Johann Hieronymus Schroeter (1745 - 1816)

Die französische Innen- und Außenpolitik in der Mitte des 18. Jahrhunderts erlebte als eine Folge des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1713/14) und insbesondere durch die nachlässige Haltung des dem Absolutismus anhängenden Ludwig XV. in politischen Fragen ihren Niedergang. Damit wurde der Keim für die Französische Revolution gelegt, die zu einem erstarkenden Nationalismus führte, der wiederum den Aufstieg Napoleon I. begünstigte.

Das nach dem Westfälischen Frieden von 1648 in viele Fürstentümer aufgeteilte Heilige Römische Reich Deutscher Nation mußte in dieser Zeit zwei Kriege über sich ergehen lassen. In seiner südwestlichen Ecke den Habsburgischen Erbfolgekrieg und im Osten den Zweiten Schlesischen Krieg.

Inwieweit durch die Kriegshandlungen das Leben in der 1660/64 dem Erzbischof von Mainz unterstellten thüringischen Stadt Erfurt beeinträchtigt war, ist nur wenig verbrieft. Viel unmittelbarer dürften die Folgen eines Brandes gewesen sein, der am 21. Oktober 1736 große Teile des Stadtkerns verwüstete.

Als fünftes Kind des ,,Advocatus Ordinarius" Paul Christoph Schroeter und dessen Frau Regina Sophie wurde Johann Hieronymus Schroeter am späten Abend des 30. August 1745 in Erfurt geboren. In den ersten Lebensjahren eher von schwächlicher Statur, besuchte er ab 1758 das Ratsgymnasium und begann im Oktober 1761 an der Universität Erfurt mit dem Studium der Theologie. In diese Zeit fällt auch, vermutlich bedingt durch den Kontakt mit Studenten anderer Fakultäten, die erste zaghafte Berührung mit der Himmelskunde, denn in steigendem Maße fing er an, mit einem kleinen Teleskop die Sterne vom Turm der Schottenkirche aus zu beobachten. Ab 1764 studierte er dann in Göttingen Jura und fand nebenher abermals die Möglichkeit, sich astronomisch zu betätigen.

Erstaunlicherweise führte Schroeters weiterer beruflicher Weg nicht geradewegs zur Astronomie. 1767 schlug er, nach erfolgreichen Prüfungen, die Verwaltungslaufbahn ein, war im Kurfürstentum Hannover, in Polle an der Weser, Herzberg am Harze und schließlich der königlichen Kammer zu Hannover beschäftigt.

In der Stadt an der Leine traf er sich, musikalisch interessiert, des öfteren mit der Familie Herschel, wobei man ihm von den Beobachtungen und Fernrohrkonstruktionen Friedrich Wilhelms erzählte. Dieser war 1755 unter Ausnutzung der guten Beziehungen des Hannoverschen Fürstenhauses zum englischen Königreich und der Tatsache, daß beide im Siebenjährigen Krieg als Verbündete auf der gleichen Seite kämpften, vor den heranrückenden französischen Truppen nach England geflohen. Dort hatte er während eines Gastspielaufenthaltes der Militärkapelle, der er angehörte, erste Kontakte knüpfen können. Herschel betätigte sich zunächst als Organist in Bath, wechselte dann aber 1773 mit sichtbaren Erfolg zur Astronomie. Die häufigen Berichte und eine sich anbahnende freundschaftliche Verbundenheit mit F. W. Herschel inspirierten Schroeter seinerseits wieder zu eigenen Beobachtungen. Von seinen Ersparnissen kaufte er sich ein englisches Teleskop, einen Dollond, der ein achromatisches Objektiv mit 93 cm Brennweite besaß.

1782 übernahm Schroeter dank profunder Rechtskenntnisse in Lilienthal bei Bremen eine Oberamtmannstelle, die ihm die Möglichkeit eröffnete, sich in der freien Zeit als Amateur der Astronomie widmen zu können. Er konnte seinen Dienstherren davon überzeugen, ihm die Genehmigung für den Bau einer Sternwarte im Garten vor dem Amtsgebäude zu erteilen, die schon 1785 um einen zwei Etagen hohen Turm und in den folgenden Jahren durch zusätzliche Bauten und zahlreiche Instrumente erweitert wurde. Der Grundstock wurde gelegt, als er durch die Unterstützung von F. W. Herschel, die optischen Elemente für zwei Spiegelteleskope aus England erhielt.

