Peenemünde 2000

Wie schon im Vorjahr fuhren André Wulff und ich am langen Osterwochenende, dieses Mal am Karfreitag, nach Peenemünde. Hatten wir 1999 hauptsächlich das Gelände des Historisch-technischen Informationszentrums am Nordwestzipfel der Ostseeinsel Usedom, die gesprengten Bunkeranlagen an der Peene und die wieder hergerichteten Unterkünfte der Wissenschaftler und Techniker in Karlshagen besichtigt, wollten wir jetzt die im letzten Jahr versäumte Besichtigungstour zu den Fi 103/V1-Abschussanlagen nachholen und versuchen, für uns neue Bereiche des weit läufigen Gebietes zu erkunden.

Am 21. April um kurz nach 5 Uhr morgens ging es auf dem bekannten Weg los. Bei Remplin an der B 104 zwischen Teterow und Malchin erblickte ich rechts von mir in einem Park einen Turm und mir fiel ein, hier den bekannten Astroturm gesehen zu haben. Wir beschlossen, diesen auf der Rückfahrt einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Gegen 9.30 Uhr standen wir dann auf dem Flugplatz Peenemünde, der nach wie vor von kleinen zweimotorigen Maschinen genutzt wird, aber auch für größere geeignet ist. Als erste Neuerung des Tages fielen und zwei Flugzeuge auf, die auf dem Vorplatz postiert waren und wohl zum Bestand des Museum gehörten und ausgelagert waren. Auf einem Schild lasen wir, dass für 11 Uhr eine außerordentliche Rundfahrt angesetzt war, neben den regulären um 13 und 15 Uhr. Da wir diese Tour auf keinen Fall versäumen wollten, beschlossen wir, erst danach zum Museum zu fahren und zunächst noch einmal den nördlich davon gelegenen Hafen zu erkunden.
Der war jedoch, im Gegensatz zum letzten Mal, abgesperrt, also fuhren wir zurück, bogen dann in einer Seitenstraße ein und landeten schließlich vor einem geöffneten Tor, hinter dem sich ein Betonbalken befand. Neugierig geworden gingen wir durch das Tor und stießen so auf den nordöstlichen Sektor des Flughafen, der aber offensichtlich nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck entsprechend genutzt wurde. Neugierig geworden erkundeten wir das Gelände. In der Ferne erblickten wir einige grüngefärbte Shelter, in denen die NVA seit 1967 einen Teil der Flugzeuge des hier stationierten 9. Jagdgeschwaders untergestellt hatte.

Wir gingen weiter und entdeckten nun eine Reihe von Trümmern, viereckigen Betonblöcken und Reste von Abflusssystemen, die mit der Peene verbunden waren. Welche Bedeutung sie hatten, kann man heute nur noch erraten. Nachfragen während der Besichtigungstour ergaben, dass hier im Bereich der ehemaligen Luftwaffen-Erprobungsstelle Peenemünde-West nur Flakgeschütze gestanden haben sollen, dazu würden vielleicht die Betonblöcke, aber keineswegs die anderen Überreste passen und dass diese aus der Zeit von vor 1945 stammen mussten, sah man dem Verwitterungsgrad des Betons und der Drähte an.

Ein Blick in die Literatur half weiter, brachte aber kein eindeutiges Ergebnis zustande: Nördlich des Wärmekraftwerks und somit nördlich des Informationszentrums befindet sich heute ein Yachthafen (das Gelände, zu dem wir keinen Zutritt erhielten), der früher für das Anlanden von Wasserflugzeugen und Rettungsbooten genutzt wurde. Und nördlich dieses auch als Hafen-Nord bezeichneten Areals weisen zeitgenössische Karten Raketen-Schlitten-Schienen aus, deren Bahnen bis in aufgespültes Gebiet vor der Küste hinausragten und fast südlich in Richtung des Festlandes wiesen. Zudem sind in einer Karte von 1942 geplante Straßenverläufe eine vorwiegend für den Raketenjäger Me 163 genutzte Start- und Landebahn bzw. ein als sog. Vorwerk bezeichnetes Gebäude aus. Welchem Zweck die Ruinen und Trümmer wirklich gedient haben, konnte ich bislang nicht rekonstruieren.

