Die 22. Bochumer Herbsttagung am 15. November 2003

Höhepunkt und künftig wohl auch gleichzeitig Abschluss des astronomischen Jahres war auch 2003 wieder die BoHeTa, die Bochumer Herbsttagung, zu der wir, Christian Harder, Hartwig Lüthen, André Wulff und ich am frühen Morgen des 15. November von Hamburg aus aufbrachen.

Aufstehen um 4:30 Uhr an einem Samstag Morgen: Das gibt es nur selten im Jahr, entweder zur ATT oder zur BoHeTa. André holte mich um 5:30 Uhr ab und wir fuhren zunächst in Richtung Altona, wo wir Hartwig abholten, der dabei war, vor seinem Wohnhaus mit einer Russentonne mit 100mm &O;ffnung und 1000 mm Brennweite die Bedeckung des Sterns TYC 1343-01615-1 durch das Ringsystem des Planeten Saturn zu beobachten. Er meinte allerdings: „Saturn war in der Russentonne eindrucksvoll, doch für den Stern im Ring hätte man mehr Vergrößerung und größere Öffnung gebraucht.“ So sahen wir, die wir ebenfalls einen kurzen Blick auf den schönsten Planeten des Sonnensystems warfen, zwar den hellen Saturn und gaaaaaaaaaanz knapp die Cassini-Teilung im Ring, aber das war denn auch schon alles. Viel Zeit blieb nicht, denn wir wollten um 6:30 Uhr Christian Harder abholen. Die Fahrt durch den Elbtunnel verlief reibungslos und über die Autobahn waren wir dann auch relativ pünktlich in Sittensen, wo Christian bereits auf uns wartete. Natürlich wurde erst mal der nächstgelegene Bäcker aufgesucht, Hörnchen, Croissants und mehr eingekauft, um so gut gerüstet für den weiteren Vormittag gewappnet zu sein. Es ging dann auch sogleich auf die Autobahn und um kurz nach 9 Uhr kamen wir an der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität in Bochum an. Ich selbst habe zwar noch nicht viele Unis gesehen, aber von denen, die ich kenne, ist diese mit Abstand, die hässlichste Uni. Hervorstechende architektonische Fehlplanungen im Stile der 70er Jahre, gepaart mit freiliegenden Kabelschächten im Innern des Hauses weckten sogleich einen Fluchtimpuls.

Wir waren fast die ersten und konnten es nun ruhiger angehen lassen. Wir lösten den Eintritt von schlappen 2,50 EUR, bekamen das aktuelle Vortragsprogramm und verbrachten die Zeit bis zum Beginn um 10 Uhr mit Klönen, Mampfen und der Besichtigung einiger schon aufgebauter Stände. Die VdS-Fachgruppe Spektroskopie präsentierte sich dabei ebenso wie einige regionale Vereine.

Um kurz nach 10 Uhr wurde die 22. Bochumer Herbsttagung durch ein Grußwort von Peter Riepe eröffnet. Im ersten Vortrag von Jens Bohle, Hiddenhausen, wurden vorgeführt, wie man mit 40 und 50 cm Teleskopöffnung „In extragalaktische Regionen“ vordringen und dabei kleine und kleinste Galaxien aufspüren kann. Dabei kam bei mir das Gefühl auf, als Besitzer eines Teleskops mit 9 cm Öffnung und 1000 mm Brennweite nur noch ein kleines „Handgerät“ zu haben, weil die Gigantomanie in Sachen Öffnung so schnell voranscheitet, dass man entweder, um mitzuhalten, sich finanziell völlig verausgaben oder am Ende auf der Strecke bleiben muss, wenn man eben kein 20“ Gerät hat. Allerdings: Wer so ein Riesenteleskop besitzt, der konnte sehr viel Gewinn aus diesem Vortrag ziehen und viele Anregungen für eigene Beobachtungen mitnehmen.

