Kirchheim im Herbst 2003

Ende Oktober 2003 ging es wieder einmal ins thüringische Kirchheim. Dieses Mal zu einem einwöchigen Astrourlaub, der es aber in sich haben sollte, trotz der in dieser Jahreszeit typischerweise eigentlich eher schlechten Wetteraussichten.

Am frühen Nachmittag des 25. Oktober trafen wir, André Wulff und ich ein, beeilten uns, Gepäck und Rechnerkomponenten im Hauptgebäude abzustellen, um anschließend nach Rudisleben ins Kaufland zu fahren, nur um festzustellen, dass der Laden auch am Samstag bis 20 Uhr geöffnet hat. Wir versorgten und mit Grundnahrungsmitteln (Cola, Chips, Gebäck und dem ersten Weihnachtsmann der Saison), aber auch „normalen“ Ernährungsstoffen, fuhren wieder nach Kirchheim zurück und bauten hier erst mal unser traditionelles Rechenzentrum auf.

In Kirchheim anwesend waren drei Berliner Sternfreunde, die aber zum Teil am folgenden Tag abreisten, nur Peter Wegt blieb noch ein paar Tage, um seine Fotoaufnahmen des Planeten Uranus fortzusetzen.

Am kommenden Tag kam dann auch Christian Harder an und komplettierte das norddeutsche Astrotrio. An den ersten beiden Tagen beschäftigten wir uns mit allerlei Dingen, hauptsächlich den Wetteraussichten für die kommenden Tage, Baller- und Rennspielen, die mit einem Lenkrad besonders viel Spaß machten. Hier ist besonders das irgendwie passende Spiel „Urlaubsraser“ aus dem Hause Davilex zu erwähnen.

Erste Beobachtungen
Am 27. Oktober riss die Bewölkung zum ersten Mal richtig auf und es wurde klar. Tagsüber habe ich die Sonne an meinem 80/400er Refraktor und an den Instrumenten in der Schiefspieglerhütte beobachtet. Dabei kam an den kleineren 80/1200-Refraktor der Coronadofilter für H-Alpha-Beobachtungen, während der 110/1650er Refraktor für Weißlicht genutzt wurde. Kurz nach 12 Uhr kam Christian in den Aufenthaltsraum und teilte aufgeregt mit, dass er gerade einen Weißlichtflare beobachten würde. Wir stürmten hinaus, aber leider war der Ausstoß im Integrallicht schon vorüber, als wir ans Teleskop kam. Dafür konnte man die spannende Entwicklung im H-Alpha weiter verfolgen. Wir fotografierten das Ereignis mit Digitalkameras oder filmten es mit der Videokamera. Diese Aufnahmen wurden dann sogleich in den Rechner gesogen und mit Giotto 1.3 beta weiter verarbeitet. Dabei erwies sich, dass die neue Version wesentlich benutzerfreundlicher ist, als die alte. Auch die Paßmustererkennung läuft hier wesentlich besser.

Doch zurück zum Geschehen auf der Sonne: Nach Informationen im Internet (http://www.spaceweather.com) war in der Sonnenfleckenregion 10486 um 11:10 UT ein sog. X 17.2-Flare hochgegangen und hatte den größten Teilchenstrom entfacht, der seit dem 2. April 2001 auf die Erde losgelassen worden war und der drittstärkste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1976 überhaupt. Auf den Fotos zeigten sich ein großes, bogenförmiges Filament und zahlreiche, hellweiße Flarestrukturen, dort, wo die Eruption explosionsartig aufgestiegen war. Die Verfolgung des Gebietes blieb bis zum Abend hin spannend.

Und spannend wurde auch die kommende Nacht, denn in der Schiefspiegelerhütte stand Planetenbeobachtung auf dem Programm: Während André in der Kuppel mit der Kirchheimer SBIG ST-8 CCD-Kamera Kometen und Deep-Sky-Objekte aufnahm, versuchten Peter Wegt und Manfred am 250/5000 Schiefspiegler den schon deutlich kleiner gewordenen Planeten Mars, Uranus und Saturn zu beobachten, zu fotografieren und zu filmen.

Das Seeing war jedoch keineswegs optimal, das Bild im Okular waberte mehr oder weniger stark. Dennoch machte Christian Aufnahmen mit seiner Digitalkamera und Manfred lichtete den Planeten mit der Videokamera ab. Ähnlich wurde später beim Saturn verfahren. Zwischendurch fotografierte Peter Wegt dann den Uranus, der schon tiefer stand, keine Details seiner dichten Atmosphäre verriet und ebenfalls unruhig im Okular hin und her zappelte. Hier lohnten sich Aufnahmen mit der Videokamera nicht. Und auch Saturn war nur schwer zu beobachten, da seine vormitternächtlich niedrige Höhe über dem Horizont das Seeing negativ beeinflusste. Zuletzt war noch nicht einmal mehr eine einwandfreie Trennung zwischen Ring und Planet möglich.