Allmählich mussten wir uns beeilen, um rechtzeitig wieder am Flugplatz zu sein, was uns auch ohne große Anstrengung gelang. Nach kurzen Erläuterungen ging es dann um 11 Uhr los. Vorbei an den Sheltern der ehemaligen NVA, die heute privat genutzt werden oder leer stehen, ging es dann im Schneckentempo entlang des umzäunten Sperrgebiets, das heutzutage, nicht zuletzt wegen der kaum möglichen Kampfmittelräumung, ein einzigartiges und schützenswertes Feuchtbiotop darstellt, fuhren wir zu den ehemaligen Abschussrampen der Fi 103/V1.

Diese sog. Flügelbombe wurde in Peenemünde-West zwischen 1939 und 1942 in Zusammenarbeit zwischen dem Reichluftfahrtministerium, dem Heereswaffenamt und verschiedener Firmen der Rüstungsindustrie unter dem Decknamen „Projekt Kirschkern“ konstruiert und getestet. Reste der Rampen für die Borsigschleuder und das Heinkelkatapult sind noch vorhanden sowie Teile von Unterständen der Bedienungsmannschaften.

Um einem häufig geäußerten Fehler vorzubeugen: Mit der Entwicklung und Erprobung der Fi 103/V1 hatte das Raketenteam unter Wernher von Braun in Peenemünde-Ost nichts zu schaffen, gleichwohl die Verzögerungen bei den Tests und der Einsatzreife des A4/V2 die Planungen für die V1 begünstigten und beschleunigten.

Die V1, von der es mehrere Varianten gab, so als Luft-Boden-Geschoss, angebracht unter der seitlichen Tragfläche einer He 111 H 22 oder im Schlepp vom Düsenbomber Arado 234 c2 aus sowie unter dem Namen Reichenberg-Gerät als bemannte Version für den Selbstopferflug, die aber bis zur Einstellung dieses Projekts Ende 1944 nie zum praktischen Einsatz kam, war die erste der sog. Vergeltungs- oder Wunderwaffen, die aber nicht kriegsentscheidend waren. Über 20.000 Exemplare dieser Waffen wurden gegen Ziele in England, Belgien und den Niederlanden gerichtet und forderten mehrere tausend Todesopfer. Die V1 besaß einen hohen Streuwinkel und traf ihre Ziele nur sehr ungenau, zudem konnten mutige englische Jagdflieger nach Verlöschen des Staustrahltriebwerks der V1diese Abschießen oder mit den seitlichen Tragflächen ihrer Flugzeuge den Flugkörper leicht berühren und so die Flugbahn verändern, um ihn von wichtigen Zielen abzulenken und Menschenleben zu retten.

Danach besichtigten wir noch weitere Anlagen des ehemaligen Flugplatzes Peenemünde-West, der später von der Roten Armee und dann der NVA genutzt und mehrfach umgestaltet und moderneren Erfordernissen angepasst worden war. Gegen 12 Uhr kamen wir wieder am Startpunkt angelangt, nachdem wir noch eine kleine Panne mit dem halbseitig offenen Kleinbus zu bewältigen hatten, bei dem der Wasserschlauch geplatzt war, so dass erst ein Setra-Bus herbeigeordert werden musste, um uns abzuholen.

Dieser bisher sehr erlebnisreiche Vormittag hatte bei uns knurrende Mägen und durstige Kehlen hervorgerufen, die mit Schnitzel und Pommes und Cola an einer Imbissbude am Flugplatz gestillt wurden. Wir beratschlagten, was wir als nächsten unternehmen wollten und entschieden uns, zum Informationszentrum zu fahren und danach das ganz in der Nähe gelegene Sauerstoffwerk zu besichtigen, wenn das denn möglich war..

Eher zufällig hielten wir dann an einem Parkplatz am Sperrgebiet an. Ich lief ein paar Schritte und sah dann, dass der Zaun am Eingang nicht mehr vorhanden war. Das reizte uns, den dahinter liegenden Weg zu erkunden. Der spannendste Teil unserer vorösterlichen Expedition sollte beginnen. Ein kleines Schild wies lediglich auf die noch vorhandene Munition hin, aber ein Hinweis „Betreten verboten“ gab es nicht oder nicht mehr.

