Peenemünde 1999

Im zweiten Anlauf schaffte ich es am Ostersonnabend, den 3. April 1999 nun doch, zusammen mit meinem Astrofreund André Wulff nach Peenemünde zu fahren. Im Vorjahr war diese Exkursion am schlechten Wetter (Dauerregen) gescheitert, doch dieses Mal hatte Petrus ein einsehen, zumindest, was den Wetterbericht in der vorösterlichen Woche anging.

Wir fuhren von Hamburg aus über die A 24 bis Wittstock, wechselten zur A 19 in Richtung Rostock. Hier machte sich erstmals in Talsenken Bodennebel bemerkbar, der einerseits einen sehr fotogenen Sonnenaufgang bescherte, andererseits aber auch die Sicht auf teilweise unter 100 m drückte. Bei Teterow verließen wir die Autobahn, die Fahrt auf Landstraßen wurde immer interessanter, vor allem, als bei kurvenreicher Strecke und 50 m-Sicht ein Trecker vorausfuhr, der nur mit überhöhtem Risiko zu überholen war.

Nach insgesamt rund 5 Stunden Fahrt kamen wir schließlich bei fast strahlendem Sonnenschein, aber wenig frühlingshaften Temperaturen in Peenemünde am nordwestlichen Zipfel der Ostseeinsel Usedom an. Im Jahr 1992 war ich schon einmal hier und nun gespannt darauf, wie sich das Historisch-Technische Informationszentrum seit dem verändert hatte, welche der bislang gesperrten, weil munitionsverseuchten Anlagen nun zur Besichtigung inzwischen freigegeben waren.

Vor dem Eingang erwartete uns ein mobiler Büchershop, (in der Bunkerwarte und im Peenemünder Hafen gab es feste Bücherstände, während der im Kraftwerk geschlossen war). Nach Lösen des Parkscheins, der Eintrittskarte und einem Obolus für Video- und Fotoerlaubnisse, betraten wir das historische Gelände an der Peene. Schon von weitem konnten wir das 14 m hohe 1:1-Modell des Aggregates 4 vor der Bunkerwarte erkennen. Zur linken fielen uns der Abfangjäger MiG 23 ML, die Hubschrauber Kamow Ka-26 und Mil Mi2 sowie die Flugzeuge "Cmelak"-Z 37 und AN-2 auf, zur rechten standen eine MiG-21 PFM und ein Modell der Fi-103-Flugbombe, besser bekannt unter der Bezeichnung V 1. Natürlich wurden die Ausstellungsobjekte eingehend betrachtet, gefilmt und fotografiert, wobei ich nicht mit Filmmaterial geizte, da es nicht absehbar war, wann man hierher wiederkommt.

Danach besichtigten wir das eigentliche Informationszentrum in der Bunkerwarte, in der sich einst das Schaltzentrum des Elektrowärmekraftwerkes an der Peene befand (welches man schon vom Eingang her sieht) und das bei Luftangriffen Schutz bot. Vor dem Gebäude konnten Überreste des A 4, ein A 4-Spannring, eine Triebwerksdüse und ein A 4-Tank besichtigt werden. Vor sieben Jahren stand hier einmal ein wesentlich kleineres A 4-Modell.

Das Innere der Bunkerwarte ist hingegen sehr vielschichtig gestaltet. Im Vorraum sind mehrere A4-Überreste aus den Peenemünder Wäldern ausgestellt: Eine Nutzlastspitze, in der der Sprengstoff untergebracht wurde, ein Einspritzkopf und eine Turbopumpe, sowie viele, stark verrostete Kleinteile.

Der Hauptausstellungsraum wird von einem großen Diorama des gesamten Peenemünder Geländes und eines Modells des Prüfstandes VII eingenommen, von dem aus am 3. Oktober 1942 das erste A 4 erfolgreich startete. An den Wänden hängen Hinweistafeln zur Geschichte der Peenemünder Raketenentwicklungen sowie der amerikanischen und der sowjetisch-russischen Raumfahrt. Die oft verschwiegene und verschleierte nationalsozialistische Vergangenheit Wernher von Brauns und der Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen aus den Lagern Trassenheide (einer Außenstelle des KZ Ravenbrück, die Häftlinge selbst kamen überwiegend aus dem KZ Buchenwald) und Mittelbau-Dora im Harz werden zwar nicht außer acht gelassen, könnten aber stärker betont werden!

Im Ausstellungsraum wird zudem stündlich ein Videofilm über die Geschichte Peenemündes und des A 4 vorgeführt.

