Astrourlaub 2000 in Kirchheim

Nach einem Jahr war es am 26. August wieder soweit, wir, dass sind André Wulff, Christian Beyer und ich, machten uns mit zwei übervoll beladenen PKW auf in Richtung Kirchheim, zum traditionellen zweiwöchigen Astrourlaub.

Die Fahrt
verlief problemlos und gegen Mittag kamen wir im thüringischen Kirchheim, 13 km Luftlinie südlich von Erfurt gelegen, an. Jürgen Schulz, der Leiter der Sternwarte, machte uns zunächst mit den Neuerungen vertraut. Neben Verbesserungen im Bereich des Wohnkomforts (das Zimmer in der Schiefspieglerhütte ist komplett renoviert mit neuen Fenstern und vor allem: Mückenfrei, dort lässt sich jetzt gut leben) gab es vor allem Neuerungen und Verbesserungen in der 6m-Kuppel. So verfügt die dortige wuchtige Zeiss-Montierung jetzt über digitale Teilkreise (FS 2-Steuerung), die Objekte können (prinzipiell) mit dem dort vorhandenen Rechner über GUIDE gesteuert werden, vorausgesetzt, sie wurden vorher schon mal grob einjustiert, um lange Schwenks der Montierung zu vermeiden. Und noch eine wichtige Neuerung: Wenn die Kabel der FS2-Steuerung durch Herumschwenken der Montierung so straff angezogen werden, dass sie reißen könnten, ertönt ein akustisches Signal. Daher empfiehlt es sich auch, die Montierung nur über Nord herumzudrehen.

Was die Unterbringung im Hauptgebäude anging, so zogen André und ich zunächst in ein gemeinsames Zimmer, doch als wir merkten, das dass aufgestellte und auseinander gebaute Bett einfach zu groß war, zog ich in die frisch renovierte Schiefihütte um. So hatte jeder seinen eigenen Raum, in dem er sich notfalls zurückziehen konnte, wenn er es denn wollte.

Gleich danach versorgten wir uns im benachbarten Rudisleben mit den nötigen Lebensmitteln, fuhren wieder zurück und bauten im Aufenthaltsraum erst einmal das traditionelle „Kirchheimer Rechenzentrum“ auf.

Die erste Nacht...
...war, wie traditionell bei fast allen bei Astrofahrten natürlich klar, und zwar megaklar, zumindest am Anfang. Doch vor den Erfolg hat der Herrgott bekanntlich den Schweiß gesetzt und der begann nicht etwa schon während der Hinfahrt im Auto. Nein, er trat André und mir Tröpfchenweise auf die Stirn, als wir versuchten, die mitgenommene ST-6-CCD-Kamera an den Okularauszug des 500/2500 mm Newton auf seiner parallaktischen Zeissmontierung anzubringen. Wir hatten weit vor Beginn der astronomischen Dämmerung damit begonnen, die Kuppel zu öffnen, zu drehen und den Newton auf eine Bergkuppe auszurichten, um im Hellen den Fokus zu finden. Doch das gestaltete sich als ernsthaftes Problem. Mit dem vorhandenen Drehfokussierer war keine Schärfe hinzubekommen. Mit dem Spiegelkasten an der CCD-Kamera sollte das Scharfstellen eigentlich eine ganz einfache Sache sein, eigentlich...

Also: Drehfokussierer raus und Adapter suchen, Adapter ran, Bild intrafokal, gut, neuer Versuch: Adapter raus, Zwischenringe etc. rein (das Suchen nach den passenden Stücken in der Kuppel und in der darunter liegenden ehemaligen Werkstatt kostete insgesamt wohl eine gute Stunde). Mist, das Bild war immer noch unscharf, diesmal extrafokal gelegen, fehlten wieder ein paar Zentimeter zum Erfolg. Laute Flüche halten durch die große Kuppel und wir sahen uns schon die Hoffnung begraben, den Newton einzusetzen und statt dessen auf den als Leitrohr dienenden 110/1650-Refraktor ausweichen zu müssen.

