Die Himmelsscheibe von Nebra

Es war eine Aufsehen erregende Kriminalstory und ein beachtlicher archäologischer Fund gleichermaßen: Die Entdeckung einer Himmelsscheibe in einem Waldstück bei Nebra in Sachsen-Anhalt. Was die Entdeckung so sensationell machte, waren die auf ihr abgebildeten Objekte, über deren Bedeutung allerdings noch gestritten wird.

In den vergangenen Wochen geisterte des öfteren die Meldung durch die Presse, dass bei archäologischen Ausgrabungen auf dem 252 m hohen Mittelberg in der Nähe von Nebra im Grenzgebiet zwischen dem Burgenlandkreis und dem Landkreis Merseburg-Querfurt in Sachsen-Anhalt eine „Sternenscheibe“ gefunden worden sei. Der Fundort selbst befand sich inmitten eines Waldgebietes in einer ringförmigen Wallanlage, genau an der Grenze zwischen den Ländereien, die zu den Ortschaften Wangen und Ziegelroda gehören. Der Bekanntgabe des Fundes war allerdings eine wahrhaft kriminalistische Geschichte vorausgegangen, denn die Himmelscheibe wurde bereits 1998 von Grabräubern aus dem Boden geholt, mehrfach Museen und auch Prof. Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum angeboten.

Während einer fingierten Übergabe in der Schweiz konnte das Fundstück dann von der Polizei sichergestellt werden. Bei der illegalen Ausgrabung hatten die Täter auch zwei Bronzeschwerter, zwei Randleistenbeile, Meißel und Armringe entwendet. Im Februar erst kamen die Fundstücke wieder an den Fundort zurück. Somit ist eine korrekte Zuordnung der Fundgegenstände am Fundort nicht mehr möglich, die aber hätte Hinweise auf die wahre Bedeutung der Gegenstände inklusive der Scheibe geben können, so etwa, ob es sich hier in der Tat um eine Art Sternwarte handelte, oder ob die Scheibe dort nur zufällig abgelegt wurde, weil sie einer der Menschen bei sich hatte, die vor 3600 Jahren an dem Ort verweilten. Zudem sind die Grabräuber unprofessionell vorgegangen und haben aus Unkenntnis vieles von dem zerstört, was für die archäologische Arbeit vor Ort wichtig gewesen wäre.

Von einigen Gazetten wurde der Fundort sogleich als deutsches „Stonehenge“ hochstilisiert, zumal der Fertigungszeitpunkt der Scheibe zeitgleich zur letzten Ausbauphase von Stonehenge erfolgte. Nach Ansicht des Leiters des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, Harald Meller, diente die Anlage „den Menschen zusammen mit der Scheibe zur Zeitbestimmung, was für die Aussaat und Ernte wichtig war. Hier konnten sie den Lauf der Sonne von der Winter- zur Sommersonnenwende genau bestimmen“. Das rd. 200 Meter durchmessende „Observatorium“ ist von einem Graben umgeben. Rd. 1000 Jahre lang soll diese prähistorische Sternwarte genutzt worden sein. „Die Sternwarte und das Observatorium gehören zusammen. Die Bronzescheibe mit den konkreten astronomischen Abbildungen ist auch in Mitteldeutschland angefertigt worden. Das zeigen deutliche topographische Bezüge zum Brockenmassiv im Harz“, so Prof. Schlosser

Die Himmelsscheibe
ist 2 kg schwer und durchmisst 32 cm. Darauf abgebildet sind Symbole, die man als Vollmond oder Sonne, und Mondsichel/partielle Mondfinsternis deuten kann. Dazu ein paar Sterne und eine zwischen der Sichel und dem Vollmond/Sonne gelegene Anhäufung von sieben Sternen. Diese werden hauptsächlich als die Plejaden in ihrer Konstellation vor 3600 Jahren, aber auch als das Sternbild Delphin interpretiert. Am Rand der Scheibe gibt es drei Bögen, zwei lange und ein kurzer. Diese werden gedeutet als die Darstellung der damaligen Horizontlinien, in denen die Sonne auf- und unterging. Der große Bogen soll eine Art Sonnenbarke gewesen sein.

