Die Geschichte vom „Mondschwindel“

Mindestens einmal im Jahr, zumeist um den Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung durch Armstrong und Aldrin am 21. Juli 1969 herum, taucht in der Presse, freilich in verschiedenen Variationen, der „Moon-Hoax“ auf: Danach war die Mondlandung ein einziger Schwindel und die Astronauten nie wirklich auf dem Erdtrabanten gelandet. So neu sind Geschichten über den Mond nicht und auch nicht immer Produkte fantasievoller Science Fiction-Autoren. Und: es gab sie bereits vor mehr als 200 Jahren.

Um 1610 herum wurde das Fernrohr erfunden und damit das Zeitalter der teleskopischen Beobachtung des Himmels und seiner Gestirne eingeläutet. Galileo Galilei hat als erster 1610 mit einem einfachen Fernrohr neben den Sonnenflecken und den Jupitermonden vor allem auch die Oberfläche des Erdmondes beobachtet, die verschiedenen Formationen auf seiner Oberfläche beobachtet und studiert. Er fand unzählige Krater, Bergketten, Hügel, tiefe Furchen und Rillen und bezeichnete die in seinem schwach vergrößernden Fernrohr dunkel erscheinenden, glatten Flächen als Mondmeere (in Analogie zu den Weltmeeren).

Von einer genauen Kenntnis, was die im Fernrohr sichtbaren Mondformationen tatsächlich darstellten, war man indes auch im 19. Jahrhundert noch weit entfernt. Und die Annahme, dass der Mond bewohnt sei, war selbst noch bei Wissenschaftlern im 18. Jahrhundert weit verbreitet. Um 1790 hatte sich Wilhelm Herschel ernsthaft mit dieser Frage auseinander gesetzt und 1822 hatte der Astronom Franz von Paula Gruithuisen eine Schrift über eine bewohnte Mondstadt veröffentlicht. Die älteste frei erfundene Geschichte über einen bewohnten Mond stammt von dem Griechen Lukian von Samosata aus dem Jahr 160 n. Chr., der von großen Armeen auf den lunaren Schlachtfeldern berichtete, ohne diese jedoch wirklich gesehen zu haben und Plutarch sah in dem Erdtrabanten die Heimstatt der Toten. Noch Kepler glaubte an Mondbewohner, die er Levanier nannte, die sehr groß und von ungewöhnlicher Statur waren.

Im November 1833 unternahm Sir John Herschel (1792-1871), der Sohn des Uranusentdeckers Sir William Herschel (1738-1822) eine Reise nach Südafrika, um dort den Südhimmel zu erforschen und zu kartographieren. Zu seinem Reisegepäck gehörten ein 5“-Refraktor und ein 18“-Spiegelteleskop – die beiden größten bis dahin auf der Südhalbkugel der Erde eingesetzten Fernrohre.

Einige Zeit später, als er längst mit seinen Beobachtungen begonnen hatte, ohne dabei jedoch zu greifbaren Ergebnissen gekommen zu sein, schrieb der bis dahin noch recht unbekannte Richard Adams Locke einen Essay für die New Yorker Tageszeitung ,,The Sun" und erhielt dafür 150 Dollar. Er war übrigens ein naher Verwandter des bekannten Philosophen John Locke, nicht aber einer seiner Nachfahren, wie etwa von Edgar Allen Poe, seinerzeit Herausgeber des „Southern Literary Messenger“ in Richmond, Virginia behauptet.

Die Herausgeber der „The Sun“ zeigten sich zufrieden und forderten den jungen Autor auf, gegen entsprechenden Lohn noch mehr Texte zu verfassen. Richard A. Locke hatte kurz zuvor einen aus dem Jahre 1826 stammenden Band des „Edinburgh New Philosophical Journal" gelesen, der unter anderem einen Artikel über die Bewohner fremder Welten, insbesondere des Mondes, beinhaltete. Dieser Artikel regte Locke dazu an, für ein Honorar von nochmals 150 Dollar einen mehrteiligen Essay, wie er für „The Sun“ üblich war, zu schreiben.

Außerdem hatte er kurz zuvor von der Reise Herschels nach Südafrika gehört, und das dieser den südlichen Sternhimmel erforschen wollte, der seit jeher als geheimnisumwittert galt. Aus der gefährlichen Vermischung von Dichtung und Wahrheit entstand dann der ,,Mondschwindel", von dem die meisten zunächst gar nicht ahnten, dass er einer war. Denn Sir John Herschel war in Südafrika praktisch von der Außenwelt abgeschnitten, man hörte nichts von seinen Arbeiten, wie er auch nichts von den Aktivitäten in Europa oder Amerika erfuhr. So kam es, dass die phantastische Geschichte, denn mehr war sie wirklich nicht, die uns der ,,Mondschwindel" erzählt, für bare Münze gehalten wurde. Schließlich war der ,,Hauptdarsteller" der Story ein anerkannter und in aller Welt geschätzter Berufsastronom und außerdem zogen selbst die professionellen Himmelsforscher in Amerika die Möglichkeit in Betracht, dass der ,,Mondschwindel" doch wahr sein konnte.

