Kirchheim im Frühjahr 2001

Nachdem wir in den vergangenen Jahren in den Sommermonaten ins thüringische Kirchheim gefahren sind, um an der dortigen Sternwarte zu beobachten, wollten wir einmal im Frühjahr dorthin reisen, um die Objekte des Frühlingshimmels mit seinem schier unerschöpflichen Galaxienreichtum aufzunehmen

Ursprünglich wollten wir am Montag, den 23. April zu dritt fahren, aber einer unserer Mitreisenden hatte wegen einer Erkrankung kurzfristig abgesagt und so fuhren wir (André Wulff und ich) zu zweit und konnten auch auf ein Auto verzichten, was angesichts der unverschämt hohen Benzinpreise auch vernünftig war. Andrés Kombi wurde allerdings mit dem bei uns üblichen Equipment (Rechnerhardware, Transportkisten gefüllt mit Software und Büchern sowie diversem Kleingepäck) voll beladen. gegen 10:30 Uhr fuhren wir ab, André besorgte noch E6-Entwickler für seine geplanten Schmidtkameraaufnahmen , und für die nächsten 5 Stunden gehörten die Autobahn und diverse Landstraßen uns.

Keine Tradition mehr...
Schon im Vorfeld hatten wir erfahren, dass wir die einzigen Besucher der Kirchheimer Sternwarte sein würden. Wir holten den Schlüssel im Hause Schulz ab, fuhren zur Sternwarte und entluden erst einmal den Fahrzeuginhalt in das Hauptgebäude. Danach ging es wie üblich erst mal nach Rudisleben zum Einkauf, wo wir uns mit reichlich Grillfleisch, Colakisten usw. eindeckten.

Nach wochenlangem Astrofrust aufgrund nie enden wollender Tiefdruckgebiete hofften wir in Kirchheim auf die ultimative Beobachtungskatastrofe. Und wer schon öfter Astrourlaube unternommen hat, der weiß, dass es sowohl in der Nacht nach der Anreise und in der vor der Abreise immer klar ist. Aber diesmal wurde mit der Tradition gebrochen. Wir hatten während der Fahrt schon bemerkt, dass die Wolken zunächst immer dichter, dann lichter und wieder dichter wurden. Der Himmel am ersten Abend blieb also zu.

Die erste Beobachtungsnacht...
...unter dem Kirchheimer Himmel sollte dennoch nicht lange auf sich warten lassen.. Der Wetterbericht sprach davon, dass es sich am Dienstag beziehen und danach regnen sollte, aber das reale Wetter war entschieden anderer Meinung und es klarte immer mehr auf. Am Tage konnte ich mit meinem 80/400-Refraktor meine Sonnenbeobachtungen durchführen (zwei Flecken der gigantischen Region 9393 konnten wir auch mit bloßem Auge beobachten). Nachmittags nahm ich dann noch eine Mütze voll Schlaf, um fit für die Nacht zu sein und je näher die Dämmerung rückte, desto mehr verzogen sich die Wolken. Allerdings: Bei Sonnenuntergang, den wir mit unseren Videokameras filmten, zog im Nordwesten eine fette Wolkenbank auf, die aber kaum höher als ca. 10° über den Horizont kam und später sogar wieder zurückwich. Wir schienen Glück zu haben und bereiteten in der Kuppel alles für die bevorstehende erste Beobachtungsnacht vor.

André hatte seine 1:1,65/225 mm Celestron-Schmidtkamera in Stellung gebracht; mit dem 500/2500 mm Newton wollten wir Aufnahmen mit der ST-6 CCD-Kamera machen.

Die Nacht zog herauf und es wurde immer klarer, später hatten wir eine visuelle Grenzgröße von mindestens 5,0 mag, her sogar 6,0 mag. Nach der üblichen Scharfstellarie konnte es dann losgehen.

Das erste Objekt sollte die Balkenspirale NGC 2903 sein, die wir auch bald fanden und auf den Chip integrieren konnten. Danach folgten die elliptische Galaxie M 65, die edge-on Galaxie NGC 4565, meine Lieblingsgalaxie NGC 4594 (M 104), der Sombrero-Nebel und die edge-on Galaxie IC 2233. Hiervon sollte es bis dato lt. Sternzeit Nr. 3/2000 noch keine Amateuraufnahme geben. Dem konnten wir, wenn es tatsächlich so sein sollte, in Kirchheim ein Ende setzen.