Also gingen wir mutig hinein. Da der Hauptweg geteert und teilweise betoniert war, nahmen wir an, dass er nicht vermint sein würde, wagten aber nicht, von ihm abzuweichen. Als wir kurze Zeit später hinter uns Hundegebell hörten, dachte ich, dass jetzt BGS-Beamte hinter uns her wären, schließlich unterliegt diese Liegenschaft der Bundesvermögensverwaltung. Aber es war nur ein Spaziergänger, der hier sein Haustier ausführte. Auch kamen uns verdächtig viel Radfahrer und Fußgänger entgegen, überholten uns oder kreuzten entlang eines nur noch teilweise vorhandenen, dreifach gestaffelten Zauns, unseren Weg, der immer weiter in Richtung Nordwesten führte. Rechts von uns, zur Seeseite hin, sahen wir immer wieder mehr oder weniger große Mauerreste, die aus dem Waldboden aufragten. Hier war einst das eigentliche Herz der Heeresversuchsanstalt mit wichtigen Anlagen wie Verwaltungs- und Ingenieurbüros, die Flüssig-Sauerstoff-Anlage Nord, die Fertigungshalle F 1, das Gebäude mit dem ersten Überschall-Windkanal der Welt, das Offiziers-Kasino und verschiedene Serienprüfstände. Mittlerweile steht hier ein dichter Wald, der kaum einen Blick auf das gestattete, was er möglicherweise noch verbirgt. Andererseits wurden die Anlagen durch Bombenangriffe sowie Sprengungen und Demontagen durch die Rote Armee weitestgehend bis auf die Grundmauern zerstört. Was sich noch unter der sichtbaren Erde neugierigen Blicken entzieht, darüber kann man nur spekulieren.

Nach mehreren km Fußmarsch, der Beton unter unseren Füssen war zwar größtenteils überwuchert, stammte aber offenbar aus der Zeit der Heeresversuchsanstalt, trafen wir dann auf eine breite Schneise im Wald und sahen ehemalige Gleisverläufe, zudem nahm die Zahl der Trümmerstücke immer mehr zu, bis wir schließlich an einen hohen Hügel ankamen, der sich als Teil der ehemaligen Umfassung entpuppte, die ja ca. 10 m hoch war. Da viele Trampelpfade hinaufführten und der „Hügel“ von Maulwürfen gut durchgearbeitet war, wagten wir, hinauf zu klettern und entdeckten dann geflutete Anlagen. Wir standen auf einem Teil des Umfassungswalls des ehemaligen Prüfstandes VII!

Ein kleiner Umweg noch und schon standen wir inmitten des sog. Areals, ehedem mal 90 x 150 m groß, heute aber kaum mehr als solches zu erkennen. Anhand alter Fotos in der einschlägigen Literatur konnte ich die Lage der alten Abgasschurre bestimmen. Außerdem hat man offenbar den Weg der Prüfstände von der außerhalb des Areals gelegenen Montagehalle, von der wir im dichten Gehölz keinerlei Reste mehr fanden, gesprengt und anschließend geflutet, was angesichts des feuchten, moorigen Untergrundes mit seinem extrem hohen Grundwasserspiegel kein schwieriges Unterfangen war.

Das gesamte Gebiet ist 55 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nur schwer zu überblicken, die ursprüngliche Gestaltung nur noch zu erahnen. Im Innenraum hat die Natur die einst gerodeten Teile längst wieder zurück erobert und mit Bäumen und Gestrüpp überwuchert, der umgebende Wall, der bei Startversuchen gegen seitliche Windeinflüsse von See her und die Umgebung bei explosiven Fehlversuchen sowie vor allzu neugierigen Blicken feindlicher Agenten schützen sollte, ist kaum noch als solcher auszumachen und auch nur noch in Teilen vorhanden.

Man kann auf Trampelpfaden um die zerstörten Teile herum laufen, hier und da findet man rostige Teile, ob sie zu alten Raketen gehören oder neueren Datums sind, konnte nicht geklärt werden.

Inmitten des Gebietes, möglicherweise genau da, wo die Abschüsse stattgefunden haben, gibt es einen Gedenkstein, der relativ neu zu sein scheint, was man allerdings von den ihm umgebenden Platten am Boden nicht unbedingt behaupten kann, die eine Art Kreis bilden, der aber halb im Boden eingesunken ist.