Wir legten sich schlafen, um gegen vier Uhr wieder aufzustehen, wurden aber nur wenig belohnt, da das Seeing immer noch nicht deutlich besser geworden war. Wir beobachteten, fotografierten und filmten noch mal Saturn und den inzwischen aufgegangenen Jupiter, der später auf den bearbeiteten Videobildern allerdings kaum mehr als die beiden größten Äqutorialbänder zeigte. Dafür konnte mit Giotto 1.3 bei Saturn die Cassiniteilung, ein heller Wolkenstreifen in der Atmosphäre und ein Schattenwurf auf den Ring herausgearbeitet werden. Ein großes Problem an diesem Morgen war zudem die Vereisung der Instrumente, der Montierung, einfach aller freiliegender Teile inklusive dem Telrad am Kutter.

Wer in der Dämmerung noch aufblieb, wurde dann mit einem wunderschönen Sonnenaufgang und Fotomotiven in Hülle und Fülle belohnt. Leichter Raureif lag auf allem, was sich draußen befand: Autos, Rasen, Bäume und Blätter. Später am Vormittag konnte dann wieder die Sonne im H-Alpha und im Weißlicht beobachtet, fotografiert und gefilmt werden: Die Sonnenfleckenregionen 10484 und 10486 waren sehr beeindruckend und auch mittels Sonnenfinsternisbrille mit bloßem Auge zu sehen. Gespannt warteten wir dann auf das Polarlicht, das für die übernächste Nacht erwartet wurde.

Aber erst einmal kam der Abend des 28. Oktober: Der Himmel war weniger transparent als am Vortag, dafür war es deutlich wärmer und die Teleskope weniger vereist. Für den nächsten Tag, als der Teilchenschauer des X17.2-Flares die Erde erreichen sollte, war schon wieder bedeckter Himmel angekündigt worden. Das Seeing war im Vorfeld der heranrückenden Schlechtwetterfront auch deutlich miserabler. Planetenvideos und -fotos lohnten sich nicht mehr, dafür beobachteten wir an Christians 10 Zoll-Dobson Deep-Sky-Objekte wie M 27, M 57, NGC 6888, M 31, M 33, h + chi oder M 45: Trotz des Seeings ein visueller Genuss für das Auge. Gegen Morgen tauchten dann erste Wolkenfelder auf, später, nach dem Aufstehen, war der Himmel dann völlig zu, auch am nächsten Tag. So verpassten wir denn auch unter einem Regengebiet sitzend das Polarlicht vom 29.10. André und Christian entschieden sich schließlich nach dem Abendessen und den Wetterberichten von ZDF und ARD mit dem Auto einen günstigeren Beobachtungsplatz zu suchen. Ich blieb unterdessen in Kirchheim.

Polarlichtbeobachtung in Kirchheim
Ich war eher skeptisch, was die Wetteraussichten anging und war daher auf der Sternwarte geblieben, machte aber meine Digitalkamera, eine Kyocera Finecam S5R bereit, um im Fall der Fälle schnell ein paar Polarlichtphotonen einfangen zu können.

Das Wetter über Kirchheim war zunächst wenig durchschaubar oder einfach nur schlecht: Keine einzige Wolkenlücke zeigte sich. Erst so gegen 23:20 Uhr, als ich einen meiner Kontrollgänge unternahm, bemerkte ich plötzlich, dass der Himmel stellenweise aufgerissen war und sich im Nordwesten ein dunkelrotes Leuchten und Wallen zeigte. Ich warf mir warme Kleidung über, nahm die Kamera und suchte auf dem Sternwartengelände ein dunkles Plätzchen, von dem aus ich für Aufnahmen mit der Kuppel oder den anderen Gebäuden ein interessantes Vordergrundmotiv im Bild platzieren konnte. Die ersten Aufnahmen entstanden um 23:23 Uhr, bei Blende 2.8, ISO 800 und 8 Sekunden Belichtungszeit. Dabei zeigte sich, dass die Bilder fiel zu hell wurden, also drehte ich die Empfindlichkeit auf ISO 400 zurück. Bald zeigten sich auch im Nordosten grüne und rote Schleier, unterbrochen von durchziehenden Wolkenschichten. Inzwischen war auch Jürgen Schulz, der Leiter der Sternwarte, eingetroffen und so beobachteten wir gemeinsam das atemberaubende Naturschauspiel über unseren Köpfen. Der Himmel in Richtung Erfurt im Norden der Sternwarte war aufgehellt und es war schwer zu unterscheiden, ob hellere Bereiche dort von der Stadt kamen oder mit dem Polarlicht zusammenhingen. Es konnte sich schließlich auch um dünne, tiefliegende Wolkenfelder handeln, die vom Licht der Stadt angestrahlt wurden.

