Astrourlaub in Kirchheim 2004

Am 11. September 2004 war es wieder einmal soweit: Ein voll beladener VW Golf machte sich mit mir als Insassen und zahlreichem Equipment (Koffer, Taschen, Tragebeutel, zwei Rechner, zwei Teleskope etc.) auf den Weg ins thüringische Kirchheim.

Die Freude auf den bevorstehenden Astrourlaub war insofern groß, als das ich dieses Jahr mal wieder die üblichen Probleme hatte, überhaupt frei zu bekommen. Aber nun ging es los. Verbunden mit der Freude war denn auch die Hoffnung auf gutes Astrowetter. In der Vergangenheit konnte man, was die Kirchheimfahrten anging, immer davon ausgehen, dass mindestens die Hälfte der Nächte klar werden würde. Doch zunächst sah es erst einmal gar nicht gut aus. Bereits kurz hinter Harburg sah ich auf der A 7 eine dicke Regenfront auf mich zukommen. Das konnte ja heiter werden. In der Woche vor meiner Abreise war es jeden Tag klar und sommerlich warm, aber am ersten Reisetag stellte sich das Wetter um. Die Scheibenwischer arbeiteten unter Dauerlast, die Gischt spritzte gegen die Windschutzscheibe und ließen wenig freundliche Gefühle und Worte aufkommen. Zum Glück war ich allein im Auto...

Auf einem Parkplatz nahe der Abfahrt Soltau-Süd traf ich bei leichtem Regen auf Christian Harder. Er hatte seinen dicken 16“ Dobson eingeladen und war genauso heiß aufs Beobachten wie ich. Gemeinsam fuhren wir dann weiter und kamen gegen 14 Uhr in dem kleinen Örtchen 13 km südlich von Erfurt an. Wir fuhren erst bei Dr. Jürgen Schulz, dem Leiter der Kirchheimer Volkssternwarte, die gleichzeitig auch die Feriensternwarte der Vereinigung der Sternfreunde ist, vor und fuhren dann auf das außerhalb Kirchheims gelegene Gelände. Dort konnten wir Michael Hensel aus der näheren Umgebung von Berlin begrüßen. Nach dem Ausladen des Gepäcks fuhren wir dann erst einmal ins Kaufland nach Rudisleben, um uns mit allem Nötigen für das Wochenende zu versorgen.

Mit ein wenig Sorge betrachteten wir die Entwicklung de Wetters: Es war sehr stürmisch (beim Ausladen flogen manche Sachen gleich wieder in das Wageninnere) und der Himmel bedeckt. Gegen Abend aber klarte es immer mehr auf und auch der Wind ließ nach. Christian baute vor der Schiefspieglerhütte seinen Dobson auf und so konnten wir praktisch ab Ende der Dämmerung beobachten. Die Transparenz des Himmels war für Kirchheimer Verhältnisse recht ordentlich. Mit meinem 11 x 80 Feldstecher beobachtete ich hauptsächlich Objekte in der südlichen Milchstraße (M8, M 20, M 16, M 17 usw.), die sahen wir uns auch im Dobson an. Gegen 1:30 Uhr waren wir dann aber doch zu müde, um noch weiter zu beobachten.

Am nächsten Morgen war der Himmel dann nur leicht bewölkt und wir konnten daran gehen, die Sonne aufzubauen. Da es immer noch, oder besser, wieder sehr windig geworden war, verkroch ich mich mit meinem 90/1000er Refraktor hinter die Schiefspieglerhütte, um dort Sonnenaufnahmen mit der Webcam zu machen. Dabei zeigten sich auf dem Bildschirm irgendwelche Dreckflecken, die weder beim Verändern der Position der Webcam noch beim Rütteln am Teleskop ihre Position veränderten. Später zeigte sich, dass diese tatsächlich auf den Aufnahmen, nicht aber auf dem Bildschirm meines Laptops zu sehen waren. Ich reinigte die Webcam, das Teleskop, aber die Flecken, die mit zunehmender Auflösung immer verwaschener wurden, blieben. Als ich mit der Webcam dan Aufnahmen am 80/1200 AS-Refraktor im H-Alpha machen wollte, waren die Flecken (nach der Reinigung) zahlreicher und kleiner geworden. Nach langem Überlegen kam ich schließlich auf die Idee, testweise meine Webcam gegen eine andere auszutauschen. Das sollte bei der nächsten Sonnenbeobachtung passieren.

Am Abend klarte es dann wieder auf, der Wind hatte nachgelassen und wir bauten wieder den Dobson auf. Die Transparenz war schlechter als am Vortag, die ganze Zeit über zogen dünne Wolkenfelder durch. Kurz nach Mitternacht gaben wir dann auf.