Daniel Fischer, Königswinter, berichtete dann anschließend sehr zügig über „Die Kometen NEAT und LINEAR - was kommt da auf uns zu?“ Beide Kometen könnten im Mai 2004 sehr hell werden, ausreichende Höhen über dem Horizont werden aber erst von Beobachtungsorten auf Teneriffa, in Namibia oder Australien erreicht. In Deutschland werden beide Kometen bestenfalls am Horizont entlang kratzen. Wer also kein Riesenteleskop kaufen und lieber für das gleiche Geld eine Weltreise unternehmen möchte (oder so reich ist, das er beides kann), sollte sich für eine Fernreise schon mal den Mai kommenden Jahres freihalten. Abschließend lud er zu einem Experiment ein: Ein weißes Blatt Papier, auf dem die Sonne mit der davor stehenden Venus als dunkler Punkt eingezeichnet war, wurde an einer Wand aufgehängt. In einiger Entfernung dazu musste man dann versuchen, den dunklen Punkt wahrzunehmen, was mir ohne Probleme gelang: Es war wie bei der Beobachtung der Sonne mit bloßem Auge und Filter!

Das letzte Polarlicht wurde dann von Friedhelm Dorst aus Witten gewürdigt. Er hatte es in der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober beobachtet und mit einem Camcorder aufgenommen. Doch statt ein „Kurzes Video von den Polarlichtern Ende Oktober“ zu zeigen, präsentierte er Einzelaufnahmen daraus, die jedoch sehr verrauscht waren, manchmal kaum etwas zeigten und eines deutlich werden ließen: Ein Camcorder ist für die Aufzeichnung von Polarlichtern derzeit noch völlig ungeeignet.

Bernd Koch aus Sörth referierte zum Thema „Ein Gartenhaus wird Sternwarte“ und erläuterte, wie man sich mit relativ leicht zugänglichem Material eine kleine, in Holzbauweise ein kleines Observatorium im Garten bauen kann.

Kurz vor der Mittagspause führte dann Peter Bresseler, Deutsch Evern, vor, die man effektiv „Fotografie von HII-Regionen und Emissionsnebeln mit kurzen Brennweiten“ betreiben kann. Dabei ging er allerdings mehr auf das eingesetzte Equipment als auf die damit erzielten Ergebnisse ein, die sich dann aber doch sehen lassen konnten. Nun hielten wir es aber nicht mehr lange auf den Sitzen aus und wir beeilten uns, ins nahe Uni-Center zu kommen, wo wir in einer urigen Kneipe landeten und uns mit Wiener Schnitzel, Pommes und Cola die Bäuche vorschlugen. Eine gelungene Mahlzeit, auch wenn der Kneipier nicht so ganz wusste, wie viel Geld er uns nun abknöpfen sollte.

Nach der Mittagspause setzte Dr. Werner E. Celnik aus Rheinberg das Programm mit seinem Beitrag über: „3 Grosse, 4 Kleine und 4 Tonnen auf 3000 m - Zwerggalaxien-Jagd im Hochgebirge“ fort. Der Bericht über einen Astrourlaub der besonderen Art in der öden Sierra Nevada war ein Genuss für Auge und Ohr. Aber auch hier kam angesichts der mitgeführten Rieseninstrumente bei mir eine Art Minderwertigkeitsgefühl auf. Es wurde eine High-End-Ausrüstung eingesetzt, die man sich als normaler Sternfreund weder finanziell leisten noch richtig ausnutzen kann. Doch die Ergebnisse waren teilweise einfach umwerfend und beeindruckend, manchmal aber auch sehr schwer zu interpretieren, denn die im Rahmen des Zwerggalaxienprojektes der VdS-Fachgruppen Astrofotografie und Deep Sky aufgenommenen Objekte mit Flächenhelligkeiten jenseits der 20 mag hoben sich oft kaum vom Hintergrund des Filmkorns ab. Dennoch: Auch dieser Vortrag bot für Besitzer von „Lichteimern“ wieder jede Menge Anregungen!