Ich schwenkte das Fotostativ mehrmals herum, um möglichst viele der Polarlichter zu erfassen, die sich als rotes oder grünes Wallen und als sich bewegende Vorhänge am Nordhimmel, teilweise bis hinauf zum Zenit und darüber hinaus, offenbarten. Etwa zu diesem Zeitpunkt meldete die Kamera, dass der Akku leer sei, und der Ersatzakku hatte schon in den letzten Tagen Probleme bereitet und stand nicht zur Verfügung. Nun wurde guter Rat teuer, denn ich wollte die weitere Entwicklung auf keinen Fall versäumen und kam auf die Idee, meine 30 m - Kabeltrommel aufzurollen, sodass ich mittels Hausstrom schnell wieder einsatzbereit war. Ich konnte also weiter fotografieren und auch das Polarlicht war noch nicht zu Ende. Im Zenit meinten wir schon einige Zeit eine diffuse Aufhellung zu sehen, die deutlich heller war als die Milchstraße. Helle Flecken und Zonen fanden wir auch an manchen Stellen über der thüringischen Landeshauptstadt. Allerdings waren wir uns nicht schlüssig, was wir da wirklich sahen: Polarlichter oder nur angeleuchtete Wolken.

Dann wurde es eindeutig: Im Nordosten bildete sich ein starker roter Klecks, der immer größer wurde und aus dem bald darauf ein gigantischer natürlicher Skybeamer hervorschoss, der fast über den halben Himmel hinaus reichte. Wir waren begeistert und ich fotografierte auch diese Erscheinungsform.

Etwas später dann beruhigte sich das Geschehen wieder. Jürgen fuhr wieder nach Hause und auch ich gedachte, ins Bett zu gehen, wollte aber vorher noch die aufgenommenen Bilder sehen. Ich lud sie mir auf den Rechner, schrieb einige Emails und rief die letzten Meldungen anderer Sternfreunde zum Polarlicht von der NAA-Mailingliste ab. Danach warf ich noch mal einen letzten Kontrollblick nach draußen und traute meinen Augen nicht: Der ganze Himmel war hellrot erleuchtet. Erst dachte ich an eine Überreizung der Augen vom hellen Bildschirm, aber dann wurde mir klar, dass die Polarlichtshow noch nicht zu Ende war. Also nahm ich die Kamera und fotografierte, was der inzwischen teilweise wieder aufgeladene Akku hergab. Das rote Leuchten wechselte sich mit grünem oder grauen Wallen ab. Und zur Krönung des Ganzen konnte ich genau über mir im Zenit sozusagen die Unterseite eines gigantischen Polarlichtvorhanges sehen. Der war aber nicht mehr vollständig zu fotografieren, da er über mehr als den halben Himmel reichte. Also versuchte ich, einen Teil zu erfassen, was mir auch gelang. Es war der Abschluss eines gelungenen Polarlichtabends, denn schon bald kamen wieder dichtere Wolken und verhinderten jeden weiteren Blick auf den Himmel.

Die letzten Beobachtungen
Natürlich, und das hat eigentlich Tradition bei Astroreisen, war es am letzten Abend dann wieder teilweise klar. Bei heftigem Wind konnte ich am Nachmittag mit meinem Kleinteleskop die Sonne beobachten. Am frühen Abend war dann wieder Wolkenlückenastronomie angesagt: André und Christian fotografierten durch freie Himmelabschnitte hindurch den Mond, für Filmaufnahmen mit der Videokamera blieb danach dann aber leider keine Zeit mehr. Dafür zog der Himmel wieder zu. In der Nacht war es dann teilweise völlig aufgeklart, doch in der Nacht vor der Abreise war die Motivation gering, die bereits eingepackten Gerätschaften wieder herauszuholen und Aufnahmen zu machen. Am Morgen vor der Abfahrt konnte ich dann noch mal kurz die Sonne beobachten, bevor es wieder in lichtverseuchte Hamburg ging, wo im November Beobachtungen Glückssache und die Sichtbedingungen wieder norddeutsch schlecht waren.

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