In unserer Not riefen wir Jürgen Schulz an und er gab uns den Tipp, den motorischen Fokussierer zu verwenden, nun noch ein paar Adapter und plötzlich passte alles zusammen, André fand, hoch auf der Leiter stehend, den Schärfepunkt. Uns fielen gleich kiloweise Steine vom Herzen, also konnten wir doch die erhofften Aufnahmen, oder besser Integrationen, machen.

Um die Zeit bis zum Hereinbrechen der astronomischen Dämmerung zu nutzen und unsere hungrigen Mägen zu füllen, warfen wir den mitgenommenen Elektrogrill an, nahmen die Mahlzeit bei teilweise doch schon recht kühlen Temperaturen zu uns und dann konnte es losgehen. André und ich verzogen uns in die Kuppel, während Christian mit seinem 150/750 mm Newton Deep-Sky-Objekte am wirklich guten Himmel beobachtete.

Bevor wir die ersten Objekte einstellten, musste der Schärfepunkt mit Hilfe des motorischen Okularauszuges nachgeregelt werden. Wir verwendeten dazu alpha Bootis, peilten den Stern mit dem Telradsucher an und waren mit dem Ergebnis zufrieden, obwohl das Seeing so kurz nach Sonnenuntergang noch nicht optimal war. Wir kämpften mit dem auch bei Fachastronomen gefürchteten Kuppelseeing: Die angestaute warme Luft musste erst einmal durch den schmalen Kuppelspalt entweichen und sich mit den kühleren Nachtluft austauschen. Das dauerte eine ganze Weile und dann wurde es besser, sogar deutlich besser. M 13 war unser erstes Aufnahmeobjekt, grob eingestellt und mit Handtaster mehr oder weniger lang nachgeregelt, um den Kugelsternhaufen möglichst zentral auf den Chip zu bekommen.

Die FS-2-Steuerung der Zeissmontierung machte sich bereits jetzt bezahlt. Wie auch alle anderen Neuerungen in der Kuppel uns das Leben sehr erleichterten. Im letzten Jahr mussten wir ohne Sucher und mit sehr sehr groben Teilkreisen abreiten, doch dieses Mal war alles viel einfacher. So machte Astro richtig Spaß und wir waren, trotz der Tatsache, dass wir gegen Morgen so um die 22 Stunden ohne Unterbrechung auf den Beinen waren, hochmotiviert, bis zur Morgendämmerung auszuhalten.

Zur Bedienung der SBIG ST-6-CCD-Kamera verwendeten wir das Programm CCDOPS 4.132, erste Bildverarbeitungen, meist einen Tag später, wurden mit CCDWORKS für Windows 1.5 vorgenommen.

Die Stationen auf unserem Weg durch die Astronacht waren M 57, M 92, NGC 7331, Stephens Quintett, NGC 891 und M 1. Die Integrationszeiten lagen zwischen 300 und 600 Sekunden, wobei jedes Mal gleich ein Dark Frame mit abgezogen wurde. Gegen Morgen versuchten wir dann, von M 1 eine RGB-Aufnahme hinzubekommen, d. h. Aufnahmen im Bereich der Farben rot grün und blau, um sie später per Rechner und Bildverarbeitung zu einer Farbaufnahme zusammenzusetzen. Doch waren wir mit dem Ergebnis nicht so ganz zufrieden. Die CCD-Kamera hing jetzt quasi am Okularauszug und hatte ihn wohl einige Millimeter nach unten bewegt, wodurch wir uns dann natürlich den Schärfepunkt versauten...

Auch zeigten die Integrationen einiger Objekte störende Reflexe und Lichteinfall, den wir uns nicht erklären konnten: Reflexe heller Sterne an den Tubusverstrebungen, Blendungen durch vorbeifahrende Fahrzeuge, wir kamen nicht drauf.

