Peenemünde 2001

Das Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt in Peenemünde an der Nordwestspitze der Ostseeinsel Usedom war für André Wulff und mich auch in diesem Jahr am Ostersonnabend wieder das begehrte Reiseziel. Hier war in der Zeit zwischen 1936 und 1945 eines der größten Hochtechnologiezentren und militärischen Forschungseinrichtungen des 3. Reiches entstanden, deren Überreste noch immer aus dem Waldboden aufragen und die wir in diesem Jahr hauptsächlich mit Videokameras dokumentieren wollten.

Wie im Vorjahr hieß es auch dieses Mal wieder sehr früh aufstehen, denn schon um 5 Uhr fuhren wir aus Hamburg los und nahmen den schon beschriebenen Weg an die Ostsee. Wir kamen ziemlich genau um 9.30 Uhr am Parkplatz unweit des Flugplatzes in Peenemünde an. Als erste Neuerung (oder ich hatte das bisher übersehen?) fielen mir gegenüber dem Parkplatz Ruinen auf, die offenbar erst kürzlich völlig freigelegt worden waren. Ein Hinweisschild weis darauf hin, dass sich an dieser Stelle einstmals das Wachtor zur Heeresversuchsanstalt (HVA) befand. Ich erinnerte mich an ein zeitgenössisches Photo mit Schlagbaum. Vom Wachhaus sind indes nur noch das Fundament und einige umgestürzte Mauern übrig.

Nun wussten wir auch, dass die größtenteils überwucherten, aber immer noch sichtbaren, verwitterten Bahngleise auf der anderen Straßenseite definitiv zur alten Werksbahnanlage gehörten. Hier wurden die Werksangehörigen mit Zügen, die aus Waggons abgewandelter und dem Zweck angepasster Berliner S-Bahn-Wagen bestanden, an ihre weit im Gelände verstreuten Arbeitsstätten gefahren. Die Endhaltestellen lagen entweder in Peenemünde-Ost (dem Raketenversuchsgelände) oder in Peenemünde-West (dem Testgebiet der Luftwaffe). Zudem fuhren einige Züge auch direkt zu den Prüfständen an der Ostsee.

Unser erstes Ziel an diesem Tag war noch einmal der Prüfstand 7, von dem aus am 7. Oktober 1942 der erste erfolgreiche Start eines A 4 (V 2) erfolgte. Für die später in die USA emigrierten und in die UdSSR verschleppten „alten“ Peenemünder wurde hiermit das Tor zum Weltraum aufgestoßen, da die Rakete mehr als 80 km Höhe erreichte, der so definierten Grenze zwischen Erdatmosphäre und Weltraum. Das stimmt zwar, doch lag am Endpunkt der Flugbahn nicht ein Objekt außerhalb der Erde, sondern während der Testphase Orte entlang der pommerschen Küste oder in einem Fall auch Südschweden und beim Kriegseinsatz Großstädte wie London, Paris, Brüssel oder Antwerpen!

Nichtsdestotrotz geht von diesem Ort immer noch eine gewisse Faszination aus und so machten wir uns auf den Weg zum legendären Prüfstand an der nordwestlichen Spitze der Insel. Am Eingang wies ein Schild auf die Lebensgefahr beim Betreten des Geländes hin, doch konnte man mühelos diese und andere Absperrungen umgehen, ohne den Weg verlassen zu müssen.

Im Gegensatz zum letzten Mal wollten wir uns dieses Mal etwas öfter seitwärts in die Büsche schlagen, dabei aber vorwiegend ausgetretene Pfade nutzen. Wie wir sehen konnten, führten an vielen Stellen Trampelfade ins Unterholz, das auch heute noch, nach den Bombardements der Royal Air Force, den Sprengungen durch die sich zurück ziehenden Wehrmachtseinheiten und den Schleifungen und Demontagen der sowjetischen Besatzungsmacht viele Mauerreste, aus dem Boden aufragende Lüftungsrohre und diverse Trümmerstücke enthält.

Auf einem der verschlungenen Wege stießen wir auf ein relativ frei geräumtes, regelmäßiges Areal, wo einwandfrei erkennbar in früheren Zeiten mal ein Haus gestanden hat, abseits davon, schon ziemlich tief im Waldboden versunken, kamen Mauerreste, früher vielleicht mal die Decken von Kellerräumen, zum Vorschein. Vielleicht stand hier einmal das so genannte BMS-Haus (Bord-, Mess- und Steuergeräte) oder eine andere Einrichtung des Werkes Ost. Anhand der mir vorliegenden Karten ist eine eindeutige Zuordnung nur schwerlich möglich. Das war leider auch in anderen Fällen so.

Wir waren nach Besichtigung dieses Überbleibsels auf einer anderen betonierten, aber schon zum größten Teil wieder überwucherten Straße mitten im Wald auf eine einsame Wand gestoßen, die ich sogleich erkundete. Wozu sie gehörte, war auch in diesem Fall völlig unklar. Auch sie gehörte mit Sicherheit zu einigen der militärischen Forschungsstätten, die sich entlang der Küste inmitten des dichten Kiefernwaldes verbargen.

Einmal wichen wir vom Weg ab, gelangten aber nur zu einigen offenbar natürlichen Erhebungen, wie man sie in Waldböden immer wieder findet. Kurz bevor es dann zum Prüfstand leicht nach links wieder tiefer in den Wald hinein ging, weitete sich zu unserer Linken das Gelände zu einem ziemlich freien Feld mit hellem Sandstrand, den wir etwas genauer unter die Lupe nahmen. Uns kam hier gleich der Gedanke, dass es sich hier ebenfalls um alte Prüfstände handeln könnte, ich bin mir da aber nicht ganz sicher, zumal alle meine Karten die Prüfstände zur Seeseite hin ausweisen (also rechts vom Weg) und nicht nach links.