Im Keller befinden sich weitere zu besichtigende Räumlichkeiten und viele Exponate, die auch auf Peenemünde-West, die Erprobungsstelle der Luftwaffe, eingehen. Modelle der He-176 und der Me-163 sowie der Flakrakete "Wasserfall" sind neben vielen aus dem Kraftwerk montierten Teilen und den obligatorischen Hinweistafeln zu bestaunen. In einigen Nebenräumen wurden die alten Apparate aus der Telefonvermittlung des Kraftwerks, verschiedene, auch moderne Raketenteile, z. B. aus der sowjetischen SS-20, aufgestellt. Ein Blickfang ist sicherlich der Nachbau eines Arbeitszimmers eines Ingenieurs der Heeresversuchsanstalt aus den 40er Jahren. Unter den hier gezeigten oder ähnlichen Bedingungen wurden das A 4 und die Weiterentwicklungen A4b und A9/A10 konstruiert.

Aus der Bunkerwarte kommend gingen wir unterhalb der imposanten Kranbrücke, die noch den alten Bekohlungshauptkran enthielt, in Richtung Hafen, wobei wir zwei weitere Flugzeuge unter die Lupe nahmen, die noch nicht einmal im Museumsführer standen, also zu den neueren Ausstellungsobjekten zählten. Im Hafen lag das kleine Raketenschiff "Tarantula I" aus sowjetischer Produktion vor Anker und konnte besichtigt werden, worauf wir aber, hauptsächlich aus Zeitgründen, verzichteten. Dafür weckten die verschiedenen, hier gezeigten Tragebojen, Kontaktminensuchgeräte und Fernzündungsminen unser Interesse.

An der Südseite des Kraftwerks vorbei, dessen Innenleben zum Teil demontiert und in die Bunkerwarte verfrachtet worden ist, gingen wir weiter und trafen im Innenhof auf diverse "moderne" sowjetische Raketen: die Boden-Luft-Raketen "Krug-M" SA-4B, "Wega" S-200 WA, "Dwina" 11D/11DAM (W-750) und "Newa" 5W57 die Boden-Boden-Rakete "Luna-M" sowie das Schulflugzeug Aero L39Z0 (Albatros), das Schleppziel KT-04 mit Startwagen und ein Treibstofftank der 3. ARIANE-Stufe. Im Ostflügel des Kraftwerks sind weitere Ausstellungen untergebracht, die wir aber ebenfalls nicht besichtigten.

Ein paar Schritte weiter konnten wir am Wegesrand neben dem beeindruckenden Schiffsmotor 40DM samt Verstellpropelleranlage auch die Dimensionen eines Transport- und Startcontainers für Schiff-Schiff-Raketen begutachten.

Mittlerweile meldeten sich unsere Mägen und auch der Durst wollte gestillt sein. Plagen einem derart menschliche Bedürfnisse, so findet man hier ausreichend Gelegenheit für qualitativ unterschiedliche Mahlzeiten. In einem alten Feldsalonwagen der NVA wurden Speisen der mittleren Preisklasse angeboten, daneben gab es einen Imbißstand, der allerdings keine freien Sitzplätze mehr aufwies. Also begaben wir uns zurück zum Eingang, wo es neben einem Souvenirstand weitere Imbißbuden gab, aus deren Angebot wir für unser leibliches Wohl sorgten.

Nach dem Imbiß nahmen wir an einer weiteren Bude außerhalb des eingezäunten Museumsgeländes ein Eis zu uns und begaben uns dann zum russischen U-Boot "U 461", das am südöstlichen Teil des Hafengeländes festgemacht hatte. Vorbei an den leerstehenden Kasernen der ehemaligen 1. Flottille der DDR-Volksmarine (Marinestützpunkt von 1950 bis 1996), die an alte Wehrmachtsbauten erinnerten und wohl auch aus dieser Zeit stammten, ging es dann bis zur Anlegestelle. Auch hier hatten sich wahre Menschentrauben angesammelt; alle warteten auf eine Möglichkeit zur Besichtigung des größten, dieselelektrisch betriebenen Unterseebootes der Welt. Wieder war Verzicht angesagt und so spazierten wir langsam zurück zum Parkplatz, natürlich nicht, ohne noch ein paar Fotos geschossen zu haben.