Als André seine Schmidtkameraaufnahmen belichtete (er hatte sie auf den hinteren Teil des Löwen ausgerichtet), zog ich mir mit meinem 11 x 80 Feldstecher Standards wie M 44 (schön aufgelöster Sternhaufen), M 36, M 37 und M 38 rein, wechselte danach die Optik (80/400-Refraktor) und machte aus Gag auch ein paar Beobachtungen mit meinem 8 x 21 Taschenfernglas. Es zeigte ein sehr dunkles Bild (was Wunder bei der Öffnung...) und jede Menge unscharfe Sterne, gab aber auch, z. B., von der Praesepe, die hellsten Sterne wieder. Na ja, ist halt doch kein Ersatz für einen richtigen Ackerpieker und begeistert auch nicht wirklich.

Am nächsten Abend war der Himmel größtenteils bedeckt, aber dann und wann taten sich doch einige Lücken auf. Durch eine solche konnten wir die schöne Konjunktion mit der schmalen Mondsichel, Jupiter und Saturn beobachten. Besonders reizvoll war zudem das aschgraue Licht des Mondes, das einem Atem beraubenden Kontrast zum noch teilweise aufgeklarten Himmel bildete. Wir filmten den Anblick mit unseren Videokameras, bis wieder neue Wolken heranzogen und keine weiteren Beobachtungen zuließen.

Auf die zweite Beobachtungsnacht...
...mussten wir etwas warten. Zwei Tage später sah der Himmel abends zunächst nicht danach aus, als ob man noch beobachten könne. Zwar bildeten sich mal im Westen, mal im Norden größere Wolkenlücken, die sich aber bald wieder schlossen. In der heraufziehenden Abenddämmerung beobachteten, fotografierten und filmten wir noch mal die Konstellation mit Mond und Jupiter/Saturn. André filmte in der Kuppel mit freier Hand durch das Okular des 200/3000 AS-Refraktors Jupiter. Ich tat es ihm gleich und drehte auch ein paar Sequenzen. Leider konnten wir unsere Kameras nicht auf der Montageschiene befestigen, da diese nicht für unsere Kameratypen optimiert war.

Später dann zogen sich die Wolken immer mehr zurück und wir konnten am 50er Spiegel unsere Galaxienjagd fortsetzen. Vor allem wollten wir eine noch bessere Aufnahme von IC 2233 hinbekommen, da sich bei der ersten mit einer Integrationszeit von 60 s die Galaxie kaum vom Hintergrundrauschen abhob. Die Suche allerdings wurde zur ausgesprochenen Geduldsprobe. Zunächst hatten wir sie relativ schnell eingestellt. Dann musste noch mal die Scharfstellung nachkorrigiert werden, weshalb das Teleskop nur in Deklination geschwenkt wurde. Kurz zuvor hatte der Rektaszensionsmotor irgendwie einen Aussetzer produziert und wir befürchteten schon, vorzeitig abbrechen zu müssen. Doch nach dem Aus- und wieder Einschalten der Nachführung funktionierte das Teil dann wieder.

Nach dem Scharfstellen wurde auf die vorherige Position zurückgeschwenkt, aber nun konnten wir IC 2233 mit einem Mal nicht mehr finden. Wir eierten irgendwie immer in der gleichen Gegend herum, fanden bei Probebelichtungen immer wieder die gleichen markanten Sterngrüppchen und Doppelsterne, nur eben die Galaxie nicht, was angesichts des kleinen Gesichtsfeldes der CCD-Kamera von 11 x 15 Bogenminuten auch nicht gerade trivial ist. Mehrmals versuchten wir, von Kastor aus in den Luchs vorzudringen, zu dem IC 2233 gehört. Immer wieder verglich André die Sterne auf den Aufnahmen mit dem CCD-Feld von Guide 7.0 auf dem Sternwartenrechner. Aber nichts war zu machen. Dann, nach gut zweistündigem Suchen, stießen wir auf NGC 2437 und integrierten 60 s. Von da an war der Weg relativ einfach. Wir fanden endlich die schwache Galaxie wieder und belichteten dieses Mal 120 s lang, was ein deutlich besseres Ergebnis hervorbrachte. Das Bild wurde am Tag darauf von André nachbearbeitet, mit einem kurzen Text von uns versehen und an die STERNZEIT-Redaktion gemailt.

