John Herschel (1792-1822)

Söhne berühmter Väter haben es oft schwerer im Leben als andere, sagt man, zumal wenn es darum geht, durch eigenständige Leistungen aus dem Schatten des Altvorderen hervorzutreten. Daß dies aber nicht zwangsläufig immer so sein muß, sondern der eine die Arbeit des anderen mit Erfolg weiterführt, dafür ist John Frederick William Herschel, Nachfahre des aus Hannover stammenden Friedrich Wilhelm Herschel (1738 - 1822) ein beredtes Beispiel.

John Herschel wurde am 7. März 1792 auf dem elterlichen Wohnsitz in Slough, unweit von London und der Residenz des britisch - hannoveranischen Königshauses in Windsor, geboren. Sein insbesondere durch den Bau und Verkauf astronomischer Instrumente vermögend und durch viele neuartige Beobachtungen und Entdeckungen (z.B. des Planeten Uranus am 13. März 1781) berühmt und weit über die Grenzen des British Empire hinaus bekannt gewordener Vater ermöglichte ihm den Besuch der besten Schulen, die er jedesmal mit herausragenden Ergebnissen absolvierte.

Am St. John s College in Cambridge begann John Herschel mit dem Studium der Jurisprudenz, doch mehr und mehr begann er sich auch für Mathematik und Chemie zu interessieren. So wechselte er die Studienfächer, beendete 1813 sein Studium als ,,Senior Wrangler" und wurde gleichzeitig in die Reihen der ehrwürdigen Royal Society aufgenommen.

Zwei Jahre später stand er kurz vor der Übernahme des Lehrstuhls für Chemie an der Cambridge University, die sich letztendlich jedoch für einen anderen Kandidaten entschied.

1816 erwarb Herschel den Magistergrad, verließ dann aber die Universität. Um sich privaten Studien zu widmen, die sich unter dem sicher nicht unbeträchtlichen Einfluß seines immerhin schon 78 jährigen Vaters zunehmend in Richtung Astronomie bewegten.

Friedrich Wilhelm Herschel unterwies ihn in der praktischen Beobachtung am Fernrohr. Außerdem lernte John sehr viel über die Fertigungstechnik von Teleskopspiegeln.

Obwohl sie zeitweise gemeinsam Beobachtungsinstrumente herstellten, erreichte der Sohn hier nie die Perfektion des Vaters.

John Herschel' s Qualitäten lagen unbestritten mehr auf dem Beobachtungssektor und der Mathematik. 1820 hatte er eine kleine Schrift zur Integralrechnung publiziert und schon zwei Jahre darauf erschien die erste mathematisch - astronomische Arbeit, die sich u.a. mit der Berechnung von Bahnparametern des Mondes zur besseren Bestimmung von Sternbedeckungen befaßte. Als Beobachter interessierte er sich zunächst in erster Linie für Doppelsterne. Von 1821 bis 1823 arbeitete er gemeinsam mit dem Amateurastronomen James South (1785 - 1867) an einem 380 Objekte umfassenden Katalog und unterzog etwa ab 1825 die Nebelbeobachtungen seines Vaters einer genaueren Überprüfung, mit dem Resultat, daß er dieser Aufstellung weitere 525 Nebel hinzufügte.

Mit dieser Liste hat es übrigens eine besondere Bewandtnis, denn die von Karoline Herschel (1750 -1848), John' s Tante, sorgsam aufgezeichneten, von Friedrich Wilhelm entdeckten Objekte, wurden nur deswegen zusammengefaßt und auf das Jahr 1800 reduziert, damit John Material für seine eigenen Forschungen in die Hand bekam.

Karoline Herschel unterstützte schließlich ihren Neffen tatkräftig bei der Überarbeitung und Neuerfassung. Die Beobachtungen von Friedrich Wilhelm und John Herschel, die seinerzeit nie an die wissenschaftlich interessierte Öffentlichkeit gerieten, wurden 1864 als General Catalogue of nebulae and clusters of stars veröffentlicht, der wiederum von J L. E. Dreyer (1852 - 1926) für die Erstellung des 1890 erschienenen New General Catalogue (NGC) aufgegriffen wurde.

John Herschel heiratete am 03. März 1829 Margaret Stewart, die der Chronist als gutmütig, warmherzig und ihrem Mann vielfach zur Seite stehend schildert, was bei immerhin 12 Kindern mehr als beachtlich war.

Am 10. November 1833 brach John Herschel samt Familie mit dem Schiff nach Südafrika auf, um hier eine ganze Reihe von Arbeiten seines inzwischen verstorbenen Vaters auf den Südhimmel auszudehnen und dort zu einem endgültigen Abschluß zu bringen. Im Gepäck hatte er einen 7 - Fuß -Refraktor, einen 20- Fuß- Spiegel und weitere, zumeist kleinere Instrumente und Spiegel. Damit war John Herschel zweifelsohne der erste, der mit Riesenfernrohren den südlichen Sternhimmel erforschte. Kein Wunder also, daß in die Ruhe und Abgeschiedenheit am Kap der Guten Hoffnung die astronomisch produktivste Phase in seinem Leben fiel.

