Das 19. Jahrhundert


Im Gegensatz zu den Arbeiten früherer Jahrhunderte trat auch bei den Zeichnungen der Mondoberfläche der wissenschaftliche Gedanke mehr und mehr in den Vordergrund. War man sonst eher darauf bedacht, das im Okular Erblickte für die Nachwelt zeichnerisch festzuhalten, unternahm man jetzt auch angesichts deutlich verbesserter Instrumente zunehmend Anstrengungen, auf der Grundlage hochgenauer Karten die Topographie der Mondoberfläche zu ergründen und Modelle für die Entstehung der Formationen zu entwerfen.

So kam es, daß herausragende Zeichnungen wie die Schroeters schon bald von noch genaueren und besseren überholt wurden. In Dresden begann der Mathematiker und Kartograph Wilhelm Gotthelf Lohrmann (1796-1840), Vermessungsbeamter in Sachsen und Amateur wie Schroeter, mit dem Entwurf einer Generalkarte des Mondes. Als Beobachtungsinstrument diente ihm hierbei ein 12cm Fraunhofer-Refraktor, der auf dem Dachboden seines Hauses im Süden Dresdens aufgestellt war. Er teilte die Karte in 25 verschiedene Bereiche mit einer Kantenlänge von jeweils 19,3 cm auf, die schließlich einen Mond mit einem Durchmesser von 96,5 cm ergeben würde. Die angestrebte Präzision wurde dadurch erreicht, daß 80 feststehende Punkte von aus 433 Mikrometermessungen bekannten Positionen von Formationen auf der Mondoberfläche markiert waren.

Angekündigt hatte Lohrmann sein Vorhaben bereits 1824 in der Abhandlung "Topographie der sichtbaren Mondoberfläche". Als er 1840 an Typhus verstarb, waren von den geplanten 25 Teilkarten jedoch nur vier tatsächlich vollendet, teilweise in Kupfer gestochen und zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Es ist dem Astronomen Julius Schmidt (1825-1885), Mondbeobachter wie Lohrmann, aber professioneller Astronom und Direktor der Sternwarte zu Athen, und dem Umstand, daß der damals bereits existierende Johann Ambrosius Barth Verlag in Leipzig weitere Teilkarten von Lohrmann erhalten hatte, zu verdanken, daß die Karte schlußendlich doch noch fertig wurde. Nachdem er 34 Jahre lang eigene Beobachtungen und Zeichnungen gefertigt hatte, gab er 1878 zunächst in Leipzig die nunmehr von ihm selbst vervollständigte "Mondcharte in 25 Sectionen" unter Lohrmanns Namen heraus und veröffentlichte seine eigenen Arbeiten im gleichen Jahr nach siebenjähriger Arbeit in Berlin unter dem Titel: "Charte der Gebirge des Mondes". Sie besaß einen Durchmesser von 195cm und enthielt etwa 30.000 einzelne Krater. Schmidts Karte war ohne Zweifel die beste, die im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden ist. Allerdings nahm er zu genauen Lokalisierung der Mondformationen keine eigenen Messungen vor, sondern stützte sich hierbei auf die entsprechenden Arbeiten Lohrmanns, Mädlers und Neisons.

Die vier ersten veröffentlichten Karten Wilhelm Gotthelf Lohrmanns (1796-1840) weckten das Interesse des Berliner Bankiers und Amateurastronomen Wilhelm Beer (1797-1850) und seines Freundes, des späteren Direktors der Sternwarte zu Dorpat, Johann Heinrich Mädler (1794-1874).

Am 29. Mai 1794 in Berlin geboren, zeigte sich bei Mädler schon sehr früh eine Begabung für die Mathematik, zu der sich später ein lebhaftes Interesse an der Astronomie gesellte. Dennoch schlug er keine wissenschaftliche Laufbahn ein, sondern fand nach dem Abitur eine Anstellung beim Berliner Seminar für Volksschullehrer und 1817 am Königlichen Lehrerseminar als Schönschreiblehrer. In seiner Freizeit jedoch blieb er der Himmelskunde treu und lernte in dieser Zeit auch den Amateurastronomen und vermögenden Bankier Beer kennen. Etwa um 1824 entschlossen sich beide, auf dem Grundstück Beer am Berliner Tiergarten eine Privatsternwarte zu errichten, die schon bald mit einem 97/1460 Refraktor von J. W. Pastorff (1767-1838) aus Buchholz bei Frankfurt an der Oder bereichert werden konnte.

