Das NAFT in Neumünster

Die Norddeutschen Astrofotografentreffen finden ein einem etwa halbjährlichen Rhythmus statt und führen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer immer wieder an unterschiedliche Veranstaltungsorte im Norde, je nach Ausrichter. Dieses Mal lag das Ziel in Neumünster, dort, wo 1984 alles begann ...

Im Vorfeld hatten sich über die GvA-Mailinglsite kleine PKW-Fahrgemeinschaften gesucht und gefunden. Eine Anreise mit der Bahn war in diesem Fall insofern ungünstig, weil der Zug nur unregelmäßig fuhr und das Vorankommen mit den örtlichen Bussen in Neumünster am Samstag eher suboptimal war. Die VHS-Sternwarte liegt nämlich außerhalb der Stadt auf dem Dach der DRK-Fachklinik am Hahnknüll.

Wir, das sind Michael Steen, André Wulff und ich, wollten uns gegen Mittag auf den Weg machen. Gegen 11:45 Uhr fuhr ich bei mir los, sammelte unterwegs meine Mitfahrer ein und kurz vor 13 Uhr waren wir am Ziel angekommen. Als erstes hatten wir uns vorgenommen, die Sternwarte zu besichtigen, die sich 100 m gegenüber dem Tagungsort auf dem Dach eines Klinikgebäudes befindet. Mit dem Fahrtstuhl fuhren wir in den 2. Stock und nahmen die letzte Etage per Muskelkraft und schon standen wir in einem Raum, der vom Interieur her irgendwie an unsere damalige Fernrohrkammer im Planetarium erinnerte. In einer Ecke des Raumes entdeckte André eine C8-Schmidtkamera, die heute aufgrund der digitalen Astrofotografie leider aus der Mode gekommen ist, seinerzeit aber bis in die Ecken hinein scharfe Abbildungen auf chemischem Film ermöglichte. Genau diese Kamera hat für die Geschichte der GvA eine besondere Bedeutung: Damals hatten Franz Haar, Bernd Schatzmann und Axel Brandenburg hiermit Aufnahmen gemacht, die seinerzeit auch regelmäßig im Sternkieker veröffentlicht wurden. Das war sozusagen die Initialzündung für die spätere Gründung der GvA-Außensternwarte in Neu-Wulmstorf. Die Neumünsteraner Aufnahmen weckten den Wunsch nach einem größeren Teleskop für die GvA und das landete damals in der Außensternwarte in Neu-Wulmstorf und befindet sich heute in Handeloh.

In der Fernrohrkammer standen außerdem mehrere transportable Fernrohre, ein Dobson aus der Hand von Rüdiger Heins, und auf einem der Schränke lag ein 150/3000 mm Schaer-Refraktor, ganz so, wie früher auf der alten Repsold-Sternwarte (nur das wir da kein derartiges Gerät hatten). Ein weiterer Raum mit niedrigen Türrahmen beherbergte einen Rechner, Bücher und ein paar Modelle aus alten Revell- und Airfix-Bausätzen. Dahinter gelangten wir in einen bis zu 25 Besucher fassenden Vortragsraum, der demnächst umgestaltet werden und künftig mehr Platz bieten soll. Über eine kleine schmale Treppe stiegen wir hinauf zur Kuppel mit 6 m Durchmesser, in die bereits 1971 ein reichlich unterdimensionierter 6cm-Refraktor auf ein wuchtigen Montierung ruhte. Das Teleskop war eine Spende eines heute insolventen Kaufhausunternehmens. Heute ist hier ein 250/1500 Newton das Hauptinstrument.

