Die letzten Sekunden...

Die Arbeit der verschiedenen Untersuchungskommissionen, die sich mit der Klärung der Absturzursache befassen, konzentriert sich derweil auf die letzten Sekunden vor dem Abriss des Funkkontaktes zur Raumfähre COLUMBIA.

Ende Februar war von der NASA ein Video präsentiert worden, das in den Trümmern der am 1. Februar 2003 abgestürzten Raumfähre COLUMBIA in der Nähe der texanischen Stadt Palestine entdeckt wurde und unbeschädigt geblieben ist. Es zeigt vier Astronauten (Commander Rick Husband, Pilot William McCool, Missionspecialist Kalpana Chawla und die Ärztin Laurel Clark) auf dem Flugdeck bei typischen Routinearbeiten, die an Bord eines Shuttles in dieser Flugphase kurz vor der Landung anfallen. Die übrigen drei Besatzungsmitglieder befanden sich während dessen auf dem Unterdecks des Shuttles.

Das Band ist insgesamt 13 Minuten lang und endet um 14:48 Uhr MEZ, 11 Minuten vor dem Abbruch des Funkkontaktes. Bei den Astronauten ist keinerlei Aufregung zu spüren: Zum Zeitpunkt der Aufnahme ist kein Hinweis auf die bevorstehende Katastrophe zu finden. Lediglich in einem der Seitenfenster sind helle Plasmaentladungen zu sehen, die jedoch von den NASA-Technikern als völlig normale Erscheinung bei Wiedereintritt des Shuttles in die Erdatmosphäre eingestuft wurden. Die Aufnahmen auf diesem Video enthalten, so die NASA, keine Indizien für die Absturzursache. Es wurde übrigens erst den Angehörigen vorgeführt, bevor man es der weltweiten Öffentlichkeit präsentierte. In Deutschland war dieses Video unter anderem in den Nachrichtensendungen von RTL und n-tv zu sehen.

Dass die Besatzung von dem Absturz völlig überrascht wurde, diese Annahme lässt sich nicht mehr halten. In den vergangenen Wochen wurden von NASA-Experten die letzten 32 Sekunden der nur bruchstückhaft übertragenen Telemetriedaten analysiert. Es gibt Auffälligkeiten in dem Datenstrom zwei Sekunden vor seinem Ende, die darauf hindeuten, dass versucht worden ist, den Autopiloten auszuschalten, um das Shuttle manuell weiterzufliegen. Dieses wird so gedeutet, dass die Besatzung ein Gefahrenmoment erkannt hat und versuchte, in das Geschehen einzugreifen, zumal offenbar versucht wurde, die Handsteuerung zu betätigen, bevor der Autopilot ausgekuppelt war. Die Alternative, ein Besatzungsmitglied könne nur versehentlich an den entsprechenden Schalter gekommen sein, wird für immer unwahrscheinlicher gehalten.

Die derzeit sicherste Interpretation der Daten ist nämlich viel erschreckender: Die Astronauten haben das Auseinanderbrechen des Shuttles zumindest in den ersten gut 17 Sekunden bei vollem Bewusstsein erlebt. Der NASA zufolge hat sich etwa folgendes abgespielt: In den ersten 13 der letzten 32 Sekunden hat sich ein wahrscheinlich größeres Teil vom Shuttles abgelöst, ein weiteres ging eine Sekunde später verloren und erst drei Sekunden später ist auch das Cockpit auseinandergebrochen. Wie lange die Astronauten danach noch gelebt haben, darüber schweigt sich die NASA -verständlicherweise- aus. Die Crew hat offensichtlich versucht, die außer Kontrolle geratene Raumfähre wieder in den Griff zu bekommen, da zu diesem Zeitpunkt die linke Tragfläche ganz oder teilweise abgerissen war und das Shuttle extrem stark ins Trudeln geriet. Etwa zu diesem Zeitpunkt ist dann das Kontrollbetriebssystem der linken Hydraulik ebenfalls ausgefallen.

