Sir David Gill (1843-1914)


David Gill wurde am 12. Juni 1843 in schottischen Aberdeen geboren. Die Angaben über seinen Lebensweg sind, zumindest in der deutschsprachigen Literatur, ausgesprochen spärlich und zudem teilweise widersprüchlich. Allem Anschein nach arbeitete er zunächst als Uhrenhändler, bis er 1874 an der Seite Lord Lindsays an einer Expedition zur Beobachtung des Venusdurchgangs zur üstlich von Madagaskar im Indischen Ozean gelegenen Insel Mauritius teilnahm, um dabei die Entfernung der Erde zur Sonne neu zu bestimmen Drei Jahre später beteiligte er sich aus dem gleichen Grund an den intensiven Beobachtungen der schon legendären Marsopposition (bei der Giovannni Schiaparelli seine "canali" entdeckte, die von seinen Zeitgenossen prompt als Marskanäle mißdeutet wurden.

Von 1879 bis 1907 leitete er als Astronomer Royal die Sternwarte am Kap der Guten Hoffnung (Kastadt). Im September 1882 beobachtete und photographierte Gill von der Kapsternwarte aus den großen Kometen des Jahres (188II) der ein sehr auffälliges Objekt am östlichen Morgenhimmel gewesen sein muß. Ab dem 4. Oktober versuchten mehrere Photographen im südlichen Afrika, den Kometen auf ihren noch recht unempfindlichen Trockenplatten abzulichten. Gill verwendete fur seine Aufnahmen ein 6-zölliges Äquatoreal. Am 7. November gelang ihm, sieben Wochen nach dem Periheldurchgang des Kometen, eine hervorragende Aufnahme mit 100 Minuten Belichtungszeit, die immerhin einen 18° langen Schweif zeigte. Am 13 November folgte dann eine 80-Minuten- und einen Tag später eine 123-Minuten lang belichtete Photographie. Zur Bestimmung der Kometenhelligkeit zog Gill die Angaben der Bonner Durchmusterung heran, die bis -24° Deklination herabreichte.

Gill kam kurz danach auf die Idee, die visuellen Helligkeitsschätzungen der Bonner Durchmusterung mit Hilfe der Photographie auf den gesamten Südhimmel auszudehnen. Dabei war natürlich zu bedenken, daß die Photoplatten überwiegend im blauen Spektralbereich ihre maximale Empfindlichkeit besaßen und somit nicht direkt mit visuellen Schätzungen vergleichbar waren. Die verwendeten Refraktoren waren hingegen für den gelben Spektralbereich korrigiert.

David Gill schrieb an mehrere europäisce Sternwarten, beispielsweise an Admiral Ernest Mouchez (Paris) oder A.A. Common, der den Kometen visuell entdeckt hatte. Seine Idee fiel auf fruchtbaren Boden, zumal man mittlerweise gelernt hatte, mit den Gelatine-Bromid-Trockenplatten umzugehen.

Am 13. April 1887 fand in Paris der erste "Astrophotographic Congress" statt, bei dem Gill, Mouchez und Common den 33 Teilnehmern aus fast 23 Ländern ihre Ergebnisse präsentierten. Man einigte sich schnell darauf, einen ersten fotographischen Himmelsatlas zu erstellen, die spätere "Carte du Ciel". Sie wurde schließlich aus 22.000 Platten zusammengestellt, die entlang mehrerer Zonen am Himmel mit standardisierten photographischen 13-Zoll-Teleskopen belichtet wurden und bis zur 15. Größe reichten. Darüber hinaus wurde gleichzeitig die Arbeit an einem "Astrophotographic Catalogue", Grenzgröße 11 mag in Angriff genommen. Auf der Konferenz wurde A.A. Common zum President d'honeur" gekürt. während Gills Arbeiten allerdings kaum Beachtung fanden. Auffallend ist, daß sein Name in dem 137 Seiten starken Tagungsbericht fast völlig fehlt. Lediglich in einer Randnotiz im Nachwort wird erwähnt, daß er eine bereits 25 Jahre alte Idee Warren De La Rues (1815-1889) aufgegriffen habe.

Den Versuch einer Ehrenrettung unternahm Gills Biographin Agnes Clerke, die ihm die Priorität an der Idee zuschreibt und sich dabei auf einen Briefwechsel vont 4. Juni 1866 beruft. Offensichtlich hat sie dabei, so spätere Historiker, wohl einen falschen Brief erwischt, der möglicherweise nie abgesandt worden ist. Der richtig interpretierte hingegen datiert vom 1. März 1886! Eine weitere Richtigstellung erfolgte durch David Evans in seiner ,,General History of Astronomy". Danach sieht es so aus, daß die Idee in der Tat Warren De La Rue zuzuschreiben ist, wenngleich es auch Gills Verdienst war, sie in die Tat umgesetzt und damit der astronomischen Forschung neue Wege geöffnet zu haben.

Im Jahr 1882 hatte er jedoch nicht nur den großen Kometen beobachtet und photographiert, sondern auch damit begonnen, photographisch Sternpositionen zu messen. Mit dem niederländischen Astronomen Prof. Jacobus Cornelius Kapteyn (1851-1921) unternahm er in den Jahren 1896 bis 1900 die erste ,,Cape-Photographic-Durchmusterung" (CPD), in deren Verlauf 45.000 Sterne der südlichen Hemisphäre erfaßt und katalogisiert wurden.

Sir David Gill, der wegen seiner Verdienste um die Kapsternwarte vom englischen Königshaus den Adelstitel verliehen bekam, starb am 24. Januar 1914 in London.

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