Mädler und Beer bedienten sich nun der vier veröffentlichten Karten Lohrmanns für ihre eigenen Mondbeobachtungen, wobei neben der Erfassung rein morphologischer Strukturen jene auch erstmals mit hoher Genauigkeit vermessen wurden. Diese gemeinsame Arbeit gipfelte in der 412 Seiten umfassenden, quartformatigen "Mappa Selenographia" (vollständiger Titel: "Der Mond nach seinen kosmischen und individuellen Verhältnissen oder allgemeine vergleichende Selenographie"). Auch hier mußte eine enorme Vorarbeit in Form von Berechnungen von Länge und Breite markanter Strukturen auf der Mondoberfläche, der Ableitung von Berghöhen aus dem Schattenwurf und der Zeichentechnik allgemein geleistet werden, bevor man an die eigentliche Aufgabe herantreten konnte. Anders als Lohrmann entschlossen sich jedoch Mädler und Beer, die sichtbare Mondoberfläche nicht in 25, sondern nur in 4 Teilbereiche aufzugliedern, wobei die einzelnen Blätter eine Höhe von 18 Zoll hatten. Rund 600 klare Nächte an einem 94mm Refraktor mußten aufgewendet werden, 830 Messungen von Mondberghöhen vorgenommen und aufwendige Berechnungen der Positionen im schon von Lohrmann verwendeten Koordinatennetz durchgeführt werden, bis am Ende 104 28x20 cm große Karten vorlagen, die in mühevoller Kleinarbeit gezeichnet worden waren. Zusammengesetzt ergaben sie einen Mond mit einem Durchmesser von 192 cm.

Später wurde diese Karte dann aus drucktechnischen Gründen auf einen Durchmesser von rund 95 cm verkleinert, in den Jahren 1834-1836 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und von vielen Astronomen, allen voran Friedrich Wilhelm Bessel (1784-1846) mit Begeisterung aufgenommen.

Die "Mappa Selenographia" enthielt jedoch nicht nur die Mondkarten, die zweifelsfrei zu den besten seiner Zeit gehörten, sondern auch eingehende Beschreibungen der Mondformationen wie Maria, Bergrillen oder die Strahlensysteme des Kraters Tycho.

1837 erschien dann zusätzlich die "Generalkarte der sichtbaren Mondoberfläche", für die Mädler allein verantwortlich zeichnete. Gewissermaßen als Extrakt der "Selenographia" gab er 1839 die 120seitige "Kurzgefaßte Beschreibung des Mondes" heraus und schloß damit gleichzeitig seine Beobachtungen des Mondes ab.

Die von Johann Heinrich Mädler (1794-1874) und Wilhelm Beer (1797-1850) in Berlin erarbeitete "Mappa Selenographia" setzte Maßstäbe, an die sich künftige Mondzeichner halten mußten.

Anläßlich einer Naturforschertagung in Bad Pyrmont im Herbst 1839 stellte die Hofrätin Wilhelmine Witte (1777-1854) Mädler einen 13 Zoll durchmessenden, aus zwei aneinandergefügten Halbkugeln zusammengesetzten und einer Mixtur aus Wachs und Mastix bestehenden Mondglobus vor, der nach seinen Karten entstanden war. Die Begegnung Mädlers mit der Hofrätin Witte hatte für sein künftiges Leben übrigens erhebliche Bedeutung, denn hier lernte er ihre älteste Tochter Minna kennen, die er bald darauf ehelichte.