Am 25.August 1835 begann der "Mondschwindel" in ,,The Sun" unter dem vielsagenden Titel: "Great Astronomical Discoveries Lately Made By Sir John Herschel At The Cape Of Good Hope (Kürzlich gemachte, große astronomische Entdeckungen des Sir John Herschel am Kap der Guten Hoffnung)"

In der Einleitung zum Mondschwindel äußerten die Herausgeber, vermutlich nichtsahnend, ihre Freude darüber, dass sie ihren Lesern die Story exklusiv präsentieren konnten.

Sir John Herschel wurde darin vom Autor ein Teleskop angedichtet, über das er sich sehr gefreut hätte, wenn man es damals tatsächlich zur Verfügung gehabt hätte. Es sollte u.a. Objekte auf dem Mond mit solcher Schärfe sichtbar machen, wie wenn man einen Gegenstand in 100 Yards (=91,4 Meter) Entfernung beobachtet. Das Fernrohr hätte einen Spiegeldurchmesser von gigantischen 3840 m haben müssen, um eine derartige Auflösung erzielen zu können.

Derartiges ist selbst heutzutage mit den beiden größten erdgebundenen Teleskopen, dem 5m-Spiegel auf dem Mount Palomar/USA und dem 6m-Spiegel im Kaukasus unmöglich, da den Geräten nicht nur Grenzen hinsichtlich des Auflösungsvermögens, sondern in erster Linie der Luftbeschaffenheit (Seeing) gesetzt sind. Die Beschreibung dessen war außerdem mit einem Vokabular gespickt, das es erst einmal gar nicht gab und so verwirrend aufgezogen, dass jeder unbedarfte Leser schon aufgrund dieser Tatsache annehmen musste, von der größten Sensation des Jahrhunderts berichtet zu bekommen. Locke berichtete, dass Herschel mit seinem Teleskop nicht nur Planeten in benachbarten Sternsystemen beobachtete, das Rätsel über die Natur der Kometen entschlüsselt habe. Dies seien erste, noch nicht veröffentliche Beobachtungsergebnisse, die im angesehenen „Edinburgh Journal of Science“ in Kürze erscheinen sollten. Locke stellte sich als guter Freund Herschels dar, der die Geschichte exklusiv für sein Blatt herausbringen durfte und Einsicht in die Originaldaten der Beobachtungen Herschels hatte. Nur weil die Royal Society besonders gründlich sei, würde sich die Veröffentlichung des gesamten Berichtes noch etwas verzögern. Lockes Essay sollte sozusagen einen Vorabdruck darstellen.

Während dessen füllten sich die Kassen des Verlagshauses von ,,The Sun", die am Tage der Erstveröffentlichung vom ,,Mondschwindel" eine Auflagenhöhe von 12.000 Exemplaren annähernd restlos verkaufte. Schon am Tage darauf befasste sich der Autor in seiner phantastischen Story eingehend mit dem Mond, der ohnehin den Kernpunkt seiner Ausführungen bildet, obgleich Herschel am Südhimmel mehr Sterne und Nebel beobachtete, anstatt sich dem Erdtrabanten zu widmen. Den konnte er auch in England ausreichend studieren.

Richard A. Locke berichtete zunächst über verschiedene Gesteinsformationen, die Herschel angeblich so deutlich gesehen haben soll, dass man erkennen konnte, ob ein Felsen mit Rissen überzogen war oder nicht. Außerdem soll er durch das Fernrohr eindeutig Kornfelder, Tannenwälder, grüne Ebenen und herrlich blaue Binnenmeere gesehen haben, die von paradiesisch schönen Stränden von weißer Farbe umrahmt waren. Spätestens an diesem Punkt hätten Wissenschaftler, die die Geschichte aufmerksam verfolgten, da sie die einzige Informationsquelle über Herschels Arbeiten am Kap der Guten Hoffnung bildete, einhaken und erkennen müssen dass sie einem Schwindler aufsaßen. Denn schon seit Galilei war bekannt, dass der Mond keine Lufthülle wie die Erde besaß, da sonst die Schatten der Mondberge nicht so tiefschwarz wären, wie man sie beobachtet hatte. Das Streulicht einer Lufthülle sorgt nämlich dafür, dass auch in den hintersten Winkeln zumindest ein bisschen Licht einfällt. Und eine Atmosphäre wäre zudem vonnöten, um die Existenz von Tannenwäldern, Kornfeldern und grünen Ebenen plausibel erklären zu können.

