Das Rätselraten geht weiter

Noch immer ist unklar, wie es zu der Katastrophe mit der Raumfähre COLUMBIA kommen konnte: Das Schaumstoffteil, das sich von der Außenhaut des external tank gelöst hatte, gilt nun nicht mehr als Favorit für die Hauptursache des Absturzes. Wie Ron Dittemore, Chef des amerikanischen Shuttles-Programms, auf einer Pressekonferenz mitteilte, sei das Teil viel zu klein und sein Gewicht viel zu gering, um nennenswerte Schäden an den Hitzeschutzkacheln zu verursachen.

Diskutiert werden derweil andere Ursachen wie der Einschlag eines Meteoriten oder ein Zusammenstoss mit einem Stück Weltraumschrott. Wie auf einem erst kürzlich veröffentlichten Video zu sehen ist, ist schon kurz vor Beginn des Absturzes etwas vom Shuttle abgefallen, was nur den Schluss zulässt, dass die Beschädigung zwischen Start und Landung im Erdorbit eingetreten ist, oder während der Phase des Wiedereintritts. Die ersten herabgefallenen Teile könnten Hitzeschutzkacheln gewesen sein, nach denen jetzt fieberhaft gesucht wird.

Nach den nunmehr durchgeführten, ersten Analysen der letzten Minuten vor der Funkunterbrechung gibt es entgegen den Meldungen aus den ersten Tagen bis unmittelbar vor der Katastrophe keinen deutlichen Hinweis auf gravierende Mängel in der Funktionsfähigkeit des Shuttles. Zwar lag die Temperatur geringfügig um 30° höher als normal, das aber sei kein Beleg für eine beginnende, durchgreifende Störung, da die Außentemperatur zu dem Zeitpunkt 1.000° C betrug. Die NASA legt daher derzeit verstärkt ihr Augenmerk auf die Störung bei der Übertragung der Telemetriedaten für 32 Sekunden, in diesen Daten wird die Antwort auf die Frage nach der Absturzursache vermutet. Unmittelbar vor der Unterbrechung des Funkkontaktes meldeten die Sensoren einen stark angestiegenen Luftwiderstand an der linken Tragfläche, der Bordcomputer unternahm den Versuch, die unkontrollierte Bewegung auszugleichen (daher auch das heftige Ausschlagen der Klappen am Höhenleitwerk und die Zündung der Lageregelungstriebwerke), die COLUMBIA wich stark von der normalen Fluglage ab und der eigentliche Absturz begann.

Die Untersuchung des Startvorgang führte zu der Erkenntnis, dass das Schaumstoffteil unmöglich Auslöser der Katastrophe gewesen sein kann, daher waren die NASA-Verantwortlichen auch davon überzeugt, der Flug der COLUMBIA nicht beeinträchtigt werde und somit fortgesetzt werden könne. Ebenso wenig gab es Eis an der Außenhaut des Tanks, dafür seien die Temperaturen am Cape nicht niedrig genug gewesen.

Es jetzt für die NASA außerordentlich wichtig, möglichst viele Trümmerstücke, von denen nun ca. 12.000 an gut 1.200 Orten in den US-Bundesstaaten California, New Mexico und Arizona gefunden wurden, zu sammeln und das Shuttle weitestgehend wieder zusammen zu setzen. Dazu gehören u.a. Teile von Cockpit, Rumpf, Flügel und Fahrwerk, des Antriebs und der Bordcomputer sowie ein Identifizierungsschild der Raumfähre. Aber noch immer wurden keine Hitzeschutzkacheln entdeckt. Und noch immer fehlen auch wesentliche Bruchstücke, etwa der linken Tragfläche, die Aufschluss über die Absturzursache geben könnten. Mittlerweile konnte aber die Leiche des israelischen Besatzungsmitglieds Ilan Ramon identifiziert werden.

Derweil wächst die Kritik an der NASA, insbesondere an deren Management. Wie die „New York Times“ zu berichten wusste, wurden vor kurzem Mitglieder des Beratergremiums zur Sicherheit in der bemannten Raumfahrt entlassen und deren Vorsitzender Richard D. Blomberg sieht darin mit eine Ursache für die Katastrophe. Er geht von einer Vernachlässigung der Sicherheitsstandards aus.