Die Nacht selbst war am Anfang bombig klar, die Transparenz unvergleichlich dem, was man sonst so gewohnt ist (allenfalls noch zu schlagen durch die GvA-Außensternwarte in der Heide). Doch die Qualität ließ im Laufe der Nacht nach, so schätzte ich anhand des Pegasus-Quadrates und der in ihm gerade noch mit bloßem Auge sichtbaren Sterne etwa um halb drei eine scheinbare Grenzgröße von 5m5, zwei Stunden früher lag sie sicher bei 6m oder noch darunter. Man konnte M 36, M 37 und M 38 mit bloßem Auge sehen, die Schildwolke, und natürlich h + chi, M 31 usw. Auch kurze Schwenks mit meinem 11 x 80 Bino waren ein Genuss für das beobachtende Auge. In den Morgenstunden, ca. eine Stunde vor Beginn der astronomischen Dämmerung tauchte im Osten dann eine beständige Syphschicht auf, die nicht nur horizontnahe Objekte vom Beobachtungsplan verschwinden ließ, sondern auch den gerade aufgegangenen Mond und Teile des ebenfalls gerade aufgehenden Orions einhüllte. Der Anblick von Jupiter und Saturn nahe des Goldenen Tors der Ekliptik zwischen Plejaden und Hyaden war ein erhebender Anblick für das instrumentenlose Auge.

Zwischendurch konnten wir durch den Kuppelspalt und auch, als wir dann und wann mal nach draußen gingen, um den wunderschön klaren Himmel zu bewundern, jede Menge Sternschnuppen sehen.

Das einzig wirklich störende war eine Diskoveranstaltung, bei der von 22 Uhr bis am kommenden Mittag 12 Uhr die Luzie abging. Die ganze Nacht hindurch hörten wir das stakkatoartige Gedröhne der Bässe. Ich musste in der Schiefihütte ein kleines Radio anmachen, um mehr als das ständige rhythmische Bumm-Bumm zu hören und so war nach nur dreieinhalb Stunden die Nacht auch schon wieder vorbei. An nochmaliges Einschlafen war überhaupt nicht zu denken, noch immer hämmerten die Bässe...

Und nicht zu vergessen: Die Veranstalter benutzten einen Skybeamer, der nicht ordnungsgemäß angemeldet war und dessen Lichtfinger bis zum Ende der Beobachtungsnacht den halben Nordhimmel ableuchteten und eine Aufnahme z. B. von M 81 / M 82 unmöglich machten. Es ist, nicht nur im Hinblick auf die Lichtverschmutzung, sondern auch auf die enorme Lärmbelästigung unverständlich, wie die Gemeinde eine derartige Veranstaltung überhaupt genehmigen konnte, in Hamburg jedenfalls wären die Ordnungshüter gleich scharenweise angerückt und hätten für Ruhe gesorgt. Am nächste Morgen erfuhr ich dann von Jürgen Schulz, dass eine derartige Veranstaltung in Kirchheim künftig wohl nicht mehr genehmigt wird...

Die zweite Astronacht
Am nächsten Morgen war der Himmel immer noch klar und ich nutzte die Gelegenheit für eine Sonnenbeobachtung mit meinem 80/400-Refraktor, den ich für meine Relativzahlbestimmungen mitgenommen hatte. Ein Blick durch den H-alpha-Filter in der Kuppel zeigte eine aktive Region auf der Sonnenoberfläche und einige Protuberanzen am Sonnenrand. Leider zog der Himmel später zu. Für H-Alpha-Beobachtungen benötigt man ohnehin einen blauen Himmel, schon geringfügige Wolkenschleier, Dunst oder einfach nur ein leicht milchiger Himmel (Syph) setzten den Kontrast zu weit herab, dass an eine vernünftige Beobachtung nicht mehr zu denken ist.

Der dritte Tag brachte dann größere Wolkenlücken, besonders am Nachmittag. Nach meiner obligatorischen Fleckenzählung schob ich das Dach der Schiefihütte zurück und beobachtete, so lange es die nerviger Weise immer wieder durchziehenden Wolkenschichten zuließen, mit dem 110/1650 AS-Refraktor intensiver als sonst die Sonne, zählte auch hier Flecken und widmete mich der Lichtbrückenbeobachtung.

