Polarlicht über der VdS-Sternwarte Kirchheim

Die Sonnenaktivität, in den letzten Monaten eher auf dem absteigenden Ast, ist Ende Oktober 2003, nur wenige Wochen nachdem sie sich schon mal fast fleckenfrei zeigte, enorm angestiegen. In der Folge wanderten Aktivitätszentren über ihre Oberfläche, die problemlos mit einer Sonnenfinsternisbrille, einem Okularsonnenfilter oder wenn die Sonne dicht am Horizont stand, mit bloßem Auge zu beobachten war.

Je höher die erreichte Waldmeierklasse bei den Sonnenflecken ist, desto größer wird auch die Wahrscheinlichkeit für sogenannte CMEs, Coronal Mass Ejections. Das sind Eruptionen auf der Sonne, bei der enorme Energien freigesetzt werden, die dann in Form eines mehr oder weniger dichten Teilchenstroms ins All hinaus geschleudert werden. Wenn diese auch Flare genannte Erscheinung richtig positioniert ist, d.h. möglichst in oder nahe der Sonnenscheibenmitte, dann kann der Teilchenschauer die Erde treffen und hier Polarlichter auslösen.

So geschehen am 28. Oktober 2003 um 11:10 UT, als ein M17.2-Flare in der Region 10486 aufstieg und sich in Richtung Erde in Bewegung setzte. Den Flare konnten wir, das sind Christian Harder, André Wulff und der Autor, live mit einem Coronadofilter am 110/1650-Refraktor der VdS-Sternwarte Kirchheim, wo wir zufälligerweise gerade einen einwöchigen Astrourlaub verbrachten, beobachten, fotografieren und filmen. Das auf diese Eruption folgende Polarlicht konnten wir allerdings aufgrund der Wolkenlage über Thüringen nicht beobachten. Doch einen Tag später, am 29. Oktober, kam ein X- 11 Flare hochgeschossen. Das konnten wir dieses Mal nicht verfolgen, wohl aber das Polarlicht in der Nacht vom 30. auf dem 31. Oktober 2003.

Auf den bekannten Internetseiten informierten wir uns darüber, ob der geomagnetische Sturm rechtzeitig eintreffen und auch das Wetter mitspielen würde. Zunächst sah es gar nicht gut aus, denn der erste Impakt wurde für 18 Uhr vorhergesagt und die Wettermodelle zeigten zwar Lücken, doch wann diese eintreffen würden, war fraglich. Also beschlossen André Wulff und Christian Harder, nach der ARD-Tagesschau aufzubrechen und sich einen dunklen Platz zu suchen.

Ich hingegen war eher skeptisch und blieb auf der Sternwarte, machte aber meine Digitalkamera, eine Kyocera Finecam S5R bereit, um im Fall der Fälle schnell ein paar Polarlichtphotonen einfangen zu können.

Das Wetter über Kirchheim war zunächst wenig durchschaubar oder einfach nur schlecht: Keine einzige Wolkenlücke zeigte sich. Erst so gegen 23:20 Uhr, als ich einen meiner Kontrollgänge unternahm, bemerkte ich plötzlich, dass der Himmel stellenweise aufgerissen war und sich im Nordwesten ein dunkelrotes Leuchten und Wallen zeigte. Ich warf mir warme Kleidung über, nahm die Kamera und suchte mir auf dem Sternwartengelände ein dunkles Plätzchen, von dem aus ich Aufnahmen mit der Kuppel oder den anderen Gebäuden ein interessantes Vordergrundmotiv im Bild platzieren konnte. Die ersten Aufnahmen entstanden um 23:23 Uhr, bei Blende 2.8, ISO 800 und 8 Sekunden Belichtungszeit. Dabei zeigte sich, dass die Bilder fiel zu hell wurden, also drehte ich die Empfindlichkeit auf ISO 400 zurück. Bald zeigten sich auch im Nordosten grüne und rote Schleier, unterbrochen von durchziehenden Wolkenschichten. Inzwischen war auch Jürgen Schulz, der Leiter der Sternwarte, eingetroffen und so beobachteten wir gemeinsam das atemberaubende Naturschauspiel über unseren Köpfen. Der Himmel in Richtung Erfurt im Norden der Sternwarte war aufgehellt und es war schwer zu unterscheiden, ob hellere Bereiche dort von der Stadt kamen oder mit dem Polarlicht zusammenhingen. Es konnte sich schließlich auch um dünne, tiefliegende Wolkenfelder handeln, die vom Licht der Stadt angestrahlt wurden.

Ich schwenkte das Fotostativ mehrmals herum, um möglichst viele der Polarlichter, die sich als rotes oder grünes Wallen und als sich bewegende Vorhänge am Nordhimmel offenbarten. Etwa zu diesem Zeitpunkt meldete die Kamera, dass der Akku leer sei, und der Ersatzakku hatte schon in den letzten Tagen Probleme bereitet und stand nicht zur Verfügung. Nun wurde guter Rat teuer, denn ich wollte die weitere Entwicklung auf keinen Fall versäumen und kam auf die Idee, meine 30 m - Kabeltrommel aufzurollen, sodass ich mittels Hausstrom schnell wieder einsatzbereit war. Ich konnte also weiter fotografieren und auch das Polarlicht war noch nicht zu Ende. Im Zenit meinten wir schon einige Zeit eine diffuse Aufhellung zu sehen, die deutlich heller war als die Milchstraße. Helle Flecken und Zonen fanden wir auch an manchen Stellen über der thüringischen Landeshauptstadt. Allerdings waren wir uns nicht schlüssig, was wir da wirklich sahen: Polarlichter oder nur angeleuchtete Wolken.

Dann wurde es eindeutig: Im Nordosten bildete sich ein starker roter Kleks, der immer größer wurde und aus dem bald darauf ein gigantischer natürlicher Skybeamer hervorschoss, der fast über den halben Himmel hinaus reichte. Wir waren begeistert und ich fotografierte auch diese Erscheinungsform.

Etwas später dann beruhigte sich das Geschehen wieder. Jürgen fuhr wieder nach Hause und auch ich gedachte, ins Bett zu gehen, wollte aber vorher noch die aufgenommenen Bilder sehen. Ich lud sie mir auf den Rechner, schrieb einige Emails und rief die letzten Meldungen anderer Sternfreunde zum Polarlicht von der NAA-Mailingliste ab. Danach warf ich noch mal einen letzten Kontrollblick nach draußen und traute meinen Augen nicht: Der ganze Himmel war hellrot erleuchtet. Erst dachte ich an eine Überreizung der Augen vom hellen Bildschirm, aber dann wurde mir klar, dass die Polarlichtshow noch nicht zu Ende war. Also nahm ich die Kamera und fotografierte, was der inzwischen teilweise wieder aufgeladene Akku hergab. Das rote Leuchten wechselte sich mit grünem oder grauen Wallen ab. Und zur Krönung des Ganzen konnte ich genau über mir im Zenit sozusagen die Unterseite eines gigantischen Polarlichtvorhanges sehen. Der war aber nicht mehr vollständig zu fotografieren, da er über mehr als den halben Himmel reichte. Also versuchte ich, einen Teil zu erfassen, was mir auch gelang. Es war der Abschluss eines gelungenen Polarlichtabends, denn schon bald kamen wieder dichtere Wolken und verhinderten jeden weiteren Blick auf den Himmel.


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