Nach der Besichtigung ging ich wieder zum Auto, um die Bücher und Zeitschriften für meinen kleinen Stand am Rande des NAFTs zu holen. Im 3. Stock des Klinikgebäudes gegenüber der Kuppel gab es einen Vortragsraum (und nur jeweils eine Person fassende sanitäre Anlagen, was bisweilen zu mehr oder weniger langen Schlangen führte). Im Vorraum war ein kleines, aber feines, Büfett aufgebaut, an der wir uns erst mal stärken konnten. Inzwischen liefen uns schon einige GvA-Mitglieder (Konstantin, Hartwig, Wolfgang, Klaus) über den Weg, die Lübecker waren da, Vortragende aus Hannover, Sternfreunde aus Oldenburg und Bremen angereist. Am Ende waren laut Teilnehmerliste über 50 Personen der Einladung nach Neumünster gefolgt. Dieser Ort hat insofern auch historische Bedeutung, weil hier das allererste NAFT im Jahr 1984 ausgetragen wurde. Damals auf Initiative von Prof. Dr. Klaus-Peter Schröder, heute in Mexiko tätig, Hartwig Lüthen, dem leider vor kurzem verstorbenen Franz Haar und Bernd Schatzmann gegründet, hat sich das NAFT eigentlich bis heute in seiner ursprünglichen Form erhalten. War man früher eher ein wenig zurückhaltend, was die Bekanntgabe von Terminen und Orte anging - sie wurden damals eigentlich kaum vorher veröffentlicht - hat sich diese Form des anarchischen Treffens zu einer weit über den norddeutschen Raum hinaus bekannten Veranstaltung gemausert und ist dabei seinem Grundgedanken stets treu geblieben, ohne Programm jedem Astrofotografen, der es möchte, hier Gelegenheit zu beten, seine Ergebnisse fernab wissenschaftlicher Tagungsformen zu präsentieren. Der „Bunte Astroabend“ im Rahmen des Klönsnacks ist dem nachempfunden.

Rechtzeitig vor Beginn des NAFTs hatte ich meine Sachen aufgebaut und die Kasse des Vertrauens daneben gestellt. Man konnte sich die Zeitschriften und Bücher für je einen EUR nehmen und das Geld einfach in die Box werfen. Auch andere Sternfreunde hatten hier einen kleinen Flohmarkt errichtet. Schnell ergaben sich erste Diskussionen unter den Sternfreunden, bis kurz nach 14 Uhr Marco Ludwig das NAFT offiziell eröffnete, die insgesamt 10 Vorträge auflistete und mit einem Beitrag zur Geschichte der Neumünsteraner Sternwarte von 1971 bis 2010 begann.

Wie an vielen Orten (so auch in Hamburg Anfang der 60er Jahre) standen Volkshochschulkurse und deren Teilnehmer am Anfang der Gründung einer Sternwarte oder eines Vereins. In Neumünster, das damals noch einen richtig dunklen Himmel vorzuweisen hatte (und darum auch Neufinster genannt wurde) konnte 1971 auf Betreiben von Horst Bender, dem späteren Leiter der Neumünsteraner Stadtwerke, die Sternwarte auf dem Dach der DRK Fachklinik Hahnknüll eröffnet werden. Die Mittel hierzu kamen aus Spenden der örtlichen Wirtschaft und sogar der damals noch üblichen Zonenrandförderung. Das Fundament einer ehemaligen Marinefunkstation aus Kaisers Zeiten diente dabei sozusagen als bauliche Grundlage für die 6m-Kuppel, die heute weithin sichtbares Wahrzeichen der Sternwarte ist. Unter dieser Kuppel steht heute der bereits erwähnte 250/1500 Newton. Im Jahr 1976 gab es unter der Federführung von Franz Haar und Bernd Schatzmann eine neue Entwicklung, sie konzentrierten sich hauptsächlich auf die Astrofotografie und gaben neue Impulse, gerade für die Jüngeren im Verein und interessierte Jugendliche, die über öffentliche Beobachtungsabende ihren Weg in den Verein fanden. Mittels Organigramm konnte die Vereinsstruktur aufgezeigt und ihre Verknüpfung mit der Neumünsteraner Volkshochschule, zu der die Sternwarte auch heute noch gehört, anschaulich dargestellt werden. Künftig streben die Sternfreunde den Bau einer Außenstation an, die irgendwann mal den in der Fernrohrkammer stehenden 20cm Newton aufnehmen soll. Zudem wird ab 2010 jährlich der „Franz-Haar-Astrofotografiepreis“ ausgeschrieben, mit denen junge Astrofotografinnen und Astrofotografen ausgezeichnet werden, eine gute Idee für die Nachwuchsförderung!

Markus Bruhn aus Wankendorf berichtete danach über den Bau einer Gartensternwarte in seinem Heimatort, wo er erst einen 15cm Refraktor einsetze, dem später ein 30 cm-GSO-Newton folgte. Mit diesem und einer Webcam nahm er Mond und Planeten (Jupiter mit Impakt vom Juli/August 2009), mit einer DSLR M 42 und weitere Objekte des tiefen Himmels auf.