Der sich nun wieder zuziehende Himmel ließ zunächst kaum Hoffnung auf die nächste Beobachtungsnacht aufkommen. Doch wir wurden eines Besseren belehrt. Gegen Abend hin verzogen sich die Wolken und wir begaben uns wieder in die Kuppel, um einige Aufnahmen zu wiederholen, die unscharf geworden waren, weil die CCD-Kamera nach unten hing und durch ihr Eigengewicht den Okularauszug nach außen gezogen hatte, so dass der Fokus nicht mehr stimmte.

Die Arbeit in der Kuppel begann wie zwei Tage vorher: Scharfstellen mittels Spiegelkasten an einem fernen irdischen Objekt, dann an Arkturus und noch an einem tiefer stehenden, schwächeren Stern. Ringsherum hatten sich Wolkenbänke aufgetürmt, die uns aber (noch) in Ruhe ließen. Der Versuch, Pluto und dann M 103 aufzunehmen, musste verschoben werden, da in der Region eine Syphschicht hing. Also schwenkten wir auf NGC 7331und versuchten uns noch mal an Stephens Quintett. Leider hatte wir unerwarteter Weise Probleme mit der ST-6: Egal, was wir aufnahmen, immer wieder zeigte sich auf den Aufnahmen ein systematischer Hellgkeitsgradient, der stärker ausfiel, je horizontnaher das Teleskop ausgerichtet war. Andrés Idee, dass der Chip beschlagen sein könne, erweis sich leider als falsch. Erst am nächsten Tag stellte sich die Ursache für den störenden Lichteinfall heraus: Die CCD-Kamera hatte durch einen Schlitz am Verbindungsstück zwischen dem Kameragehäuse und dem Spiegelkasten Licht gezogen. Dieser wurde kurzerhand durch schwarzes Klebeband abgedichtet.

Während unserer zweiten Beobachtungsnacht, die visuelle Grenzgröße lag bei etwa 5m machten uns die nun aus Nordwesten heranrückenden Wolken (bisher kamen sie in dieser Nacht aus Westen) das Leben schwer. Immer wieder schoben sich dünne Schleierwolken über den Himmel und gegen 1 Uhr mussten wir schließlich aufgeben. Zuvor beobachteten wir durch den Kuppelspalt den Satelliten SL-16 R/B auf seiner Süd-Nord orientierten polumlaufenden Bahn, wobei er mehrere Lichtwechsel zeigte, bis er schließlich im Erdschatten verschwand und unsichtbar wurde.

Als ich dann um halb drei einem menschlichen Bedürfnis folgend die Schiefihütte verließ, war der Himmel natürlich wieder klar...

Wann gab es wieder eine richtige Astronacht?
Am nächsten Abend sah das Wetter eher noch schlechter aus: Wieder war der Himmel weitestgehend Wolken verhangen mit mehr oder minder großen Lücken darin. Wir beschlossen, vor allem um die CCD-Kamera nach der Beseitigung der Quelle für den Lichteinfall zu testen, trotz der eher ungünstigen Wetteraussichten einen Beobachtungsversuch zu wagen. Und wieder begann das bekannte Spiel, erst Scharfstellen und dann die Dämmerung abwarten.

Es wurde eine Jagd nach geeigneten Wolkenlücken, lange Integrationszeiten waren wegen der durchziehenden Schleierbewölkung, die nach Einbruch der Nacht zunächst vorwiegend aus Südwesten kamen. Vielversprechende Lücken taten sich auf und wir starteten mehrere Aufnahmen, um Pluto zu erwischen, anschließend wagten wir uns an IC 5146, den Cocon-Nebel, heran, doch schienen das die Wolken mitbekommen zu haben. Sie änderten ihre Bewegungsrichtung und kamen nun massiv aus Nordwest und füllten bald den ganzen Himmel aus, nachdem zeitweise der nördliche Himmel von dicken, fetten Wolken verhüllt war. Also hieß es wieder einmal vorzeitig alles abzubauen und die Kuppel zu schließen.

