt Spekulationen, wonach er bei der Übertragung des altgriechischen Textes erstmals den Stern von Bethlehem ins Spiel gebracht hat, um eine Legitimation für Geburt Jesu als Heiland zu finden. Das ist jedoch pure Fantasie, die durch die gut erhaltenen altgriechischen und hebräischen Schriften widerlegt wird. Die Texte des Alten Testaments wurden etwa zwischen 300 und 130 v. u. Z. in hebräischer Sprache abgefasst, später dann ins im Imperium Romanum weit verbreitete Altgriechische und Syrische übersetzt, während das Neue Testament gleich in Altgriechisch verfasst wurde. Daher wäre es für die Bibelforschung ungemein wichtig, die originalen hebräischen Texte zu finden, doch diese sind weitgehend verschollen.

Zumindest die Texte des Alten Testaments sind offenbar wesentlich älter. So verwendeten jüdische Gruppen eine Vielzahl von Urschriften, die einander bei wichtigen Religionsausübungen widersprachen, sodass der Ruf nach einem allgemein verbindlichen Text immer lauter wurde. Welche der urchristlichen Texte dabei Verwendung fanden, welche ignoriert wurden, das lässt sich heute nicht mehr nachweisen, da die Urtexte allesamt verschollen sind.

Durch das Auffinden der Schriftrollen vom Toten Meer, die 1947 nahe Qumran entdeckt wurden, konnten viele originale Schriften, gerade aus der Frühzeit des Christentums wieder ans Tageslicht befördert werden. Aber auch hier blühen über den Inhalt der Schriften die wildesten Theorien, die von einer vollkommenen Neufassung des Alten Testaments bis hin zur Vernichtung von Originalmaterial durch die katholische Kirche reichen. Es ist schwer, hier Wahrheit und Fiktion voneinander zu trennen. Ziemlich sicher scheint zu sein, dass Jesus einer im strengen Zölibat lebenden Sekte der Essener entstammt, doch neue Erkenntnisse über den Stern von Bethlehem sind bisher nicht veröffentlicht worden und es ist auch fraglich, ob es in den Texten aus Qumran wirklich entscheidende Hinweise gibt. Sie wurden nach neuesten Erkenntnissen wahrscheinlich in den 60er Jahren des ersten nachchristlichen Jahrhunderts geschrieben und beinhalten vor allem Vorschriften zur Religionsausübung und zum religiösen Leben. Als Quellenmaterial für den Stern von Bethlehem scheinen sie ungeeignet zu sein, da sie sich nach bisherigen Erkenntnissen ausschließlich auf das Alte Testament beziehen.

Die Bibel ist eine Schriftensammlung im besten Sinne. Die alttestamentarische Forschung hat beispielsweise herausgefunden, dass allein das 1. Buch Mose von mindestens vier verschiedenen Autoren aus unterschiedlichen Epochen der jüdischen Geschichte stammen und nur oberflächlich von einem Redakteur zusammengefasst wurden. Nicht viel besser sieht es mit dem Neuen Testament aus. Die Paulusbriefe gelten als die ältesten Teile und dürften so zwischen 50 und 64 n. Chr. entstanden sein, die Evangelien aus der Zeit von 60 bis 100 n. Chr. stammen. Folglich handelt es sich nicht um schriftliche Originalaufzeichnungen der Geschehnisse um Jesu Geburt, Wirken, Sterben und Wiedergeburt, sondern ebenfalls um Zusammenstellungen älterer Texte unterschiedlicher Herkunft, allenfalls um durch mehrere Generationen übertragene mündliche Berichte.

Das Matthäus-Zitat
Die Evangelien
Auslegung des Quellenmaterials
Probleme mit der Deutung
Was war denn nun der Stern von Bethlehem?
Feiern wir das „richtige“ Weihnachten?
Literatur


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