Vom Parkplatz aus wurden wir, im Gegensatz zur Situation von vor sieben Jahren, nicht auf der Hauptstraße wieder aus Peenemünde herausgeführt, sondern in Richtung Norden. Hoffnung machte sich breit, hier etwas "Neues" zu entdecken. An einer Vorfahrtsstraße bogen wir statt rechts nach links ab und kamen schließlich zu einer alten, stillgelegten Hafenanlage, in dem sich alter "NVA-Schrott" befand. Nach dem Studieren der Karten stellten wir fest, daß wir uns irgendwo am Rande der alten, ehemals zu Peenemünde-West gehörenden und später von der NVA genutzten Startanlagen befanden. Leider gab es auch hier, wie anderenorts, viele Zäune, die ein Weiterkommen verhinderten. Man hätte zwar einfach darübersteigen können, doch war uns das Risiko zu groß, ohne Metalldetektor in ein munitionsverseuchtes Gebiet einzudringen. Ein Weg, der am Rande des abgesperrten Gebietes entlang führte, war allerdings für meinen Golf nicht passierbar, da hätte man einen Geländewagen benötigt.

Also kehrten wir um und gelangten, nach dem wir den Vorfahrtsstraßen folgten, schließlich zum Flugplatz Peenemünde, von dem aus am Wochenende um 11, 13 und 15 Uhr und wochentags um 13 und 15 Uhr "Rundfahrten zu historischen Stätten" mit einem Elektrobus angeboten werden. Die Tour führt u.a. zu alten V 1-Abschußrampen an der Nordwestspitze der Insel Usedom. Der Prüfstand VII und auch alle anderen befinden sich noch immer innerhalb eines munitionsverseuchten Sperrgebietes und sind offenbar immer noch nicht zugänglich. Allerdings handelt es sich hier nicht mehr um militärische Sperrzonen, da die Bundeswehr als Rechtsnachfolgerin der NVA das gesamte Gelände 1996 entmilitarisiert hat. Nunmehr unterstehen diese Gebiete der Bundesvermögensverwaltung. Vom Flugplatz aus können außerdem Rundflüge über die Insel Usedom unternommen werden.

Nach einer kurzen Pause fuhren wir noch einmal nach Peenemünde zurück, da wir das Sauerstoffwerk besichtigen wollten, in dem eines der beiden Hauptkomponente des Treibstoffgemischs des A 4, nämlich der flüssige Sauerstoff, industriell aufbereitet wurde. Bei der anderen Komponente handelte es sich um Methyalkohol, für dessen Herstellung einmal die gesamte Kartoffelernte des Deutschen Reiches verarbeitet wurde.

Die Zufahrt zum Sauerstoffwerk war aufgrund von Straßenbauarbeiten gesperrt und so kehrten wir abermals zum Flugplatz zurück, den wir gegen 14.30 Uhr erreichten. Leider kamen wir zu spät, um die Rundfahrt noch machen zu können. Denn trotz der Abfahrtszeit um 15 Uhr war der Rundfahrtbus schon voll. Außerdem fuhr er auch bereits um 14.45 Uhr ab, ein nicht gerade kundenfreundlicher Service, zumal es täglich nur ganz wenige Rundfahrten gibt.

Wir beobachteten noch eine Zeitlang das Geschehen auf dem Flughafengelände (ein Teil wird von einem örtlichen Motorradverein für Übungsfahrten genutzt) und studierten abermals die Karten. Dabei fanden wir den Hinweis, daß es an der Peene alte Bunkerreste geben sollte. Bei der Gelegenheit erinnerte ich mich an eines meiner Peenemünde-Bücher, die bei mir im Regal stehen und in dem auch von alten Bunkerresten die Rede war. Außerdem wollte ich noch die alten Wohnsiedlungen der Wissenschaftler und Techniker Peenemündes in Karlshagen fotografieren. Zudem hatten wir uns vorgenommen, auch das Mahnmal am Rande der Hauptstraße nach Trassenheide zu besichtigen. Also machten wir uns zunächst auf den Weg nach Karlshagen.

Der Parkplatz am Karlshagener Hafen war schnell erreicht; die alten Bunker sollten von hier aus rd. 1,5 km entfernt zu finden sein. Also machten wir uns auf den Weg. Unterwegs fanden wir ein paar Steinsäulen und einige kleinere Teile, bei denen wir uns jedes Mal fragten, ob die aus jener Zeit stammten, oder moderneren Ursprungs waren.

