Die 28. Bochumer Herbsttagung

Am 7.11.2009 fand zum Abschluss des astronomischen Veranstaltungsjahres wieder die Bochumer Herbsttagung der Amateurastronomen statt. Drei GvA-Mitglieder machten sich auf den Weg ins Ruhrgebiet und erlebten die beste Tagung seit vielen Jahren. 

Die BoHeTa hat auch 30 Jahre nach ihrer ersten Austragung im Jahr 1979 nichts von ihrem Flair und ihrer Anziehungskraft verloren und besitzt heute Kultstatus. Auch deshalb organisierten wir schon frühzeitig eine GvA-Gruppenfahrt per Bahn dort hin. Leider fanden sich in diesem Jahr nicht so viele GvA-Mitglieder, die mitmachen wollten oder konnten, was aber zum großen Teil an der zeitgleich bundesweit stattfindenden „Langen Nacht des Wissens“ lag. Ursprünglich wären wir zu viert gewesen, aber ein Vereinskollege musste kurzfristig absagen, weswegen die GvA-Reisegruppe nur aus Hartwig Lüthen, André Wulff und mir bestand. Auch andere GvA-Mitglieder, die sonst per Auto anreisten, wurden dieses Mal nicht gesichtet.

Wieder hieß es an diesem Tag früh aufstehen. Um 4 Uhr klingelte der Wecker und beendete die viel zu kurze Nacht. Die Vorfreude auf die Tagung ließ einen jedoch schnell munter werden. Nach einem kurzen Frühstück brachte mich die U-Bahn ausnahmsweise mal pünktlich zum Hauptbahnhof, wo ich auf dem Bahnsteig 14a/b auf den ICE 515 wartete. André hatte sich weiter vorne postiert als ich und im Zug kamen wir dann alle zu unseren Plätzen. Die Fahrt war schon mal sehr lustig, wir klönten, holten unsere Rechner raus und musste aufpassen, dass wir in Dortmund ausstiegen, um die Weiterfahrt mit dem ICE 27 nach Bochum nicht zu verpassen. Von dort aus ging es mit der U 35 (Bahnlinie, kein U-Boot!) direkt zur Ruhr-Universität. Bequemer geht es kaum. Durch die 70er-Jahre Betonwüste und über klappernde Gehwegplatten kamen wir schließlich in der Medizinischen Fakultät HMA 10 an. Nur wenige Sternfreunde waren schon da: Die Organisatoren, Otto Guthier und Werner Celnik von der VdS und einige, die rechtzeitig angereist waren. Nur schleppend gestaltete sich der Besucherstrom. Das lag aber auch an einigen Staus auf Autobahnen in der Region, die viele an einem pünktlichen Erscheinen hinderten. Dafür war die kleine Cafeteria schon geöffnet, ein starker Kaffee war jetzt angebracht.

Um 10:00 Uhr begann der offizielle Teil der Veranstaltung mit kurzen Grußworten vom Cheforganisator Peter Riepe (VdS-Fachgruppe Astrofotografie), Prof. Dr. Ralf-Jürgen Dettmar vom Astronomischen Institut der Ruhr-Universität Bochum und Prof. Dr. Susanne Hüttemeister vom Planetarium Bochum.

Den ersten Vortrag auf der BoHeTa hält schon seit vielen Jahren auf unnachahmliche Weise traditionell Dr. Eberhard Bredner. Sein Thema: „Kaguya - Antares - THE GREEN FLASH und wir - Aspekte einer Beobachtungs-Situation im Jahre 2009“. Darin schilderte er die Schwierigkeit, Mondrandprofile für streifende Sternbedeckungen zu erstellen und zog dabei auch die Ergebnisse der japanischen KAGUYA-Sonde (SELENE (Selenological and Engineering Explorer) zu Rate, mit denen ein verbessertes Modell des Mondrandes erstellt werden konnte. Die Sonde hatte zwar die Aufgabe, Daten über die Mineralogie des Mondes, seiner Topographie, Selenologie sowie seines Schwerefeldes zu liefern, doch waren es gerade die topographischen Messungen, die als Abfallprodukt auch für die Erstellung eines Mondrandprofils genutzt werden können. Bis zu ihrem Absturz am 10.06.2009 (ihre Subsatelliten Okina und VRAD waren schon vorher auf dem Mond aufgeschlagen) waren so viele Informationen gewonnen wurden, dass die Strukturen des Randprofils auf 11 +/- 5m genau bekannt waren. Das war auch wichtig für die streifende Bedeckung von Antares am 21.10.2009. Zudem berichtete er über die Beobachtung einer weiteren streifenden Bedeckung durch den Mond in der Türkei und der Beobachtung eines Green Flash beim dortigen Sonnenuntergang.