Und authentisch ist die Scheibe wohl auch, denn Rasterelektronenmikroskopuntersuchungen des Sachsen-Anhaltinischen Landeskriminalamtes bestätigten ein Alter von etwa 3600 Jahren. Die schon oft zitierte C14-Methode schied hier allerdings aus, da die Scheibe aus Bronze besteht und die enthält keinen Kohlenstoff, der für die Altersbestimmung herangezogen werden könnte.

Die offizielle Deutung
Bei der Himmelsscheibe handelt es sich nach der offiziellen Deutung um die erste echte Dokumentation der Vorstellung, wie sich bronzezeitliche Kulturen das sie umgebende Universum ausmalten, womit gleichsam viele Steinsetzungen aus der Epoche aufgewertet und in einen astronomischen Kontext gestellt werden. Gleichsam wurden schon Stimmen laut, die eine einheitliche astronomische Ausrichtung aller Steinsetzungen und Gräber nach astronomischen Gesichtspunkten apostrophieren.

Nach der Interpretation durch Prof. Schlosser soll vor allem die Darstellung der Plejaden eine überregionale Bedeutung haben, da sie bei vielen prähistorischen Kulturen und solchen der Vorantike als Symbol für Ackerbau und Schifffahrt galten. Dass es einen kulturellen Austausch zwischen den Völkern auch schon zur Bronzezeit gegen haben, wird nicht unbedingt bestritten, schließlich wurden aus den alten Wanderwegen die späteren Pilgerpfade. Außerdem hat schon Hesiod im 8./7. Jahrhundert v.u.Z. (= vor unserer Zeitrechnung) in seiner Schriftensammlung „Werke und Tage“ auf das Siebengestirn hingewiesen.

Welche der verschiedenen frühbronzezeitlichen Kulturen der oder die Hersteller der Himmelsscheibe indes angehörten, darüber wird sich interessanter Weise ausgeschwiegen. Um herumstreifende Nomaden kann es sich auch nicht gehandelt haben, da der Fundort gut 1000 Jahre lang genutzt worden sein soll, wofür auch immer.

Bei einem Alter der Himmelsscheibe von 3600 Jahren muss sie am Ende der frühen Bronzezeit (2200 bis 1500 v.u.Z.) etwa um 1600 v.u.Z. entstanden sein, was auch nicht bezweifelt wird. In diese Epoche fielen beispielsweise die Aunjetitzer Kultur, die zwischen 2300 und 1600/1500 v.u.Z. im böhmischen Raum beheimatet war, die Ries- bzw. Neckar-Gruppe, die zwischen 2300/2200 und 1800 v.u.Z. im Bereich des Nördlinger Ries siedelten, und die Dolchkultur von etwa 2300 bis 1600 v.u.Z., benannt nach Funden von Feuersteindolchen. Zur gleichen Zeit erlebten Kreta (2000-1400 v.u.Z.) und Mykene (1600-1200 v.u.Z.) ihre Blütezeit.

Des Weiteren geht Prof. Schlosser in seiner Analyse davon aus, dass nur die sechs Sterne, die das Siebengestirn wiedergeben, bewusst angebracht wurden, alle anderen Sterne jedoch keinen Bezug zur Realität aufweisen. Außerdem deuten die gegenseitigen Positionen von Mondsichel und Plejaden darauf hin, dass es sieben Tage später zu einer Mondfinsternis gekommen war. Das wiederum würde bedeuten, dass es vertiefte Kenntnisse über die Entstehung von Mondfinsternissen schon zur Bronzezeit gegeben haben könnte.