Um dem pseudoromantischen Eindruck der sich so offen darbietenden Mondoberfläche abzurunden, wurden pyramidenförmige Bauwerke von monumentaler Größe (18 bis 24m Höhe) und gotterhabenem Aussehen am Rande des großen Binnenmeeres sowie mit roten Blumen überwucherte Granitsäulen beschrieben. Dazwischen grasten bisonähnliche Tiere, die, noch ungestört von Menschen, in freier Wildbahn lebten. Auch ein blaufarbenes Einhorn soll Herschel beobachtet haben.

Im dritten Teil dreht Locke noch weiter auf: Er beschrieb die Auswirkungen der Gezeiten auf dem Mond und auch die Seleniten, Mondbewohner, die anmutig über die Mondoberfläche dahinglitten. Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende, Locke dehnte seine Phantasien auch auf andere Planeten wie den Saturn aus.

Nach dem Lesen der ersten Teile hätte man wohl den Eindruck gewinnen können, dass die Geschichte in den Augen ihres Verfassers die Aufgabe hatte, dem Leser Abwechslung vom Alltag zu bieten und darauf hinzuweisen, dass er ähnlich paradiesische Zustände auch in seiner eigenen Welt finden könne. Betrachtet man sich die Fortsetzungsreihe jedoch im Gesamtbild, so keimt der Verdacht auf, dass keine anstoßgebenden Hintergründe vorlagen und der Autor schrieb, was ihm gerade einfiel.

Durch den Abdruck des „Mondschwindels" schaffte es ,,The Sun", eine Auflagenhöhe zu erreichen, die mit 19.360 Exemplaren höher lag als die der ,,New York Times" mit 17.000 Zeitungen. Zu diesem Zweck musste sogar die Druckerei gewechselt werden, da die bisherige nicht mehr in der Lage war, die hohe Auflagenzahl herzustellen. Die noch folgenden Fortsetzungen erzielten einen ähnlichen Umsatz und die Story endete, ohne dass auch nur irgend jemand an ihrer Glaubwürdigkeit zweifelte. In ihrem weiteren Verlauf hatte Richard A. Locke bewusst darauf verzichtet, mathematische Anmerkungen einzubauen, da es sie natürlich überhaupt nicht gab. Hätte er irgendwelche Formeln eingesetzt, die letztendlich nie stimmen konnten, wäre er vermutlich eher entlarvt worden.

Locke selbst behauptete allerdings, die Mathematik weggelassen zu haben, um den Leser nicht unnötig zu verwirren. Das war zwar auf den ersten Blick ein durchaus löblicher Gedanke, der aber zugleich deswegen unlogisch war, da, wie eingangs auch schon erwähnt, der Text ziemlich unverständlich gehalten wurde. Insofern hatten ein Großteil der Leser zwar den Sinn der Story verstanden, aber mit den angeblichen Fachbegriffen nichts anzufangen gewusst - wie auch ?

Einige Zeit, nachdem die Serie beendet war, versuchten gleichzeitig die Professoren Olmstead und Loomis von der Yale-University und ein Sonderbeauftragter des ,,Journal of Commerce", einer anderen New Yorker Tageszeitung, in die Berechnungsunterlagen von Herschel Einsicht zu erhalten, da sie einen Nachdruck des Essays in ihrem eigenen Blatt planten. Es gelang ihnen, trotz aller Beschwörungen durch Richard A. Locke aus verständlichen Gründen nicht. Deshalb kamen die drei, die mehrmals versuchten, an die vermeintlichen Unterlagen heranzukommen, zu der Überzeugung, dass der Mondschwindel ganz einfach erfunden war. Zumal sie sich auch direkt an die Redaktion des „Edingburgh Journal of Science“ wandten, die wiederum von der Anfrage aus verständlichen Gründen vollkommen überrascht waren. Locke selbst war allerdings kaum einsichtig, er verwies die beiden Professoren, die die Originaldokumente einsehen wollten an die Druckerei und forderte den Drucker auf, die beiden unter fadenscheinigen Gründen weiterzuschicken. Als Olmstead, Loomis und der Reporter des „Journal of Commerce“ dann hartnäckig bei ihren Nachforschungen blieben, wich Locke ihnen abermals aus und behauptete, der Essay sei nicht mehr interessant und es wäre eine Papierverschwendung, wolle man ihn noch einmal nachdrucken.

Er verstrickte sich immer mehr in Widersprüche und musste schließlich zugeben, die ganze Geschichte freie erfunden zu haben. So war denn das ,,Journal of Commerce" das erste Blatt, das diese Tatsache publizierte.