Der Montag begann erst einmal mit bedecktem Himmel, so beschlossen wir, einen Ausflug ins nahe Erfurt zu unternehmen. In der Altstadt besuchten wir das Geburtshaus von Johann Hieronymus Schroeter in der Predigergasse Nr. 20, auf das man aber nur durch ein Schild an der Hausmauer hingewiesen wird. Hier gab es außerdem an einigen Häusern jede Menge astronomische Motive zu fotografieren. Unsere nächsten Ziele waren die Erfurter Antiquariate auf der Suche nach alter Astroliteratur, der Dom, die Einkaufs- und Fressmeile in der Innenstadt sowie das Einkaufszentrum Thüringenpark im Norden Erfurts.

Am späten Nachmittag kehrten wir nach Kirchheim zurück. Das Wetter war in der Zwischenzeit mal wieder völlig anders geworden als vom Wetterbericht vorhergesagt. Die Wolkenlücken wurden immer größer. Allerdings ließ der Wind an diesem Abend nicht völlig nach. Christian baute seinen Dobson wieder vor der Schiefspieglerhütte auf und wir nutzten die sich bietenden Wolkenlücken zur Deep-Sky-Beobachtung. Allerdings verschonten uns die Wolken nicht. Immer wieder zogen mehr oder weniger große und dichte Wolkenfelder durch. Nebenher fielen und auch mehrere Meteore auf, von denen zwei Boliden gewesen sein dürften. Eine der Feuerkugeln war von Ost nach West träge dahingezogen und hatte eine lange farblose Nachleuchtspur hinter sich hergezogen. Anscheinend handelte es sich hier wohl um sporadische Meteore, denn sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen. Ein Radiant war nicht auszumachen.

Der Dienstag Morgen bescherte dann wieder klaren und wolkenlosen Himmel, daher war erst einmal wieder Sonnenbeobachtung und -fotografie an meinem 90/1000-Refraktor angesagt. Allerdings hatte ich nun das Problem, dass die Flats irgendwie nicht passen wollte, das gleich trat kurioser Weise auch bei Michael Hensel auf...

Am Nachmittag fuhr ich dann über Crawinkel und Ohrdruf nach Gotha zum Schloss Friedenstein (es sollte eigentlich eine kleine Burgen- und Schlössertour werden, aber daraus wurde nur ein einziger Schlossbesuch). Im Rundgang des Innenhofes fielen mir einige Papprohre auf, die, an der Decke hängend und Windspielen gleich sich bewegten. Mein erster Gedanke war, das sind einfache Fernrohre (freilich ohne Linsen darin). Einer Hinweistafel war zu entnehmen, dass sie Teil eines Museumspädagogischen Ferienprojektes von Kindern und Jugendlichen aus Gotha anlässlich des 200. Todestages von Herzog Ernst II. von Sachsen Gotha - Altenburg (1772 - 1804) war. In den Ausstellungsräumen des Schlosses gab es zudem eine Sonderausstellung, die aus dem Leben und der Zeit des Herzogs berichtete: „Die Gothaer Residenz zur Zeit Herzog Ernst II. von Sachsen Gotha - Altenburg (1772 - 1804)“. Ernst II., dessen Bedeutung sich in seinen Vorstellungen von Toleranz und freiem Denken wiederspiegelte und die Stadt zu einem hochstehenden geistig-kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum des thüringischen Fürstentums Gotha werden ließ (und dessen Residenz das Schloss Friedenstein war), war auch ein begeisterter Amateurastronom. Durch seine Förderung der Wissenschaft und der Kunst wurde der auch Grundstein für die spätere Bedeutung Gothas in der Geschichte der Astronomie gelegt. Daher wurde ein Teil der Ausstellung auch der Gothaer Astronomie gewidmet. Neben Büsten und Bildern, Lageskizzen und Hinweistafeln waren in Glasvitrinen und freistehend Uhren und Globen, zeitgenössische Schriften und Bücher, einige Fernrohre (u.a. ein Short-Refraktor) und ein Modell der Seeberg-Sternwarte um 1790 aufgestellt.

Als ich das Schloss auf der anderen Seite wieder verließ, fiel mir sofort eine Kuppel auf. Recherchen ergaben, dass es sich hier um den Rohrbachturm handelte. Der mit einer Drehkuppel ausgestattete 30 m hohe Stahlbetonturm wurde 1904/05 am Galsbergsweg 6 von Prof. Dr. Carl Rohrbach (1861-1932) errichtet, und mit einem parallaktisch montierten Vierzöller sowie einem Spiegelteleskop ausgestattet. Rohrbach, seinerzeit Mitglied der „Vereinigung von Freunden der Astronomie und der kosmischen Physik“, war astronomischer Publizist Gothas, zeitweise Verwalter der herzoglichen Sternwarte (1898-1906), und im Hauptberuf Lehrer und später Direktor an der Realschule zu Gotha, wo er zwischen 1911 und 1914 ein neues Schulgebäude mit selbstkonstruierter Drehkuppel für astronomische Beobachtungen erbauen ließ. Seine Hauptfächer, die er mit großem Engagement ausübte, waren Mathematik und Astronomie. In dieser Funktion trieb der die Himmelskunde in Gotha voran, schrieb eigens entwickelte Logarithmentafeln, schuf einen eigenen Sternatlas, einen Selbstbauhimmelsglobus und mehrere Sternkarten, die u.a. in der 10. Auflage des „Stieflers-Handatlas“ abgedruckt wurden. 1904 regte er außerdem das Anbringen einer Gedenktafel zum 100. Todestag des Stifters der Seeberg-Sternwarte, Ernst II. von Sachsen Gotha und Altenburg, an.

