Wernher von Braun und seine Rolle in Peenemünde


Zweifellos ein Genie, was die Lösung technischer Probleme und die Konstruktion von Raketen angeht, war er, am 23. März 1912 in Wirsitz bei Posen/Preußen geboren, gleichzeitig unglaublich ehrgeizig und verstand es geradezu meisterhaft, Hemmnisse aus dem Weg zu räumen, sei es technische oder auch menschliche.

In seinen ersten Jahren bei den Raketenpionieren zwischen 1930 und 1934 trat er noch nicht allzusehr hervor. Die Hauptarbeit wurde seinerzeit von Rudolf Nebel und Klaus Riedel erledigt. Während Nebel maßgeblich an der Konstruktion von Neuentwicklungen beteiligt war und diese in zahlreichen Vorträgen vorzustellen vermochte, war Riedel eher der Praktiker im Hintergrund, der die Ideen der anderen in versuchsreife Modelle umsetzte. Zudem waren Riedel und Nebel sehr gut befreundet. Das hat, möglicherweise, nach Ansicht einiger Historiker, zu einem Neidkomplex bei von Braun geführt, der keinem Streit mit Nebel aus dem Wege ging. Wernher von Braun und Oberst Karl Becker, technischer Leiter im Heereswaffenamt bestimmten 1934 in diktatorischer Manier, wer künftig an der nunmehr militärischen Raketenforschung beteiligt sein durfte und wer nicht. Da von Braun Nebel als Konkurrenten offenbar fürchtete, setzte er durch, daß dieser nicht übernommen wurde. Hinzu kam, daß Nebels Verlobte jüdischer Abstammung war, was als vorzügliches Argument genommen wurde, ihn nicht zu berücksichtigen. Später wurde sie verhaftet und in einem KZ ermordet. Welche Rolle hierbei von Braun gespielt hat, ist unklar. Sicher ist nur, daß er nichts zugunsten Nebels unternommen hat, da dieser ihm lästig war.

Riedel hingegen, mit dem von Braun keinen Streit hatte, durfte seine Arbeiten fortsetzen. Und auch ein anderer Konkurrent wurde alsbald aus dem Weg geräumt: Hermann Oberth. Seine Konstruktion der Kegeldüse trug entscheidend zur Entwicklung der Raketen bei. Dennoch wurde er übergangen. Sein Manko: Er war zwar Siebenbürger-Deutscher, lebte aber in Rumänien und hatte daher keine deutsche Staatsbürgerschaft. Es deutet sehr viel darauf hin, daß von Braun die Ideologie der neuen Machthaber nutzte, um Oberth daran zu hindern, ebenfalls ins Heereswaffenamt übernommen zu werden. Später, als Oberth, übrigens unter falschem Namen, doch noch nach Peenemünde kam, wurde er auf Anweisung von Brauns nur mit untergeordeneten Aufgaben betraut. Und auch in den Nachkriegsjahren, durfte Oberth in Huntsville im US-Bundesstaat Alabama wieder nur relativ unwichtige Arbeiten ausführen - wieder auf Anweisung von Brauns.

Hermann Oberths Biograph Hans Barth sieht diese Situation allerdings differentierter. In seiner 1981 veröffentlichten Biografie über den großen Raumfahrtpionier schreibt er, daß Oberth selbst eine zeitlang den Eindruck hatte, von Wernher von Braun kaltgestellt worden zu sein. In einem Brief vom 12. Oktober 1952 machte Oberth das von Braun auch deutlich, woraufhin dieser sehr freundlich reagierte und ihn als seinen Mentor und geistigen Vorreiter bezeichnete. Es ist eine Tatsache, daß von Braun neben der Oberthschen Kegeldüse auch dessen theoretischen Arbeiten über die Trennung von Mehrstufenraketen aus dessen Peenemünder Zeit verwendete. Andererseits gewährte er Oberth, auch in schwerer Zeit, viel moralische Unterstützung.

Auf Initiative Wernher von Brauns wurde Hermann Oberth 1961 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen und 1963 die Deutsche Raketengesellschaft in "Hermann-Oberth-Gesellschaft e. V." umbenannt. Oberths besondere Rolle hob von Braun dann ein weiteres Mal 1963 bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der TU Berlin hervor. Im folgenden ließ von Braun keine Gelegenheit aus, Oberths Pionierleistung zu betonen.

