Arthur von Auwers (1838-1915)

Die politische und wirtschaftliche Situation in Europa in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts war äußerst zwiespältig und geprägt von der zunehmenden Industrialisierung einiger weniger Staaten wie England, Deutschland oder Frankreich einerseits und nationalistischen und revolutionistischen Bestrebungen und Strömungen andererseits. In Spanien tobte ein blutiger Bürgerkrieg, in Frankreich wirkte die Juli-Revolution von 1830 nach (und führte in letzter Konsequenz geradewegs zum Aufstand von 1848), und Deutschland war in viele kleine Einzelstaaten zersplittert, die lediglich im 1815 vom Wiener Kongreß begründeten Deutschen Bund teilweise zusammengeschlossen waren.

Arthur Auwers wurde am 12. September 1838 in Göttingen geboren, besuchte das Gymnasium in Schulpforta und kehrte dann in seine Heimatstadt zurück, um in den Jahren 1857-1859 an der dortigen Universität Astronomie zu studieren. Wenig später zog es ihn ins ferne Königsberg, wo er auf der 1812 von Friedrich Wilhelm Bessel (1784-1846) gegründeten Sternwarte eine Assistentenstelle annahm und 1862 mit einer Arbeit über die Eigenbewegung des Doppelsterns alpha Canis Minoris (Procyon; hier wird, wie wir heute wissen, ein F5-Hauptreihenstern von einem Weißen Zwerg in geringem Abstand umlaufen) promovierte.

Die Sternwarte zu Gotha lernte den jungen Auwers als Observator kennen, ab 1866 war er Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und konnte dank des fortschrittlichen Geistes dieser Institution überwiegend an eigenen Forschungsaufgaben arbeiten.

Arthur Auwers interessierte sich schon relativ früh für das Gebiet der Positionsastronomie (sein Aufenthalt in Königsberg wird ihn darin noch bestärkt haben) und sah, ähnlich wie F. W. Argelander (1799-1875) und F. W. Bessel die Hauptaufgabe für den beobachtenden Astronomen darin, genaue Positionen von Fixsternörtern zu bestimmen, die Eigenbewegung von Sternen zu bestimmen und die Grundlagen für die Zusammenstellung von Sternkatalogen zu erarbeiten.

Der zunehmende Handel in allen Teilen der Welt, Seefahrten in noch unerforschte Regionen und eine ganze Reihe astronomischer Probleme machten die Schaffung immer genauerer Sternkataloge für die Navigation auf der Erde und einer präzisen Ortsbestimmung am Himmel unumgänglich. John Flamsteed (1646-1719) und insbesondere James Bradley (1692-1762) waren die ersten, die sich dieser überaus schwierigen Aufgabe stellten.

Wollte der Astronom des 19. Jahrhunderts die exakte Position eines Fixsterns herausbekommen, so standen ihm eine Vielzahl von Verzeichnissen zur Verfügung. Bei allen jedoch bestand das große Problem, daß sie zwar viele Sterne enthielten, deren Örter allerdings oft zu ungenau berechnet waren, da ihnen die entsprechenden Grundlagen fehlten.

An Arthur Auwers lag es nun, diesem erheblichen Mangel abzuhelfen. Er verglich eigene Beobachtungen mit denen Bradleys, reduzierte die Daten und schuf damit den ersten Fundamentalkatalog der Astronomie, den FK ,,Auwers", der 1879 mit Unterstützung der erst 1868 gegründeten Astronomischen Gesellschaft herausgegeben wurde und nach ständigen Ergänzungen und Verbesserungen als FK4 noch heute im Gebrauch ist.

Seit 1821 war Bessel indes damit beschäftigt, die am Nordhimmel in verschiedenen Zonen zwischen +15° und -15° bzw. -15° und +54° Deklination (bei einer Breite von jeweils 2°12' pro Zone) liegenden Sterne zu katalogisieren. Sein Schüler Argelander setzte dieses Vorhaben im Rahmen der Bonner Durchmusterung fort. Diese Zusammenstellung enthielt die Angaben über Rektaszensionen und Deklinationen von insgesamt 324198 Sternen und wurde in fünf Bänden veröffentlicht. Eine nochmalige Steigerung der Positionsgenauigkeit wurde durch die sog. Zonenunternehmen der Astronomischen Gesellschaft erreicht, bei der 13 Sternwarten in der ganzen Welt die Örter von rd. 140000 Sternen (im wesentlichen basierend auf der südlichen Bonner Durchmusterung zwischen +80° und -23° Dekl.) berechneten. Als F. W. Argelander 1875 in Bonn verstarb, führte Auwers die Koordination dieser Arbeiten fort, die in der Veröffentlichung des ersten Sternkataloges der Astronomischen Gesellschaft (AGK 1) gipfelten.

Zu den weiteren Unternehmungen Arthur Auwers zählten die ständige Präzisierung der Fundamentalkataloge, sowie die Planung und Durchführung von Expeditionen anläßlich der Venusdurchgänge der Jahre 1874 und 1882, die ihn nach Luxor bzw. Punta Arenas führten. Seine Beobachtungen sollten der Verbesserung der Sonnenparallaxe dienen, sie wiesen am Ende aber so grobe Fehler auf, daß dieses Vorhaben letztlich als gescheitert angesehen werden muß.

Arthur Auwers wurde 1912 wegen seiner Verdienste um die Weiterentwicklung der Positionsastronomie und seines ausgeprägten Organisationstalents, das sehr zu einer Steigerung des Ansehens der Astronomie in Deutschland beigetragen hat, der vererbbare Adelstitel verliehen. Am 24. Januar 1915 starb der in jungen Jahren früh verwaiste und bei Fachkollegen als verschwiegen und schwierig geltende Astronom in Berlin, nur wenige Monate nach Ausbruch des 1. Weltkriegs.

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