Stefan Überschaer referierte danach über seine Sonnenfinsternisreise nach Fernost: „Schwarze Sonne 2009 in China“. Seine Aufnahmen von der Rundreise, von Shanghai, der leider nur in einer Wolkenlücke sichtbaren Totalität (inkl. Diamantringeffekt) und seine Erlebnisse rund um diese Finsternis waren schon beeindruckend.

Bernd Gährken bewies mit „Fotometrisches Allerlei mit der DSI-3“, das man auch mit großer Erfahrung immer noch Anfänger auf einem neuen Gebiet sein kann. Grund für den Einstieg in das für ihn neue Gebiet war die neue DSI-3-CCD-Kamera von Meade. Mit einer Auflösung von 1392 x 1040 Pixel und 16 Bit Farbtiefe sind nicht nur schöne Aufnahmen möglich, sondern es ermöglicht (entsprechende Instrumentierung vorausgesetzt) auch den Einstieg in die Fotometrie von Objekten im Sonnensystem und im Deep Sky. Beispielhaft führte er Animationen und Lichtkurven des bedeckungsveränderlichen Zentralsterns des Planetarischen Nebels Abell 46 / PK 55+16.1, des veränderlichen Weißen Zwerges HL Tau 76, vom Kleinplaneten (433) Eros und gegenseitigen Saturnmondverfinsterungen vor. Ein wahrhaft exotisches Gebiet ist dabei auch die eigene Suche nach Exoplaneten, die sich durch Helligkeitsvariationen verraten, in dem sie, wie bei einem Venus- oder Merkurdurchgang vor ihrer Sonne vorbeilaufen und deren Licht periodisch abschwächen.

Dr. Thomas Eversberg leitete den Blick der Teilnehmer auf ein ungewöhnliches Projekt: „Stellar Wind Tango - Die Periastron-Passage von WR 140 im Januar 2009 - Eine internationale Amateur-Profi-Kampagne“. Hier haben erstmals Amateure und Profis über einen Zeitraum von vier Monaten hinweg an einer gemeinsamen Beobachtung teilgenommen. Und dies nicht im heimischen Garten oder einer Vereinssternwarte, sondern auf dem 2400 m hohen Teide auf Teneriffa, wo sie ein 0,8m-Teleskop für ihre gemeinschaftliche Aufgabe nutzen konnten. Hintergrund der Geschichte war, dass im Januar 2009 die beiden Komponenten des Doppelsternsystems WR 140 (HD193793), bestehend aus einem Wolf-Rayet-Stern und einem O4-5 Hauptreihenstern, im Periastron ihrer stark elliptischen Bahn standen. Diese engen Begegnungen (rd. 300 Mio. km) kommen nur alle 7,9 Jahre vor und ziehen sich über mehrere Monate hin. Die Beobachtungen des hier insbesondere vom WR ausgehenden Sternwindes haben sich die international besetzten Gruppen zum Ziel gesetzt. Und das durchaus mit Erfolg. Die aus Beobachtern aus mehreren europäischen Ländern bestehende Beobachtergruppen, die sich nacheinander abwechselten, haben fünfmal mehr Spektren gewinnen können als bei der vorherigen Beobachtung im Jahr 2001, auch wenn dieses Mal hauptsächlich im (grünen) Spektralbereich zwischen 565 und 575 Nanometer gemessen wurde, wo die Stoßfronten beiden Sternwinde zusammenkommen. Eine endgültige Auswertung steht aber noch aus und soll auf einem Workshop im Mai 2010 in Portugal vorgestellt werden (vgl. SuW 12/2009, S. 70).

Während der nun anstehenden Mittagspause konnte man ab 13 Uhr an einer Führung durch die Fakultät für Physik und Astronomie der Ruhr-Universität Bochum teilnehmen. Allerdings war aus Platzgründen die Teilnehmerzahl auf 15 Personen begrenzt.

