Edward Charles Pickering (1846-1919)


Am 19. Juli 1846 wurde Pickering in Boston im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule studierte er an der Lawrence Scientific School, einer Einrichtung der University of Boston, Physik und Mathematik. 1865 schloß er es als bachelor of science ab, arbeitete zunächst als Mathematiklehrer und war bis 1837 instructor for mathematics an der Universität.

Als assistant instructor for physics wechselte er zum Massachusetts Institute of Technology, wo er neuartige physikalische Lehrmethoden entwickelte, die bald darauf im ganzen Land bekannt und angewendet wurden, das physikalische Laboratorium neu strukturierte und verschiedene Arbeiten zur Theorie des Lichts ablieferte. Am 7. August 1867 nahm Pickering mit der Nautical Almanac group an der Beobachtung einer totalen Sonnenfinsternis am Mt. Pleasant in Iowa teil. und am 20 November verweilte er aus dem gleichen Grund mit der US. CoastGuard Expedition im spanischen Jerez. Dabei nutzte er die Gelegenheit hauptsächlich für polariskopische und photographische Beobachtungen.

Für die nächsten Jahre waren dies allerdings die einzigen Berührungspunkte mit der Astronomie, denn Pickering wandte sich mehr der Physik zu und erfand beispielsweise 1870 den ersten öffentlichen Telefonempfänger in Amerika.

Erst 1873. als ihn der Dekan der Harvard University zur Würdigung seiner Leistungen als Mathematiker und Physiker zum Direktor des Harvard College Observatory in Cambridge Mass, ernannte, sollte sich das grundlegend ändern.

Zunächst war Pickering jedoch gezwungen, das Instrumentarium und die Zahl seiner Mitarbeiter drastisch aufzustocken, und nur durch geschickte Verhandlungen brachte er honorige Geldgeber und Stiftungen dazu, die benötigten Finanzmittel zur Verfügung zu stellen, so daß er seine hochgesteckten Ziele auch tatsächlich verwirklichen konnte.

Die nächste Aufgabe war eher organisatorischer Natur: Pickering stellte, von Haus aus Physiker, Photometrie und Spektroskopie in den Mittelpunkt der Arbeit der Sternwarte und schuf ganze vier Arbeitsbereiche: Photometrie, Klassifikation von Veränderlichen Sternen, Systematisierung der Klassifikation von Sternspektren sowie die Entwicklung einer photographischen Größenklassenskala.

Auf allen diesen Gebieten sollten bedeutende Arbeiten geleistet werden, die das Harvard College Observatory zu einer der angesehensten Sternwarten Amerikas machten.

Mit einem selbst entworfenen und gebauten Polarisations-Meridianphotometer bestimmte Pickering in nur drei Jahren die Helligkeiten von nahezu 80.000 Sternen bis 6.0 mag und einer Deklination bis -30°. Umfaßte der erste, an Fernrohren mit 2 bis 4" Öffnung entstandene Katalog noch 4.000 Eintragungen (Harvard Photometry), so enthielt der zweite, 1907 veröffentlichte Revised Harvard Photometry Catalogue bereits 21.000 Sterne mit 6.5 mag. Zum Vergleich zog er dabei die Helligkeit des Polarsterns heran, aber auch andere Sterne der Polsequenz. Ihm kommt außerdem das Verdienst zu, den Begriff der Größenklasse etabliert und damit der Pogsonschen Skala zu allgemeiner Anerkennung verholfen zu haben.

Etwa ab 1882 begann sich Pickering für die Himmelsphotographie zu interessieren, und legte ab 1885 am Harvard College Observatory ein Photoplattenarchiv an, das später einmal 1.500.003 Platten zählen sollte. Durch den Einsatz dieses neuen Mediums konnte er schon bald neue Typen von Sternen, Nebeln und Veränderlichen Sterne entdecken.

Die rasch voranschreitend Spektroskopic machte es erforderlich, ein Schema zur Klassifizierung der verschiedenen Spektraltypen zu entwerfen. Den ersten Versuch, Ordnung in das Chaos an Temperatur und Helligkeit zu bringen, hatte im Jahr 1865 der Italiener Pater Angelo Secchi S. J (1818-1878) mit einer dreistufigen Skala unternommen, die rein morphologisch begründet war. 1874 folgte Hermann Carl Vogel 1841-1907) mit einem System, in das auch die dato bekannten Sternentwicklungstheorien eingeflossen waren, was freilich den Nachteil hatte, daß bei jeder Veränderung der Theorie auch gleich die Klassifikation modifiziert werden mußte.

