George Ellery Hale (1868-1938)

In den Jahren nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, der nach blutigen Auseinandersetzungen 1865 mit dem Sieg der Nordstaaten über den konföderierten Süden endete, nahm neben der wirtschaftlichen Erholung des Landes auch das Interesse an Wissenschaft und Kunst erfreulicherweise wieder zu. Insbesondere auf den Gebieten Technik, Medizin und Astronomie wurden Fortschritte erzielt, die teilweise sogar zu einem beachtlichen Vorsprung vor Europa führten.

Am 29. Juni 1868 erblickte George Ellery Hale als Sohn eines offenbar sehr vermögenden Vaters In Chicago Im US-Bundesstaat Illinois das Licht der Welt. Schon sehr frühzeitig interessierte er sich für den Selbstbau von Mikroskopen und Teleskopen, weshalb Ihm sein Vater alsbald eine eigene Werkstatt zur Verfügung stellte.

Bereits während der Schulzeit wandte sich der jugendliche Hale dem erst wenige Jahre zuvor entstandenen Wissenschaftszweig der Astrophysik zu. Ab 1886 belegte er als Student am Massachusetts Institute of Technology in Boston die Fächer Mathematik, Physik und Chemie und verbrachte gleichzeitig viel Zeit am Harvard College Observatory. Inzwischen hatte ihm sein Vater unweit des elterlichen Wohnsitzes eine Privatsternwarte eingerichtet, die als Hauptinstrument ein 12 Zoll-Teleskop beherbergte. Ab 1890 trug er den Titel eines ,,bachelor of science", zur gleichen Zelt taufte er seine Sternwarte auf den Namen ,,Kenwood Observatory" und ernannte sich selbst - sicherlich nicht ohne einen Funken Selbstherrlichkeit - zu deren ersten Direktor. Zwei Jahre später wurde Hale dann zum ,,associated professor" für Astrophysik an die neugegründete Chikagoer Universität berufen und war ab 1893 auch am Beloit College tätig.

Seit dem Kauf des ersten Fernrohres konzentrierte sich Hales Hauptinteresse auf die Beobachtung und Physik der Sonne. Bereits 1891 vollendeten Hale und der französische Astrophysiker Henri Alexandre Deslandres (1853-1948) fast gleichzeitig den Bau des ersten Spektroheliographen, mit dem der Erstgenannte 1892 erstmals die Sonne im monochromatischen Licht einer einzelnen Spektrallinie fotografierte.

1893 gelang es Hale, den amerikanischen Großindustriellen Ch.T. Yerkes für den Bau einer neuen Sternwarte, dem Yerkes- Observatory, zu begeistern, die nach kurzer Bauzeit 1897 fertiggestellt wurde. Bis 1905 bekleidete Hale dort den Direktorposten. Inzwischen hatte er zwei noch heute weltweit und anerkannte Fachzeitschriften begründet: 1892 die ,,Astronomy and Astrophysics" und 1895 den ,,Astrophysical Journal", und war 1897 zum ordentlichen Professor für Astrophysik in Chicago ernannt worden.

Etwa ab 1902 bemühte sich Hale, Geldmittel für ein noch gigantischeres Projekt aufzutreiben, der Errichtung eines eigenständigen Sonnenobservatoriums ohne den dazugehörigen Universitätsbetrieb, und fand schließlich in der Carnegie-Stiftung großzügigen Mäzen. So entstand das Mt. Wilson-Observatory nahe der Stadt Pasadena in Kalifornien, dessen erster Direktor er bis 1923 war. In den Gründerjahren dieses neuen Observatorium fiel auch Hales wissenschaftlich produktivste Phase, denn ab 1910 behinderte ihn eine Nervenkrankheit bei der Arbeit, an der er zunehmend litt.

Im Jahre 1897 hatte der niederländische Physiker Pieter Zeeman (1865-1943) anhand von Laboruntersuchungen herausgefunden, daß starke Magnetfelder in der Lage sind, die Spektrallinien chemischer Elemente sogar mehrfach aufzuspalten. George Ellery Hale gelang im Juni 1908 die Beobachtung des sog. Zeeman-Effektes im Spektrum einer großen Sonnenfleckengruppe, woraus er das Vorhandensein von Magnetfeldern entsprechender Stärke und deren Zusammenhang mit der Entstehung von Sonnenflecken herleiten konnte. Weitere Arbeiten auf diesem Gebiet führten zu der Erkenntnis, das ein Magnetfeldzyklus auf der Sonne rund 22 Jahre andauert. Zusammen mit Seth Barnes Nicholson (1891-1960) fand er offenbar heraus, daß die magnetische Polarität der Fleckengruppe sich nicht nur von Zyklus zu Zyklus umkehrt, sondern auch von Nordhalbkugel zu Südhalbkugel verschieden ist.

Hale machte 1924 noch einmal von sich reden, als er das erste Spektrohelioskop fertigstellte, das auch für die visuelle Beobachtung des monochromatischen Sonnenbildes geeignet war. Einige Jahre später entwarf er im Auftrag der Rockefeller-Stiftung für das California Institute of Technology die Pläne für den Bau des seinerzeit größten Teleskops auf der Welt auf dem Mt. Palomar, dem berühmten 5 m-Spiegel: Die Eröffnung dieses Observatoriums konnte er allerdings nicht mehr miterleben, denn George Ellery Hale starb am 21. Februar 1938 in Pasadena. In den USA herrschte gerade eine tiefe wirtschaftliche Depression und Massenarbeitslosigkeit und in Europa wurde mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Teile der Tschechoslowakei das dunkelste Kapitel der Geschichte der Alten Welt eingeleitet.

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