Johann Heinrich Mädler (l794-l874)


Am 29 Mai 1794 kam er in Berlin als Sohn eines Handwerkers zur Welt. Ab l806 besuchte er, weil sich bei ihm früh eine besondere Begabung gerade für mathematische Arbeiten erkennen ließ, das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Neben der Mathematik interessierte sich Mädler hauptsächlich für die Astronomie. Die Hoffnung auf ein Studium erfüllte sich jedoch nicht, da seine Eltern bereits 1813 verstarben, und er sich gezwungen sah, für den Unterhalt seiner vier Geschwister zu sorgen.

Mit dem Abitur in der Tasche schrieb Mädler sich beim Berliner Seminar für Volksschullehrer ein und fand 1817 eine Anstellung am Königlichen Lehrerseminar als Schönschreiblehrer. 1819 gründete er eine Privatschule für Kinder ärmlicher Eltern und veröffentlichte 1825 ein Buch über die Kunst des Schönschreibens.

Nebenher fand er trotz seiner schwierigen Situation und der angespannten Finanzlage noch Zeit, das angestrebte Studium der Astronomie zu beginnen und sich zunächst als Gasthörer an der Universität einzuschreiben.

In dieser Zeit lernte Mädler den vermögenden Bankier Wilhelm Beer (1797-1850) kennen, der wie er von der Himmelskunde begeistert war. Etwa um 1824 entschlossen sich beide zur Errichtung einer Privatsternwarte auf dem Grundstück Heers am Berliner Tiergartens. Sie bestand schließlich aus einer 12 Fuß durchmessenden Kuppel, unter der ein 97/1460 Refraktor von J. W. Pastorff (1767-1838) aus Buchholz bei Frankfurt an der Oder aufbewahrt wurde.

Mit diesem Instrument, das vormals hauptsächlich für die Sonnenbeobachtung eingesetzt worden war, beobachteten Mädler und Beer ab 1830 regelmäßig die Oberflächen des Mondes und der Planeten.

Die erste richtige Mondkarte war 1661 von Johannes Hevelius (1611-1687) in seiner ,,Selenographia" veröffentlicht worden, gefolgt von Francesco Maria Grimaldi (1618-1663) in Bologna, Maria Clara Eimmart in Nürnberg, Tobias Mayer (1723-1762) in Göttingen oder Johann Hieronymus Schroeter (1745-1816) in Lilienthal, die vielfach erstaunlich detaillierte Zeichnungen der Mondoberfläche herausbrachten.

Eine erste selenographische Gesamtkarte nahm Wilhelm Gotthelf Lohrmann (1796-1840) aus Dresden in Angriff, und während 1824 die ersten vier Teile der insgesamt 96,5 cm durchmessenden Karte veröffentlicht wurden, dauerte es noch bis 1878, bis alle Karten von J. F. J. Schmidt (1825-1884) zusammengefaßt waren und herausgegeben werden konnten.

Mädler und Heer bedienten sich vor allem dieser ersten Karten für ihre Mondbeobachtungen, wobei neben der Erfassung rein morphologischer Strukturen jene auch erstmals exakter vermessen wurden. Diese gemeinsame Arbeit gipfelte in der ,,Mappa Selenographia" (vollständiger Titel: ,,Der Mond nach seinen kosmischen und individuellen Verhältnissen oder allgemeine vergleichende Selenographie" ), die in den Jahren 1834-1836 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und von vielen Astronomen, allen voran Friedrich Wilhelm Bessel (1784-1846) mit Begeisterung aufgenommen wurde.

Ein Jahr später erschien dann zusätzlich die ,,Generalkarte der sichtbaren Mondoberfläche", für die Mädler, inzwischen seit 1831 Schreiblehrer am ,,Königlichen Seminar für Stadtschullehrer", das von Adolf Diesterweg (1790-1866) geschaffen worden war, allein verantwortlich zeichnete. Quasi als Extrakt der "Selenographia" gab er 1830 die 120 seitige ,,Kurzgefaßte Beschreibung des Mondes" heraus und schloß damit gleichzeitig seine Beobachtungen des Mondes ab.

Schon frühzeitig hatte Mädler Verbindung zur im Bau befindlichen Berliner Sternwarte aufgenommen, deren Direktor Johann Franz Encke (1791-1865) ihn 1836 als Observator einstellte. Immerhin vier Jahre gehörte er dem Institut an, bis ihn 1840 der Ruf der Dorpater Sternwarte als direkter Nachfolger von Friedrich Georg Wilhelm Struve (1793-1864) erreichte.

