Das Herbst-NAFT in Hildesheim

 

Am 11. Oktober 2008 folgte eine Gruppe von Sternfreunden aus dem „hohen“ Norden einer Einladung der Arbeitsgemeinschaft Hildesheimer Amateurastronomen in die südniedersächsische Kleinstadt zum Herbsttreffen der norddeutschen Astrofotografen in den „tiefen“ Süden.

Anfangs war es gar nicht klar, ob und wer zum Herbst-NAFT fahren würde, da offenbar vielen entweder der Zeitpunkt ungünstig oder die zurück zu legende Strecke zu weit war. Auch bei mir stand die Frage lange Zeit im Raum, ob ich mich an diesem Samstagmorgen nach Hildesheim auf den Weg machen würde. Ich rechnete mit einem reinen Sonnenfinsternis- und Mondfinsternis-NAFT, weil dies die herausragenden Himmelsereignisse der letzten Monate waren. Viele Bilder würde man daher aus dem Web oder von GvA-Veranstaltungen her schon kennen. Andererseits waren die Treffen, die ich bisher besucht habe, immer eine auch weite Anreise wert, weil auch – im Gegensatz zu manch anderen Veranstaltungen in diesem Lande – den Freunden der „pretty pictures“ reichlich Möglichkeiten gegeben wird, hier ihre Ergebnisse zu zeigen. Da ich mich selbst eher als Spaßgucker sehe und die Astrofotografie eigentlich so nebenher betreibe, ist auch die reine Bildershow eine immer wieder schöne Sache.

So kam es, dass sich schließlich vier Leute auf den Weg in den Süden Niedersachsens aufmachten. Hartwig Lüthen holte ich gegen 9:45 Uhr von U-Bahnhof Berliner Tor ab, in Scheeßel trafen wir uns mit Christian Harder und Ronny Häntzschel, stiegen in Christians Astromobil (Marke VW Caddy) um und begannen mit einer Hinfahrt, die auch von „Survival-of-the-fittest-Tours“ hätten veranstaltet werden können. Nach einem ersten leichteren Fahrmurph gab es auf der A 7 vor Hannover einen Verkehrsunfall auf der linken Spur und wir standen im Stau. Bei der nächsten Abfahrt abgefahren, landeten wir gleich wieder in hohen Verkehrsaufkommen, mussten gleich mehrere Baustellen und einen Bahnübergang überwinden, bei dem natürlich die Schranken unten waren. Nach etwa einer Stunde kamen wir wieder auf der A 7 an, hatten nun aber freie Fahrt und fanden auch ohne weitere Probleme unser Ziel: Das Gymnasium Josephinum in Hildesheim. Erst einmal mussten wir eine weitere echte Hürde in Form einer sehr hohen Bordsteinkante überwinden, bis wir nach kurzem Fußweg im Eingangsbereich auf Arndt Latusseck trafen. Nach dem Aufsuchen gewisser Örtlichkeiten und dem Übersehen des Hinweisschildes kamen wir schließlich im zweiten Stock an, wo etwa 10 Sternfreunde und die geöffnete Cafeteria herum standen, die Auslagen einiger privater Anbieter begutachteten oder sich mit Kaffee und Kuchen oder belegten Brötchen stärkten. Die Nachfrage gerade nach den Brötchen war sehr groß …

Zudem bestand auch die Möglichkeit, die erst etwa einen Monat vor dem NAFT fertig weitgehend gestellte Sternwarte der Hildesheimer Sternfreunde auf dem Dach des Josephinums zu besichtigen. Eine 3 x 3 m große Schiebedachhütte entstand hier in Eigenregie und schützt eine New Atlux-Montierung, auf dem sich ein C 8 und ein 80/910 Refraktor befinden und von den Vereinsmitgliedern wegen der Farbgebung liebevoll „Ernie und Bert“ genannt werden, vor witterungsbedingtem Ungemach und menschlicher Begierde und bietet den Vereinsmitgliedern eine Plattform für eigene Beobachtungen und öffentliche Führungen, die hier regelmäßig stattfinden.