Zwischendurch zeigten sich immer wieder mal Wolkenfetzen, die träge durchs Gesichtsfeld schlichen, danach den Blick aber immer wieder frei gaben. Schon vor der Aufnahme von IC 2233 merkte ich, wie mir immer kälter wurde und ein unangenehmes Magendrücken mein Wohlbefinden mehr und mehr beeinträchtigte. Doch noch wollte ich weitermachen.

Als nächstes sollte M 100 mit dem Kleinplaneten (6) Hebe belichtet werden. Aber auch dieses Objekt zierte sich seiner Erfassung durch die CCD-Kamera. Inzwischen wurde bei mir das Magendrücken zum Magenschmerz und ich fror immer mehr, trotz Wärme isolierendem Overall. Schließlich brach ich gegen 1 Uhr die Beobachtungen schweren Herzens ab. Die M 100-Aufnahme gelang, leider war, wie wir ein paar Tage später auf dem Treffen der Kirchheimer Sternfreunde feststellen mussten, das Gesichtsfeld zu klein, um den rasch vorbei ziehenden Kleinplaneten noch zu erwischen, er befand sich zum Aufnahmezeitpunkt knapp außerhalb davon.

André belichtete unterdessen bis zur Morgendämmerung die Kometen McNaught-Hartley 1999T1 und LINEAR 99T2 sowie die Galaxien NGC 5350, NGC 5466 und M 51 (bereits in der heraufziehenden Dämmerung) mit der CCD-Kamera und fertigte drei weitere Aufnahmen mit der Schmidtkamera an. Objekte waren die Gegend um gamma Cygni und Herkules mit M 13. Außerdem belichtete er auch die Region, in der der Komet McNaught-Hartley stand. Er war sehr klein und wurde von uns zwei Tage später mit Hilfe von Guide 6.0 an der Leinwand im Gemeinschaftsraum der Kirchheimer Sternwarte als schwach verschwommenes Fleckchen identifiziert. Alle Schmidtkamerabilder wurden jeweils 5 min. lang auf Kodak Elitechrome 100 belichtet und Tags darauf selbst entwickelt.

In den folgenden tagen zeigten sich dann zwar hier und da ein paar Wolkenlücken, die ich teilweise für meine Sonnenbeobachtungen nutzen konnte, aber gegen Abend zog der Himmel immer wieder zu. Auch Regen gab es mitunter reichlich, nur eben keine brauchbaren klaren Nächte. So beschäftigten wir uns neben Programmieren, Artikel schreiben, dem Bearbeiten der in den anderthalb Nächten zuvor belichteten Bilder mit dem Angucken privat gedrehter Videos, alter Raumschiff Orion-Folgen und dem neu auf dem Markt erschienenen Film „Mission to Mars“.

Die letzte klare Nacht
Es dauerte nun gleich mehrere Tage, nämlich genau bis zum 29. April, bis wir wieder eine realistische Chance auf eine klare Nacht bekamen. Der Wetterbericht hatte den lang ersehnten Frühlingseinbruch mit steigenden Temperaturen angekündigt und erst sah auch alles wirklich sehr gut aus. Am Tage spannte sich ein tiefblauer Himmel über uns, doch gegen Abend tauchten immer mehr Wolken in unterschiedlichen Höhen auf, dazwischen bildete sich hartnäckiger Syph. Kondensstreifen zogen sich unendlich weit auseinander und verschmierten auch den Rest blauen Himmels. Schließlich war er vollkommen zugelaufen und wir konnten auch diese Nacht abschreiben. In der Dämmerung gelang es uns noch, einige Wetterphänomene und den hoch stehenden Mond aufzunehmen, doch auch damit war bald Schluss. Irgendwie logisch, dass wir morgens unter einem blauen, aber reichlich syphigen Himmel aufwachten...

