21.5.2011: Das NAFT in Wardenburg

 

Frank Wierny et al. luden am 21. Mai 2011 zum Frühjahrstreffen der norddeutschen Astrofotografen in den Gemeindesaal der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde ins ostfriesische Wardenburg ein .... und viele machten sich auf den Weg. Weitaus mehr, als man etwa dem Astrotreff entnehmen konnte und fast mehr, als in den Gemeindesaal hineinpassten.

Nachdem meine angedachte Fahrt zum Sonnenbeobachtertreffen nach Gudensberg in der GvA nicht so die erhoffte Resonanz gefunden hatte und mein Mitfahrer auch noch drei Tage vorher absprang, disponierte ich kurzerhand um und fuhr stattdessen zum NAFT nach Wardenburg nahe Oldenburg. Über die GvA-Mailingliste hatte ich kurz angefragt, wer denn überhaupt zum NAFT fahren würde und außer Hartwig meldete sich nur Christian Harder. Mit ihm traf ich mich dann vor seiner Arbeitsstätte in Scheeßel, von wo aus wir zum rund 100 km entfernten Ziel aufbrachen. Durch Geschwindigkeitsbeschränkungen und starken LKW-Verkehr auf der nervigen A 1 nach Bremen kamen wir allerdings später an, als gedacht und waren erst gegen 14:15 Uhr da. Am Abend davor hatte ich noch einen Querschnitt aus verschiedenen Aufnahmen in meiner Sammlung sowie Rückblicke auf NLCs des letzten Jahres und die totale Mondfinsternis vom 16.8.2009 (zur Einstimmung auf das Ereignis am 15. Juni 2011) herausgesucht und in eine Präsentation gepackt. Als ich dann allerdings die lange Liste der Vorträge sah, wusste ich, dass ich meinen Beitrag nicht mehr zeigen konnte. Und auch so sollte es noch ein langer Vortragsnachmittag werden.

Im Gemeindehaus selbst war im Hauptgang eine kleine Cafeteria eingerichtet, die mit Würstchen, Kuchen, Kaffee, Tee, Wasser, Cola und anderen Süßgetränken aufwartete. In einem kleinen Nebenraum gab es einen kleinen privaten Astroflohmarkt und auch Christian versuchte hier, Sternkieker zu verkaufen, wurde aber keinen einzigen los. Im großen Gemeindesaal war alles für die Vorträge vorbereitet und im Garten hinter dem Haus war genügend Fläche vorhanden, um Luft zu schnappen und sich ein wenig zu erholen.

Kurz nach unserer Ankunft begann dann auch das NAFT und nach ein paar einleitenden Worten von Frank Wierny begann er mit seinem Vortrag „Neues aus dem Sumpf“, worin er Bilder vorführte, die er in Portsloge (dem Oldenburger „Sumpfgebiet“)mit einer ALCCD 9 an einem 12“-Newton aufgenommen hatte: NGC 893, M 76, M 1, M82, M 109, Abell 21, Jones Emberson 1 (auch PK 154+31.1 genannt), John Emerson 1, M 51, NGC 4725 sowie weitere Galaxien und Planetarische Nebel.

Im zweiten Beitrag berichtete Dirk Lucius über die „Sonne 2011“ und zeigte Aufnahmen aktueller Sonnenfleckengruppen, vorwiegend im H-Alpha, die er am 4“-Genesis gewonnen hatte. Geschwungene Protuberanzenbögen, verdrillte Filamente und aufsteigende Flares zeugten von einer nun endlich deutlich aktiver gewordenen Sonne. Der Vergleich der H-Alpha-Bildern mit den im Kalziumlicht gewonnenen offenbarte, wie sich die Aktivitätsgebiete entwicklungsmäßig in die anderen Wellenlängenbereiche hinein fortsetzten, vor allem, wenn das dann auch noch mit Weißlichtaufnahmen kombiniert wurde.

Danach gab es eine erste Pause, die nicht geplant, aber vom Auditorium erzwungen wurde, weil die Luft im Gemeindesaal sehr schlecht war und eher an die schlechte Belüftung bei der ATT erinnerte.

Anschließend war Harald Simon mit einem interessanten und zugleich bestürzenden Thema an der Reihe. Er berichtete von der aktuellen Situation der Sternwarte auf dem Hohen List bei Daun, die eine lange Geschichte aufzuweisen hat und eine Außenstelle des Argelander-Instituts in Bonn ist und in der Vergangenheit oft auch für die Ausbildung von Astronomiestudenten der Universität Bonn genutzt wurde. Nun will man diese Sternwarte zum 28.2.2012 abreißen, um dort einen Hotelkomplex zu errichten. Die noch funktionstüchtigen Instrumente sollen zurück nach Bonn, der Rest der Verschrottung zugeführt werden. Ein Skandal, der aber gut zur derzeitigen deutschen Wissenschaft im Allgemeinen und der Astronomie im Besonderen passt, wo monetäre Aspekte der Wissensvermittlung vorgezogen werden. Überdies gibt es das Problem, dass das Argelander-Institut in Nordrhein-Westfalen, das Observatorium aber in Rheinland-Pfalz liegt. Zum Glück hat sich mittlerweile Widerstand geregt und der Förderverein, der auch Führungen über die Sternwarte organisiert, stemmt sich gegen die Entscheidung. Ob das aber reichen wird, ist derzeit noch vollkommen offen.