Schon auf der Hinfahrt zum Karlshagener Hafen waren uns einige, im Wald versteckte, Gebäude aufgefallen, die möglicherweise zum ehemaligen Versuchskommando Nord gehören, wo Wehrmachtsangehörige entsprechend ihrer zivilberuflichen Qualifikation und nicht nach ihrem militärischen Rang an der Entwicklung des A 4 und anderen Projekten, arbeiteten. Später wurde hier eine Fliegerdienststelle der NVA eingerichtet.

Vom Wanderweg an der Peene aus konnten wir einige Gebäude am Waldesrand erkennen, wir waren uns aber nicht sicher, ob es sich hier um Unterstände für Zucht- und Mastvieh oder um Reste zeitgenössischer Bauten handelte. Schließlich befanden sich dereinst in diesem Waldstück drei Serienprüfstände. Auch sie sind heute (immer noch) nicht zugänglich.

Schließlich kamen wir bei den Bunkerresten an der Peene an. Hier fanden wir viele eingestürzte, gesprengte Betonbauten, die früher einmal gefertigte A 4 beherbergten und einiges Gerät, das am nahen Prüfstand 11 getestet worden war. Heute ist davon außer zerstörten Gebäuderesten nichts mehr übrig. Auch läßt sich die Bedeutung dieser Bauten kaum noch nachvollziehen, einer davon könnte vielleicht eine kleinere Halle, ein anderer vielleicht ein Beobachtungsunterstand oder eine alte Flakbatterie gewesen sein. Ohne genaue Unterlagen aus der damaligen Zeit läßt sich das nicht mehr einwandfrei rekonstruieren. Wir verbrachten eine gute Stunde hier, turnten zwischen den Trümmern umher, filmten und fotografierten fast alles und kehrten danach zum Parkplatz zurück. Während einer Kletteraktion im Gelände begegnete ich einer Blindschleiche, die mit hoher Geschwindigkeit vor mir fürchtete. Es war für mich die erste Begegnung mit dieser Tierart. Allerdings hatte sie wohl mehr Angst vor mir als ich vor ihr!

Vom Parkplatz aus fuhren wir dann zur Siedlung Karlshagen, die den Wissenschaftlern und Technikern aus Peenemünde als Unterkünfte dienten und nach dem Kriege, zumindest äußerlich, im alten Stil wieder aufgebaut worden waren. Das Mahnmal konnten wir dann aus Zeitgründen nicht mehr besichtigen. Dafür hielten wir an einem Parkplatz an der von Peenemünde über Karlshagen nach Trassenheide führenden Hauptstraße und liefen zum nahegelegenen Strand, von dem aus wir zur Greifswalder Oie hinüberschauen wollten. Dort hatte es in den 30er Jahren, lange bevor man an die Gründung einer Heeresversuchsstelle in Peenemünde dachte, Versuche mit A 2- und A-3- sowie später mit A 5-Raketen gegeben. Die Sicht war allerdings so schlecht, daß man die vorgelagerte Insel nicht einmal mit dem Feldstecher erahnen konnte.

Nach einer kurzen Rast an einer Bushaltestelle in Trassenheide und einem aus Keksen, Erdnußflips und Cola bestehendem Abendessen ging es wieder heimwärts, wo wir gegen 23.30 Uhr ankamen.

Während einer kleinen Pause an einem Rastplatz an der A 24 stiegen wir kurz aus und befanden uns unter einem Sternhimmel mit 5,5 bis 6,0 mag visueller Grenzgröße. Schnell schnappte ich meinen 8 x 40 Feldstecher, der im Handschuhfach lag und schon wurde gescopt: M 36, M 37 und M 38 im Fuhrmann, h + chi im Perseus, M 31 und ein Schwenk durch die Milchstraße in der Cassiopeia. M 42 konnte wegen einer Wolkenbank nicht beobachtet werden, auch blendeten einige der vorbeifahrenden Autos. Als dann ein weiteres Fahrzeug auf dem Parkplatz anhielt, stiegen wir wieder ein und fuhren weiter.

So ging denn ein anstrengender, aber zugleich erlebnisreicher Tag zu Ende. In einem Punkt aber bin ich mir ziemlich sicher: Ich werde wieder nach Peenemünde fahren und damit hoffentlich nicht wieder sieben Jahre warten müssen!

Bildergalerie:
Modell des Aggregates 4
Fundstücke des A 4
Prüfstand VII

Senken und Schneisen vor dem Prüfstand
Siedlung Karlshagen 1999
Zerstörte Bunkeranlagen an der Peene

Peenemünde 2000
Peenemünde 2001

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