Das 18. Jahrhundert


Es ist schon erstaunlich, wenn man die Geschichte der Mondkarten an der Schwelle des 17. zum 18. Jahrhundert näher betrachtet und dabei feststellt, daß nach den großartigen Arbeiten von Michael Florent van Langren (1600-1675), Johannes Hevelius (1611-1687), Francesco Maria Grimaldi (1618-1663) und Giovanni Battista Riccioli (1598-1671) Georg Christoph Eimmart (1638-1705) sich offenbar kein Mondbeobachter mehr berufen fühlte, dieses Gebiet durch innovative Gedanken und Vorstellungen weiterzuentwickeln. Es hat den Anschein, als ob sie allesamt meinten, daß man der Technik des Mondkartenzeichnens nichts mehr hinzufügen, sie nicht mehr verbessern, könne. Für etwa 50 Jahre wurden keine neuen Karten oder Globen mehr hergestellt und publiziert.

Das sollte sich erst mit dem Wirken Tobias Mayers in Nürnberg ändern. Am 17. Februar 1723 in Marbach in der Nähe von Stuttgart geboren, konnte er erst sehr spät die Schule besuchen, während ihm sein Vater, mittlerweile Brunnenmeister in Eßlingen, Lesen und Schreiben beibrachte. Der Vater starb sehr früh und Mayer kam in die Obhut des vermögenden Eßlinger Bürgermeisters, der dessen außergewöhnliches Zeichentalent förderte, in dem er ihn auf eine Malerschule schickte. Aber auch der Pflegevater segnete alsbald ebenfalls das Zeitliche und so war er gezwungen, sich durch privaten Mathematikunterricht über Wasser zu halten. Mayer zog nach Augsburg, wo er sich im Malen und der Mathematik weiterbildete und erste Arbeiten als Kartograph ablieferte, was ihm wiederum eine Tätigkeit beim renommierten Homannschen Kartographenverlag in Nürnberg einbrachte.

Abends besuchte Mayer, dessen Interesse für die Himmelskunde sich aus dem Begleittext zum 1745 herausgegebenen "Mathematischen Atlas" entnehmen läßt, gelegentlich die Eimmartsche Sternwarte in Nürnberg. Waren seine bisherigen Aktivtäten darauf beschränkt, aus der Beobachtung von Finsternissen, den Bedeckungen der Jupitermonde und Sternbedeckungen durch den Mond die geographische Länge verschiedener Punkte und Orte auf der Erdoberfläche herzuleiten, die in ersten Mond- und Sonnentafeln gipfelten, rückte etwa im Jahr 1747 die genaue Betrachtung der Mondoberfläche in den Mittelpunkt seiner Beobachtungen.

Dabei stellte er in Vorbereitung der Beobachtung einer partiellen Mondfinsternis in der Nacht vom 8. auf den 9. August 1748 fest, daß die bisher vorliegenden Karten von Hevelius und Riccioli zwar für ihre Zeit sehr genau waren, doch seinen hochgesteckten Ansprüchen nicht mehr genügten.

Im Februar 1747 beobachtete er zum ersten Mal mit der Absicht, seine Oberflächendetails mit hoher Genauigkeit auf das Zeichenpapier zu bringen. Dabei setzte er zunächst ein spezielles Doppelfadenkreuz in die Foki von Fernrohren mit 9 und 12 Fuß Brennweite ein. Damit unterschied er sich grundlegend von allen vorhergegangenen Mondzeichnern, die nämlich zur Herstellung ihrer Karten lediglich das umsetzten, was ihnen das Auge an Information lieferte. Jeder, der einmal an einem Teleskop versucht hat, auch nur bestimmte topographische Merkmale der Mondoberfläche ohne Schablone zu zeichnen, wird nachvollziehen können, wie schwierig das ist und welche Leistungen hier vollbracht worden waren!

Tobias Mayer fand jedoch, daß das Ausmessen mit Hilfe des Fadenkreuzes zu ungenaue Ergebnisse lieferte und verwandte daher ein Mikrometer aus Glas, welches ihn in die Lage versetzte, vom 11. April bis 28. August 1749 an 46 klaren Abenden und Nächten vom Gebäude des Homannschen Verlages aus etwa 40 Zeichnungen anzufertigen, deren beste noch Einzelheiten mit einem Abstand von nur 1" aufwiesen!