André und ich zog es eher ins Univiertel, um unseren Hunger und den Durst zu stillen, und so kamen wir erst nach 14 Uhr wieder im Auditorium an, wo bereits der Vorsitzende der Volkssternwarte Recklinghausen, Dr. Burkhard Steinrücken über die „Horizontastronomie auf der Halde Hoheward – Zielsetzung und aktueller Projektstand“ sprach. Auf der Hochfläche (Höhe über NN: 152,5 m) aus Aufschüttungen der Zechen Recklinghausen II, Ewald und General Blumenthal/Haard entstand im Jahr 2008 ein so genanntes Horizontalobservatorium, dessen 88 m durchmessende Grundfläche mit um 1,50 m abgesenktem Forum zwei Großkreise überspannen, die Meridian und Himmelsäquator darstellen. Per Peilmarkierungen können hier die Äquinoktien und die Solstitien beobachtet, die Präzession der Erdachse abgelesen, Mondwenden verfolgt und erlebt werden, wie sich die Erde in Ost und West, Nord- und Südhalbkugel teilt. Somit dient die Anlage am Tage auch der Bestimmung des Sonnenkalenders, um auf diese Weise nachzuvollziehen, wie ein prähistorischer Kalender prinzipiell funktioniert. Doch kurz nach der Einweihung zeigten sich Anfang Januar 2009 erhebliche Baumängel: Risse an Schweißnähten und in dieser Form nicht erwartete Schwingungen der Bögen bei Sturmlagen führten schließlich zur vorübergehenden Schließung der Anlage. Sind diese Mängel jedoch behoben, soll das Horizontalobservatorium, je nach Finanzlage, in den Jahren 2012 bis 2013 erheblich erweitert werden. Zwar gibt es umfangreiche Pläne, deren Realisierung aber davon abhängig ist, ob und in welcher Höhe ausreichende Mittel bereitgestellt oder eingeworben werden können.

Dr. Wolfgang Strickling berichtete danach, was passiert, „Wenn der Drache die Sonne verschlingt - Die Sonnenfinsternis 2009 in China“. Im zweiten Sofivortrag des Tages wurden die Zuhörerinnen und Zuhörer über die Reise des Referenten nach Wuhan und weitere Reiseimpresionen aus China und insbesondere dem smogverseuchten Shanghai unterrichtet. Auch hier musste mit dem Wetter gekämpft werden und nachdem es erst gar nicht so gut aussah, ging doch zumindest die Totalität nicht verloren und es konnten etliche (auch nachbearbeitete und gestackte) Bilder vorgeführt werden.

Rainer Kresken, Starkenburg-Sternwarte, und beschäftigt beim European Space Operation Center (ESOC) in Darmstadt, berichtete danach von ganz besonderen Aktivitäten, der „Kleinplanetenjagd auf Teneriffa“. Eine Woche Urlaub auf der Sternwarte, der für rund 700 EUR zu haben ist (wozu man allerdings auch die entsprechenden Kontakte benötigt), die Nutzung eines 1m-Teleskops der ESA und vier klare Nächte führten zu der Entdeckung von 140 (!!!) neuen Kleinplaneten. Diese Form der Astronomiejagd ist aber wohl nur noch für kurze Zeit möglich, denn es gibt Konkurrenz durch einen neuen Typus von digitaler All-Sky-Kamera, die schon bald, zunächst in den USA, zum Einsatz kommen wird. Eigentlich für die Suche nach NEOs entwickelt (NEO = Near Earth Object), wird sie auch jede Menge bislang noch unentdeckter Kleinplaneten auffinden und damit den fleißig suchenden Sternfreunden im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abgraben.

Der eigentliche Höhepunkt der diesjährigen BoHeTa war die „Verleihung des Reiff-Preises für Amateur-/Schularbeit 2009“. Dr. Jakob Staude, MPI für Astronomie in Heidelberg, langjähriger Chefredakteur und jetziger Herausgeber der Zeitschrift „Sterne und Weltraum“ erläuterte zunächst die Hintergründe zur Entstehung des Preises, der jährlich auf der Bochumer Herbsttagung von der Reiff-Stiftung für Amateurastronomie vergeben wird. Die Stiftung wurde im Jahr 2009 aus dem Nachlass des Sternfreundes und Architekten Ernst Reiff (1932 - 2007) gegründet, dessen kurze Biografie von Dr. Staude, einem der insgesamt drei Kuratoren der Stiftung, vorgestellt wurde. Verbunden mit der Preisverleihung ist auch ein jährlicher Vortrag eines Fachastronomen, der die Zusammenarbeit zwischen Amateuren und Profis würdigen soll. Nach der Verleihung des ersten Preises an die Arbeitsgruppe Astronomie von Norbert Stahr am Gymnasium Antonianum in Vechta, die vom Preisgeld in Höhe von 3.000 EUR einen Spektrographen und eine Vitrine zur Ausstellung der bisherigen Ergebnisse der Beobachtergruppe anschaffen will, ging es in die wohlverdiente Kaffeepause.