Mädlers Aufgaben in Berlin bestanden in erster Linie darin, die Oberflächen der bis dato bekannten Planeten zu studieren. So beobachtete er 1832 einen Merkurdurchgang und fertigte Zeichnungen der Mars- und der Jupiteroberfläche an. Er war dabei, als Encke 1837 eine weitere Teilung des Saturnringes entdeckte, maß die Abplattung des Uranus und vermutete ebenfalls die Existenz eines transuranischen Planeten im Sonnensystem. Zu seinen weiteren Beobachtungobjekten zählten ferner Sonnen- und Mondfinsternisse, Kometen und Meteore.

Viele dieser Arbeiten setzte er in Dorpat fort, wo er 1845 einen weiteren Merkurdurchgang beobachtete oder 1841 die Venus bei ihrer unteren Konjunktionen nach fleckenähnlichen Gebilden absuchte.

Mit dem Direktorat der Dorpater Sternwarte war gleichzeitig die Übernahme der Professur für Astronomie an der Universität verbunden. Neben seiner Lehramtstätigkeit war Mädler vor allem um die Pflege der vielen guten Instrumente und die Vergrößerung der Zahl seiner Mitarbeiter bemüht.

An der Sternwarte selbst setzte Mädler die von seinem Vorgänger Struve begonnenen Arbeiten an Doppelsternen fort, wobei er allein bis 1843 schon 1000 von ihnen beobachtet und vermessen hatte, welche die Grundlage bilden sollten für seine Untersuchungen zur Sterndynamik und Stellarstatistik. Obwohl seine Sorgfalt und sein Beobachtungsgeschick nie die Qualitäten eines F. G. W. Struve heranreichten, entwickelte er die ungewöhnliche Vorstellung eines Zentralgestirns im Zentrum der Milchstraße, das er allerdings in Richtung der Plejaden ansiedelte. Tatsächlich steht dieses jedoch diametral gegenüber. Mädler litt darunter, daß seine Hypothese von den Fachkollegen nie anerkannt und eher ein wenig belächelt wurde.

Erfolgreicher war er bei der Bestimmung der Eigenbewegung von Sternen, worüber er 1856 einen 3222 Objekte umfassenden, auf das Jahr 1850 reduzierten Katalog zusammenstellte. Daraus leitete er später den Apex der Sonnenbewegung zu RA = 261° 35.5' und Dekl. = 39°53.6' im Herkules ab. Ein erstaunlich genauer Wert, verglichen mit heutigen Maßstäben!

Mädlers Forschungs- und Lehrtätigkeit in Berlin wie auch in Dorpat nahm naturgemäß viel Zeit in Anspruch. Trotzdem fand er ausreichend Zeit, sich für die Popularisierung der Astronomie in Wort und Schrift einzusetzen. Er hielt viele Vorträge, teilweise vor Freunden, teilweise in aller Öffentlichkeit, und verfaßte eine ganze Reihe von Abhandlungen, von denen hier nur zwei genannt werden sollen: ,,Populäre Astronomie" (1841), "Der Wunderbau des Weltalls" (1841), ,,Astronomische Briefe" als Beilage zur Augsburger Allgemeinen Zeitung (1846), ,,Der Fixsternhimmel" (1858), ,,Astronomie für den Schulgebrauch" (1862) und vor allem die zweibändige ,,Geschichte der Himmelskunde" (1873).

Im Jahr 1865 schied Johann Heinrich Mädler aus gesundheitlichen Gründen aus dem Dienst der Dorpater Sternwarte aus und wurde emeritiert. Er zog zunächst nach Wiesbaden, wo er sich von seiner Krankheit erholte und kam dann über Bonn nach Hannover, wo er weiter populärwissenschaftlich tätig war. Hier starb er am 14 März 1874 im Alter von 80 Jahren.

Von vielen Zeitgenossen unverstanden und als Außenseiter abqualifiziert, wurde sein Wirken in den meisten Fachorganen nicht durch Nachrufe gewürdigt. Lediglich die Universitäten Halle, München und Wien sowie die Royal Society in England, zu deren Kreisen er sich lange Zeit zählen durfte, gaben kurze Mitteilungen heraus. Auch heute erinnert man sich seiner meist nur im Zusammenhang mit der ,,Mappa Selenographia"...

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