Rainer Anton, Mitglied der GvA-Gruppe Kiel, hatte ein ungewöhnliches und gleichwohl faszinierendes Thema im Gepäck: „Lucky Imaging von Doppelsternen“. Mit eigenem Instrumentarium und den Teleskopen der Internationalen Amateursternwarte in Namibia hatte er mittels Webcam verschiedene Doppelsterne aufgenommen und die jeweils besten Sequenzen daraus mit Virtual Dub und Registax bearbeitet und zusammenaddiert. Die so entstandenen Aufnahmen verwendete er, um bei Doppelsternen Bahn, Masse, die gegenseitigen Abstände sowie weitere Parameter zu bestimmen. Als Beispiele hierfür wurden Σ Bootis, β Phoenicis und viele weitere genannt. Die Aufnahmen helfen dabei auch, bisher unsichere Daten zu verbessern.

Die ersten Vorträge waren geschafft und es stand die erste große Pause an, die zu weiteren Stärkungen, Klönen, Verkauf von Zeitschriften und Büchern genutzt wurde.

Hartwig Lüthen war der erste Redner des zweiten Vortragsblocks und stellte seine jüngsten Marsbilder vor und wie er mit Fitswork und Registax und dem Noise-Trap-verfahren (vgl. Sternkieker 221, 1/2010, S. 109f.) aus den nicht unbedingt spektakulär wirkenden Videos durch Bearbeitung einzelner Bildkanäle das Optimum herausholte. Außerdem experimentiert er seit Kurzem auch mit einem 12nm Hα-Filter, mit dem er NGC 7000 und die Region um γ Cygni aufgenommen hatte.

Die erst vor wenigen Jahren verstärkt aufgekommene Hα-Fotografie bei Deep-Sky-Objekten war denn auch das Thema des nachfolgenden Vortrages von Konstantin von Poschinger, der nicht nur hier im Sternkieker, sondern auch bei anderen Gelegenheiten immer wieder herausragende Ergebnisse aus diesem Bereich präsentieren konnte. Von seinem lichtverseuchten Standort nahe des Hamburger Hafens hatte er Objekte wie Simeiz 57 (Propellernebel), IC 410, NGC 2264 oder IC 2574 aufgenommen. Auch den aktuellen Kometen 81P/Wild hat er hier abgelichtet. Überdies ging er auf die neue 250/1400 Astrokamera ein, die er erst zu Testzwecken hatte, diese dann aber nach besserer Justage übernahm. Testaufnahmen von M 31, M 33, den Cirrusnebel, NGC 6888, den Pferdekopfnebel und M 1 bewiesen die Leistungsfähigkeit dieser Kamera. Klar, dass hier bei einigen Objekten auch wieder der Hα-Filter zum Einsatz kam.

Matthias Levens war im letzten Jahr nach Kaliforniern gereist, aber nicht nur, um dort Astrofotografie zu betreiben, sondern um die dortigen großen Sternwarten zu besichtigen. Mit einem Mietwagen ging es dabei über das Mt. Wilson Observatory und das Lick-Observatory zum Mt. Palomar mit seinem immer noch eindrucksvollen 5m-Spiegel. Die Reiseroute verlief dabei entlang der San-Andreas-Verwerfung. An verschiedenen Stellen aufgenommene Bordsteine und geologischen Strukturen an Hängen belegten, wie hier das Aneinanderreiben zweier Kontinentalplatten wirkt. Zu guter Letzt wollte er noch aus Einzelaufnahmen entstandene Animationen vorführen, was aus technischen Gründen aber erst nach der nun folgenden Pause möglich war.

Die zweite Pause stand nun an und wir mussten uns alle vor dem Gebäude für das wieder von Uwe Freitag erstellte Gruppenfoto aufstellen („Es geht eben auch mit Pentax …“). Klar, dass die Zeit auch wieder für Klönen und andere Dinge verwendet wurde. Ich hatte meinen Surfstick dabei uns so konnte ich nebenbei Live vom NAFT auf dem Astrotreff berichten, aktuelle Bundesligaergebnisse aufrufen (Hannover lag da gerade 0:4 hinten …) und nach dem aktuellen Wetter schauen.

