AURORA 7 (MA-7)

Missionsname: Mercury-Atlas 7 (MA-7)
Eigenname: Aurora 7
Besatzung: Malcolm Scott Carpenter
Start: 24.05.1962, 7:45:16 Uhr Ortszeit
Landung: 24.05.1962, 12:41 Uhr Ortszeit
Missionsdauer: 4h, 56 m
Missionsbeschreibung:

Der zweite MERCURY-Flug mit der ATLAS-Rakete sollte ursprünglich von Donald K. Slayton durchgeführt werden. Bei den üblichen medizinischen Voruntersuchungen stellte man jedoch Herzrhythmusstörungen fest, die sich die NASA-Ärzte nicht erklären konnten. Aus Sicherheitsgründen wurde dann festgelegt, daß Carpenter an seiner Stelle die MA-7 fliegen sollte. Zwar hatte man bereits 1959 bei Eignungstests diese Probleme, die allerdings nur sporadisch auftraten, festgestellt, doch litt er nie an ernsthaften Herzbeschwerden. So war er viele Jahre am Boden mit den GEMINI- und APOLLO-Missionen befaßt, kam aber in diesen Jahren nie zum Einsatz. Lediglich beim ASTP, dem APOLLO SOJUS TEST PROGRAMM im Jahre 1975, als sich amerikanische Astronauten und sowjetische Kosmonauten auf dem Höhepunkt der Entspannungspolitik in der Erdumlaufbahn trafen, kam er zum Einsatz. Slayton verstarb am 13. Juni 1993 an einem Gehirntumor.

War die erste Mssion eines amerikanischen Astronauten von einer ganzen Reihe kleinerer Pannen begleitet, die aber allesamt in den Griff zu bekommen waren, so galt das für den 2. bemannten MERCURY-Flug ganz besonders. Teilweise waren die Probleme aber auch hausgemacht.

Davon ahnte Carpenter freilich noch nichts, als er am Starttag nach dem Frühstück einer letzten medizinischen Untersuchung unterzogen wurde, seinen Raumanzug überstreifte, mit biomedizinischen Sensoren versorgt wurde und schließlich um 3:45 Uhr Ortszeit in den silbernen Bus stieg und sich zur Startplattform (Pad LC-14) fahren ließ, wo die MERCURY-Kapsel an der Spitze der Atlas D-Rakete auf ihn wartete.

Der Countdown verlief fast reibungslos und mußte nur viermal, zuletzt bei T -11 Minuten für 45 Minuten angehalten werden, weil eine der Beobachtungskameras verrückt werden mußte, um die später aufsteigende Rakete optimal im Bild zu haben. Die anderen stops dienten Überprüfungen des Trägersystems.
Um 7:45:16 Ortszeit war es dann endlich soweit: Das "go-for-mission" kam, die Triebwerke der ATLAS D zündeten und MERCURY 7 alias AURORA 7 hob, erst langsam, dann aber immer schneller werdend, von der Plattform ab. Es war ein Bilderbuchstart, den Flugdirektor Christopher Kraft als "nahezu perfekt und besser als erhofft" bezeichnete.
Während der Aufstiegsphase trat wieder kurzzeitig der Pogo-Effekt auf, leichte Schlingerbewegungen der Rakete in Längsrichtung, das war aber schon bald wieder vorbei und Carpenter erreichte seine vorgesehene Umlaufbahn

Nun konnte er mit dem geplanten Arbeitsprogramm und den Tests beginnen. Als erstes drehte er die Kapsel ebenfalls um 180° und flog mit dem Hitzeschild voran. Neben den bereits bei Glenn aufgetretenen Probleme der mit der Fluglagesteuerung konnte auch er beobachten, wie kurz nach Sonnenaufgang die MERCURY-Kapsel von einer Wolke aus Eiskristallen umgeben war.

Während der zweiten Erdumkreisung wurde ein an einer Nylonschnur hängender, verschiedenfarbig bemalter Plastikballon im Weltraum ausgesetzt. Die unterschiedlichen Farben dienten im Hinblick auf spätere Kopplungsmanöver dazu, festzustellen, welche Farbe im Weltraum am besten zu sehen war. Am Ende des Experiments ließ er sich leider nicht vom Raumschiff trennen und so zog Carpenter ihn wie einen Luftballon hinter sich her.