Die am Rande aufgetragenen Horizontalbögen sollen Auf- und Untergangspunkte der Sonne zwischen dem 21.6. und dem 21.12. sowie den realen Horizont darstellen. Ein weiterer geschwungener Bogen wird als „Sonnenbarke“ gedeutet: Ein Schiff, auf dem des Tags der Sonnengott über den Himmel fuhr. Diese Vorstellung ist nicht neu und sowohl im altägyptischen, als auch im babylonischen Kulturkreis anzutreffen. Einen kulturellen Austausch zwischen dem ostmediterranen Raum und den bronzezeitlichen Kulturen in Mittel- und Nordeuropa hat es mit Sicherheit gegeben, wie Funde in verschiedenen Regionen belegen. Daher wäre eine Übernahme der Symbolik nicht ungewöhnlich. Man kann diese Gravur aber auch als Beginn einer Astralreligion werten.

Vom Fundort der Himmelsscheibe inmitten der Wallanlage aus, konnten im Laufe eines Jahres verschiedene Sonnenuntergangspunkte zwischen dem Brocken, dem Kulpenberg im Harz und dem höchsten Gipfel des Kyffhäusers anvisiert werden. Daraus ergäbe sich danach zusammen mit der Kuppe des Mittelberges bei Nebra einen großen astronomischen Kontext, der für die frühe Bronzezeit nicht ungewöhnlich gewesen sein soll.

Ein paar Anmerkungen
Zu den Fragen der Deutung der einzelnen Symbole ein paar grundsätzliche Anmerkungen: Es ist natürlich kein Kinderspiel, die diese richtig zu interpretieren. Dazu muss man wissen, wie dieses Teil in das kulturelle Umfeld passt. Das ist auch ein Punkt, der etwa an Stonehenge immer wieder zu Recht kritisiert wird. Megalithbauten, Steinsetzungen etc. waren ein Teil der damaligen Kultur und können nur richtig gedeutet werden, wenn man auch die Umgebung in die Betrachtung mit einbezieht. Da dieser Kontext in Stonehenge jedoch völlig fehlt, bzw. bisher nur in Ansätzen gefunden wurde, ist die Behauptung, dass sei eine prähistorische Sternwarte, zumindest problematisch. Mal ganz abgesehen davon, dass dort viele Visursteine längst nicht mehr am ursprünglichen Ort stehen.

Schwer wird es mit der Deutung, wozu die Nebraer Himmelsscheibe tatsächlich verwendet wurde. Es kann sich dabei in der Tat um eine Sternkarte, oder, was wahrscheinlicher ist, um einen kultischen Gegenstand mit astronomischen Bezug handeln, etwa zur Anbetung von Naturgöttern. Nicht von ungefähr gibt es in der Archäologie den geflügelten Spruch: „Was ich nicht erklären kann, seh ich astronomisch an“. Sprich: Sind Gegenstände, die etwas astronomisches zeigen, nicht erklärbar, denn war es Teil einer Sternwarte. Das kann bei diesem neuerlichen Fundort natürlich sein, muss es aber nicht.

Wenn man einmal die Symbole auf der Himmelsscheibe genauer unter die Lupe nimmt, so ergeben sich gewisse Ungereimtheiten. So werden die sieben Sterne als Zeichnung von M 45 angesehen, wobei allerdings außer acht gelassen wurde, dass man mit bloßem Auge unter normalen Bedingungen (ungeübte Beobachter) nur sechs Sterne sieht. Außerdem ist nicht sicher, dass hier wirklich reale Himmelsobjekte abgebildet wurden, und der bronzezeitliche Künstler nicht nur einfach Platz füllen wollte. Wenn aber die Deutung richtig sein sollte, wieso weisen dann die anderen Sterne auf der Scheibe keinen Bezug zum realen Sternenhimmel auf. Diese Sichtweise ist nicht schlüssig. Es sei denn, man nimmt an, hier sei Fiktion und Realität vermischt worden. Und: Bekanntlich sind bronzezeitliche Höhlenmalereien relativ ungenau, warum die abgebildeten Sterne auf der Himmelscheibe dann aber exakt sein sollen, bleibt offen?

