Joachim von Lauchen, genannt Rhaeticus (1514-1576)

An der Schwelle des 15. zum 16. Jahrhunderts herrschte in Europa tiefstes Mittelalter. Es gab weder eine Wissenschaft nach dem antiken Vorbild der Griechen, noch die aufgeklärte Denkweise späterer Epochen. Die kirchlichen Gelehrten stritten zwar hier und da um ein paar Details, neue Gedanken zum astronomischen Weltbild wurden jedoch verdammt und mit dem Dogma der allgewaltigen Inquisition belegt. Ein noch weitgehend unbekannter Theologe arbeitete an seinen 95 Thesen, die Jahre später zum erbitterten Streit zwischen Katholiken und Protestanten führen sollten.

In Feldkirch in Tirol wurde am 15. Februar 1514 Georg Joachim von Lauchen geboren. Als Sohn wohlhabender Eltern konnte er in Zürich, Wittenberg, Nürnberg und Göttingen Astronomie und Mathematik studieren. Im geschichts trächtigen Wittenberg bekleidete er ab etwa 1536 an der dortigen Universität den Lehrstuhl in eben diesen Fächern. In dieser Zeit machten Gerüchte die Runde, daß es irgendwo im Norden einen Gelehrten gab, der ein neues Weltbild vertrat, wonach die Erde nicht wie bisher im Zentrum des Universums saß, sondern um die Sonne kreiste. Inzwischen hatten sich die Fronten in den Glaubensauseinandersetzungen verhärtet und ließen eine Reise von Lauchens, der seinen Namen in Rhaeticus geändert hatte (nach der Region, in der er geboren wurde: Rhaetien), vom protestantischen Wittenberg ins katholische Ermland (früher Ostpreußen, heute Polen), wo Nikolaus Kopernikus (1473-1543) lebte, zu einem unbestimmbaren Risiko werden. Vor allem deshalb, weil Horden abtrünniger, umherziehender Ritter des Deutschordens die Gegend mehr als unsicher machten.

Die erste Begegnung Rhaeticus' mit Kopernikus im Sommer 1539 dürfte den Ausschlag für die Begeisterung des Wittenberger Professors für das neue Weltbild gewesen sein. Immer wieder drängte er den Frauenburger Domherrn zur Veröffentlichung seiner Hypothese, machte schließlich in seiner eigenen Schrift "Narratio prima de libris revolutionem Copernici" einige diesbezügliche Andeutungen und kümmerte sich dann drei Jahre später tatsächlich um die Drucklegung von Kopernicus' Hauptwerk in Nürnberg: ,,De revolutionubus orbium coelestium libri VI". Dabei muß darauf hingewiesen werden, daß Kopernikus keineswegs die Begeisterung seines Bewunderers teilte, sondern eher zögerlich und unentschlossen der Veröffentlichung zustimmte, wobei es neuerdings Autoren gibt, die der Auffassung sind, Rhaeticus habe die Freigabe zum Druck ohne Einwilligung des Verfassers erteilt!

Diese selbstgestellte Aufgabe konnte Rhaeticus aber nicht ganz zu Ende führen, weswegen er sie auch dem Nürnberger Theologen Andreas Osiander übertrug, denn schon im November 1542 mußte er in Leipzig erscheinen, um den Lehrstuhl für Mathematik an der dortigen Universität zu übernehmen.

Nach dem Tode Kopernikus' am 24. Mai 1543 in Frauenburg begann für seinen glühendsten Anhänger und eifrigsten Verfechter des neuen Weltbildes eine Periode der Ruhelosigkeit und Unstetigkeit, die bis zu seinem eigenen Tode andauern sollte. 1545 verließ Rhaeticus Leipzig, tauchte wenig später in Italien auf und studierte möglicherweise für kurze Zeit in der Schweiz Medizin, bis er 1548 erneut in der sächsischen Stadt eintraf. Dort veröffentlichte er 1549 ein Jahrbuch zur Astronomie und ein Buch über Trigonometrie auf der Grundlage der kopernikanischen Lehre. 1550 verschwand er abermals aus Leipzig und zog vermutlich mehrere Jahre ziellos umher, bis er 1557 in Krakau erschien, wo er zum wiederholten Male versuchte, immer wieder von befreundeten Gelehrtenaufgefordert, an neuen Auslegungen der Ansichten seines Vorbildes zu arbeiten und Vergleiche zu klassischen Autoren der der Antike zu ziehen. Letztlich fruchteten aber alle Bemühungen nichts, zwischenzeitlich hatte er mehrere Bücher über Astronomie (ingesamt 9 Bände), Astrologie, Chemie und abermals Trigonometrie geschrieben.

In späteren Jahren diente Rhaeticus einem polnischen Fürsten als Hausarzt, wanderte nach Ungarn aus, wo er am 4. Dezember 1576 in Kaschau, offenbar als Folge einer Geisteskrankheit, die sich schon viel früher bemerkbar gemacht hatte, verstarb.

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