Nach seinem Tode im Jahr 1932 wurden Rohrbachs Fernrohre und seine rd. 60.000 Exemplare umfassende Bibliothek von den Erben verkauft und damit in alle Winde verstreut. Das Gelände der Rohrbachsternwarte wurde zwischen 1948 und den 60er Jahren noch einmal vom Meteorologischen und Hydrographischen Dienst der DDR für Messungen der Staubgehalts der Hochatmosphäre genutzt, die jedoch mit Aufkommen und Fortschreiten der sowjetischen Raumfahrt eingestellt wurden.

Die Rohrbachsche Sternwarte kann heute über den URANIA-Verein Gothas nach vorheriger Vereinbarung besichtigt werden. Welches Gerät sich darin befindet, war nicht eindeutig festzustellen, nach einer älteren Quelle soll sich dort ein Zeiss-Meniskas befinden (vgl. Manfred Strumpf: Gothas astronomische Epoche, Geiger-Verlag Horb am Neckar (1998), S. 82.). Nach Insider-Informationen soll allerdings die Beobachtung insofern problematisch sein, als dass die Montierung auf einer frei schwebenden Betonsäule ruht und selbst bei kleinsten Berührungen heftigsten Schwingungen ausgesetzt ist.

Solche Probleme hatten wir in Kirchheim nicht, dafür war es erstmals am Abend völlig bewölkt, sodass an Beobachtungen nicht zu denken war. In der Nacht mussten sich die Wolken dann aber verzogen haben, denn am nächsten Morgen erwachten wir unter einem völlig wolkenfreien Himmel (den Saturnaufgang hatten wir verschlafen). Also wurde erst einmal wieder die Sonne beobachtet. Auch dieses Mal nutzte ich wieder meine Webcam am 90/1000er. Im Laufe des Tages zog jedoch der Himmel immer mehr zu. Zwar blieb er bis zur Dämmerung mehr oder weniger stark aufgelockert, doch eine Beobachtungsmöglichkeit ergab sich daraus nicht. Christian war in Richtung Jena abgedüst und ich versuchte Videoaufnahmen am 110/1650er mit meiner Videokamera. Leider - Murphy wird es freuen - hatte ich dabei den Fokus nicht genau getroffen. Das Problem bestand darin, dass das Bild im Sucher der Kamera sehr dunkel war und bei aufgezogener Blende die Sonne zu stark aufgehellt war, sodass auch hier wieder keine Scharfstellmöglichkeit gegeben war.

Am Freitagmorgen war Christian schon frühzeitig nach Hause aufgebrochen, um abends noch zum Heidetreffen nach Reinsehlen fahren zu können. Ich blieb in Kirchheim und beobachtete erst mal wieder die Sonne und fotografierte sie mit meiner Webcam und meiner Videokamera. Später dann fuhr ich noch einmal nach Erfurt, am Abend fand das Treffen der Kirchheimer Sternfreunde statt, wo über die Planungen der Langen Nacht der Sterne in Kirchheim beraten wurde. Danach hatte ich allerdings keine große Motivation mehr, noch zu beobachten, also widmete ich mich der Bearbeitung meiner Videos, packte schon einige Sachen zusammen und ging dann irgendwann gegen Mitternacht ins Bett.

Der Abreisetag war dann etwas stressig, da sich die ersten Besucher, eine Rentnergruppe, angekündigt hatte und alles bis zum Eintreffen vorbereitet sein sollte, was dann auch reibungslos funktionierte. Pünktlich zum Losfahren traf die Fahrzeugkolonne ein und ich war nun doch roh, nach Hause fahren zu können. Der Verkehr auf den Autobahnen war normal und so kam ich nach fast schon gemütlicher Rückreise wieder in Hamburg an. Der einwöchige Astrorurlaub war wieder einmal viel zu schnell vorüber gegangen. Es war immerhin der erste, bei dem an jedem Tag beobachtet werden konnte. Und so freue ich mich schon auf Kirchheim 2005, auch wenn das noch eine ganze Weile dauern wird...

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