Nach diesem Experiment nahm er Tubennahrung zu sich: Rindfleisch und Gemüse.
Zum Ende der zweiten Umkreisung stellte die Bodenstation einen erhöhten Treibstoffverbrauch fest, die Ursache war schnell gefunden: Carpenter hatte mehrere, nicht autorisierte Manöver durchgeführt und dabei soviel Wasserstoffperoxyd in den Steuerdüsen verbraucht, das der Vorrat für die bevorstehende Landung knapp zu werden drohte. Er wurde von der Kontrollstation scharf ermahnt, weitere derartige Aktionen zu unterlassen. Carpenter mußte auf Handstreuerung umschalten, um Treibstoff zu sparen. Gleichzeitig hatte sich die Innentemperatur seines Raumanzugs auf 28° C erhöht. Zudem stellte er fest, daß er aufgrund seiner Extratouren hinter dem Flugplan zurückgeblieben war. Trotzdem versuchte er weiterhin, seine Aufgaben zu erfüllen, die u. a.darin bestanden, den Sonnenaufgang von der Umlaufbahn aus zu filmen und zu fotografieren. Auch die während der jeweils 45 Minuten andauernden Erdumkreisungen unter ihm weggleitende Erdoberfläche wurde aufgenommen.

Als Carpenter wieder von Automatik auf Handsteuerung zurückschalten sollte, funktionierte dies nicht auf Anhieb. Durch seine Extratouren ohnehin mit der Checkliste in Verzug geraten, verbrauchte er plötzlich Treibstoff statt aus einem der beiden Tanks aus allen beiden und das für volle 10 Minuten!

Gegen Ende der dritten Erdumkreisung zuündete Carpenter die Bremstriebwerke und näherte sich dem Wiedereintrittspunkt in die Erdatmosphäre. Beim Herabsinken in Richtung Erdoberfläche fiel plötzlich die Funkverbindung aus, zudem öffnete sich der Bremsfallschirm nicht, wie vorgesehen, in 3050 m Höhe, sondern mußte bei 2900 m per Hand ausgelöst werden. Carpenter schoß dadurch und weil er durch seine Extratouren den richtigen Eintrittswinkel verpaßt hatte, um 400 km über das vorgesehene Landegebiet im Atlantischen Ozean hinaus.

Erst drei Stunden nach der Landung konnte er von den Froschmännern des Flugzeugträgers INTREPID wohlbehalten geborgen werden. Zuvor war eine dramatische Rettungsaktion gestartet worden, um den in seiner Kapsel schwimmenden Carpenter zu finden, schließlich drohte nach der Beinahe-Katastrophe mit der FRIENDSHIP 7 nun ein ähnliches Desaster. Die MERCURY-Kapsel hingegen wurde von der Besatzung des Zerstörers PIERCE aus dem Meer gefischt und zurück zum Cape gebracht.

Die Rettung selbst wurde später noch heiß im US-Kongreß beraten: Bereits 36 Minuten nach der Wasserung wurde Carpenter von Flugzeugen der US Air Force aufgespürt, nach einer guten Stunde wurden 2 Froschmänner zu ihm herabgelassen. Sie bargen ihn nicht, sondern überließen dies der US Navy, die ihrer Ansicht nach für die Bergung zuständig sei: Ein offensichtlicher Streit zwischen den Waffengattungen!

Dabei war die Situation für Carpenter alles andere als angenehm: Die Kapsel nahm Wasser auf und neigte sich immer mehr. Am Ende hatte sie rd. 250. Liter in ihrem Innern, was die Bergung erschwerte und Carpenter, der allerdings in seinem Rettungsboot fröhlich vor sich hindümpelte, zusätzlich in Gefahr brachte.

Diese Pannenmission hatte für Carpenter noch ein persönliches Nachspiel: Die NASA warf ihm undiszipliniertes Verhalten und unnötige Gefährdung der eigenen Person durch nicht genehmigte Steuermanöver im Erdorbit sowie Befriedigung der eigenen Neugier vor, er erhielt lebenslanges Flugverbot für Raummissionen und nahm schließlich seinen Abschied vom Astronautencorps.

Mitte des Jahres 1962 stand die NASA vor der Frage, ob man nun nach mehreren unbemannten und Primaten-Flügen längere Missionen mit einer menschlichen Besatzung planen und durchführen konnte. Schließlich hatten sich bei den bisherigen Flügen keine ernsthaften Einschränkungen oder gar Erkrankungen für die Astronauten ergeben. Man entschied sich schließlich dafür, einen 1-Tages-Flug für 1963 in Angriff zu nehmen und für 1962 eine weitere MERCURY-Kurzmission durchzuführen: MA-8 (SIGMA 7).


FREEDOM 7 (MR-3)
LIBERTY BELL 7 (MR-4)
FRIENDSHIP 7 (MA-6)
SIGMA 7 (MA-8)
FAITH 7 (MA-9)


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