Die 26. Bochumer Herbsttagung am 17. November 2007

Es war kurz nach 4 Uhr am Morgen des 17. November 2007, als der Wecker auf den Nachttisch seine Tätigkeit aufnahm. Doch ich lag schon seit einer Stunde mehr oder weniger dösend da und wartete, dass es endlich losging. An Liegenbleiben war nicht zu denken, denn schon um 6 Uhr wollte ich mich mit Christian Harder in Sittensen treffen, um von dort aus zur BoHeTa 2007 weiterzufahren. 

Drei weitere GvA-Mitglieder (Hartwig Lüthen, Konstantin von Poschinger und André Wulff) machten sich an diesem Tag per Bahn auf ins Ruhrgebiet und hatten Glück, obwohl selbige noch bis 2 Uhr in der Früh bestreikt worden war. Wolfgang Lille und Hans-Ulrich Armbrust trafen wir in Bochum. Damit waren sieben GvA-Mitglieder zur BoHeTa angereist – vielleicht schon ein kleiner Rekord!

Eine Viertelstunde früher als geplant traf ich in Sittensen ein, als Christian um exakt 6 Uhr eintraf. Gemeinsam wurde der Kultbäcker aufgesucht und Backwaren und eine Tageszeitung eingekauft. Doch bevor wir losfuhren, nutzen wir die Gelegenheit, mit unseren Feldstechern (ich hatte einen alten 10x50-Qualle-Ackerpieker dabei) den Kometen 17P/Holmes vom Parkplatz aus zu beobachten. Er stand an diesem Tag dicht bei Mirfak (α Persei). Wir schätzten die Helligkeit auf etwa 3,2 mag. Der Komadurchmesser betrug sicher einen halben Grad, aber der „false nucleus“ war nicht mehr auszumachen, und insgesamt wirkte die Koma auch recht diffus. Nur der von der Sonne wegzeigende Schweifansatz war hier als Helligkeitsgradient sichtbar, allerdings deutlich unschärfer als noch zwei Wochen zuvor.

So gegen 6:15 Uhr mussten wir die Beobachtung abbrechen, einmal, weil der Komet bei fst. von ungefähr 5,5 mag ohnehin nur in einigen Wolkenlücken sichtbar war, und weil wir ja auch noch ein Reiseziel hatten. Mit Christians rotem Astromobil ging es über die Autobahnen in Richtung Ruhrgebiet. Der Verkehr war zu dieser Stunde noch sehr gering. Wir kamen gut durch, und um 9:20 Uhr bei der Ruhr-Universität an. Unsere Bahn fahrenden Kollegen waren nur 15 Minuten später da, hatten es also auch rechtzeitig geschafft.

Christian hatte den Kometen 17P/Holmes mehrmals gezeichnet und die Ergebnisse in Sternkartenausdrucke aus Guide übertragen, sodass man sowohl die Bahn, als auch die Entwicklung des Kometen genau verfolgen konnte. Leider war er damit fast der Einzige, der auf der Tagung überhaupt etwas zum Kometen präsentierte. Entsprechend umlagert waren seine Zeichnungen im Vorraum zum Auditorium.

Die 26. Bochumer Herbsttagung begann pünktlich um 10 Uhr mit kurzen Ansprachen des Veranstalters Peter Riepe, des Leiters des Astronomischen Instituts der Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. Ralf-Jürgen Dettmar und der Leiterin des Bochumer Planetariums, Susanne Hüttemeister, die die Gelegenheit nutzte, auf das Internationale Astronomsiche Jahr 2009 hinzuweisen. Und auch Prof. Dr. Wolfhard Schlosser, langjähriger Mit-Initiator der BoHeTa wurde begrüßt.

Danach begann der erste Vortragsblock. Dr. Eberhard Bredner (Ahlen-Dolberg) berichtete im Eröffnungsvortrag über „Schattenspiele – oder die Vielfalt von Bedeckungs-Beobachtungen“, worin er als Koordinator der IOTA/ES  einige Expeditionen zur Beobachtung von Sternbedeckungen durch Kleinplaneten vorstellte, und  beeindruckende Videos vorführen konnte. Sternbedeckungen sind ein Bereich, in dem man viel Technik einsetzen kann, um die genauen Zeitpunkte per Video und eingespieltem Zeitsignal fest zu halten. Aber es geht auch mit weniger, allerdings sind die Daten dann auch ungenauer.