Am 8 cm – Refraktor konnten wir dann mit Hilfe eines Glas-Sonnenfilters auch gleich die frische Sonnenfleckengruppe beobachten, die nur Stunden zuvor entstanden war und die Christian vor der Abfahrt noch hatte mit einem P.S.T. im Hα beobachten können. Irgendwann kurz nach 14:30 Uhr begann dann der offizielle Teil des Norddeutschen Astrofotografentreffens in einem der Schulungsräume.

Arndt Latusseck eröffnete die Veranstaltung als Hausherr und legte mit einem eigenen kleinen Beitrag über die noch junge Geschichte der Sternwarte Hildesheim los. Auch hier galt es, sich widrigen Umständen zu widersetzen, Baumaterial „per Hand“ auf das Dach zu befördern, alles plangerecht aufzubauen und auch einem erhöhten Wasserstand im Fundament zu begegnen. Doch alles wurde überwunden und nun steht die Sternwarte, die sich an einem zwar zentrumsnahen Platz in der Stadt befindet, aber von der Lichtverschmutzung noch nicht so gebeutelt wird, wie Hamburg, Mitgliedern und Öffentlichkeit für die Begegnung mit astronomischen Objekten offen und bereit.

Im zweiten Vortrag berichteten Dirk Lucius und Harald Simon über die 14tägige Expedition einer Reisegruppe zur Rooisand Desert Ranch/Rooisand Observatory nach Namibia. Im Gegensatz zu den anderen Astrofarmen im ehemaligen Deutsch-Südwest befindet sich die Sternwarte in einem abgezäunten Areal (der vor Wildtieren schützen soll) und einer Umgebung, die man stellenweise auch für eine karstige Marslandschaft halten könnte. Die Bilder entführten die Zuschauer in eine wahrhaft abenteuerliche Umgebung, die auch für Tierfreunde reichhaltiges zu bieten hat. Die zweite Hälfte des Vortrages bestand aus der Präsentation prominenter Südhimmelobjekte, die mit den dortigen Instrumenten und eigenen digitalen Spiegelreflex- und CCD-Kameras entstanden. Aufnahmen vom Zodiakallicht, der Kleinen und der Großen Magellanschen Wolke, von M 8, M 16, M 17, M 20, NGC 5128, NGC 6334, NGC 6726, IC 2964, Mond und dem dort fast im Zenit stehenden Jupiter wechselten einander ab und vermittelten einen schönen Eindruck von der Vielfalt beeindruckender Deep-Sky-Objekte vom südlichen Sternenhimmel.

Nachdem Frank Wierny beim letzten NAFT in Wardenburg von seinen Problemen mit der ST 4000 XCM – CCD-Kamera von SBIG berichtet hatte, die er zwischenzeitlich in die USA schickte und repariert zurück bekam (und von der das Transportunternehmen mit drei Buchstaben auf seiner „Paketverfolgungsseite“ immer noch behauptet, die Sendung sei auf dem Weg nach Amerika …), konnte er den wahrscheinlichen Grund für den Ausfall der Kamera ermitteln. Um nicht ganz von der Astrofotografie abgeschnitten zu sein, legte er sich kurzerhand die ALccd 5 von astrolumina zu und zeigte hier Aufnahmen z.B. von NGC 281 und NGC 6888, die mit beiden Kameras im doch recht feuchten ostfriesischen Klima unter nicht immer optimalen Bedingungen entstanden waren.

Nach diesen ersten Vorträgen gab es eine große Pause, die man zum Klönen, kaufen und verkaufen oder einer weiteren Besichtigung der Sternwarte nutzen konnte. Auch Brötchen und Kaffee gab es immer noch reichlich …

Sichtlich gestärkt und erfrischt ging es an die Abarbeitung des zweiten Vortragsblocks. Ich führte einige Bildergebnisse der Sonnenfinsternis vom 1.8.2008, der Mondfinsternis vom 16.8.2008, der engen Begegnung vom Mond und Merkur vom 6.5.2008 sowie von diversen Halosichtungen vor. Hartwig Lüthen folgte mit einem amüsanten Beitrag über seine zusammen mit Gerd Neumann unternommene Reise nach Nowosibirsk zur Beobachtung der Sonnenfinsternis in der Totalitätszone. Land und Leute, schier unglaublich klingende Kurztrips in den Bereich der totalen Verfinsterung und Aufnahmen dieses Ereignisses, die nachträglich mit einem Sekanina-Larsen-Filter bearbeitet wurden und am Ende weiterer digitaler Bildbearbeitung auch das schwache Mondgesicht (s. Titelbild der letzten Sternkiekers) zeigten, zeichneten das Bild einer gelungenen Astroreise. Abschließend demonstrierte er am Rechner, wie die Bilder bearbeitet werden können.