Wie aber paßt das zu dem in Peenemünde und später in Huntsville an den Tag gelegte Verhalten von Brauns? War die Hochachtung für Oberth ehrlich und wollte er ihn, auf seine Weise, für die Pionierarbeit danken, in dem er hautnah die Entwicklung seiner Geschöpfe miterleben durfte? Oder wollte von Braun hier nur einen Konkurrenten ausschalten und ihn im Auge behalten und die geäußerte Wertschätzung resultiert nur aus einem mehr oder weniger schlechten Gewissen? Diese Fragen mag jeder für sich beantworten, aber beide Alternativen sind möglich!

Der Hang Wernher von Brauns zum Militär kam nicht von ungefähr. Sein Vater Magnus Freiherr von Braun war einflußreicher Reichsminister (für Ernährung und Landwirtschaft) im Kabinett von Franz von Papen und ein Anhänger der alten Reichswehr-Idee. Über diesen Weg versuchte nun seinerseits Oberst Becker, die Karriereleiter nach oben zu steigen.

Nach 1933 arrangierte sich von Braun sehr schnell und sehr gut mit den Nationalsozialisten. So wurde er schon vor der Machtergreifung am 1. Dezember 1932 (manche Quellen geben auch das Jahr 1937 oder 1938 an!) Mitglied der NSDAP und am 1.Mai 1940 der SS (bei der er es immerhin zum Sturmbannführer brachte, was dem Rang eines Majors in der Wehrmacht entsprach), wie es seine im Berlin Document Center aufbewahrte SS-Stammrolle beweist. Später wurde häufig behauptet, er sei nur Mitglied der SS geworden, "weil er dazu gezwungen wurde, um seine Arbeit an den Raketen fortzusetzen". Das allerdings ist eine Mär, denn aufgrund der NS-Rassenideologie konnte man nicht einfach Mitglied der SS werden. Man wurde dazu auserwählt und nur wer die Voraussetzungen mitbrachte, wurde aufgenommen. Zwar behaupten einige Historiker, von Braun sei mehrfach vom Reichsführer SS Heinrich Himmler aufgefordert, dem "Schwarzen Orden" beizutreten, um seine Forschungen wirkungsvoll fortsetzen zu können. Doch sind hier Zweifel angebracht, zumal die SS im Beitrittsjahr von Brauns noch kein sonderliches Interesse am Geschehen in Peenemünde entwickelt hatte. Das war erst 1942/43 der Fall.

Die Entwicklungs- und Erprobungsarbeiten in Peenemünde waren in starken Maße von der Versorgung mit Material und vor allem Arbeitskräften abhängig. In den Jahren 1940 bis 1944 wechselten die Dringlichkeitsstufen für die Materialbeschaffung fast wöchentlich, was auch immer wieder einen Abzug von Mitarbeitern für den Fronteinsatz zur Folge hatte und die Dornberger und von Braun oft nur unter sehr schwierigen Umständen wieder zurückholen konnten.

Aus diesem Grunde trafen Walter Dornberger, Wernher von Braun und weitere Mitarbeiter des Peenemünder Führungsstabs am 20. August 1941 mit Adolf Hitler im Führerhauptquartier zusammen, um ihm, auch anhand von Filmmaterial, von der Bedeutung der Rakete als kriegswichtige Waffe zu berichten. Dieser erteilte daher der Raketenentwicklung die höchste Dringlichkeitsstufe, doch machten sich bereits im 3. Kriegsjahr erste Versorgungsengpässe bemerkbar, so daß die Materialzuteilungen nur sehr schleppend erfolgten.

Ein von ehemaligen Peenemündern in ihren Memoiren gern unterschlagenes Kapitel betrifft den Einsatz von KZ-Häftlingen. Sie behaupteten durch die Bank weg, nie auf dem Gelände der Heeresversuchsanstalt auch nur einen einzigen KZ-Häftling in seiner typischen Kleidung gesehen zu haben. Dies trifft nachweislich nicht zu, im Gegenteil.