Die nächsten Tagen brachten uns nur wolkenverhangenen Himmel mit und mehrere „Hackabende“ im Rechenzentrum sowie Autotouren nach Erfurt, Jena und Arnstadt, wo wir an der Ausfallstrecke nach Ilmenau ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Baustelle Sternwarte“ entdeckten. Als wir gezielt danach suchten, entdeckten wir aber eine solche nicht, sondern nur eine neu errichtete Musterhaussiedlung, bzw. einen riesigen Bauplatz. Wie wir später erfuhren, befand sich hier früher einmal eine Schulsternwarte, nach der das Siedlungsgebiet und die Neubauten jetzt benannt werden. Dem Vernehmen nach ist hier also nicht der Neubau einer Sternwarte geplant, was direkt neben einer Neubausiedlung auch wenig Sinn machen würde.

Ein Höhepunkt dieser Tage war die Fahrt zur Sternwarte Sonneberg auf dem 630 m hohen Erbisbühl. Sie war hier im Jahre 1925 von Cuno Hoffmeister (1892-1968) gegründet worden und ist heute eine von zwei großen Sternwarten im Land Thüringen (neben der Thüringischen Landessternwarte Tautenburg, dem ehemaligen Karl-Schwarzschild-Observatorium mit seinem 2m-Schmidtspiegel). Das Gelände in Sonneberg erinnerte uns ein wenig an die Hamburger Sternwarte, nur wesentlich kleiner und auch besser erhalten. Wir nahmen an einer Führung durch das Gelände teil (hier wird neben vielen gut erhaltenen Teleskopen das Plattenarchiv mit Tausender Fotoplatten aufbewahrt) und konnten anschließend noch an einer Spezialführung durch die Sternwarte teilnehmen, nachdem wir uns als Hamburger Sternfreunde zu erkennen gegeben hatten. Natürlich war ein Besuch des Sternwartenmuseums Pflicht. Leider sieht die finanzielle Situation der Sternwarte alles andere als rosig aus, da sch das Land Thüringen keine zwei Profisternwarten leisten kann und eine von beiden – nämlich Sonneberg – von der Schließung zum Jahresende 2000 bedroht ist.

Die dritte Astronacht
Eine gute Woche mussten wir auf die nächste klare Nacht warten. In den dazwischen liegenden Tagen konnte ich, zumeist durch Wolkenlücken, mit meinem 80/400-Refraktor und mit dem Kirchheimer 110/1650 AS-Refraktor die Sonne beobachten, Relativzahlen bestimmen, Lichtbrückenzahlen ermitteln usw. Doch gegen Abend oder schon am Nachmittag war der Himmel wieder dicht.

Am Donnerstag vor unserer Abreise kamen wir dann doch noch zu einer klaren und halbwegs brauchbaren Nacht, in der der Mond schon deutlich störte. Allerdings war es jetzt ziemlich feucht, Christians Newton, die Autos und das Geländer zum Kuppeleingang waren zum Auswringen nass. In der Kuppel hielt sich die Feuchtigkeit jedoch in Grenzen. Zunächst von Norden her, später dann auch aus Westen kamen immer wieder dunkle Schleierwolken herübergezogen. Wir konnten zeitweise nur Wolkenlückenastronomie betreiben, doch je mehr die Nacht voranschritt, desto besser wurde es. Bis zu einer Höhe von 10 bis 15° war der Horizont vollkommen versypht, das Seeing schlicht grausig.

Vom Mond bekamen wir während der Dämmerung und auch später nur wabernde und wabbelnde Bilder. Testaufnahmen mit der CCD-Kamera zeigten deutlich, dass selbst während einer Integrationszeit von nur 0,01 s die Luftunruhe voll zugeschlagen hatte und kein scharfes Mondbild hinzubekommen war.

