Perseiden 2004 - Beobachten in kühler Sommernacht

Eigentlich kann ich mich gar nicht so recht daran erinnern, wann ich das letzte Mal wirklich bewusst Sternschnuppen, insbesondere die Perseiden, beobachtet habe. Die Leoniden waren mir entgangen, weil ich in der Zeit des Maximums dieses Stroms regelmäßig sehr viele Überstunden machen muss (auch am Wochenende), sodass dienstliche Verpflichtungen alle Beobachtungsbemühungen zunichte gemacht haben. Mal abgesehen von der Urlaubssperre in der Zeit, die verhindert, dass ich dann weite Reisen unternehmen kann.

Klassische Meteorbeobachtung, d.h. die ganze Nacht auf einer Liege verbringen und Schnuppen zählen, hat mich bisher nie sonderlich begeistert. Doch die Perseiden sollten in diesem Jahr besonders interessant sein. Nach Berichten u.a. in interstellarum (Nr. 35, August/September 2004, S. 30ff.) sollte es einen auffälligen Peak am 11.8.2004 um 20:54 UT (22:54 Uhr MESZ) geben. Für norddeutsche Beobachter insofern ungünstig, da zu dem Zeitpunkt die astronomische Dämmerung noch nicht vorüber war. Dem vorausgegangen waren Berechnungen von E. Lyytinen, der schon die dust trails der Leoniden vortrefflich genau berechnet hatte. Danach sollte die Erde zum fraglichen Zeitpunkt einen dieser Staubgürtel (die bei einem Aktivitätsausbruch des Ursprungskometen 109P/Swift-Tuttle im Jahr 1862 entstanden war) in nur 179.000 km Entfernung passieren. Nach optimistischen Schätzungen (wenn die mathematischen Parameter für die Leoniden einfach auf die Perseiden übertragen werden) sollte es eine stündliche Fallrate (ZHR) von bis zu 1000 Meteoren für den Zeitraum der etwa 40 minütigen Passage geben. Aber selbst pessimistische Schätzungen hätten immer noch ZHRs von 350 zur Folge gehabt, was bei einer für die Perseiden typischen ZHR von 60 schon gewaltig wäre.

Die Frage war, wie würde das Wetter werden, und wo fuhr man an dem Abend hin. Da ich Urlaub hatte, spielte die Entfernung nur eine bedingte Rolle, allerdings: Fahrten nach Baden-Württemberg oder Sachsen, wie einige vorgeschlagen hatten, hätte ich nicht unternommen, allenfalls vielleicht noch nach Holland oder Belgien. Die Wetteraussichten waren stark schwankend, am Vorabend sah es nach einer Pleite aus, auch noch am Mittag des 11.8. Interessant am Rande: Exakt fünf Jahre nach der totalen Sonnenfinsternis sollte es wieder ein astronomisches Highlight geben.

Ein paar Tage zuvor hatte mich Christian Harder zu einer Beobachtungsaktion nach Fintel eingeladen. Gleichzeitig wollte sich eine Beobachtergruppe östlich von Hamburg treffen. Wohin fahren? Dank vieler informativer Mails über die Mailingliste der GvA-Hamburg wurde sehr bald deutlich, dass man Hamburg in süd-südöstlicher Richtung verlassen musste. Da stand fest, dass ich die Einladung nach Fintel annehmen würde. Schon auf dem Weg zu meiner Garage sah ich, dass sich in nordöstlicher Richtung in rascher Folge fünf hoch aufragende Wolkenberge bildeten: Regelrechte Gewittertürme. Das wurde immer mehr, je weiter ich nach Süden fuhr. Nach dem Einschwenken in die Autobahn nach Bremen blieben diese Wolken dann aber hinter mir.

In Fintel angekommen hatte Christian in seinem Garten bereits Instrumente und zwei Liegen aufgebaut. Ich selbst hatte lediglich eine alte mechanische Kamera, Fotostativ, Drahtauslöser und zwei Ektachrome 400-Filme mitgenommen.

Die Zeit bis zur einsetzenden Dämmerung verging wie im Fluge und wir warteten auf den Liegen gespannt auf das Ereignis. Das erste, was wir beobachteten, war die Feuchtigkeit, die alles in Beschlag nahm. Wirklich alles, angefangen von den Optiken über Stative bis hin zu den Decken begann binnen kurzem zu durchfeuchten (mein Fotostativ war am folgenden Morgen immer noch nass). Wir begannen ob der Feuchtigkeit leicht zu frieren. Das würde keine angenehme Perseidennacht im T-Shirt werden. Notgedrungen verzichteten wir auf die Fotografie, da man sowieso dauerhaft hätte fönen müssen, wodurch wir mit Sicherheit noch weniger Schnuppen gesehen hätten, und garantiert würde dann die Kamera in die falsche Richtung zeigen. Daher beschlossen wir, uns ganz dem visuellen Eindruck hinzugeben, ohne Stress und Hektik.