Der Bezug der Symbolik zur Astronomie ist klar, nur ob es sich hierbei um ein künstlerisches Erzeugnis oder eines zur praktischen Beobachtung handelt, das wird man nur schwer enträtseln können. Es kann sich auch nur um einen sakralen Gegenstand handeln, der nicht bei der Himmelsbeobachtung verwendet wurde. Man wird sich die wahre Nutzung der Himmelsscheibe und die ihr zugrunde liegende Vorstellungswelt der frühbronzezeitlichen Kultur wahrscheinlich nie richtig erschließen können und ist auf mehr oder weniger geistreiche Vermutungen angewiesen.

Um einmal die Schwierigkeit der richtigen Deutung alter Fundgegenstände zu offenbaren, wagen wir ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, in 3600 Jahren finden Archäologen, die nur sehr wenig Kenntnisse über die heutige Zeit haben, eine gut erhaltene US-Flagge in einer Wallanlage, irgendwo in den weiten der heutigen USA. Würde man die Flagge astronomisch interpretieren, so deuten die Sterne, die in Wirklichkeit die Staaten der USA symbolisieren, vielleicht auf eine Gruppe von Astronomen oder den Standort eines Observatoriums hin.

Die Zahl der Linien war zunächst identisch mit der Zahl der Sterne. Als aber 13 Staaten der Union beigetreten waren, wurde klar, dass der Platz nicht ausreichen würde. So wurde fortan per Kongressbeschluss die Zahl der Streifen auf 13 festgesetzt, die der Sterne aber fortlaufend erhöht. Wie würden künftige Archäologen die Streifen deuten? Die könnten Visurlinien sein, über die ein bestimmtes Sternbild oder ein Objekt am Himmel angepeilt wurde, nämlich dass, das im Sternenfeld der Flagge abgebildet ist. Entdecken sie dieses Artefakt in der Nähe der Überreste einer Autobahn, könnten Sie darauf schließen, dass eine Sternwarte in der Nähe einer Autobahn errichtet wurde. Und ganz verwegene könnten in der Flagge die Landebahnen von Außerirdischen sehen und die Sterne geben mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Position der Heimat der Aliens am Himmel wieder.

Eigene Untersuchungen
Neben der Frage nach der Authentizität der Scheibe hat mich persönlich die nach der Interpretation der Symbole am meisten interessiert und beschäftigt. Und hier besonders die Deutung der Sternansammlung als Sternhaufen der Plejaden. Einem Aufruf auf der NAA-Mailingliste folgend hat Uwe Reimann (VdS) mit Skymap Pro 6.0. die Eigenbewegungen der Hauptsterne der Plejaden um 3600 Jahre in die Zukunft laufen lassen. Ich habe die Linien in umgekehrte Richtung verlängert (rote Linien und Punkte). Im Ergebnis stimmen zumindest vier Sterne ungefähr mit dem Abbild überein, aber ob man das wirklich als Beweis ansehen kann, wage ich nicht zu behaupten, das kann auch Zufall sein.

Schlusswort
Vieles ist nach wie vor unklar und unsicher. Wie auf der Internetseite http://www.archlsa.de/sterne/ berichtet wird, laufen die Ausgrabungen noch und es ist nicht einmal klar, ob es überhaupt einen zeitlichen Bezug zwischen der Scheibe und der Wallanlage gibt. Unsicher ist auch, ob die Ausgrabungsstätte ein frühbronzezeitliches Grab, eine Sternwarte oder ein Lager für sakrale Gegenstände war. Beziehungen haben möglicher Weise zu den Fürstengräbern Leubingen und Helmdorf bestanden.

Die Ausgrabungen werden vor Ort fortgesetzt, gleichzeitig wird die Himmelsscheibe weiter mit naturwissenschaftliche Methoden untersucht. Ein Katalog soll 2003 erscheinen, weiter ist für 2004 ein Kolloquium über die bisherigen Forschungsergebnisse geplant.

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