In dem Zusammenhang sind vielleicht noch einige Randnotizen interessant: Lange Zeit wurde vermutet, dass Locke einen Mitarbeiter mit Namen Jean Nicolas Nicollet hatte, der aufgrund von Finanzproblemen von Frankreich nach New York gereist oder geflüchtet war. Genauer liess sich das bis heute nicht recherchieren, auch nicht, ob diese Person wirklich existiert und wenn ja, dann auch mit Locke in Verbindung gestanden hat.

Auf Umwegen waren Exemplare der Tageszeitung „The Sun“ mit dem Mondschwindel nach Europa gelangt. Francois Arago, Direktor der Pariser Sternwarte, war derart empört, dass er von den Mitgliedern der Pariser Akademie eine Resolution veröffentlichen ließ, in der ausdrücklich festgestellt wurde, dass der Mondschwindel kein persönlicher Angriff auf Sir John Herschel war. Ausserdem wurde der Inhalt als äußerst unglaubwürdig gewertet. Arago hingegen war da jedoch ganz anderer Meinung und sah den Ruf Herschels auf das extremste gefährdet.

Und was war mit John Herschel? Er erfuhr nur wenig später durch den Jamaikaner Caleb Weeks, der in New York als Leiter einer Tierschau lebte und in Afrika neue Tiere kaufen wollte. Er hatte einige Ausgaben im Gepäck, da er hoffte, in Südafrika auf Herschel zu treffen, was ihm auch in einem Hotel in Kapstadt gelang, in das er immer kam, etwas um dort die aktuellen Tageszeitungen zu lesen. Weeks und Herschel trafen schließlich zusammen und letzterer war mehr als überrascht, dass das Edinburgher Fachblatt Ergebnisse publiziert haben soll, die er noch gar nicht niedergeschrieben habe. Weeks händigte ihm daraufhin die betreffenden Ausgaben von „The Sun“ aus und er fing herzhaft an zu lachen. Er wertete den Mondschindel nicht als einen persönlichen Angriff gegen ihn. Lediglich in Großbritannien war man mehr als ungehalten und richtiggehend verärgert ob der vermeintlichen Beleidigung des Sir John Herschel. Im übrigen Europa wurde der „Mondschwindel“ zu einem großen Lacherfolg.

Das täuschte allerdings nicht darüber hinweg, dass künftig alle aus den Vereinigten Staaten gemeldeten ,,Entdeckungen" naturwissenschaftlicher Art zunächst einmal mit großem Misstrauen aufgenommen wurden.

Neben der recht amüsanten Geschichte, die der „Mondschwindel" bietet, zeigt seine Aufnahme in der Öffentlichkeit doch auf etwas sehr Bedenkliches: Es war nämlich bekannt, dass unter den Zweiflern an dem Wahrheitsgehalt nicht ein einziger Wissenschaftler war. Es waren einfache Menschen, die zwar in astronomischen Standardwerken gelesen hatten, dass der Mond praktisch ohne Lufthülle sein musste, denen jedoch nicht geglaubt wurde. Die meisten Menschen freuten sich sogar darüber, dass die Astronomen mit ihrer „weltentrückten Sicht" vermutlich unrecht hatten. Das Problem liegt auf der anderen Seite aber auch in der Tatsache begründet, dass Herschel keinerlei Öffentlichkeitsarbeit betrieb, um ungestört arbeiten zu können. Dass er damit aber Anlass zu den wildesten Spekulationen gegeben hatte, kam ihm wohl nie so recht in den Sinn.

Das Fazit dieser geschichtlichen Betrachtung kann nur lauten: Das Wissen der Astronomie um die tatsächlichen Zusammenhänge im Kosmos und deren physikalischen Auswirkungen, die nicht metaphysischer oder religiöser Art sind, müssen offenbart werden, um nicht Gefahr zu laufen, dass die Arbeit ganzer Generationen umsonst war!

Wenn man auch über die Geschichte mit dem „Mondschwindel" ein wenig lächeln mag, so schaue man sich heute nur mal genauer gewisse Tageszeitungen an oder denke an die unsägliche „Story" mit dem Marsgesicht, das zwar inzwischen erwartungsgemäß als Erosionsform enttarnt wurde. Deren Anhänger aber haben sich von den Aufnahmen der amerikanischen Mars Global Surveyor-Sonde nicht überzeugen lassen, denn sie gehen nun davon aus, dass es bei der NASA eine Verschwörung gibt, die verhindert, dass die „echten" Bilder an die Öffentlichkeit gelangen...


Quellen:

Willy Ley, Die Himmelskunde, Düsseldorf (1965)
http://www.alien.de
http://www.bernd-leitenberger.de

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