Spannend und amüsant zugleich ging es anschließend weiter mit dem Reiff-Fachvortrag von Prof. Dr. Hanns Ruder (Universität Tübingen) über „Amateure und Profis – Spaß an gemeinsamen Projekten“. Er zeigte zunächst die Arbeitsfelder auf, in denen auch heute noch sinnvolle Arbeit von Amateuren geleistet werden kann (Sonne, Sonnenfinsternisse, Veränderliche, Sternbedeckungen, Meteore, Kleinplaneten), führte ein beeindruckendes Video von Meteoriteneinschlägen auf dem Mond vor (das auch ein den Blickwinkel durchkreuzendes Flugzeug zeigte) und berichtete über eine Meteoritensuche im Sudan (vgl. sky and telescope August 2009, S. 22 ff.) sowie die eigene Verfolgung des Impaktes auf dem Jupiter vom 19.07.2009. Darüber hinaus stellte er ein Projekt vor, wonach etwa das 60cm-Teleskop des Observatoire de Haute Provence für wissenschaftliche Amateurvorhaben ambitionierten Sternfreunden bereit gestellt werden soll. Mit einem anderen gleichgroßen Instrument wurde schon auf Kreta mit Hilfe der Speckle-Interferometrie erfolgreich der Mond en detail beobachtet.

Hans-Günter Diederich stellte unter dem Titel „Binäre Sterncluster in Milchstraße und Großer Magellanscher Wolke“, das aber inhaltlich ein wenig abgewandelt war, zusammengehörende Paare von Sternhaufen in der Milchstraße (h + chi) oder NGC 1850 und NGC 1850a, NGC 2006 und SL 538, NGC 2136 und NGC 2137, NGC 1926 und NGC 1928 sowie SL 385 und SL 387 in der GMW vor.

Bernd Koch sprach anschließend von der „Realisierung eines fotografischen Messierprojekts 2007 - 2009“ und zeigte, mit welchen Mittel man ein derartiges Vorhaben in die Praxis umsetzen kann. Er nutzte hierfür verschiedene Standorte (die heimische Sternwarte in Westerwald und Instrumente der Farm Tivoli in Namibia) und belichtete sowohl mit DSLRs als auch mit rauscharmen CCD-Kameras. Allerdings diente das Projekt nicht allein dem Selbstzweck, sondern mündet in einem Buch, das im kommenden Frühjahr im Kosmos-Verlag erscheinen wird. Dazu offenbarte er auch die technische Raffinesse, die nötig war, um zu den erzielten Bildergebnissen zu kommen.

Der letzte Vortrag war der „Astrofotografie in der Eifel“ gewidmet und wurde von Mark Hellweg aus Roetgen gehalten. Er zeigte Aufnahmen der Hα-Sonne, vom Venusdurchgang am 8.6.2004, von Mond, Saturn und Jupiter sowie diversen Deep-Sky-Objekten, die er mit Webcam und DSLR von seiner Privatsternwarte aus in den vergangenen Jahren aufgenommen hat.

Die Abschlussreden konnten wir allerdings nicht mehr miterleben, da wir alsbald in Richtung der Pizzeria „Chianti“ im Uni-Center aufbrechen mussten, damit wir rechtzeitig gegen 20:40 Uhr wieder an der U-Bahnstation waren, um nicht den Anschlusszug am Bochumer Hauptbahnhof (der wieder mal Verspätung hatte) zu verpassen. In halbwegs gemütlicher Runde stärkten wir uns für die Rückfahrt, die erst gegen 0:30 am Hamburger Hauptbahnhof endete.

Die diesjährige BoHeTa zeichnete sich einerseits durch weniger abgehobene und für den durchschnittlichen Amateur kaum nachzuvollziehende Themen auf dem Programm aus (ohne gleich inhaltlich zu verflachen), andererseits aber auch durch Vorträge, die zum Nachdenken über eigene Projekte und Vorhaben anregten. Die in den vergangenen Jahren zu beobachtende Einseitigkeit im Hinblick auf die Möglichkeiten begüterter Sternfreunde setzte sich glücklicherweise nicht fort und lässt für die Zukunft hoffen. Die Mischung der Themenbereiche stimmte und jeder konnte etwas für sich mitnehmen an Ideen und Überlegungen. Die nächste BoHeTa wird voraussichtlich am 23. Oktober 2010 stattfinden und vielleicht kommt dann ja auch ein größerer Kreis an GvA-Mitgliedern zusammen, der die Reise ins Ruhrgebiet mitmacht!

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