Der Eindruck vom schlechten Seeing setzte sich später, auch nach Einbruch der astronomischen Dämmerung, fort, so dass wir dann nur sehr hochstehende Objekte ins Visier nahmen. Als erstes Objekt war der Kugelsternhaufen NGC 5466 im Bärenhüter an der Reihe, auf den etwa 9 x 16 Bogenminuten großen CCD-Chip gebannt zu werden. Ihm folgten die Galaxien NGC 6703 und NGC 6702 in der Leier. Danach lichteten wir den Kometen C/1999 T 2 Linear ab, schwenkten zu M 102, NGC 6503, NGC 6543 und NGC 5907 im Drachen. Dann versuchten wir den periodischen Kometen 75P/Kohoutek aufzunehmen. Wir sind uns zwar ziemlich sicher, in der richtigen Gegend gewesen zu sein (die aktuellen Bahnelemente waren im GUIDE hinterlegt), doch der vermeintliche Schweifstern entpuppte sich später im Vergleich mit POSS-Bildern als schwacher Stern. Da wir davon ausgehen, an der richtigen Position gesucht zu haben, kann es nur bedeuten, dass der Komet außerordentlich schwach war und wir länger als 3 Minuten hätten belichten müssen. Das aber hätte der Himmel in dieser Nacht nicht hergegeben.

Während André am PC ein neues Aufnahmeobjekt aussuchte, blickte ich kurz aus dem Kuppelspalt heraus. Der Himmel war zwar leicht syphig, aber immer noch klar. Aber dann gegen passierte etwas sehr merkwürdiges: Binnen weniger Augenblicke, ich schaute etwa 1 Minute später noch mal durch den Spalt und konnte keinen einzigen Stern mehr sehen. Schnell ging ich aus der Kuppel heraus. Der Eindruck bestätigte sich: Der Himmel war mit einem mal völlig zu. Eine Hochnebelfront war aufgezogen und beendete (vorerst) die Beobachtungen.

Wir brachen notgedrungen ab, und begannen im Haupthaus dann sogleich mit der Verarbeitung der Bilder. Eine Stunde später, als wir uns innerlich schon damit abgefunden hatten, dass diese Beobachtungsnacht zu Ende sei, doch der Blick nach draußen verhieß anderes: Es war plötzlich wieder völlig klar, der Mond untergegangen und die Luft transparenter als zuvor. Also ging es wieder zurück in die Kuppel.

Eine gute Stunde lang konnten wir noch arbeiten, dabei Aufnahmen von M 1 (normal und RGB), den Kometen C 1999 Y 1 Linear und NGC 1272/1275 gewinnen. Letztere litt allerdings schon arg unter den neuerlich heranziehenden Schleierwolken und wurde gerade in dem Moment beendet, als die Wolken das „Zielgebiet“ erreichten.

Wir waren nicht in jedem Fall von der Qualität der Bilder aus dieser Nacht überzeugt, hier und da hätte länger belichtet werden müssen, die durchziehenden Wolkenschleier, die syphige Luft und die Horizontnähe einiger Objekte verhinderten leider bessere Ergebnisse. Angesichts des unbeständigen Wetters waren wir jedoch zufrieden, überhaupt Aufnahmen erhalten zu haben.

Die letzte Beobachtungsnacht
Auch typisch für Astrofahrten ist, dass die Nacht vor der Heimfahrt natürlich klar ist. In Kirchheim war das nicht anders. Am Tage versuchten wir, H-Alpha-Aufnahmen von der Sonne mit der CCD-Kamera zu machen, aber die immer noch enorme Helligkeit war trotz massivster Abblendung nicht herunter zu regeln. Versuche mit der Kirchheimer Webcam waren zwar erfolgreicher, allerdings war das Seeing derart katastrophal, dass kaum Aufnahmen gelangen- Wir versuchten dann noch Aufnahmen auf herkömmlichen Film. Da wir die Kameras nicht adaptiert bekamen, legten wir sie einfach ohne Objektiv auf den Okularstutzen des Zenitprismas...