Schon nach dem CHALLENGER-Unglück am 28. Januar 1986 sagte Physiknobelpreisträger Richard P. Feynman: „Wären alle Dichtungen undicht gewesen, hätte selbst die NASA das Problem ernst nehmen müssen. Da aber nur einige Dichtungen bei einigen Flügen undicht geworden waren, hatte sich die NASA auf den sonderbaren Standpunkt gestellt: Wenn eine der Dichtungen etwas leckt und der Flug trotzdem erfolgreich verläuft, kann die Sache nicht so schlimm sein. Eine neue Variante des Russischen Rouletts: Man drückt ab und die Pistole geht nicht los, woraus folgt, dass man getrost noch einmal abdrücken kann..."

Irgendwie erinnert das fatal daran, dass die NASA trotz des Ablösens eines Schaumstoffteils – auch wenn das letztendlich doch nicht die Ursache für den Absturz gewesen sein sollte - , nicht für einen Abbruch der Mission entschlossen hatte. Getreu dem Motto: So was ist schon früher gut gegangen, das wird wieder gut gehen. Sollte das Ablösen der Schaumstoffteile tatsächlich nicht der Grund für den Absturz gewesen sein, und danach sieht es im Augenblick ja aus – wäre dieses Argument der Kritiker natürlich hinfällig.

Mit einem sofortigen Startabbruch und einer Notlandung etwa auf einen der weltweit dafür vorgesehenen Landeplätze hätte die Katastrophe vielleicht verhindert werden können. Aber zu diesem Zeitpunkt ahnte man natürlich noch nicht, was der STS-107 bevor stand. Und wenn die Risse in der Tragfläche authentisch und den Crewmitgliedern bekannt waren, warum beließ man nicht die COLUMBIA um Orbit und schickte die startbereite ATLANTIS hinterher? Diesen und ähnlichen Fragen wird sich die NASA stellen müssen, die aber im Gegensatz zur CHALLENGER-Explosion eine wesentlich aggressivere Öffentlichkeitsarbeit betreibt.

Wie es unter diesen Voraussetzungen mit dem Shuttle-Programm weitergehen wird, ist unsicherer denn je. Während die Astronauten auf der ISS derzeit mit russischen PROGRESS-Transportern versorgt werden können, bleibt die Frage nach der Zukunft der internationalen Raumstation mehr als offen. So hat die japanische Raumfahrtbehörde NASDA zunächst die Verschiffung ihres Moduls in die USA gestoppt. Über das weitere Vorgehen müsse erst mit der NASA gesprochen werden, so Japans Wissenschaftsministerin Atsuko Toyama. Das „KIDO“ (Hoffnung) genannte Bauteil sollte 2006 mit einem Shuttle zur ISS befördert werden. Und sicher ist eben auch, dass die Raumfähre ATLANTIS nicht, wie geplant, am 1. März starten wird.

Überhaupt noch nicht abzuschätzen sind die wirtschaftlichen Folgen der COLUMBIA-Katastrophe für die beteiligten Raumfahrtfirmen wie Boeing, Lockheed Martin, Alliant Techsystems oder Rockwell Collins, dem Hauptauftragnehmer der NASA. Hinzu kommen rund 120 Zuliefererfirmen, deren Zukunft nun unsicherer denn je ist.

Am 4. Februar fand auf dem Johnson Spaceflight Center der NASA in Texas unter freiem Himmel die offizielle Trauerfeier statt, die weltweit ganz oder teilweise (in Deutschland bei den TV-Sendern RTL und n-tv) übertragen wurde. Die sieben Astronauten der COLUMBIA, für die sieben Mal die Glocke geschlagen wurde und ein Chor sang, wurden zu Nationalhelden erklärt. US-Präsident Bush versprach in seiner Gedenkrede: „Amerikas Raumfahrt-Programm wird fortgesetzt!“.

Unterdessen wurden zwei texanische Souvenirjäger verhaftet und angeklagt, ihnen drohen bei Verurteilung bis zu 10 Jahren Haft und eine Geldstrafe von 250.000 Dollar. Gegen 15 weitere Verdächtige, die Trümmerteile der COLUMBIA widerrechtlich an sich gebracht haben sollen, wird derzeit ermittelt.

Und die Paramount Picture Studios gaben bekannt, dass der Trailer für den Katastrophenfilm „The Core“ aus den US-Kinos zurückgezogen wurde, darin sei, so ein Sprecher, ein Shuttle zu sehen, das Probleme bei der Landung bekommt...

Quellen:

www.n-tv.de
www.astro.uni-bonn.de/~dfischer/news/L.html
http://www.bg-stjohann.asn-ibk.ac.at/faecher/physik/phleps/5_3.htm

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