Die 23. Bochumer Herbsttagung am 20. November 2004

20. September 2004: Eigentlich sollte mein Wecker mich um 3:50 Uhr aus der Tiefschlafphase reißen, damit ich rechtzeitig zur Abfahrt nach Bochum, zur diesjährigen Herbsttagung fertig war. Eigentlich. Denn erst um 4:51 Uhr wurde ich wach.

Schreck, Panik und aus dem Bett springen waren eins. Mist verdammter. André Wulff wollte mich um 5 Uhr abholen, blieben also noch ganze fünf Minuten. Schnell zum Handy gegriffen und angerufen. WAS, er stand schon mit seinem Wagen vor der Tür. Ich stammelte irgendwas wie: „In zwei Minuten bin ich da“ ins Telefon und nun musste alles im Ultraschnellgang gehen. Wasser ins Gesicht, die Zahnbürste schroff über die Beißerchen gezogen, rein in die Klamotten, Laptop, Video- und Digitalkamera von den Akkus befreit, alles in Rucksack und Tasche geworfen, Stiefel an und Tür abschließen. Draußen bemerkte ich, dass es in der Nacht geschneit hatte, der Boden war rutschig. Das konnte heiter werden. Ich warf meine Sachen irgendwie ins Andrés BMW und die Fahrt konnte beginnen. Erst einmal fuhren wir nach Altona, wo wir Hartwig Lüthen und Laila Forst abholen wollten. Der Osten Hamburgs war leicht verschneit, im Westen lag dagegen kaum etwas von dem gefrorenen Wasser. Dafür hieß es im Verkehrsfunk, dass die A 1 bei Stapelfeld von einer Schneedecke überzogen sein würde.

In Altona angekommen, mussten wir noch etwas auf Laila warten, bei den Bedingungen außerhalb der Stadt auch verständlich. Schließlich ging es von diesem Etappenziel aus weiter zur A 7 und der A 1 in Richtung Bremen. In Sittensen wollten wir Christan Harder abholen. Die Fahrt dorthin wurde jedoch schon mal zu einem kleinen Abenteurer, denn zwischen den Reifen und dem Straßenbelag befand sich eine Mischung aus frisch gefallenem und verharschtem Schnee und Eis. Dank André umsichtiger Fahrweise kamen wir erst einmal sicher in Sittensen an. Der Bäcker schräg gegenüber von unserem Parkplatz wurde aufgesucht (endlich Frühstück!), Hörnchen, Croissants und mehr gingen über die Ladentheke. Gegen 6:30 Uhr brachen wir denn endgültig ins ferne Rheinland auf. Unterwegs setzte Schneefall ein, wobei wir stets „dem Radianten“ entgegenfuhren. Höhere Geschwindigkeiten waren nicht drin und so kamen wir etwa um 9:40 Uhr im Ruhrpott an, eine gute Dreiviertelstunde später, als es sonst der Fall war. Hatten wir befürchtet, dass wir keine Plätze mehr bekommen würden, so stellte sich das als völlig unbegründet heraus. Weitaus weniger Sternfreunde als im letzten Jahr waren erschienen, hauptsächlich wohl auch wegen des Wetters.

Fast pünktlich eröffnete Peter Riepe (VdS) die diesjährige Bochumer Herbsttagung und gab einige Regularien bekannt, bevor Wolfgang Steinicke sich als „ranghöchstes VdS-Vorstandsmitglied“ an das Plenum richtete (und Otto Guthier, der später die VdS-Medaille überreichen sollte, entschuldigte, der mit einem Motorschaden in Heppenheim festsaß). Prof. Wolfhard Schlosser als „Hausherr“ der Ruhr-Universität Bochum und Susanne Hüttemeister, seit wenigen Wochen Leiterin des Bochumer Planetariums, sprachen ebenfalls einige Grußworte, bevor Jens Bohle mit „Die großen PN - Resümme eines Fachgruppenprojektes“ die Reihe der Vorträge eröffnete, worin er bisherige Ergebnisse und künftige Ziele vorstellte. Hans-Günter Diederich sprach über „Helligkeitsänderungen in Deep-Sky-Objekten am Beispiel von M 3 und KH 15D“ . Auf der altmodischen Suche (ohne Internet und andere Quellen) nach Veränderlichen hatte er beim Objekt KH 15D eine Helligkeitsveränderung festgestellt, die ihre Ursache in der komplizierten Natur des Objektes (Doppelstern mit prezedierender protoplanetarer Scheibe) hat.. Ernst Pollmann stellte anschließend „Beliebte Spektrographen in der Amateur-Astrospektroskopie“ vor und Thomas Payer referierte über „Beobachtung von Sternbedeckungen mit Hilfe modifizierter Webcams“ und wie man mit CCD-Chips aus der Bastelkiste die Leistungsfähigkeit dieses Kameratyps um 1,5 Größenklassen erhöhen kann, um solche Ereignisse festzuhalten. Danach kam bereits der Höhepunkt des Tages. Die Verleihung der VdS-Medaille 2004. Wolfgang Steinicke machte es spannend, indem er über die bekannten Statuten sprach, schließlich ein „bestimmtes Programm“ erwähnte, „das immer beliebter werde“. Und dann ließ er die Katze aus dem Sack: Preisträger des Jahres 2004 ist Georg Dittié, der mit seinem Programm Giotto vielen Sternfreundinnen und Sternfreunden eine Hilfe zur Bearbeitung von Mond- und Planetenvideos in die Hand gegeben hat. Die Laudatio sprach Daniel Fischer in seiner bekannt humorvollen Art. Auch im Namen der Sternkieker-Redaktion sei Georg, der eine Zeit lang in Ahrensburg gewohnt und seinerzeit auch öfter GvA-Veranstaltungen im Planetarium besucht sowie den GvA-CCD-Workshop geleitet hatte, herzlichst zu dieser schönen Anerkennung gratuliert.