Wir sehnten die Nacht herbei, denn wir wollten zum Abschluss mit meinem 80/400er-Refraktor vor allem großflächigere Objekte mit der CCD-Kamera aufnehmen.

Den ganzen Tag über war der Himmel mehr oder weniger stark bewölkt, doch nach Sonnenuntergang verzogen sich diese Störenfriede und gaben noch einmal den Blick auf den klaren Kirchheimer Himmel frei, wobei allerdings der Mond empfindlich störte.

In dieser Nacht hatten wir jedoch einen ungebetenen Gast aus Schottland in der Kuppel: McMurphy, denn die Aufnahmen mit dem Multi 80 S wollten einfach nicht gelingen, die Objekte waren kaum einzustellen, da das verwendete Leitrohr überall hinzeigte, nur nicht dahin, wo es hinsollte. Nach einer Aufnahme des Mondes probierte ich, Bereiche des Cirrusnebels, aber da war absolut nichts zu machen und damit wir überhaupt in dieser Nacht etwas zustande bringen wollten, stiegen wir wieder auf den 50cm-Newton um. Dadurch verloren wir leider viel wertvolle Zeit.

Die Qualität des Himmels war durch den nun reichlich störenden Mond auch nicht die beste. Wir versuchten als erstes wieder den Kometen 75P/Kohoutek zu erwischen, was aber auch wieder nicht gelang, da er vermutlich erheblich schwächer war, als vorhergesagt. Andererseits verhinderte der vom Mond aufgehellte Himmelshintergrund wirklich tiefe Aufnahmen. Zudem war entlang des Horizontes eines Syphschicht zu beobachten und von Norden her arbeitete sich langsam hohe Schichtbewölkung heran.

Da der Himmel keine langbelichteten Integrationen zuließ, machten wir Serienaufnahmen á 60 Sekunden von folgenden Objekten: NGC 6166 und NGC 6543. Von NGC 1023, NGC 6543 und NGC 6946 wagten wir dann doch mal längere Belichtungen, da diese Objekte zenitnah standen. Den Abschluss der Nacht, bevor die Bewölkung heran war, bildete eine Aufnahme des Kometen C/1999 T 2, der einen deutlichen Schweifansatz zeigte.

So endete denn diese Beobachtungsnacht früh morgens um halb drei. Eine Stunde später war der Himmel vollkommen zugesypht und als ich ein paar Stunden später erwachte, gab es einen blauen, wolkenlosen Himmel, der für abschließende Sonnenbeobachtungen am 117/1650-Refraktor und natürlich meinem Multi 80 S genutzt wurde.

Was sonst noch zu berichten wäre
Das Leben und Arbeiten auf dieser Amateuren zugänglichen Sternwarte hat schon etwas Kultiges an sich und ist immer wieder Erlebnis reich, und das obwohl der Himmel hier von der Qualität eigentlich eher schlechter ist als in der GvA-Außensternwarte, bedingt hauptsächlich durch die Lichtemissionen der umliegenden Städte.

Als Dank und auch Entschädigung dafür, dass wir uns ungefragt auch über das normale Maß hinausgehend mit unserem Computerequipment („Kirchheimer Rechenzentrum“) ausbreiten durften, boten André und ich am ersten Freitag der ortsansässigen Sternfreunden zwei Diavorträge über Polarlichter bzw. unsere Expedition nach Peenemünde.

Kultcharakter hatten der traditionelle Mitternachtspudding, das immer einmal auftretende typische Kirchheimer Sommergewitter und – als das Wetter zu schlecht war – das Durcharbeiten aller Raumschiff Orion-Folgen auf Video. Auch die regelmäßig fast durchgehackten Nächte, wobei nicht immer nur am Rechner geschrieben, bildverarbeitet und programmiert wurde, werden uns in angenehmer Erinnerung bleiben. Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr, wenn wir wieder zum Astrourlaub nach Kirchheim aufbrechen werden!

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