Hartwig Lüthen berichtete dann über seine auf seiner Balkonsternwarte in Hamburg-Altona erzielten Fotoergebnisse und hatte auch Aufnahmen aus der GvA-Außensternwarte in Handeloh dabei (Mond, Jupiter, Saturn, IC 434, M 51). Außerdem berichtete er über die Bedeckung des Kleinplaneten Peraga.

Eine weitere Pause wurde eingelegt und die auf 53 Personen angewachsene Besucherschar strebte nach draußen, zur Cafeteria oder zum Flohmarkt, bevor es mit einem Referat von Hans-Joachim Leue über Namibiareisen in den Jahren 2008 und 2009 im Programm weiterging. Er hatte sich dort in der Farm Roisaand einquartiert und stellte hier nun die Sternwarte vor. Beeindruckend waren vor allen die Bilder vom Zodiakallicht, Weitwinkelaufnahmen der südlichen Milchstraße mit und ohne Nachführung, nachgeführte Sternfeldaufnahmen der Gegend um Eta Carinae, NGC 3576, Omega Centauri, Centaurus A, α und β Centauri, dem Kohlensack, Barnard 72, NGC 253, M 83, die Kleine und die Große Magellansche Wolke, 47 Tuc und vieles davon auch im Hα.

Danach war Bruno Mattern mit dem ersten Teil seines zweitgeteilten Vortrages an der Reihe. Sein Hauptarbeitsgebiet von der Lüneburger Heide aus ist der „tiefe Himmel“ und daher präsentierte er ausschließlich Nebel und Galaxien, die er  im Frühjahr 2011 in insgesamt 27 Nächten mit fünf modifizierten Canon EOS-Kameras aufgenommen hatte. Weiterhin stellte er seine Sternwarte und die dortigen Neuerungen vor. Zu jedem der dargestellten Objekte gab er detailreiche Informationen und zeigte Ergebnisse der gleichen Objekte mit unterschiedlichen Brennweiten: Irisnebel, NGC 7331, NGC 1514, NGC 2403, NGC 2403, NGC 2681, Sh 112, NGC 891, NGC 2903, NGC 3184, M 81, NGC 3953, M 106, Katzenpfotennebel, das Sternentstehungsgebiet bei bei α Scorpii (Antares), Lagunennebel, Trifidnebel, NGC 6559 sowie weitere, die allesamt eine Besonderheit aufwiesen: Sie wurden aus mehreren Nächten zusammengestackt, sodass er auf Belichtungszeiten von mehreren Stunden kam, die mehr und mehr Details offenbarten. Ein Teil der Aufnahmen entstand auch im Hα.

Über die Schwierigkeiten, eine Remote-Sternwarte aufzubauen, berichtete anschließend Jochen Berlemann von der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Die in großer Zahl auftretenden Probleme bei der Errichtung dieses per Web von zu Hause aus steuerbaren Teleskops in Moydans in Südfrankreich schilderte er sehr eindringlich. Dazu gehörten nicht nur rechnerspezifische Lösungen, die gefunden werden mussten, auch vor Ort lief nicht immer alles nach Plan. So wurden mehrmals Reisen nach Südfrankreich notwendig, um alles zum Laufen zu bringen. So erfolgt die Steuerung per VPN (virtual private network), in dem jedem Gerät eine eigene IP-Adresse zugeordnet wird, das aber trotz zweier Server nicht immer störungsfrei verläuft, etwa, wenn es darum geht, per Ferndiagnose festzustellen, warum etwas nicht läuft. Es war spannend zu sehen, an welchen Kleinigkeiten die Beobachtung oft scheiterte. Dennoch wurde ein Konzept erarbeitet, wonach selbst die kleinsten Probleme langfristig in den Griff zu bekommen sein sollten.

Carsten Reese aus Beckedorf bei Bremen widmete sich vor allem den eher seltener fotografierten Deep-Sky-Objekten, deren Photonen er vom heimischen Garten aus mit einem 10“-f/5-Newton auf einer Losmandy G11-Montierung und einer Atik 16HR CCD-Kamera einfängt. Die anschließende Datenreduktion erfolgte mit dem Profiprogramm Theli, das er ebenfalls kurz vorstellte. Aus einer Fülle von Aufnahmen zeigte er hier NGC 2655 mit Supernova 2011B, das Galaxienfeld um NGC 536, M 1 im Hα, Abell 12, NGC 2146, NGC 3686/88, NGC 3717/3729 und Hickson 56, NGC 3953, IC 749/750/751/752 (Projekt), NGC 5905/5908 und M 98. Ein Teil der Aufnahmen wurde dabei für das Projekt „Ströme in Halos naher Galaxien" unter Dominik Bomans von der Ruhr-Universität Bochum erstellt. Es geht hierbei um die Suche nach stellaren Strömen in Unterstrukturen, die von den Halos naher Galaxien ausgehen.