Pickering erkannte diese Problematik frühzeitig und ging mit seinen Mitarbeiterinnen Wilhelmina Fleming (1857-1911), Antonia Ceatana Maury (1866-1952) und Annie Jump Cannon (1863-1941) daran, die Vogelsche Klassifikation dergestalt mit der Secchischen zu verbinden, daß sich eine temperaturabhängige Skala ergab. Dabei wurden die heißesten Sterne der Klasse A, die kühlsten der Klasse Q zugeordnet. A J. Cannon nahm 1901 eine Untergliederung vor, führte die Klassen 0 bis B noch vor A ein und verfeinerte durch die Einführung dezimaler Zwischenstufen die fortan ,,Harvard-Klassifikation" genannte Einteilung der Sternspektren. 1913 wurde dieses Schema von der International Solar Union und 1922 nach weiteren Verbesserungen, endlich auch von der IAU anerkannt. Sie ist noch heute allgemein gebräuchlich und aus dem Alltag der Astronomen nicht mehr wegzudenken.

Aus der Zusammenarbeit mit Miss Cannon resultierte auch der 225.300 Sterne enthaltende ,,Henry Draper Memorial Catalogue" (Grenzgröße 9.5 mag). Drapers Witwe hatte nach dessen Tod am 20. November 1882 durch eine großzügige Spende an das Harvard Observatory dafür gesorgt, daß die Beobachtungen und photographischen Spektren ihres Mannes der Nachwelt erhalten blieben. Pickering und Cannon sichteten das umfangreiche Material und gaben es in den Jahren 1918 bis 1925 in insgesamt neun Bänden heraus. Allerdings konnte Pickering die Vollendung des Gesamtwerkes nicht mehr miterleben.

Eine Aufzählung der Leistungen Pickerings wäre sicher unvollständig, wenn man nicht kurz auf seine Veränderlichenbeobachtungen einginge. Er führte praktisch die Arbeiten Friedrich Wilhelm Argelanders (1799-1885) fort und entwickelte daraus ein eigenes System zur Bestimmung visueller Sternhelligkeiten: die Pickeringsche Stufenschätzmethode, die gegenüber der Argelanderschen in der Praxis einfacher zu handhaben ist.

1891 ließ Pickering in Arequipa in Peru die erste Außenstation des Harvard-Observatory errichten, dessen erste Aufgabe darin bestand, bis zur Grenzgröße von 12.0 mag photographische Spektraluntersuchungen an Südhimmelobjekten vorzunehmen, um Katalogarbeiten auch auf südliche Deklinationen auszudehnen Sein Bruder William H. Pickering (1858-1938), Entdecker des Saturnmondes Phoebe, war zeitweise ebenfalls am Harvard Observatory tätig und machte auf der zweiten Außenstation auf Jamaika zahlreiche Mond- und Marsbeobachtungen.

Edward Charles Pickering war zweifelsohne ein außergewöhnlicher Astronom, der ein hohes Maß an Leistungsvermögen besaß und durch eine Konzentration der Kräfte fast optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen in der Lage war. Neben den bereits erwähnten Arbeiten entdeckte er einen spektroskopischcn Doppelstern, photometrierte mehrere Kleinplaneten, fand bei Beobachtungen des Doppelsterns Mizar im Großen Bären heraus, daß die hellere Komponente wiederum zu einem Doppelsternpaar gehörte und glich 1910 die photographischen (Blau-) Helligkeiten der des visuellen Pogsonschen Systems an. Außerdem war er beim denkwürdigen "Astrophotographic Congress" in Paris am 16. April 1887 anwesend, wobei er sicher auch mit seinem Zeitgenossen Sir David Gill zusammengetroffen sein dürfte, den er im Juni 1913 während einer Tagung der Royal Astronomical Society ein zweites Mal sah.

Am 3. März 1919 verstarb Edward Charles Pickering, der viele Jahre Ehrenmitglied der Treptower Stemwarte war, und es wie kein zweiter verstand, sich für seine weiblichen Astronomen einzusetzen (und das im 19. Jahrhundert!) im Alter von fast 73 Jahren in Boston.

zurück zur Übersicht
© Manfred Holl, Impressum