Eine weitere kurze Pause wurde für das obligatorische Gruppenfoto genutzt, bevor Bruno Mattern seine Sternwarte in der Lüneburger Heide, die Instrumente (u.a. ein Williams Megrez 72 ED), seine astrofotografische Methodik vorstellte und schließlich Bilder per Beamer projizierte, die mit modifizierten und unmodifizierten Canon DSLRs zwar unter den oft widrigen Bedingungen im Norden aufgenommen wurden. Dabei bewiesen Bilder von NGC 2903, NGC 7000, NGC 4565, NGC 7914, NGC 2846 oder NGC 2846 sowie von der Mondfinsternis am 16. August 2008, dass auch hier mit entsprechender Technik und dem dazu gehörigen Können Galaxien-Aufnahmen von hoher Qualität möglich sind.

Michael Mushardt berichtete schließlich von seiner Reise zur Beobachtung der Sonnenfinsternis nach China, die er mit seiner Tochter unternommen hat. Stationen dieser Expedition waren Millionenstädte wie Hongkong, Peking (mit Besichtigung der dortigen Sternwarte), Shanghai, die chinesische Mauer und schließlich das Sonnenfinsternis-Camp in der Mongolei. Er konnte nicht nur sehr gelungene Aufnahmen der Finsternis, sondern auch ein kleines Filmchen aus einzelnen Fisheye-Aufnahmen vorführen, die während des kompletten Verlaufs der Finsternis entstanden und eindrucksvoll den Ablauf des Ereignisses vor Augen führten. Der herannahende Mondschatten, die Totalität, und der wieder nach Osten entweichende Schatten und das Geschehen während des Ereignisses fügten sich hier zu einem absolut sehenswerten Ganzen zusammen, der nicht der Höhepunkt des Vortrages war, sondern kurz nach 18:30 Uhr auch das erste rein digitale NAFT beendete.

Es folgte die offizielle Verabschiedung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer (etwa 25 hatten sich hier im Laufe des Tages eingefunden) und wer wollte, konnte noch in einem nahe gelegenen Restaurant einkehren. Christian, Ronny und ich traten jedoch die Heimfahrt an, schließlich gab es am Abend noch ein Fußball-Länderspiel (Deutschland vs. Russland) und einen Boxkampf, den am Ende Klitschko für sich entschied. Hartwig und Bruno blieben noch in Hildesheim und kehrten später nach Hamburg zurück.

Unsere Heimfahrt war denn auch weniger vom Stress geprägt als die Anreise, der Straßenverkehr auf der Autobahn und den Landstraßen war deutlich geringer als noch am Vormittag, Zum Abendbrot kehrten wir in Rotenburg/Wümme noch bei einer Schnellrestaurantkette mit dem großen M ein und ließen den Tag noch einmal Revue passieren. Es war wieder mal ein NAFT, das einen durchaus repräsentativ zu nennenden Querschnitt durch die verschiedenen Arbeitsfelder norddeutscher Sternfreunde bot. Neben und während der Vorträge gab es viele Diskussionen, etwa zum Stacking von Bildern, verwendeten Programmen oder den Bildern selbst.

Vor allem der lockere Charakter der Treffen, bei denen es kein im Voraus festgelegtes Programm gibt, sondern dieses sich durch die anwesenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer ganz zwangslos ergibt, empfanden wir – wie immer – als sehr angenehm. Spontanvorträge sind immer möglich und tragen zum Erfolg der NAFTs bei.

In Scheeßel stieg ich wieder in mein eigenes Auto um und kam nach einen erlebnisreichen Tag etwa um 22:00 Uhr wieder in Hamburg an. Und schon jetzt kann man sich auf das nächste NAFT im Frühjahr 2009 freuen, das voraussichtlich in Fintel oder Scheeßel stattfinden wird.

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