Simon Newcomb (1835-1909)

Am 12. März des Jahres 1835 kam Simon Newcomb im schottischen Wallace zur Welt, wuchs in sehr ärmlichen Verhältnissen auf und ging 1853, gerade l8 jährig, in die Vereinigten Staaten. Ohne Geld und Ausbildung mußte er sich durchschlagen (wobei er eine außerordentliche Zähigkeit an den Tag legte), hatte aber das Glück, aufgrund von Beziehungen bei der U.S. Coast Guard in Washington unterzukommen. In seiner kargen Freizeit erwarb er nebenher als Autodidakt u.a. umfassende mathematische Kenntnisse, die ihn befähigten, 1857 zum "Nautical Almanac" zu wechseln. 1861 erhielt Newcomb die Professur für Mathematik bei der US-Marine und wurde Direktor des ,,Naval Observatory" (dem er bis 1897 vorstand) in der amerikanischen Hauptstadt. 1877 übernahm er zusätzlich die Leitung des Büros der ,,American Ephemeries and Nautical Almanacs", dessen Organisation er gründlich reformierte.

Newcombs Arbeitsgebiet war die theoretische Astronomie, für die er Herausragendes leistete und woraus sich sein großer Einfluß in späteren Jahren herleitete.

Mit großem Eifer ging er daran, die Bewegungen der Planeten und des Mondes zu untersuchen und zu berechnen. Eine Arbeit über den Venusdurchgang des Jahres 1769, der u.a. von dem Jesuitenpater Maximilian Hell S.J. auf der Insel Vardö in Norwegen beobachtet und in einem Tagebuch festgehalten worden war, führte Newcomb nach Wien. Dort wollte er die entsprechenden Aufzeichnungen einsehen und erfuhr in einer Übersetzung des Textes ins Deutsche durch Karl Ludwig von Littrow (späterer Direktor der Sternwarte zu Wien), die dieser 1835 angefertigt hatte, daß die in dem Tagebuch enthaltenen Angaben nachträglich manipuliert und durch Streichungen und Neueintragungen aktuelleren Werten angepaßt worden seien, um den fälschlichen Eindruck zu erwecken, Hell habe sie bereits damals richtig ermittelt! Newcomb konnte in der Folge nicht nur das Gegenteil beweisen (Hell hatte seine Aufzeichnungen geändert, aber vor Ort!), sondern fand dabei auch heraus, daß von Littrow völlig farbenblind war.

Zwei weitere Venusdurchgänge, 1874 und 1882, nutzte Newcomb dann, um die mittlere Entfernung der Erde zur Sonne zu bestimmen. Er kam dabei auf 149.9 Mio km +/- 400 000 km, ein erstaunlich genaues Ergebnis!

Umfangreich waren auch seine Arbeiten über Störungen in den Planetenbewegungen, die jährliche Sonnenparallaxe, die Präzession der Erdachse und die Theorie der Mondbewegung im Zweikörperproblem.

Ein Anliegen seiner Bemühungen war die ständige Verbesserung all dieser Parameter. Ab 1897 arbeitete er mit George Hill (1838-1914), der als Koryphäe unter den theoretischen Astronomen seiner Zeit galt, zusammen an der Erstellung noch genauerer Planetentafeln, um daraus eine Möglichkeit zu entwickeln, die Ephemeridenrechnung zu vereinfachen und zu vervollkommnen. Zwei Jahre zuvor war es Newcomb erstmals erfolgreich gelungen, die Massen von Erde und Mond, sowie der Venus zu berechnen. Außerdem ermittelte er als erster auf mathematischem Wege die Masse des 1846 von Urban Leverrier (1811- 1877) entdeckten Planeten Neptun.

Zusätzlich zu seinen mathematischen und astronomischen Tätigkeiten fand Simon Newcomb noch ausreichend Gelegenheit, sich mit Fragen der Ökonomie und der Psychologie zu befassen, wie überhaupt früher viele Wissenschaftler Problemstellungen aus anderen Wissensgebieten nachgingen (die damals freilich auch weitaus überschaubarer waren). Bei der heutigen Komplexität der Wissenschaft, der Verquickung vieler Disziplinen, ist es fast zu einer Selbstverständlichkeit für den Wissenschaftler geworden, auch Teile aus angrenzenden Bereichen zu beherrschen.

Den durch seine ungewöhnlichen Leistungen erworbenen Einfluß setzte Newcomb ein, um die Entwicklung der amerikanischen Astronomie zu fördern. Aus diesem Grunde wurde er von der US-Marine (dessen Angehöriger er war) mit dem Rang eines Konteradmirals ausgezeichnet. Er stand damit auf einer Linie mit Edward Charles Pickering (1846-1919) und George Ellery Hale (1868-1938), die durch die Mobilisierung privater Geldgeber Institutionen wie das Harvard-Observatory, das Lick-Observatory, die Yerkes-Sternwarte und das Observatorium auf dem Mt. Wilson ins Leben riefen und intensiv förderten. Simon Newcomb verstarb am 11. Juli 1909 in Washington.

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