Innerhalb des gefluteten Teils der Abgasschurre sind Reste gesprengter Anlagen, insbesondere eisenbetonhaltiger Balken und Verstrebungen unzweifelhaft ausgemacht werden. Wer hier unachtsam ist und abrutscht kann sich leicht lebensgefährliche Verletzungen zuziehen. Gleichwohl werden hier in der Tiefe noch weitere geheime Anlagen vermutet, für die es aber, auch aufgrund des morastigen Untergrundes, keine vernünftige Grundlage gibt.

Bei aller Begeisterung über die technische Leistung, die einen überkommt, wenn man an diesem geschichtsträchtigen Ort steht, muss man im Hinterkopf behalten, dass hier keine Raumfahrzeuge, sondern in erster Linie hochmoderne Waffen für ein menschenverachtendes politisches System entwickelt wurden. Dennoch: Die sog. Wunderwaffen des nationalsozialistischen 3. Reiches waren die Väter sowohl der gigantischen SATURN V, als auch der CRUISE MISSLES. Genau wie diese Entwicklungen faustisch waren, mit zwei vollkommen gegensätzlichen Gesichtern einer Medaille, so ist auch die Einstellung der alten Peenemünder, besonders der Raketentechniker, zu ihrer Arbeit. Für sie war die Entwicklung und Erprobung der V 2 ein heres Ziel, für sie war es bedeutsam, dass am 3. Oktober 1942 ein A 4 mit 84,5 km Höhe zum ersten Mal den Weltraum erreichte, doch es kümmerte sie nicht, das am Ende der Flugbahn ihr Erzeugnis mit einer Sprengladung aufschlug und Menschen tötete...

Nachdem wir das ganze Gelände ausgiebig beobachtet und fotografiert hatten, machten wir uns, zufrieden und auch glücklich über den unerwarteten Erfolg, wieder auf den Rückweg. Gegen 15.30 Uhr kamen wir wieder beim Auto an und fuhren noch kurz zum Infozentrum, wo ich mich in der Bunkerwarte, dem ehemaligen Schaltzentrum des Kraftwerks an der Peene, noch mit neuer Literatur eindeckte. Anschließend fuhren wir zum nahegelegenen und weithin sichtbaren Sauerstoffwerk, an das wir aber auch in diesem Jahr nicht herankamen. Zwar hinderte uns dieses Mal keine Baustelle, wohl aber ein Zaun mit Vorhängeschloss an der näheren Erkundung. Also beschlossen wir kurzerhand, die Heimreise nach Hamburg anzutreten, aber nicht, ohne noch einen Zwischenstopp in Remplin einzulegen.

Der Astroturm war von der durch den Ort hindurchführenden B 104 aus an der Südgrenze eines Parks gelegen, leicht auszumachen. Allerdings gab er rein äußerlich nicht viel her. Hier befand sich einmal das Gut des mecklenburgischen Grafen Friedrich II. von Hahn (1742-1805), der ein begeisterter Amateurastronom war und hier eine eigene Sternwarte besaß, von der heute nur noch der Turm steht, der der vollständigen Restauration harrt. Die Sternwarte beherbergte einstmals mehrere Fernrohre und Zusatzgeräte erstklassiger Qualität: Einen Cary-Kreis mit 25“ Kreisdurchmesser, einen 2“-Refraktor mit f= 33“, einen Dollond und drei Herschelspiegel. Von der Spitze des heute einsam in der Gegend herum stehenden Turms aus, beobachtete von Hahn mit einem 18“-Spiegel. Haupteinsatzgebiet des Instrumentariums war die Sonnenbeobachtung.

Seit 1980 versuchen nun Sternfreunde aus Berlin, den Turm wieder herzurichten. Mittlerweile enthält er wieder eine kleine Kuppel, die an der Außenseite hinauf führende Treppe fehlt und auch am Gebäude selbst müssen noch viele Arbeiten durch den Förderverein Rempliner Sternwarte e.V.

Nachdem wir den Turm ausgiebig in Augenschein genommen und fotografiert hatten, machten wir uns endgültig auf den Heimweg nach Hamburg, wo wir gegen 20.45 Uhr ankamen. Ein ereignisreicher Tag, den wir sicherlich nicht so schnell vergessen werden, lag hinter uns.

Bildergalerie:
Modell des Aggregates 4
Fundstücke des A 4
Prüfstand VII
Senken und Schneisen vor dem Prüfstand
Siedlung Karlshagen 1999
Zerstörte Bunkeranlagen an der Peene

Peenemünde 1999
Peenemünde 2001

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