Als erster führte er hier systematische Messungen von Sternhelligkeiten durch, wofür er eine Apparatur entwickelte, die aus einer Linse, einem Prisma und mehreren Fäden bestand. Damit konnte er das Bild des Mondes auf die Helligkeit des Sterns reduzieren und aus dem Vergleich seine Messung vornehmen.

Viele Verdienste erwarb er sich durch systematische Himmelsdurchmusterungen (wie seinerzeit sein Vater) und detailgetreue Zeichnungen prominenter Südhimmelobjekte, wie dem Orionnebel, den beiden Magellanschen Wolken oder der Gegend um Eta Carinae. Die Katalogisierung von Nebeln 1707 vom Südhimmel), setzte er ebenso fort, wie die umfangreichen Arbeiten an einem gigantischen Katalog mit insgesamt 10.300 verschiedenen Doppel - und Mehrfachsternystemen. Insgesamt 2.102 davon hatte er am Kap beobachtet.

1835 und 1836 konnte er den Vorübergang des Halleyschen Kometen verfolgen, wobei er zu der Einsicht gelangte, daß der Schweif aufgrund elektrischer Kräfte entstünde, die insgesamt ihren Ursprung in der Sonne hätten.

Weltberühmt wurde sein Aufenthalt am Kap jedoch weniger aufgrund seiner Pionierarbeiten, als vielmehr durch einen Artikel in der New Yorker Tageszeitung The Sun. Der Essayist Richard Adams Locke hatte nämlich in einer Fortsetzungsreihe behauptet, John Herschel würde mit einem Teleskop unvorstellbaren Ausmaßes auf dem Mond Bisons, Klatschmohn, Eibenwälder, Ozeane, Sandstrände und sogar ein paar Pyramiden sehen. Der Zeitung brachte dies zunächst eine fast schon explosionsartige Steigerung der Auflagen - und Umsatzzahlen, doch dauerte es nicht allzulange, bis ein anderes New Yorker Blatt, das Journal of Commerce die ganze Geschichte als ausgemachten Schwindel entlarvte. In Europa riefen die Berichte Empörung angesichts der vermeintlichen Verunglimpfung von Herschels Namen hervor, doch der Betroffene selbst soll, nachdem man ihm in Kapstadt die Ausgaben von "The Sun" überreichte, in schallendes Gelächter ausgebrochen sein...

Am 11. März 1838 trat John Herschel mit Frau und Kindern die Heimreise nach England an. Die nächste Zeit verbrachte er vorwiegend mit Auswertungen des in Südafrika gewonnenen Beobachtungsmaterials, die 1847 unter dem Titel Results of Astronomical Observation made at the Cape of Good Hope herauskam.

Um seine herausragenden Leistungen zu würdigen, zumal der Aufenthalt John Herschels am Kap gerade auch von der Londoner High Society als gesellschaftlicher Höhepunkt empfunden wurde, adelte ihn die englische Königin Viktoria nach seiner Rückkehr aus Südafrika. Gleichsam fühlte sich Herschel offenbar verpflichtet, nun auch öffentliche Ämter zu bekleiden. 1850/51 war er Direktor der englischen Münze, des weiteren Mitglied in den verschiedensten Kommissionen z. B. jene, die über die feste Aufstellung eines großen Fernrohres auf der Südhalbkugel beraten sollte und sich schließlich für South Yarra hei Melbourne in Australien entschied.

Die Wahrnehmung dieser vielfältigen Aufgaben hinderte Herschel nun fast vollständig an der Ausübung astronomischer Tätigkeiten, so daß er sie, nachdem sich auch noch gesundheitliche Probleme einstellten, schon bald wieder aufgab. So waren seine letzten Jahre ausgefüllt mit Bearbeitungen seines am Kap gewonnenen Beobachtungsmaterials.

John Herschel, vom Wesen her eher ein extrovertierter Typ, wie wir heute sagen würden, betätigte sich außerdem als populärwissenschaftlicher Autor. Er empfing viele Ehrungen und war Mitglied fast aller bedeutender wissenschaftlicher Einrichtungen. Dennoch erreichte er nie ganz die Genialität seines Vaters Friedrich Wilhelm. Während Vater Herschel auf vielen unterschiedlichen Teilbereichen pionierhaft zukunftsweisend wirkte, bestand für seinen Sohn, ganz im Geiste seiner Zeit, die Hauptaufgabe der beobachtenden Astronomie darin, lediglich Beobachtungsdaten zu beschaffen, die geeignet waren, vorhandene Modellvorstellungen zu bestätigen oder zu widerlegen. wobei aber keine grundsätzlich neuen Wege beschritten wurden.

John Herschel starb am 11. März 1871 in Collingwood bei Hawkhurst, Grafschaft Baronet und wurde in der Westminster Abbey neben Isaac Newton (1643 - 1727) beigesetzt.

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