Auch die Analyse der Aufnahmen vom Start der COLUMBIA am 16. Januar sind indes noch nicht endgültig abgeschlossen: Ging man bisher davon aus, dass das von der Isolierung des external tank herabgefallene Schaumstoffteil nicht zu einer Beschädigung des Shuttles geführt hat, so schließen unlängst von der NASA veröffentlichte Untersuchungsberichte nicht aus, dass sich mehr als nur das leichte Isoliermaterial vom Außentank gelöst haben könnte. Der Film zeige, wie es offiziell heißt, drei bis vier mindestens 50 cm große Teile, die die linke Tragfläche beschädigt haben könnten.

Bei der Untersuchung der Trümmerteile wurde in der Näher der Stadt Powell in Nordtexas eine Hitzeschutzkachel gefunden, die merkwürdige rote Spuren aufweist. Nach Meinung von Experten könne diese Verfärbung nicht aufgrund von extremer Hitze entstanden sein. Außerdem berichtete die NASA von einem etwa 30 cm langen unidentifizierten Objekt, dass sich am zweiten Flugtag von der Raumfähre entfernte. Dieses sei dann drei Tage später in den Pazifik gestürzt. Worum es sich dabei handelte, ein Meteorit oder ein Stück Weltraumschrott, das zuvor mit der Fähre kollidiert war, oder gar ein Teil des Shuttles selbst, und warum es nicht vollständig in der Erdatmosphäre verglühte, das ist bislang ungeklärt. Fraglich ist auch, ob dieses Teil jemals gefunden wird, selbst wenn man mit aller Intensität danach suchen würde.

Auf einer der diversen Pressekonferenz in Houston erklärte der Leiter der NASA-Untersuchungskommission, Admiral a. D. Harold Gehman, eine Verkettung unglücklicher Umstände, starker Wind bei der Landung und das hohe Alter der COLUMBIA von immerhin 22 Jahren hätten zum Absturz geführt. Und so könnte aufgrund nicht nur des Alters, sondern auch der hohen Beanspruchung des Shuttles es wurde allerdings ständig gewartet und technisch auf dem neuesten Stand gehalten der leichte Zusammenstoss mit Teilen des Außentanks zu einem größeren Schaden geführt haben, als dies bei einer neuen Raumfähre der Fall gewesen wäre.

Die Ermittlungen haben zudem schwere Managementfehler zutage gefördert, wie seinerzeit schon bei der CHALLENGER-Katastrophe. Einige Ingenieure hatten, während die COLUMBIA noch im Orbit war, mehrere Katastrophenszenarien entworfen, wonach das Shuttle beim Wiedereintritt durch das Eindringen heißen Plasmas in den Triebwerksschacht explodieren würde. Die waren jedoch gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass die Simulationen eher unrealistisch seien und haben dieses nicht dem zuständigen Flugdirektor mitgeteilt.

Neben den zahlreichen Untersuchungen zur Unglückursache gehen auch die Bemühungen um die Rekonstruktion der Raumfähre weiter. In einem 4650 qm großen Flugzeughangar am Cape Canaveral werden die gefundenen Trümmerstücke gesammelt, geordnet und markiert. Mehr als 300 Ingenieure und Techniker sind damit beschäftigt, jedes noch so kleine Stück an seinen richtigen Platz zu bringen: Metallteile, Reste von verbrannten oder geplatzten Reifen, Isolierungen, Hitzeschutzkacheln, Computerelemente. Von den Suchmannschaften wurden bisher über 8000 Wrackteile mit einem Gesamtgewicht von 13,5 Tonnen gefunden, und, in Container verpackt, nach Florida verfrachtet. Die Flut der Lieferungen nimmt noch immer nicht ab, denn täglich werden neue Trümmerstücke der COLUMBIA gefunden. Bei der Suche, die bisher rd. 170 Mio. Dollar verschlungen hat, wurden bis Mitte März etwa 21000 Teile zusammengetragen, gereinigt und dekontaminiert. Aber erst 5300 davon konnten identifiziert und auf einem 57 m langen und 50 m breiten Gittermuster zugeordnet werden.

Nach Abschluss der Rekonstruktionsarbeiten sollen die Überreste der COLUMBIA übrigens in einem speziellen Raketesilo gelagert werden, wo sich schon die der Raumfähre CHALLENGER befinden.

Quellen:

www.n-tv.de
www.abendblatt.de


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