Annie Jump Cannon (1863-1942)

Etwas mehr als achtzig Jahre nach Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776 vor dem Zweiten Kontinentalen Kongreß und 72 Jahre nach der Wahl George Washingtons zum ersten Präsidenten der USA (denen zunächst nur 13 Staaten angehörten) spaltete erneut ein blutiger Krieg das Land in zwei feindlich gegenüber stehende Lager: 1861 hatte mehrere Staaten des Südens diesen Verbund verlassen und die ,,Konföderierten Staaten von Amerika" ausgerufen. Gründe für diesen Schritt gab es genügend, auslösendes Moment war jedoch die Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten und dessen Erklärung und ablehnende Haltung gegenüber der im Süden weithin praktizierte Sklaverei. Er starb 1865 wenige Tage nach Ende des Sezessionskrieges durch die Hand eines fanatischen Südstaatlers.

Annie Jump Cannon wurde am 11. Dezember 1863 in Dover (US- Bundesstaat Delaware) geboren, während sich unterdessen einige Tausend Meilen weiter südlich nach der Schlacht von Gettysburg (im Juli des gl. Jahres) der Bürgerkrieg seinem blutigen Höhepunkt näherte.

Sie war als Tochter eines stadtbekannten Kaufmanns und Ingenieurs der Schiffbaukunst, der zudem das Amt des stellvertretenden Gouverneurs von Delaware bekleidete, in wohlbehüteter Umgebung aufgewachsen. Ihre Begeisterung und Begabung für astronomische Vorgänge deuteten sich schon im zarten Kindesalter an, und obwohl ihr Vater nicht viel davon hielt, während ihre Mutter in ihrer eigenen Schulzeit astronomische Kenntnisse erworben hatte und daher die Tochter in ihren Bemühungen eifrig unterstützte, besuchte sie ab 1879 das Wellesley College in Massachusetts.

Es gehörte zu den wenigen Einrichtungen seiner Art, das auch Frauen zu Bildungszwecken offenstand, was keinesfalls selbstverständlich war, wenn man bedenkt, daß z.B. erst 1869 einige Bundesstaaten anfingen, ihnen ein verfassungsmäßig geschütztes aktives und passives Wahlrecht zuzubilligen (im ganzen Land waren Frauen sogar erst 1919 voll wahlberechtigt!).

In den Jahren am Wellesley College eignete sich Annie Cannon Kenntnisse und Fähigkeiten in naturwissenschaftlich orientierten Fächern an und vervollkommnete diese fortwährend. 1896 folgte sie dem Ruf Edward Charles Pickerings (1846-1919) an die schon damals in hohem Ansehen stehende Sternwarte der Harvard-University, was freilich bei den Direktoren auf Unverständnis stieß, die nicht glauben wollten, daß ausgerechnet eine Frau in der Lage sein sollte, sinnvolle und vor allem logisch fundierte Forschung zu betreiben. Sie sollten eines besseren belehrt werden...

Edward Charles Pickering, seit 1877 Direktor der Sternwarte, stand in dem Ruf, Astronominnen besonders angetan zu sein, und sie nach Kräften zu fördern. Er setzte gegen alle Widerstände und bürokratische Hindernisse durch, daß Annie Cannon an seinem Institut arbeiten konnte, zumal ihm ihre besonders ausgeprägten Fähigkeiten nicht verborgen geblieben waren.

Die Begründung der Spektralanalyse durch Kirchhoff und Bunsen (1859), die es den Astronomen ermöglichte, das Licht ferner Sterne zu analysieren und festzulegen, welche chemische Elemente in ihnen vorkamen, führte auch in den Vereinigten Staaten zu einem Wandel von der klassischen Astronomie des Errechnens von Sternpositionen und der Bestimmung von Bewegungen einzelner Himmelskörper hin zur physikalisch ausgerichteten Frage nach dem Aufbau der Sterne und ihren vielschichtigen Wechselwirkungen untereinander. Pickering hatte, nachdem er Direktor der Havard-Sternwarte geworden war, alle Anstrengungen unternommen, die amerikanische Astronomie in eine ähnliche Richtung zu lenken und für die Einrichtung einer eigenständigen Abteilung für Spektroskopie gesorgt.

Der italienische Pater Angelo Secchi S. J. (1818-1878) in Rom (1866) und der deutsche Astronom Hermann Carl Vogel (1841-1907) In Potsdam (1874) hatten bereits erste Versuche unternommen, einzelne Sternspektren zu klassifizieren, waren jedoch nicht in der Lage, ein überschaubares einfaches System zu entwickeln. Die erste Aufgabe Annie Cannons bestand nun darin, aufbauend auf Arbeiten ihrer Harvard-Kolleginnen Mrs. Fleming und Miss Maury, ebenfalls solch ein Schema zu entwerfen. Heraus kam die noch heute im Gebrauch befindliche Abstufung 0, B, F, G, K und M (englischsprachiger Merksatz O>h B e A F ine G irl K iss M e), die zwar gewissermaßen eine Einteilung nach optischen Eindrücken war, bei der sich später aber dann ergab, daß sie gleichzeitig eine temperaturabhängige Klassifikation von heißen 0-Sternen zu kühlen M-Sternen symbolisierte.

Damit konnten erstmals die gängigen Theorien über Sternentstehung und Sternentwicklung überprüft und verbessert werden. 1922 wurde sie dann auch durch die lAU offiziell anerkannt, doch Miss Cannon, inzwischen zum ,,Curator of Astronomical Photographs" aufgestiegen, war längst mit einer anderen Aufgabe betraut.

Mit der von ihr entworfenen Klassifikation ging sie nämlich daran, aus der Hinterlassenschaft des Chemikers, Arztes und Amateurastronomen Henry Draper (1837-1882), die aus 225300 auf fotografischem Wege erhaltenen Positionen von Sternen der Nord- und Südhalbkugel bestand, den neunbändigen ,,Henry Draper Catalogue" zusammenzustellen. Die Witwe Drapers, hatte durch großzügige finanzielle Zuwendung die Durchführung dieser immensen Arbeit erst ermöglicht.

Leben und Wirken von Miss Annie Cannon sind mehrfach gewürdigt und ausgezeichnet worden, u.a. war sie Ehrenmitglied der ,,Royal Astronomical Society" und bekam die Doktorwürde der Universitäten zu Groningen und Oxford verliehen. Sie hatte als Frau aber auch mit vielen Hemmnissen zu kämpfen, die ihr universitätsseitig in den Weg gelegt wurden, so erkannte man ihr erst 1938 eine offizielle Stelle als ,,William Chranch Bond Astronomer" am Harvard-Observatory zu. 1933 stiftete sie den ,,Annie Jump Cannon Award in Astronomy", um anderen Frauen ebenfalls Zugang zur astronomischen Forschung zu ermöglichen. Annie Jump Cannon starb als ,,große Dame der Astronomie" in den Vereinigten Staaten am 13. April 1942 in Cambridge (Massachusetts) im Alter von 77 Jahren.

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