Daniel Fischer, Königswinter, dozierte über „Die Jagd nach den perfekten Perlen – vom Genuss ringförmiger Sonnenfinsternisse“. Gemeint ist hier die Beobachtung des nur für kurze Momente bei dieser Finsternisform auftretenden Perlschnurphänomens, wenn Sonnenlicht durch Einschnitte und Täler am Mondrand hindurch scheint. Er zeigte faszinierende Bilder, die viele Details beinhalteten. Allerdings werden nur die wenigsten Sternfreunde auch wirklich in der Lage sein, jedem dieser Ereignisse hinterher zu reisen, denn, wie der Ausblick auf künftige ringförmige Sonnenfinsternisse vor Augen führte, sind hierfür oft ganze Weltreisen erforderlich.

Dr. Hartwig Lüthen, Hamburg, unternahm einen Streifzug durch die „Astrofotografie mit der DMK-Kamera und der Canon 350 D“. Er ging dabei kurz auf Instrumente und Technik ein und präsentierte die damit erzielten Ergebnisse, die verdeutlichten, was man sowohl mit teuren Kameras, als auch mit vielfach vorhandenen Webcams und DSLRs anfangen kann. Aus diesem Vortrag konnten auch weniger begüterte Sternfreunde einen Nutzen ziehen, denn es war zu diesem Zeitpunkt der Einzige, der auch dem Nicht-Wissenschaftler und -Weltreisenden Ratschläge für die praktische Astroarbeit vermittelte. Und Hartwig war dann neben Christian der Zweite (und bei den Vorträgen der Einzige), der an diesem Tage auch Aufnahmen vom Kometen 17P/Holmes an die Leinwand beamerte.

Vor der Mittagspause erläuterte Andreas Rörig aus Dornberg-Wilsenroth anhand von Formeln und Analysen von Datenpunkten „Die Kombination von Einzelaufnahmen zum Gesamtbild“. Hier wurde den Zuhörern sehr viel abverlangt: Mathematikstudium und Programmierkenntnisse wären zum Verständnis hilfreich gewesen. Der Vortrag hatte eher Workshopcharakter und war vielleicht für maximal 10 % der Anwesenden nachvollziehbar. Hunger, Durst und die Unbequemlichkeit der Klappsitze im Hörsaal machten sich zunehmend bemerkbar und die innere Unruhe stieg. Die vorgestellte Methode ist sicher eine gute Möglichkeit zur Verbesserung der eigenen Ergebnisse, nur werden nicht gerade viele Sternfreunde damit etwas anfangen können.

In der anschließenden Mittagspause suchten wir, André, Christian und ich im nahe gelegenen Uni-Center, dessen Architektur immer wieder abstoßend an Bausünden der 70er-Jahre erinnert, einen Schnellimbiss auf, sorgten dafür, dass 1,5 Hühner nicht umsonst gestorben waren, und beförderten deren Fleisch samt Pommes und Cola in unsere leeren Mägen. Zur gleichen Zeit war auch ein Besuch der Fakultät für Physik und Astronomie der Ruhr-Universität Bochum möglich, auf den wir jedoch verzichteten.

Um 14 Uhr ging es mit einem Vortrag von Bernd Gährken, Rheda-Wiedenbrück, weiter, der teilweise richtig sensationell war. Unter der Überschrift „Venus“ berichtete er über seine am 80cm-Refraktor der Volkssternwarte München im UV bei weniger als 400 nm und im IR bei mehr als 1000 nm gemachte Aufnahmen aus dem Jahr 2007. Darüber hinaus konnte er im September 2007 mit IR-Filtern den Infrarot-Glow auf der Nachtseite der Venus eindeutig nachweisen, da dieser Spektralbereich bei 1010 nm noch gerade so eben mit der Watec-Kamera erreichbar ist. Ein für einen Amateur beeindruckendes Ergebnis, zumal er viele Strukturen anhand von Raumsonden-Bildern klar identifizieren konnte!

Dr. Thomas Evergsberg (Bonn) stellte danach „MESSY – Ein Spalt-Spektrograph maximaler Effizienz“ vor, ein Fachvortrag, auf den ich jedoch verzichtete. Er hatte seinen Vortrag mit dem von Hans-Günter Diederich getauscht, der dann im 3. Vortragsblock zu Wort kommen würde.

