Jacobus Cornelius Kapteyn (l851-1922)


Er wurde am 19. Januar 1851 in Barneveld in den Niederlanden geboren. Über seine Kindheit. die angesichts von 13 weiteren Geschwistern recht turbulent gewesen sein dürfte, weiß man nur recht wenig. Offenbar war die Astronomie für ihn zunächst gar nicht als Beruf vorgesehen, denn er studierte von 1869-1875 an der Universität Utrecht Mathematik und Meteorologie, und brachte es hier immerhin bis zur Promotion. Es ist wohl eher dem Zufall zu verdanken, daß er doch noch einen Weg zur Himmelskunde fand und die vakante Stelle des Observator an der Sternwarte Leiden übernahm. Kapteyn muß an seiner neuen Tätigkeit großen Gefallen gefunden haben: Schon 1877 ging er als Professor an die Groninger Universität, wo kurz zuvor der Lehrstuhl für Astronomie eingerichtet worden war.

Nun stand er allerdings vor dem Problem, daß diese Universität zwar einen Lehrstuhl für Astronomie aber keine eigene Sternwarte, geschweige denn andere geeignete Räume besaß, die für eine astronomisch ausgerichtete Forschung verwendbar gewesen waren. Alle Bemühungen Kapteyns, etwas an dieser Situation zu ändern, verliefen, auch in der Zukunft, im Sande. Enttäuschend muß es für ihn gewesen sein, zu sehen, wie ein großes Teleskop statt nach Groningen zur Sternwarte Leiden kam.

Da auch in den folgenden Jahren der Traum von einem eigenen Fernrohr unerfüllt blieb, machte Kapteyn aus der Not eine Tugend und beschäftigte sich neben visuellen Parallaxenbestimmungen (mit bloßem Auge, hauptsächlich mit der Auswertung von an anderen Sternwarten belichteten Photoplatten. Ein herausragendes Ergebnis dieser diffizilen und äußerst zeitaufwendigen Arbeit ist die vielbeachtete Durchmusterung des Südhimmels, wobei er in 12 Jahren rund 455.000 Sterne an einem selbstkonstruierten Meßinstrument vermaß. Grundlage waren Photoplatten, die an der Kapsternwarte in Südafrika belichtet worden waren.

Am meisten interessierte Kapteyn die zu seiner Zeit noch weitgehend unverstandene Struktur des Milchstaßensystems. Immanuel kant (1724-1804), Pierre Simon Laplace (1749-1827); und Friedrich Wilhelm Herschel (1738-1822) hatten bedeutende Vorarbeiten geleistet, trotzdem war dieser Zweig der Astronomie irgendwie in den Kinderschuhen stecken geblieben. Es fehlte an geeignetem Beobachtungsmaterial, um die vielen Fragen nach Form und Aussehen der Milchstraße zu beantworten. Kapteyn fand 1890, als er begann, sich intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen, nur eine Handvoll, noch dazu recht unsystematisch gemessener Sternparallaxen, die vereinzelt bis zur 8., noch seltener bis zur 9. Größe hinab reichten. Das war für eine sinnvolle Bestimmung solch elementarer Größen wie der Durchmesser der Galaxis oder auch nur die Entfernung der nächsten Sterne und Sternhaufen völlig unzureichend.

Die organisatorischen Mängel am Groninger Institut - erst 1896 standen mit Gründung des Astronomischen Laboratoriums in einem bis dato leerstehenden Wohnhaus eigene Räume zur Verfügung-, und die Tatsache, daß auf absehbare Zeit kein Beobachtungsinstrument erworben werden konnte, ließen in Kapteyn den Plan reifen, insgesamt 206 1° x 1° große, gleichmäßig über den ganzen Himmel verteilte und 46 weitere - innerhalb des Milchstraßenbandes gelegene Felder, die sogenannten Selected Areas - zu definieren. Die darin enthaltenen Sterne sollten nach verschiedenen Kriterien wie Helligkeit, Eigenbewegung, Radialgeschwindigkeit, Spektraltyp etc. untersucht werden, um daraus Erkenntnisse über den Aufbau der Milchstraße zu gewinnen. Es war von vornherein klar daß ein solches Mammutprojekt weder von einer Person noch von einem Institut allein durchgeführt werden konnte, und so veröffentlichte Kaptsyn 1906 sein Vorhaben in einer kleinen Schrift.