Michael Theusner war der erste Vortragende des letzten Blocks. Sein Thema lautete „AviStack und ein paar Bilder“. Er war in die Wüstengebiete im Süden der USA gereist und hatte dort mit einem 18-55 mm Objektiv Landschaft und Sternhimmel aufgenommen und die jeweils mehrere Tausend Aufnahmen zu sehr sehenswerten Zeitrafferfilmen addiert. Sie demonstrierten nicht nur den Verlauf der Nacht am klaren Sternenhimmel, sondern auch die Beleuchtungsverhältnisse der Landschaft nach dem Aufgang des Mondes. Nach dem gleichen Prinzip entstanden später Aufnahmen in Tasmanien, die beeindruckende Spiegelungen des Sternenhimmels auf einem See zeigten, dessen Oberfläche völlig glatt war. Im zweiten Teil ging er auf neue Funktionen im von ihm programmierten AviStack 2.0 ein. Damit waren auch zwei extrem hoch auflösende Mondmosaike addiert worden, dessen Einzelvideos er am 20 cm-Refraktor der „Volkssternwarte Geschwister Herschel e.V.“ in Hannover mit einer Barlowlinse aufgenommen hatte.

Michael Mushardt berichtete über seine Reise zur totalen Sonnenfinsternis am 11.07.2009. Dabei hat er eine Kurzreise gebucht, die ihn nur für den Tag der Sonnenfinsternis nach Shanghai führte. Leider hatte er mit dem Wetter überhaupt kein Glück und konnte sie nur an der Verdunkelung des Himmels und der Umgebung erkennen. Die Sonne war an diesem Tag in Shanghai nicht zu sehen. Dafür gab es eine Menge Bilder von touristischen Höhepunkten aus der fernöstlichen Hafenstadt (zu der auch ein Paulaner-Biergarten gehörte) und von der exorbitanten Lichtverschmutzung.

Der letzte Winter hatte bekanntermaßen Schneemengen gebracht, die man hierzulande aufgrund des Klimawandels kaum noch kannte. Bruno Mattern konnte trotzdem an seiner eingeschneiten Sternwarte in der Lüneburger Heide in den letzten Monaten auch angesichts des überwiegend schlechten Wetters eine ganze Reihe schöner Aufnahmen erstellen: Lichtquanten von M81/82, M 61, M 63, M 78, M 81, NGC 1055, NGC 2403, NGC 2976, NGC 7814 oder IC 5146 landeten dabei auf dem Chip seiner DSLRs.

Im letzten Vortrag präsentierte Carsten Reese (Astrofotografiegruppe der Olbers-Gesellschaft), der wie alle im Norden auch unter den widrigen Witterungsumständen zu leiden hatte, bekannte und viele eher selten fotografierte Objekte vor, die er mit der heimischen Ausrüstung (254/1260 Newton und Atik 16HR-CCD-Kamera) in Beckedorf nahe Bremen-Vegesack und mit der Canon 350 Da auf dem Oldenburger Teleskoptreffen aufnahm: M 2, M 16, NGC 6781, NGC 6946, NGC NGC 7331, M 33, ngc7129, NGC 1977, NGC 40, IC 443, NGC 2903, NGC 3239, NGC 2655, NGC 3184 oder NGC 3628.

Am Ende dieses NAFTs bedankte sich Marco Ludwig bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihr Erscheinen und konnte dabei auch den voraussichtlichen Austragungsort für das nächste NAFT bekannt geben: Es wird von den Lübecker Sternfreunden organisiert.

Nun hieß es für uns, Abschied zu nehmen und wieder nach Hamburg zurück zu kehren. Nachdem es tagsüber in Neumünster trocken war (via Surfstick konnten wir im Web auf den einschlägigen Wetterseiten sehen, wie die Regenfronten über Hamburg hinweg zogen), durchquerten wir nun die Schlechtwetterfront, kamen später aber in Hamburg an, als es wieder trocken war.

Mit zwei Tagen Abstand zum NAFT kann nun festgehalten werden, dass sich die Fahrt nach Neumünster auf jeden Fall gelohnt hat. Das schlechte Wetter im Winter 2009/2010 war kein Grund, sich nicht mit der Astrofotografie oder der Auswertung von Aufnahmen zu beschäftigen. Es gab wieder jede Menge Anregungen für eigene Projekte und Vorhaben (beispielsweise für einen anstehenden Astrourlaub im thüringischen Kirchheim). Vielleicht entstehen daraus Ergebnisse, die beim nächsten NAFT im Herbst vorgeführt werden können.

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