Grote Reber (1911-2002)

Mit der Radioastronomie wurde erst im letzten Jahrhundert neben der optischen Astronomie ein weiteres Fenster ins das Universum aufgestoßen, durch das Astronomen wertvolle neue Erkenntnisse nicht nur über das Leben und Vergehen einzelner Sterne, sondern auch über Aufbau und Struktur des Weltalls gewinnen konnten.

Begonnen hatte es im Jahr 1931 eigentlich mehr zufällig, als Karl Guthe Jansky, Ingenieur der Bell Telephone Laboratories im amerikanischen Bundesstaat New Jersey nach den Ursachen für Störungen im kurzwelligen transatlantischen Telefonverkehr suchte. 1932 fand er die Quelle dafür: Die Störungen der Radiowellen - die Telefonverbindungen wurden damals so über den Atlantik unter Ausnutzung der Ionosphäre übertragen - hatte anscheinend kosmische Ursachen. 1933 schloss Jansky seine Untersuchungen mit dem Ergebnis ab, dass der Ursprungsort außerhalb des Sonnensystems liegen müsse - da er beim Auftauchen des Signals eine Zeitverschiebung von täglich vier Minuten feststellte. Später fand er heraus, dass dieser in Richtung auf das Sternbild Schütze lag, wo sich das Zentrum der Milchstraße befindet.

Die Presse nahm die neue Entdeckung auf und sogar die angesehene New York Times berichtete in großen Schlagzeilen darüber. Doch die Astronomen jener Zeit schenkten den Untersuchungen wenig Gehör, da sie das Phänomen mit den herkömmlichen Theorien nicht erklären konnten. Der Bau eines eigenen Radioteleskops scheiterte, da die Telefongesellschaft hierin keinen wirtschaftlichen Nutzen sah. Das war umso mehr von Bedeutung, als das sich die Wirtschaft Amerikas in den 30er in einer Depression befand und sich praktisch niemand fand, der bereit war, große Geldsummen in neue Forschungsprojekte oder gar vollkommen neue Wissenschaftszweige zu investieren.

Bereits im Jahr 1932 hatte der am 20. Dezember 1911 in Wheaton in Illinois geborene Ingenieur und Amateurastronom Grote Reber von der Entdeckung Janskys gehört und war sofort von der Idee begeistert. Allerdings dauerte es bis zum Jahr 1937, bis er ein eigenes Radioteleskop in seinem Hinterhof in einem Vorort Chikagos installiert hatte. Auch er war an der rigorosen Haltung der Bell Labs gescheitert.

Das erste Radioteleskop - es war praktisch der Prototyp für alle nachfolgend gebauten - bestand aus einer 9,5 Meter durchmessenden Schüssel (die heute auf dem Gelände des „National Radio Astronomy Observatory“ in Green Bank steht), in der ein Metallspiegel installiert war. Die einfallenden Radiowellen wurden reflektiert und in einem Empfänger, einige Meter über dem Zentrum der Schüssel gebündelt. Der Empfänger verstärkte das Signal und sendete es gleichzeitig an ein Schreibgerät weiter, wo es auf ein schmales Papierband übertragen wurde. In vielen langen Nächten durchsuchte Reber diese Streifen nach Auffälligkeiten, die sich aber nicht zeigen wollten. Er hatte bei einer Frequenz vom 3300 MHz gesucht, die - wie sich später herausstellte - viel zu hoch angesetzt war.

Erst als er sein Radioteleskop auf eine Wellenlänge von 1,9 Metern und die Frequenz von 160 MHz einstellte, wurde er fündig. Zunächst hatte er Radiobeobachtungen bei 9 cm und 33 cm Wellenlänge durchgeführt, doch erst bei 1,9 m hatte er den gewünschten Erfolg und fand Strahlungsmaxima im Sagittarius, im Cygnus und der Cassiopeia. Er konnte somit die Beobachtungen Janskys voll bestätigen: Die von ihm registrierte Störquelle war in der Tat das Zentrum der Milchstraße. Das führte geradewegs zu der ersten systematischen Durchmusterung des Himmels nach Radioquellen. Die Durchmusterung des Himmels über Illionois war 1942 fertig, das Ergebnis veröffentlichte Reber erst 1944 - mitten im 2. Weltkrieg - gleichzeitig in astronomischen und Ingenieurzeitschriften. Das Echo blieb zunächst jedoch aus und erst nach Ende des Krieges - begünstigt durch den enormen technischen Fortschritt in der Radartechnik auf deutscher und alliierter Seite - begann der Aufschwung eines neuen Zweiges der Astronomie: Der Untersuchung des Himmels mittels Radioquellen. 1942 hatte er zudem die Radiostrahlung der Sonne entdeckt.

Weshalb aber das Milchstraßenzentrum eine so starke Radioquelle war, dass sie den irdischen Funkverkehr zu stören vermochte, das konnte Reber sich nicht erklären - es handelt sich hier - wie sich erst sehr viel später herausstellte - um Synchrotonstrahlung hochenergetischer Elektronen im Magnetfeld der Milchstraße.

Für seine Entdeckung wurde Reber mehrfach ausgezeichnet, so erhielt er 1962 die Bruce-Medaille der Astronomical Society of the Pacific, 1975 die des National Radio Astronomy Observatory's Jansky Lectureship und 1983 die Jackson Gwilt-Medaille der Royal Astronomical Society. Zudem arbeitete er bis in die späten 50er Jahre in Green Bank und verfasste er bis ins hohe Alter viele Schriften zu radioastronomischen und radioastronomiegeschichtlichen Themen, wobei er sich u.a. mit der Radioastronomie bei verschiedenen Wellenlängen, der kosmischen Strahlung oder dem interplanetaren Plasma befasste.

Grote Reber, der als Amateurastronom den Anstoß für einen neuen Wissenschaftszweig, die Radioastronomie gegeben hatte, und zeitlebens diesem Wissenschaftszweig verbunden blieb, verstarb am 20. Dezember 2002, zwei Tage vor seinem 91. Geburtstag, in Tasmanien, wo er seit vielen Jahren lebte.

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