Mädler war derart angetan von dem Globus, daß er ihn nach Berlin mitnahm und ihn einigen hochangesehenen Honoratioren, so dem Naturforscher Alexander von Humboldt, später sogar dem englischen Astronomen John Herschel (1792-1871) vorführte. Mädlers Erben schließlich stifteten den Globus dem Kestner-Museum in Hannover, von wo aus er ins Museum am Hohen Ufer gelangte.

Etwa zur gleichen Zeit als Julius Schmidt die vier Karten Wilhelm Gotthelf Lohrmanns (1796-1840) für eine Veröffentlichung vorbereitete, erschien in England das Buch "The Moon, and the Condition and Configurations of Its Surface" (1876) von Edmond Neison (Royal Astronomical Society). Es stellte gewissermaßen eine auf 576 Seiten ausgedehnte Erweiterung und Verbesserung der Mädlerschen und Beerschen "Mappa Selenographia" dar und enthielt 22 Karten mit einer sehr ausführlichen Beschreibung der darauf eingezeichneten Formationen, die in einigen Regionen sogar mehr Details enthält, als die Mädlersche. Bereits 1874 hatten der Ingenieur James Nasmyth und der Astronom James Carpenter in ihrem Buch "The Moon: Considered as a Planet, a World, and a Satellite" 24 großmaßstäbliche Mondkarten, erstmals Photographien von Modellen der Mondoberfläche und einige beeindruckende Holzschnitte veröffentlicht.

In der zweiten Dekade des 19. Jahrhunderts begann sich neben der Zeichnung ein neues Medium zur Dokumentation durchzusetzen: Die Fotografie. Im Jahr 1839 unternahm der Erfinder der fotografischen Platte - Louis Jacques Daguerre - den ersten, allerdings noch wenig erfolgreichen, Versuch, den Mond abzulichten. Doch diese Technik wurde rasch verbessert und so veröffentlichten 1896 in Paris M. Loewy und P. Puiseux den ersten mit der neuen Technik aufgestellten Mondatlas: "Atlas Photographique de la Lune". Bereits 1899 gaben sie einen weiteren Band heraus: "Atlas Lunaire", der insgesamt 53 Aufnahmen wiedergab. Während dessen erschien in den USA 1896 und 1897 der "Lick Observatory Atlas of the Moon".

Johann Nepomuk Krieger (1865-1902), Amateurastronom und Selenograph in Bayern, unternahm dann als erster den diffizilen Versuch, Photographien des Mondes mit Zeichnungen zu vereinen. Dabei wandte er eine spezielle, von ihm selbst entwickelte Technik an: Von den Originalnegativen des Lick-Observatory in den USA und der Pariser Sternwarte fertigte Krieger zunächst hohe Vergrößerungen an und beobachtete den betreffenden Bereich der Mondoberfläche unter den unterschiedlichsten Beleuchtungsverhältnissen. Erst dann wurde mit der Zeichnung begonnen, die immer wieder korrigiert und verbessert wurde. Krieger benötigte eine gewisse Zeit, bis er seine Zeichentechnik so weit entwickelt hatte, daß er mit seinem größten Projekt beginnen konnte: Einer Mondkarte mit einem Durchmesser von 3,5 m (!). Die Beobachtungen führte er mit einem auf 6,5" abgeblendeten 10,5"-Refraktor mit 330 cm Brennweite bei einer Vergrößerung von 260x aus. Leider wurde die Karte, die alles bisherige zweifelsohne in den Schatten gestellt hätte, nie fertig, da Krieger im Alter von nur 38 Jahren verstarb, gerade, als er mit den ersten Zeichnungen begonnen hatte.

Gegen Ende des Jahrhunderts zeichnete Julius Franz (1847-1913) erstmals Höhenkarten der Mondoberfläche, wobei er als Nullmarke (entsprechend der Meereshöhe auf der Erde) die (vermutete) Höhe des Mondnord- und -südpols verwendete. Die Erkenntnis daraus lautete, daß in der Tat die als Gebirge identifizierten Regionen hoch, die Mare hingegen tief lagen.

Vorteleskopische Ära
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