Mehrere Sternwarten boten sofort ihre Mitarbeit an. Institutionen wie das Harvard-Observatory (photometrische Durchmusterung bis 16 mag), das Mt.Wilson-Observatrry (bis 18 mag), das Astrophysikalische Observatorium Potsdam (bis l3 mag) und die Sternwarte Hamburg~Bergedorf (bis 12 mag), beteiligten sich an den Untersuchungen der kapteynschen Eichfelder und begründeten so die Stellarstatistik. Die dabei erhaltenen Sternhelligkeiten mündeten 1924 in einem gut 250.000 Sterne umfassenden Katalog.

Kapteyn, dessen Astronomisches Laboratorium 1903 in das alte Mineralogische Laboratorium der Universität Groningen umgezogen war, konnte sich nur in der vorlesungsfreien Zeit seinen Forschungen widmen. Aus den ersten Ergebnissen des Eichfeldprojekts konstruierte er ein Bild der Milchstraße, das sie wie eine flache Linse erscheinen ließ, 16.300 Lj lang und 3260 Lj dick. Später wurden diese Werte von ihm mehrmals aktualisiert, ohne aber auch nur annähernd an heutige Werte heranzureichen.

Ein weiteres Resultat dieser Arbeit war 1904 die Entdeckung der Sternströme, also Gruppon von Sternen, die sich mit fast gleicher Geschwindigkeit in dieselbe Richtung bewegen.

Ab 1908 besuchte Kapteyn regelmäßig in den Sommermonaten das Observatorium auf dem Mt.Wilson in den USA, um dort zu beobachten. Erst mit dem Ausbruch des 1 Weltkrieges endeten diese jährlichen Gastauftnthalte als "Research Associate".

1913 endlich hatte er in den bisher vom Physiologischen Laboratorium der Universität Groningen genutzten Räumen sein Institut endgültig unterbringen können. Durch den 1. Weltkrieg wurde seine wissenschaltliche Tätigkeit stark eingeschränkt, und erst nach dessen Ende (1918) fand er genügend Zeit, sich wieder mit den Vorstellungen über das Milchstraßensystem auseinanderzusetzen.

1921 wurde Kapteyn emeritiert. Kurz darauf folgte der Ruf der Stemwarte Leiden, in deren Dienste er als stellvertretender Adjunktdirektor eintrat. Ein Jahr später, nur wenige Monate vor seinem Tod, veröffentlichte er eine Schrift, worin er seine Arbeiten über die Struktur der Milchstraße zusammenfassend darlegte. Allerdings war sie bereits zu diesem Zeitpunkt durch die Arbeiten anderer Astronomen überholt und veraltet.

Jacobus Kapetyn war mit Sicherheit keiner der ganz Großen seiner Zunft, dennoch konnte er mit Beharrlichkeit und unermüdlichem Eifer und Fleiß zum Fortschritt der Astronomie beitragen und damit einen ehrenvollen Platz in deren Geschichte erwerben. Als erster brachte er den Gedanken an eine länderübergreifende Zusammenarbeit in der Astronomie ein und wies somit den Weg für die Durchführbarkeit auch großer und oft gewagt erscheinender Projekte. Außerdem ist es ihm in der schwierigen Zeit des 1. Weltkriegs mit Bravour gelungen, sich im Rahmen internationaler, wissenschaftlicher Kooperation aus jeglichen politischen Repressalien herauszuhalten.

Jacobus Cornelius Kapteyn, der sich gerade in dieser Hinsicht viele ehrenvolle Verdienste erworben hat, starb am 18. Juni 1922 in Amsterdam.

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