Nachträgliches Literaturstudium am Ostermontag führte zu einer groben Übersichtskarte, in der die Bombentrichter des britischen Luftangriffes in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 eingezeichnet waren. Mit der Position käme das hin und die an dieser Stelle vorgefundenen Tümpel könnten durch das Grundwasser entstanden sein, dessen Spiegel hier extrem niedrig liegt. Ein paar Mauerreste weisen darauf hin, dass hier „etwas“ war. Was allerdings gegen die Annahme spricht, bei den Bodenabsenkungen würde es sich um Bombentrichter handeln, ist einmal deren Regelmäßigkeit und Größe und zum anderen die am Rande, im Boden schon fast versunkenen Wasserzuführungssysteme. Außerdem wirken die Zentren der Krater sehr regelmäßig, ganz so als hätten sich hier einmal Startanlagen befunden. Vielleicht handelte es sich aber auch nur um vorbereitete, aber nie realisierte Prüfstände. Eine der Karten weist für diese Region Bauwerke des Entwicklungswerkes aus.

Immer noch rätselnd, was hier früher einmal stand, gingen weiter in Richtung zum Prüfstand, erkundeten dort noch einmal das Gelände, filmten und fotografierten alles sehr ausgiebig. Neues fanden wir hier allerdings nicht., abgesehen von an verschiedenen Stellen auftauchenden Gulliöffnungen auf, die mit Wasser gefüllt waren. Wenn man da im Halbdunkel durchs Gelände marschiert, kann man sich hier ohne Weiteres seine Knochen brechen. Welche Funktionen diese Bodenöffnungen dereinst (oder heute?) hatten, lässt sich aber auch nur erraten.

Für den Rückweg benötigten wir bei strammem Fußmarsch eine gute dreiviertel Stunde. Anschließend ging es zum Flugplatz, wo wir eine kleine Mahlzeit in Form eines Würstchens mit Brot einnahmen. Auf eine Rundfahrt zu den V1-Abschussrampen verzichteten wir allerdings, da diese nicht sehr ergiebig ist. Dafür filmten und fotografierten wir hier die aus dem Museum ausgelagerten Flugzeuge und Hubschrauber.

Anschließend fuhren wir zum Historisch-Technischen Informationszentrum Peenemünde, das um das alte Kraftwerk an der Peene herum errichtet wurde. Hier wirkte alles viel aufgeräumter als in den vorangegangenen Jahren. Die Flugzeuge standen nun unter dem Bekohlungshauptkran, dafür hatte man einige Raketenwaffen neben die Bunkerwarte gestellt. Das eigentliche Museumszentrum, d.h. der Büchershop und die Ausstellung sind in neu eingerichtete und erheblich erweiterte Räumlichkeiten im Kraftwerk, das immerhin, mit Unterbrechungen, bis 1990 in Betrieb war, umgezogen und machen nun einen sehr gepflegten und liebevoll hergerichteten Eindruck. Zudem gibt es hier in einem großen Hörsaal eine Mulivisionsshow, in dem stündlich der Videofilm „Es begann in Peenemünde...“ gezeigt wird.

Da es mittlerweile schon früher Nachmittag war und wir allmählich an die fast fünfstündige Rückfahrt denken mussten, verzichteten wir auf den Film und den Besuch der Ausstellung. Bevor wir das Museum endgültig verließen, stärkten wir uns bei einem Imbiss mit Würstchen und Brot bzw. Schnitzel mit Pommes. Wir fuhren jedoch nicht gleich zurück, sondern legten einen ersten Zwischenstopp am weithin sichtbaren Sauerstoffwerk ein, dessen Ruine allerdings wegen Einsturzgefahr nicht betreten werden kann. Mit der Zoomfunktion meiner Videokamera konnte ich allerdings manches Detail herausholen. Dieses nun unter Denkmalschutz stehende eindrucksvolle Gebäude hatten in der Vergangenheit allen Sprengversuchen der sowjetischen Besatzer widerstanden und macht heute deutlich, wie massiv die Einrichtungen in Peenemünde gebaut worden waren. Schließlich gehörte Beton und besonders Stahlbeton zu meist verwendeten Baustoff im 3. Reich!

Den nächsten Halt unternahmen wir gegenüber der ehemaligen Wohnsiedlung der Wissenschaftler und Technikern der HVA in Karlshagen, wo sich auch das Nordtor der Anlage des Versuchskommando Nord (VKN), wo Wehrmachtsangehörige ihrem wissenschaftlichen und technischen Rang entsprechend an der Entwicklung der flüssigkeitsgetriebene V 2 arbeiteten. Die Anlage wurde später von der NVA übernommen und für ihre Zwecke verändert. Vom ehemaligen VKN ist hier und auch auf der Südseite nicht mehr viel erkennbar.

Damit war der Ausflug auch schon wieder fast beendet. Wir machten nur in Remplin noch Station, um den Fortschritt der Arbeiten am dortigen Astroturm (er hat mittlerweile eine offenbar selbst gebaute Kuppel erhalten) zu begutachten, zu filmen und zu fotografieren. Dann ging es endgültig ab nach Hause, wo wir um 21:30 Uhr bei leichtem Schneefall und nasskalter Luft ankamen. Auf Usedom und auch noch während des ersten Teils der Rückfahrt hatten wir einen strahlend blauen Himmel über uns.

Bildergalerie:
Modell des Aggregates 4
Fundstücke des A 4
Prüfstand VII
Senken und Schneisen vor dem Prüfstand
Siedlung Karlshagen 1999
Zerstörte Bunkeranlagen an der Peene

Peenemünde 1999
Peenemünde 2000

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