Welche Objekte Schroeter mit seinen Fernrohren außer dem Mond, den Planeten und mindestens einem Kometen beobachtet hat, läßt sich heute nur noch schwer nachvollziehen, da viele seiner Aufzeichnungen verlorengegangen, verschollen oder verbrannt sind, wie wir noch sehen werden.

1778, noch vor seinem Umzug nach Lilienthal, hatte Schroeter in einer kleinen Schrift die Mondrillen erläutert und ein Jahr später mit Venusbeobachtungen begonnen. Beim Merkur beobachtete er merkwürdige Ausbuchtungen und Unregelmäßigkeiten am Terminatorrand, die er - fälschlicherweise - auf hohe Gebirgszüge zurückführte. Außerdem bestimmte er die Bahnneigung des Merkur zu 200 und die Tageslänge zu 24 Stunden und 5 Minuten. Diese Ergebnisse wurden 1815 und 1816 in zwei Bänden unter dem Titel, Hermographische Fragmente zur genauen Kenntnis des Planeten Merkur in Göttingen veröffentlicht. Es folgten Abhandlungen über den Mars (erst 1881 posthum in Leyden herausgegeben) und den Mond 1791/1802).

Die Marsschrift verdient es, hier hervorgehoben zu werden, denn sie weist eine sehr abenteuerliche Geschichte auf. In ihr schildert Schroeter seine Beobachtungen der Oppositionen der Jahre 1785 und 1802. Viele Jahre war sie verschollen, blieb unauffindbar und galt als verloren. Sie wurde erst nach mehrmaligen Überarbeitungen kurz vor Schroeters Tode fertig, wurde aber nicht mehr veröffentlicht. Etwa 1880 stöberte Hendricus Gerardus van de Sande Bakhuyzen, Direktor der Sternwarte Leyden, im Archiv seines Observatoriums ein Exemplar auf, wobei noch heute unklar ist, auf welchem Wege sie einstmals dorthin gelangte. In Gedenken an Schroeter wurde sie dann im Original unter dem Titel Areographische Beiträge zur genaueren Kenntnis und Bedeutung des Planeten Mars herausgegeben.

1798 meinte Schroeter auf der Venus einen 43 km hohen Berg entdeckt zu haben. Fünf Jahre später veröffentlichte er eine vielbeachtete Arbeit über die Differenz zwischen berechneter und beobachteter Venusphase zum Zeitpunkt der Dichotomie, die als Schroeter-Effekt in die Geschichte der Astronomie einging und der auch heute noch Gegenstand vieler Forschungsarbeiten ist.

Anfang 1793 konnte man im Lilienthaler Amtsgarten abermals eine rege Bautätigkeit beobachten. Es entstand nach englischem Vorbild ein 6,20 m hohes Holzgestell mit einer Grundfläche von 3,3 x 3,5 m, auf dem ein 27 füßiges Spiegelteleskop mit 8,25 m Brennweite und einer freien Öffnung von 51 cm ruhte. Die gesamte Konstruktion war zudem auf einem Grundkreis von 21 m Durchmesser schwenkbar. Schließlich wurde ein bereits 1758 errichteter Bau, "Urania-Tempel" genannt, 1796 mit einem 10 füßigen Dollond, Brennweite 3,10 m, Öffnung 100 mm ausgestattet, der 1800 sogar eine parallaktische Montierung erhielt. Damit konnte Schroeters erstmals auch Tagesbeobachtungen von Merkur, Venus, Jupiter und dem Mond durchführen. 1806 kam ein viertes Gebäude mit einem 20 füßigen Spiegel mit 6,10 m Brennweite und 30,5 cm Öffnung hinzu.

Die Qualität der Schroeterschen Instrumente und der damit erzielten Beobachtungen wurden alsbald über die Grenzen Lilienthal hinweg bekannt und lockten viele Fachastronomen in das kleine, am Moor gelegene, 450 Seelen zählende Dorf: F. W. Bessel (1784-1846), der hier erste Erfahrungen in der praktischen Astronomie sammeln konnte und K.- L. Harding (1765-1834), der hier als Assistent tätig war, oder W. Olbers (1758-1840), der oft aus dem nahen Bremen anreiste, um die hervorragenden Geräte der Lilienthaler Sternwarte für seine Beobachtungen zu nutzen.