Ein ganz anderes Thema wurde mit dem nächsten Referenten, Hartmut Renken angesprochen: Astrofotografische Impressionen während Schiffsreisen und aus dem heimischen Garten. Er hatte u. a. mit der AIDAaura mehrere Kreuzfahrten in die Karibik unternommen, auf dem Schiff astronomische Führungen geleitet und nebenher ein wenig den Sternenhimmel mit Teilen des Schiffs im Vordergrund fotografiert. Herausgekommen ist eine Vielzahl von bestaunenswerten Aufnahmen, die allesamt mit einer Nikon 90D entstanden und beispielsweise den Orion bei Vollmond, das (echte und das falsche) Kreuz des Südens, die Region um α und β Centauri, einen Green Flash bei Sonnenuntergang, totale Sonnen- und Mondfinsternisse zeigten. Von zu Hause aus hatte er die ISS, den Vollmond, Jupiter und Merkur in der Abenddämmerung aufgenommen. Ein sehr lebendiger Vortrag, der in der sauerstoffarmen Gemeindesaalatmosphäre gut ankam.

In der nachfolgenden großen Pause erstellte Uwe Freitag wieder das Gruppenfoto und es wurde bekannt gegeben, dass das nächste NAFT aller Voraussicht nach in Hannover stattfinden wird.

Im zweiten Teil seines insgesamt fast zweistündigen Vortrages berichtete Bruno Mattern zunächst über seine Messungen des Himmelshintergrundes mit einem Sky Quality Meter (SQM) zwischen dem 3.4.2010 und dem 7.5.2011. Die besten Wert lagen um 21,9mag. Weitere (aber nicht unbedingt neue) Erkenntnisse waren, dass Schnee und Mond den Himmelshintergrund mehr oder weniger deutlich aufhellen und das Erreichen der niedrigsten visuelle Grenzgröße erschweren. Danach setze er seinen Reigen durch die Galaxienwelt fort und begeisterte mit Aufnahmen von Objekten wie NGC 4216, NGC 5907, M 13 (kombiniert aus Bildern von 2008 und 2011), NGC 5005, das Galaxienfeld um NGC 5033, NGC 4631, NGC 4725, die Ringgalaxien um NGC 5350, M 3, M 16 usw.

Da die Zeit schon weit vorangeschritten war, einige Vortragende überzogen leider gnadenlos das selbstgestellte Limit für die Länge ihrer Beiträge, fasste sich Uwe Freitag kurz und zeigte aus dem Bereich der atmosphärischen Optik einen Horizontalkreis, den 22°-Ring bei Sonnenuntergang, Sonnenfleckenaufnahmen aus dem alten Zyklus, die Aktivität der Sonne aus den letzten 28 Jahren nach eigenen Beobachtungen, aktuelle Polarlichter, verglich eigene Sonnenbeobachtungen mit eigenen Polarlichtbeobachtungen, 2010er NLCs aus Kiel und Lübeck und stellte in einem weiteren Vergleich die Aktivität der Sonne und der Leuchtenden Nachtwolken mit dem Ergebnis gegenüber, dass NLCs besonders bei niedriger Sonnenaktivität sehr aktiv sind.

Im letzten Vortrag lieferte Oliver Paulien einen Rückblick auf alte Zeiten und hatte Dias im Gepäck. Das klassische Geräusch eines arbeitenden Diaprojektors, das „Ploppen“ der Bilder und die Scharfstellproblematiken, alles erinnerte an vergangene Epochen. Doch die Bilder waren keineswegs durchweg alt und waren erst 2010 und 2011 entstanden: ein Sonnenuntergang an der Nordsee, die schmale Mondsichel, Mond mit aschgrauem Licht, das Sommerdreieck, der Große Bär, ein Polarlicht im März 2010, Eindrücke vom 9. AschbergFrühjahrsTreffen, dortige Abendstimmungen, Übersichtsaufnahmen von Cassiopeia, Fuhrmann, der über den Himmel dahinziehenden ISS und das Polarlicht vom 29.04.2011. Damit klang das Frühjahrs-NAFT aus. Es war mittlerweile fast 19:30 Uhr und einige Teilnehmer hatten wegen der weiten Anreise das Treffen schon vorher verlassen. Christian und ich hatten erst noch überlegt, ob wir auch noch mit zum Jugoslawen gehen würden, aber angesichts der langen Rückreise verzichteten wir dann doch auf die Abendspeisung. Gegen 22:30 Uhr war ich dann auch wieder zurück in Hamburg.

Der Dank für dieses schöne NAFT geht an Frank Wierny und seine zahlreichen Helferlein, die sehr zum guten Gelingen des Frühjahrs-NAFT 2011 beigetragen hatten.


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