1750 veröffentlichte er in seiner kleinen Schrift "Bericht von den Mondkugeln" mit, daß er 23 ausgewählte Punkte auf der Mondoberfläche mit dem Mikrometer vermessen habe. Darauf aufbauend, entwarf Mayer eine 35 cm durchmessende Mondkarte, die erstamls mit einem ausgeklügelten Koordinatennetz überzogen war. Leider wurde diese Karte erst 1775 durch Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) veröffentlicht.

Besondere Aufmerksamkeit widmete Mayer dem Krater Manilius am Rande des Mare Vaporum sowie den Kraters Dionysius und Censorius. Aus seiner präzise mit dem Mikrometer vermessenen Position des Kraters Manilius leitete er die unterschiedlichen Erddistanzen und Winkeldurchmesser des Mondes aufgrund seiner ellipsenförmigen Bahn um die Erde, die Libration und die Mondparallaxe ab, konnte aber seinen ursprünglichen Plan, die Lage des Mondäquators zu bestimmen, nicht festhalten. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich an den Bau eines 15" durchmessenden Mondglobus heranzuwagen, der jedoch nie vollendet wurde.

Tobias Mayer starb am 26. Februar 1762 in Göttingen im Alter von nur 39 Jahren. Nach seinem Tode faßte der Kartograph Kaltenhofer die 40 Mondzeichnungen Mayers zu einer 20 cm durchmessenden Mondkarte zusammen und fertigte davon einen Kupferstich an, der 1775 von Georg Christoph Lichtenberg unter dem Titel "Opera inedita Tobia Mayer I" herausgegeben wurde. Eine weitere Veröffentlichung der Karte erfolgte 1881 durch Wilhelm Klinkerfues, ebenfalls in Göttingen.

Mayer war keineswegs der einzige, der im ausgehenden 18. Jahrhundert Mondkarten zeichnete und versuchte, Globen herzustellen. J. H. Lambert (1728-1777) veröffentlichte in seinen "Cosmologischen Briefen" eine Mondkarte, die ebenfalls auf Messungen mit dem Mikrometer basierte und 61 cm durchmaß und aus einer Mitteilung des Engländers John Russel aus dem Jahr 1797 ist ein Hinweis bekannt, daß er mehrere "Mondkugeln" bauen wollte, von der eine 1811 für 60 Taler in den Besitz eines gewissen Herrn Hahn in Remplin überwechselte.

Johann Hieronymus Schroeter (1745-1816) übernahm 1782 dank profunder Rechtskenntnisse in Lilienthal bei Bremen eine Oberamtmannstelle, die ihm die Möglichkeit eröffnete, sich in der freien Zeit als Amateur der Astronomie widmen zu können. Er erhielt die Genehmigung, im Garten vor dem Amtsgebäude in Lilienthal eine Sternwarte zu errichten, die er mit zwei Spiegelteleskopen aus der bewährten Hand Friedrich Wilhelm Herschels (1738-1822) ausstattete. Nachdem er bereits 1778 in einer kleinen Schrift die Natur der Mondrillen erläutert hatte, beschäftigte er sich seit 1790 mit dem Zeichnen von Mondkarten, die allerdings erst 1791 und 1802 unter dem Titel "Seleno-topographische Fragmente zur genaueren Kenntnis der Mondfläche, ihrer erlittenen Veränderungen und Atmosphäre sammt den dazu gehörogen Specialcharten und Zeichnungen" veröffentlicht wurden.

Das gesamte auf zwei Bände aufgeteilte Werk ist in fünf große Abschnitte und 534 Paragraphen gegliedert mit grundlegenden Beschreibungen der Mondbewegung, der verwandten Zeichen- und Meßtechniken, der Mondländer, von beobachteten Lichtblitzen auf der Nachtseite des Mondes, seiner Topographie und Atmosphäre.

Insgesamt 720 quartformatige Seiten mit 183 Zeichnungen und 43 Kupferstichen zeugen von Schroeters außergewöhnlicher Beobachtungsgabe, wenn er auch mit mancher Schlußfolgerung nicht unbedingt ins Schwarze getroffen hat. Die Zeichnungen dieses im damals 450-Seelen-Dorf Lilienthal herausgegebenen Standardwerks der Selenographie sind von hoher Qualität und zeigen Einzelheiten von bis dato nie gekannter Fülle.

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