Im Jahre 1800 begründete Schroeter gemeinsam mit Baron Xavier von Zach (1754-1832), Ferdinand Adolf von Ende, Johann Gildemeister, Wilhelm Olbers und Karl-Ludwig Harding die Vereinigte Astronomische Gesellschaft, deren erklärtes Ziel es war, die Suche nach einem zwischen Mars und Jupiter liegenden Planeten zu fördern. Sogar ein eigenes Siegel, das am Rande die zwölf (astrologischen) Tierkreiszeichen und in der Mitte eine bildnerische Darstellung der Göttinnen Ceres, Pallas und Juno zeigte, hatte man entwickelt.

Zwar wurden durch Piazzi (1801), Olbers (1802, 1807) und Harding (1804) die ersten Kleinplaneten gefunden. Die Vereinigung war dennoch nicht in der Lage mehr als eben dieses zu bewirken, geschweige denn irgendeinen Einfluß zu gewinnen.

Die folgenden Jahre waren auch in dem kleinen norddeutschen Moordorf geprägt von der sich zuspitzenden politischen Lage in Europa. Frankreich war durch Napoleon I. zur Großmacht aufgestiegen und 1803 erfolgte aufgrund eines Beschlusses des Reichsdeputationsausschußes des Regensburger Reichstages die verwaltungsmäßige Angliederung u.a. der norddeutschen Fürstentümer an das expansionistische Nachbarland, was die berufliche und private Arbeit Schroeters empfindsam beeinträchtigte.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts überzog Napoleon I. das europäische Festland mit einer ganzen Reihe kriegerischer Auseinandersetzungen, die jedesmal mit einer Niederlage endeten.

Die für Schroeter und das kleine Dörfchen Lilienthal folgenschwerste war die im Rußlandfeldzug. Als am 21. April 1813 sich zurückziehende, marodierende französische Truppen in diese Gegend kamen, wurde ein ganzer 600 Mann starker Infantriezug abkommandiert, um einen gegen die französische Herrschaft gerichteten vermeintlichen Aufstand niederzuschlagen.

Es blieb kaum ein Stein auf dem anderen, das Amtsgebäude, die Sternwarte und fast alle Wohnhäuser brannten bis auf die Grundmauern nieder. Nur einige wenige Schriften konnte Schroeter noch aus dem brennenden Beobachtungsturm retten, das meiste jedoch fiel den Flammen zum Opfer.

Schroeter, der als 70 jähriger 1815 wieder in Amt und Würden aufgenommen wurde, hatte verständlicherweise in dieser schweren Zeit nur wenig Zeit für die Astronomie übrig. Die Veröffentlichung der erwähnten Merkurschrift war denn auch nur unter unsäglichen Mühen möglich. Beim Wiederaufbau zog sich Schroeter einen Schlüsselbeinbruch zu, der nicht wieder ausheilen sollte. Am 29. April 1816, wenige Stunden vor seinem 71. Geburtstag, starb er an den Folgen des Unfalls.

Mit seinem Tode verfielen dann auch die Überreste der zerstörten und nur zum Teil wieder aufgebauten Sternwarte, die 1850 ganz abgerissen wurde.

Johann Hieronymus Schroeter fand nicht nur durch die häufigen Besuche von Fachastronomen große Anerkennung, er wurde auch mehrfach ausgezeichnet. So wurden die geographischen Koordinaten der Lilienthaler Sternwarte in die Verzeichnisse von astronomischen und navigatorischen Handbüchern aufgenommen und er selbst anläßlich der 400-Jahr-Feier der Stadt Erfurt 1792 als Redner geladen. Bereits 1787 hatte ihn die dortige Akademie der nützlichen Wissenschaften ehrenhalber in ihre Reihen aufgenommen und dank der Initiative von Johann Elert Bode (1747-1826), Herausgeber des Berliner Astronomischen Jahrbuches gehörte er auch der Berlinerschen Gesellschaft naturforschender Freunde an. 1808 wurde er dann nach Veröffentlichung der Saturnschrift Mitglied der Französischen Nationalinstitute der Wissenschaften und der schönen Künste, der er u. a. diese Abhandlung gewidmet hatte.

Schroeter konnte den Traum vieler Sternfreunde verwirklichen, durch reine Amateurtätigkeit vielfache Anerkennung und Beachtung seitens der Fachastronomie finden. Dabei muß freilich bedacht werden, daß in früheren Zeiten die Grenzen zwischen Fach- und Amateurastronomie wesentlich fließender waren, als heute, weil man einfach zu einer Zeit lebte, wo man praktisch nur sein Teleskop an eine noch unerforschte Stelle des Himmel richten mußte, um etwas zu entdecken. Das soll aber nun im Nachhinein keineswegs die Leistungen Schroeters schmälern!

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