Dafür blieb es – zunächst – die ganze Zeit über klar. André baute in der Kuppel den H-alpha-Filter an den Okularauszug des 200/3000-Refraktors. Es zeigten sich etliche sehenswerte Protuberanzen und Filamente, die wir auch filmten. Ich drehte sogar noch ein paar Minuten mehr und konnte kleine Veränderungen in der Struktur einer Protuberanz herausarbeiten. Sie wies bei der ersten Sichtung eine typische Bogenstruktur auf. Im Laufe der kommenden Stunde veränderte sie ihr Aussehen deutlich, der Bogen löste sich auf, einzelne Teile schossen in den Weltraum hinaus, der Rest fiel wieder zurück auf die Sonnenoberfläche. Das alles lief binnen einer dreiviertel Stunde ab und konnte im wesentlichen mit der Videokamera festgehalten werden.

Von einem Sternwartenmitarbeiter bekamen wir noch einen Tipp, wie wir unsere Aufnahmen optimieren konnten. Wir folgten dem Ratschlag und filmten darauf hin noch einmal die H-alpha-Sonne. Der Trick funktionierte hervorragend. Leider war während der Beobachtungs- und Drehzeit das Seeing laufend schlechter geworden, sodass die zuletzt aufgenommenen Sequenzen nicht mehr ganz so gut waren. Allerdings zeigen sie sehr schön die Auswirkungen des Seeings auf die Sichtbarkeit von Strukturen im Lichte der Wasserstofflinie H-alpha.

Einige Stunden später zog der Himmel dann wieder zu und es erwartete uns ein typisches Kirchheimer Gewitter, das wir dann auch filmten, zumindest die Wolkenbildungen und die rollenden Donner. Nachdem das kleine Unwetter abgezogen war (wir hörten später seine Folgen im Verkehrsfunk von Antenne Thüringen), kam auch die Sonne wieder heraus und die Wolken lichteten sich. Dafür baute sich im Nordwesten, später auch im Süden, eine massive Syphschicht auf.

Dennoch begaben wir uns in die 6 m – Kuppel, in der Hoffnung, wenigstens noch für ein paar Stunden Aufnahmen machen zu können. Doch der Syph wurde immer stärker. Bodennebel stieg auf und um den Mond herum bildete sich schwach eine Art Halo. Die Mondhelligkeit störte schon erheblich, zusammen mit der Syphschicht hellte er den Himmel sehr unangenehm auf.

Wir beschränkten uns daher auf Objekte in der Jungfrau, da diese Himmelsgegend noch weitestgehend frei von Wolken und Syph war. In rascher Folge wurden Aufnahmen von M 94, M 63, NGC 5005, NGC 490, IC 749, NGC 4631, NGC 4656 mit je 60 s. und ein RGB-Bild von M 51 mit 60, 70 und 80 s. belichtet. Leider merkte man allen Aufnahmen an, unter welchen Bedingungen sie entstanden waren. Mond und Streulicht machten sich extrem störend bemerkbar und verminderten den Kontrast so sehr, dass die Bilder kaum brauchbar waren. Schade eigentlich, denn in diesen wenigen Stunden hatten wir mehr Objekte aufgenommen, als in den anderthalb Nächten zuvor.

Der am Himmel nutzbare Bereich wurde immer kleiner, schließlich gaben wir gegen 23:30 Uhr auf, als zu diesem Zeitpunkt auch in die letzten Lücken der Syph vordrang. Aus der Beobachtungsnacht wurde ein verkürzter Beobachtungsabend. Also nutzten wir die Zeit und bauten das Kirchheimer Rechenzentrum wieder ab und bereiteten uns auf die Rückreise vor. In der Nacht bildete sich dann noch richtiger Nebel und als wir dann später aufstanden und unsere „Henkersmahlzeit“ zu uns nahmen, schien die Sonne wieder von einem syphigen, aber durchweg bläulichen Himmel herab.

Gleichwohl wir zusammengerechnet nur zwei klare Nächte hatten, sind wir mit dem Erreichten zufrieden. Wir waren damit produktiver als in den Monaten zuvor, als Norddeutschland von permanenten Tiefdruckgebieten heimgesucht wurde.

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