Nach diesem Festakt ließ sich der Hunger nicht länger unterdrücken und wir waren auch froh, eine kleine Pause einlegen zu können, denn das diesjährige Programm war doch sehr anspruchsvoll. André, Christian und ich gingen allerdings nicht in die Pizzeria Mediterranae, sondern „überfielen“ den Burger King. Nach einer als groß bezeichneten, in Wirklichkeit aber doch eher kleinen Portion Pommes und einer mittelschweren Cola sowie einer längeren Klönrunde kamen wir zum zweiten Teil der Vorträge. Zuvor probierten André und ich ein Video am Institutsrechner und meinem Laptop aus, das später gezeigt werden sollte. So kamen wir dann etwas leicht verspätet zu Wolfgang Steinickes Vortrag über „Die Entdeckung des Coma-Berenices-Haufens“ , den ich schon von der Tagung der VdS-Fachgruppe in Göttingen her kannte. Rainer Kreskens Thema lautete: „Amateurastronomen beobachten Sternparallaxen (Ross 248)“ , bevor Gido Weselowski über „Fotografische Sichtung der Herschel-Nebel“ referierte. Danach war ich mit einem Kurzbericht über „Mond- und Planetenaufnahmen mit einem 9cm-Refraktor“ dran und André zeigte ein viel beachtetes „Video vom Polarlicht Ende Oktober 2003 mit selbst komponierter Musik“ .

Nach der anschließenden Kaffeepause gab es den traditionellen Fachvortrag. Dieses Mal von Dr. Dominik Bomans vom Astronomischen Institut der Ruhr-Universität Bochum über „Geistergalaxien - ein neuer Arm des Hubble-Klassifikationsschemas“ . Diesen Vortrag besuchten wir jedoch nicht, statt dessen nutzten wir die Gelegenheit zu einer längeren Pause und zum Klönen mit anderen Sternfreunden. Joachim Biefang berichtete danach über eine Reise zur „Großsternwarte der ESO in Chile“ und Dr. Axel Mellinger über „Pixel-Puzzle: CCD-Mosaikaufnahmen von großflächigen Emissionsnebeln“. Nach sehr viel Theorie begeisterte Rainer Sparenberg danach mit seiner „Himmelsfotografie mit einfachen Hilfsmitteln“ . Den letzten Vortrag hielt dann Prof. Dr. Johannes Ohlert über „Klaus und TrES-1 im Transit“ - das Zusammenspiel zwischen einer Hochdruckwetterlage in Deutschland und der Beobachtung des Vorübergangs eines Exoplaneten vor seiner Sonne. Mit dem Trans-Atlantic Exoplanet Survey (TrES) wurde ein Jupiter ähnlicher Gasriese mit nur 10 cm Öffnung in nur 500 Lichtjahren Entfernung in der Leier entdeckt (Umlaufperiode 3,03 Tage). Zwei dieser Transite konnten mittlerweile auch mit dem 1m-Spiegel in Trebur beobachtet werden.

Damit war der Reigen der Vorträge beendet. Peter Riepe sprach ein Schlusswort, dankte allen Referenten und Besuchern und wünschte Ihnen eine gute Heimfahrt, die wir auch sogleich antraten.

War die Hinfahrt weitgehend von Schnee und Eis geprägt, so hatten wir, André, Christian und ich (Laila und Hartwig fuhren später mit dem Zug zurück) nun „nur“ noch mit Schneeregen und Regen zu kämpfen. Je weiter wir nach Norden kamen, desto mehr riss der Himmel auf. Wir sahen Mond und hellere Sterne und später den Saturn aufgehen. Christian hatte außerdem einen hellen Boliden gesehen. Manch gutes Fotomotiv (schneebedeckte Landschaften und darüber ein fast sternklarer Himmel mit einigen vom Mond beschienenen Wolkenbergen) flog an uns vorbei.

Als wir gegen 23 Uhr in Hamburg ankamen, waren wir relativ erschöpft, aber auch zufrieden. Die 23. BoHeTa hat wieder einmal ein breites Spektrum an Themen gezeigt, mit denen sich Sternfreunde heutzutage befassen. Dabei wechselten hochwissenschaftliche Referate und Ergebnisse mit einfachen Berichten ab. Mehr als letztes Jahr wurde deutlich, dass es eben nicht nur eine Gigantomanie hin zu immer größeren Teleskopöffnungen in der Amateurszene gibt, sondern auch Sternfreunde, die nur aus Spaß an der Freud Aufnahmen und Beobachtungen von Himmelsobjekten mit kleinen und mittleren Öffnungen machen.

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