Im anschließenden Referat berichtete Achim Mester aus Köln über die „Entwicklung eines Spektralapparates zur Beobachtung und Analyse von Sternspektren“ gefolgt von Jörg Zborowska, Kerpen, über die „Astrofotografie mit der MegaTek“, einer speziellen Kamera, von der nur 20 Stück gebaut wurden und die, immerhin 11 kg schwer, am okularseitigen Ende des Teleskops schon gewaltige Probleme aufwerfen kann, es sei denn, es wir eine stationäre Sternwarte mit Säule verwendet. Die mit der MegaTek entstandenen Aufnahmen waren einfach nur begeisternd und zeigten das Potenzial, das in dieser Kamera steckt.

Da die Zeit schon weit fortgeschritten war, wurde die anschließende Kaffeepause verkürzt. Danach sprach im Fachvortrag Dr. Susanne Hüttemeister vom Astronomischen Institut der Ruhr-Universität Bochum über „Zwerggalaxien als Bausteine von Strukturen im Universum“ gleich mehr als eine halbe Stunde länger als vorgesehen.

Wolfgang Steinicke und Peter Riepe sprachen kurz über den AstronomieTag 2004, der, im Gegensatz zur Abstimmung im Plenum, am 18. September ("Lange Nacht der Sterne") stattfinden wird, bevor Ralph Brinks aus Hagen und Thomas Pfleger aus Hennef „Die neu gegründete VdS-Fachgruppe Computer-Astronomie“ vorstellten.

Dr. Georg Dittié aus Bonn stellte anschließend „Die Canon 10D im Astro-Einsatz auf der Emberger Alm“ vor und begeisterte die Zuschauer mit exzellenten Aufnahmen, bevor Uwe Reimann aus Leonberg den Film „Leonidenbeobachtung 2002 - Mit der Mintron in Südfrankreich“ vorstellte und bewies, dass dieser Kameratyp sehr gut geeignet ist, um damit Sternschnuppen zu detektieren.

Danach, es war mittlerweile fast 19:30 Uhr, verabschiedete Peter Riepe die noch verbliebenen Zuschauer, wusste von einem neuen Besucherrekord mit gut 250 Teilnehmern zu berichten und kündigte an, dass die 23. Bochumer Herbsttagung in etwa im gleichen Zeitraum Mitte/Ende November stattfinden wird.

Schließlich machten wir uns wieder auf den Heimweg, wo wir dann gegen 23 Uhr ankamen. Unterwegs sahen wir dann zwischen Oldenburg und Bremen durch die Autoscheiben einen teilweise aufgeklarten Himmel, der uns einen Teil des Winterhimmels und den Planeten Saturn erkennen ließen. Je näher wir Hamburg kamen, desto dichter wurde die nebelartige Bewölkung. In der Stadt war dann der Himmel völlig zu, wofür man nach diesem ereignisreichen Tag dann auch nicht wirklich böse war.

Die 22. BoHeTa war wieder eine gelungene Veranstaltung, die Vorträge boten einen guten Querschnitt durch die Astroszene, doch war es schon merkwürdig, dass z. B. keine Marsbilder gezeigt und weder auf den Merkurdurchgang, noch auf die Sonnenfinsternis vom 31. Mai eingegangen wurde. Aber das ist angesichts des sehr guten Astrowetters und der vielen Ereignisse in diesem Jahr auch irgendwie verständlich.

Aufgefallen ist uns allerdings neben der bereits erwähnten Gigantomanie hin zu immer größerer Öffnung auch, das ganz offensichtlich ein Trend besteht, weltweit hinter jedem astronomischen Ereignis hinterher zu jagen, seien es Finsternisse oder helle Kometen, ganz gleich, was es kostet, oder wohin die Reise geht. Angesichts der allgemein schlechten Wirtschaftslage schon sehr erstaunlich!

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