Bernd Brinkmann, Herne, berichtete vor der Nachmittagspause über die „Beobachtung des Aurigiden-Maximums in Kalifornien“, bei der während eines spitzen Maximums um die 30 Schnuppen mit einer Mintron-Kamera registriert wurden. Wohl dem, der sich eine solche Kurzreise leisten kann. Allerdings: Der auf den Kometen C/1911 N1 Kiess mit einer Umlaufzeit von 2500 Jahren zurückgehende Meteorstrom konnte zum Maximumszeitpunkt auch nur in den westlichen USA verfolgt werden. Wer erfolgreich Meteore beobachten will, braucht dazu aber nicht immer in ferne Länder zu reisen. Auch hierzulande lassen sich Sternschnuppen gut beobachten.

Kaffee, Tee und Kekse, die in der Pause gereicht wurden, waren zur Stärkung bitter nötig, denn auch der letzte Block hatte es wahrlich in sich.

Etwa um 16:30 Uhr begann der eigentliche Fachvortrag von Dr. Horst Fichtner von der Ruhr-Universität Bochum über „Weltraumwetter und Weltraumklima – der Einfluss des interstellaren Mediums“, worin er erst einmal die Grundlagen der solar-terrestrischen Beziehungen (Weltraumwetter) und die Physik des Kontaktes des interplanetaren mit dem interstellaren Raumes (Weltraumklima) aufzeigte. Dabei ging er auch auf die erst kürzlich durch Raumsonden nachgewiesenen Anomalien am Rande des bekannten Sonnensystems nahe der etwa 150 AE entfernten Heliopause ein. Möglicherweise gibt es aufgrund der Durchquerung von interstellarer Materie wie Gas- und Staubwolken, mehr oder weniger periodische Veränderungen, die letzten Endes auch das Klima auf der Erde zumindest zu einem geringen Teil beeinflussen könnten. Ein durchaus ernst zu nehmender Beitrag zur gegenwärtigen Klimadiskussion.

„Ram-Pressure Stripping“, so lautete das Thema von Hans-Günter Diederich aus Darmstadt im nächsten Vortrag. Was sich zunächst wie eine Arbeit aus dem Bereich der Programmierung anhörte, entpuppte sich schnell als ein astrophysikalisch faszinierendes und für Deep-Sky-Beobachter mit großen Teleskopöffnungen interessantes Arbeitsfeld. Hierbei geht es um die Beobachtung von interstellarer Materie, die durch bestimmte physikalische Vorgänge aus Galaxien hinausbefördert wird (offizielle Bezeichnung: Austreibung der Interstellaren Materie einer Galaxie durch den Staudruck des Haufenmediums). Anhand vieler Beispiele aus den NGC-, UGC- und PGC-Katalogen bewies er die Erreichbarkeit dieser Objekte in der Umgebung großer Galaxien. Ein Spezialthema für speziell ausgerüstete Hobby-Astronomen. Am Ende rief der Referent denn auch dazu auf, eigene Bildarchive zu durchforsten, um möglicherweise in Frage kommende Objekte dort aufzuspüren, zumal viele Bilder häufig in privaten Datenbanken entschwinden.

Im letzten Vortrag stellten Dr. Stefan Binnewies, Much, und Peter Riepe, Bochum, die „Astrofotografie – inspiriert durch Sidney van den Bergh“ vor. Dr. Binnewies übernahm dabei den Part, die Person van den Berghs und dessen Arbeiten etwa zu Nebeln in hohen galaktischen Breiten und den Zwerggalaxien des DDO-Kataloges näher vorzustellen, während Peter Riepe dessen Lieblingsobjekte anhand von CCD-Aufnahmen vorführte. Dieser als „Rausschmeißer“ bezeichnete Vortrag bewies zweierlei, einmal, dass man durch das Studium von Archiven interessante Einzelheiten über Astronomen und deren bevorzugte Beobachtungsobjekte zu Tage fördern kann, und dass man bei Spezialthemen allerdings dann schon wieder eine semiprofessionelle Ausrüstung benötigt, um die dort vorkommenden Objekte aufnehmen zu können. Dafür stand den Referenten eine kleine Sternwarte nahe Heraklion auf Kreta zur Verfügung, die via Internet auch von Bochum aus gesteuert werden kann.