Zu von Brauns engstem Mitarbeiterstab seit den Kummersdorfer Tagen gehörte ein gewisser Arthur Rudolph, seit 1.6.1931 NSDAP-Mitglied, (ab 1932 auch der SA und ab 1939 der SS!), zunächst Ingenieur bei den Berliner Heylandt-Werken (Hauptarbeitsgebiet: Erzeugung von Flüssig-Sauerstoff), später Leiter des Versuchsserienwerkes in Peenemünde. Ganz offensichtlich mit wissender Billigung durch von Braun traf Rudolph, der nach dem Kriege maßgeblich an der Konstruktion und Entwicklung des amerikanischen SATURN-Programms mitwirkte, am 16. April 1943 auf eigenem Wunsch hin im Heinkel-Werk in Oranienburg auch mit Vertretern der SS zusammen. Ziel war es, "Arbeitskräfte für das Versuchsserienwerk" anzuwerben, die dann etwa zwei Monate später, mit Zustimmung des Leiters des Sonderausschusses A 4 im Heereswaffenamt, Gerhard Degenkolb, auch in Peenemünde eintrafen.

Die Häftlinge des Peenemünder Konzentrationslagers (das offiziell eine Außenstelle des KZ Ravenbrück war) entstammten allesamt dem KZ Buchenwald, das Wernher von Braun zuvor besichtigt, dies aber später bei Verhören durch die Amerikaner vehement bestritten hatte.

Die Möglichkeit, KZ-Häftlinge zu rekrutieren, ging auf einen Führerbefehl vom September 1942 zurück, in dem der "Reichseinsatz" von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und anderen "Fremdvölkischen" verfügt wurde. Ausführung und Überwachung wurde der SS und damit Heinrich Himmler übertragen, der Mitte September 1942 erstmals in Peenemünde vorstellig wurde und später, am 28. und 29. Juni 1943, kurz nach dem Eintreffen der ersten KZ-Häftlinge, noch einmal. Erst in den letzten Jahren veröffentlichte Photos zeigen übrigens Wernher von Braun neben Himmler in SS-Uniform (obgleich er in seiner Biographie behauptete, diese nur im Schrank gehabt zu haben, ohne sie jemals anzuziehen!). Ziel der Besuche Himmlers war der (vergebliche) Versuch, die Kontrolle über die Rüstungsbetriebe zu erlangen.

Am 8. Juli 1943 wurden Walter Dornberger als militärischer Leiter der Heeresversuchsanstalt Peenemünde und Wernher von Braun als dessen technischer Leiter abermals beim Führer vorstellig, um ihm einen Film über die erfolgreichen Versuche mit der A 4 (aus der dann Hitlers Propagandaminister Goebbels die V 2, die "Vernichtungswaffe 2" machte) vorzuführen. Hitler war davon sehr angetan und glaubte einmal mehr an den Endsieg. An diesem Tage ernannte er Wernher von Braun quasi per Handschlag zum Professor. Die Ernennungsurkunde, die wenige Wochen darauf überreicht wurde, trug die persönliche Unterschrift Adolf Hilters!

Der höchst fragwürdige Kontakt der Peenemünder Ingenieure zur SS führte nicht nur zu einem gesteigerten Denunziantentum innerhalb der Peenemünder Mannschaft, sondern auch zur Verhaftung von Brauns im März 1944 durch die Gestapo, der zusammen mit einigen anderen nach Stettin verbracht wurde. Grund für die Verhaftung: Rüstungssabotage. Nur durch die massive Intervention Dornbergers wurden von Braun und seine Mitgefangenen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Als später die ersten V 2-Raketen auf London und Antwerpen abgefeuert wurden und Tod und Verderben brachten, soll Wernher von Braun nach Aussagen seiner Seketärin sehr bestürzt gewesen sein, da er nie an einen wirklichen Einsatz gegblaubt habe. Es gibt aber auch andere Zeugenaussagen, wonach er den ersten Einsatz in geselliger Runde gefeiert haben soll. Auf jeden Fall brachten ihm seine Arbeiten das Kriegsverdienstkreuz und 1944 das Ritterkreuz ein!

Wernher von Braun war wohl kein überzeugter Nationalsozialist, aber ein Opportunist par exellance, der Menschn nur als Material zur Erreichung seiner Ziele ansah, ein Wesenszug der, in abgemilderter Form, auch während des amerikanischen APOLLO-Programm erkennbar wurde.

Anfänge der deutschen Raketenentwicklung
Die Heeresversuchsanstalt Peenemünde
Raketenforschung in Peenemünde
Literatur über Peenemünde
Peenemünde - Einleitung

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