Wir hatten die Liegen so positioniert, dass wir (vom gelegentlichen Frösteln abgesehen) entspannt in Richtung Cassiopeia - Schwan blickten. Die ersten Perseiden ließen dann auch nicht mehr lange auf sich warten. Aufgrund der Perspektive des niedrig stehenden Radianten sahen wir zunächst nur relativ kurze Schnuppen. Aber auch einige wirkliche Kracher waren darunter, viele davon mit Nachleuchtspur (die ich aber nicht farbig sehen konnte). Der Uhrzeiger rückte unerbittlich vor und schon war es 22:54 Uhr MESZ. Doch von dem vorhergesagten Sturm war nichts zu sehen. Zwar gab es eine ordentlich Zahl von Meteoren, aber bei weitem nicht das, was vorhergesagt wurde. Ab 23 Uhr MESZ wurde die Straßenbeleuchtung im Dorf abgeschaltet, sodass wir auch die um einige Größenklassen schwächeren Schnuppen sehen konnten. Aber irgendwie passierte nichts wirklich Spektakuläres.

Entweder waren es nur kurze Erscheinungen oder kräftige Meteore mit Nachleuchtspur. Dazwischen gab es irgendwie nichts. Auch auffällig war, dass oft minutenlang nichts passierte. In der Zeit beobachteten wir, ständig den Himmelabschnitt zwischen Cassiopeia und der südlichen Milchstraße absuchend, mehrere Satelliten, davon zwei polumlaufende, die fast auf gleicher Höhe gemächlich dahinzogen. Nicht zu vergessen ein Iridiumflare südlich von Cas. Oder wir schwelgten in alten Astroerinnerungen und gedachten der Sternfreunde in Tschechien und der ehemaligen DDR, die regelmäßig gemeinsame Meteorbeobachtungen, z. B. an der kultigen Ondrejov-Sternwarte in der Nähe von Prag durchführten und fanden es faszinierend, dass sich Leute selbst bei schwachen Strömen mitten im Winter draußen hinlegten, um Schnuppen zu zählen, selbst wenn die ZHR nur 10 oder weniger beträgt.

Was wir auch beobachten konnten, war ein immer kräftiger werdendes Wetterleuchten in NNO. Gegen Mitternacht schätzten wir eine ZHR von 60 bis 80, also eine leicht erhöhte Aktivität. Als kurz nach 0 Uhr MESZ dann gleich drei dicke Schnuppen über den Himmel zogen, dachten wir schon, man habe sich bei der Berechnung um eine Stunde verschätzt, aber dann wurde es wieder ruhiger. Gegen 0:30 Uhr MESZ brachen wir dann ab, zwar schien die Aktivität kurz nach Mitternacht leicht anzusteigen, aber der erwartete Sturm war es nicht. In der ganzen Beobachtungszeit sahen wir auch einige sporadische Meteore, die mindestens ebenso eindrucksvoll wie die Perseiden waren und zumeist im 45°- Winkel zu diesen über den Himmel zogen.

Insgesamt ein interessanter und durchaus aufregender Abend, wenn auch ein Megasturm nicht beobachtet werden konnte. Jetzt, zwei Tage später, scheint es wohl doch einen kleinen Peak gegeben zu haben, der aber weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben war. Manche Beobachter wesentlich weiter südlich als wir, sahen auch zwischen 3 und 4 Uhr MESZ eine erhöhte Aktivität.

Dass wir den Peak visuell (allerdings ohne Aufzeichnung der Beobachtungen, nur vom bloßen Eindruck her) nicht beobachten konnten, kann damit zusammenhängen, dass der Himmel durch die örtliche Beleuchtung zunächst keine optimale Grenzgröße aufwies. Die Transparenz war wegen der hohen Luftfeuchtigkeit ebenfalls sicher nicht die beste, wenngleich wir etwa die Teilung in der Milchstraße im Schwan gut und auch in Richtung Horizont noch viele Sterne beobachten konnten. Sicher sind uns auch etliche Meteore entgangen, die wir nur aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen haben, oder die in unseren Rücken niedergingen, ohne dass wir sie registrierten.

Beim Aufstehen um 0:30 Uhr (Christian musste später wieder zur Arbeit) war in südlicher Richtung leichter Nebel zu sehen und auch auf der Rückfahrt musste ich mehrmals richtige Nebelbänke durchfahren. In Hamburg sah ich dann auf der Autobahn beim Fahrspurwechsel aus den Augenwinkeln heraus noch mal einen hellen sporadischen Meteor.

Wenngleich der erwartete Sturm bei mittleren Sichtbedingungen anscheinend ausgeblieben ist, so war es dennoch ein interessanter Beobachtungsabend. Und wer weiß, der nächste Meteorstrom kommt bestimmt...

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