In seinem Schlussplädoyer wies Peter Riepe auf die bedauernswerte Situation hin, dass sich dieses Mal nur wenige Sternfreunde bereit erklärt hatten, einen Vortrag auf der BoHeTa zu halten. Bis zwei Wochen vor dem Termin standen gerade mal fünf Vorträge auf der Liste.

Ein Grund ist sicher, dass viele Informationen schon über das Internet ausgetauscht werden. Ein anderer könnte ein schon seit längerem in der Szene zu beobachtender Trend sein, der den Eindruck vermittelt, Astronomie sei nur mit großen Optiken, viel Geld für Weltreisen und nur mit Doktortitel möglich. Zudem ist es nicht jedem Vortragenden gegeben, eine wohlfeile wissenschaftliche Auswertung hinzubekommen, sowohl sprachlich wie intellektuell. „Pretty Pictures“, einfach nur schöne Aufnahmen von mehr oder weniger bekannten Objekten sind verpönt oder nur dann gern gesehen, wenn sie mit einem wissenschaftlichen Anspruch dargeboten werden. Und wer möchte sich mit seinen vielleicht einfachen, aber dennoch sehenswerten Bildern schon vor geballter Astroprominenz blamieren, weil man nur einen kleinen Refraktor hat und nicht jeder Finsternis hinterher jagen kann. Wie man besonders an dieser BoHeTa gesehen hat, gab es jede Menge hochklassiger und niveauvoller Beiträge, aber der Unterbau, also die Arbeiten, die Sternfreunde mit kleinen Instrumenten und schmalem Geldbeutel ausführen können, fehlte völlig. Keine Bilder von der Mondfinsternis im Frühjahr und bis auf eine Ausnahme keine vom gerade gut sichtbaren Kometen 17P/Holmes, keine Ergebnisse mit typischen Amateurteleskopen. Zwar handelt es sich hier um eine Tagung von Amateur-Astronomen (und nicht von Sternfreunden), die an einer Universität stattfindet und von daher für sich in Anspruch nimmt, ein entsprechend hochklassiges Bild der Astroszene wiedergeben zu wollen, doch genau das schafft sie derzeit nicht. Ein tatsächliches Abbild dessen, woraus die Astroszene in Deutschland wirklich besteht, kann man durch die BoHeTa im Augenblick nicht gewinnen. Möglicherweise ist dies aber auch nicht gewollt.

Für meine eigenen Arbeiten und Interessen konnte ich dieses Mal keinen Gewinn aus der BoHeTa ziehen. Dennoch war sie ein Ereignis, das ich nicht missen möchte. Auf jeden Fall dürften die Themen, auch wenn sie für die Mehrheit der Besucherinnen und Besucher nicht immer nachvollziehbar und schwer verdaulich waren, für viel Diskussionsstoff sorgen. Auch die persönlichen Kontakte in den Pausen waren wichtig, rechtfertigen m. E. allein aber nicht die Anreisezeiten und -kosten. Nur der Mix aus beidem ist es, was die BoHeTa trotz aller Kritik ausmacht: Treffen mit Leuten und Vorträge zu Themen, die man sonst kaum geboten bekommt, selbst wenn man sie am Ende dann mangels Vorbildung doch nicht versteht. Wer wollte, konnte hinterher noch mit durch Bochumer Kneipen ziehen und Kontakte pflegen. Nach mittlerweile 16 Stunden im Wachzustand machten sich doch diverse Ermüdungserscheinungen bemerkbar und so fuhren Christian und ich alsbald wieder Richtung Hamburg zurück. Direkt an der Uni war der Himmel zum Teil etwas durchlässig geworden, und auf einem Parkplatz an der A 43 bei Nottuln gaben wir uns noch einmal einem kurzen Blick auf 17P/Holmes hin. Die Sicht war hier aber deutlich schlechter als am Morgen. Dann ging es endgültig zurück ins diesige und ab Sittensen dann auch regnerische Norddeutschland. Reichlich übermüdet kam ich gegen 23:45 Uhr in meiner Wohnung an und fiel dann auch sogleich nach nunmehr fast 21 schlaflosen Stunden ohnmachtähnlich ins Bett, denn schon um 7 Uhr sollte der Wecker wieder klingeln …


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