APOLLO 8 - erster bemannter Flug zum Mond

Dezember 1968, ein wenig glanzvolles Jahr für die Vereinigten Staaten ging zu Ende: Die Ermordung des farbigen Bürgerrechtlers Martin Luther King und des Präsidentschaftskandidaten und Justizministers Robert Kennedy, dazu die massiven Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, der immer mehr Amerikanern das Leben kostete, waren einige der Höhepunkte der politischen Unruhen in den USA. Gleichzeitig aber konnten die Folgen des Unglücks vom 27. Januar 1967, als während einer Simulation an Bord der AS-204 die Astronauten Gus Grissom, Roger Chaffee und Edward White durch ein Feuer ums Leben kamen, überwunden werden, was nicht zuletzt der Flug von APOLLO 7 eindrucksvoll zeigte, obgleich auch er nicht völlig pannenfrei verlief.

Vorgeschichte
Die ursprüngliche Planung im APOLLO-Programm sah allerdings ein wenig anders aus. Hatte die NACA und (ab 1958) die NASA nach Studien Wernher von Brauns aus den 50er Jahren zunächst geplant, eine Raumstation im Orbit zu errichten, von der aus man dann zum Mond fliegen könnte, wurde diese Planung alsbald von der Wirklichkeit überholt, nämlich durch den Start des ersten SPUTNIK am 4. Oktober 1957. Schlußendlich war es Präsident John F. Kennedys Rede vom 25. Mai 1961 vor dem amerikanischen Kongreß, in der er bekanntgab, daß man bis zum Ende des Jahrzehnts einen Menschen zum Mond schicken und wohlbehalten wieder zur Erde zurückbringen wolle, die eine Überarbeitung der Pläne notwendig machte, um finanzielle und zeitliche Planung unter einen Hut zu bringen.

Die Brandkatastrophe in der AS-204, die später zu Ehren der verstorbenen Astronauten in APOLLO 1 umbenannt wurde, führte dann erneut zu Planungsänderungen. Mit APOLLO 7 wurden die bemannten Missionen wieder aufgenommen, bei der die Mannschaft (Walter M. Schirra, Donn F. Eisele und R. Walter Cunningham) im Erdorbit zahlreiche Tests und Systemchecks ausführte und erstmals weite Teile der Erdoberfläche vom Raumschiff aus fotografierte. Es war dann geplant, in der Erdumlaufbahn weitere Testflüge vorzunehmen, bei denen u. a. auch das Lunar Module (LM), die Mondlandefähre, ausgiebig getestet werden sollte.

Derweil hatten am 25. November und 12. Dezember 1967 amerikanische Aufklärungssatelliten (CORONA KH-4B und GAMBIT KH-8) das sowjetische Versuchsgelände in Baikonur überflogen und jedes Mal Versuchsmuster der Großrakete N-1 auf der Startrampe erkannt, wobei es sich in Wirklichkeit aber nur um flugunfähige Modelle handelte. Die echte Version 3 L wurde erst am 7. Mai 1968 aufgestellt, aber wenig später schon wieder aufgrund diverser Mängel in die Montagehalle zurückgebracht.

Dieses Szenario wurde abermals von einem CORONA-Satelliten fotografiert, woraufhin bei den verantwortlichen Stellen in den USA heftige Unruhe ausbrach. Der NASA wurden von unbekannter Seite (entweder vom Auslandsgeheimdienst CIA oder dem geheimen "National Reconnaissance Office" NRO) die Fotos zugespielt und man beschloß binnen weniger Wochen, die bisherige Flugreihenfolge im APOLLO-Programm zu ändern. Nach APOLLO 7 war zunächst ein weiterer unbemannter Flug vorgesehen, bei dem das LM erstmals getestet werden sollte. Aufgrund von Fertigungsproblemen war aber an einen Testflug vor dem Frühjahr 1969 nicht zu denken. Die NASA reagierte sehr rasch, und am 21. August 1968 wurde der neue Programmablauf der Öffentlichkeit vorgestellt.

Während das in den USA kaum jemand ernsthaft zur Kenntnis nahm, wurden die Sowjets massiv unter Druck gesetzt, doch noch vor den Amerikanern den Erdtrabanten zu erreichen. Aber weder ihre neue Trägerrakete PROTON, noch die unbemannten Sonden der ZOND-Serie brachten den gewünschten Erfolg. ZOND 5 startete am 21. September 1968, umrundete den Mond in 1.950 km Abstand und kehrte zur Erde zurück. Beim Wiedereintrittsmanöver geriet die Sonde aber außer Kontrolle und ging steuerungslos im Indischen Ozean nieder, nachdem durch die fehlerhafte Übermittlung eines Funkbefehls die Lageregelungskontrolle versagte. Ein weiterer Startversuch erfolgte mit ZOND 6 am 10. November 1968, der, wenn er erfolgreich verlaufen wäre, die UdSSR motiviert hätte, noch vor den Amerikanern Kosmonauten zum Mond zu schicken. Die unbemannte sowjetische Sonde umrundete den Mond in 2.420 km Abstand und flog in Richtung Erde. Dabei kam es zu mehreren ernsthaften Störungen, von denen das Entweichen der Atmosphäre im Inneren für mögliche Kosmonauten die dramatischste gewesen wäre. Die nächste Schwierigkeit trat ein, als sich beim Anflug an die Landestelle der Hauptfallschirm zu früh öffnete und ZOND 6 abstürzte. Das war gleichzeitig das Ende des sowjetischen Mondumrundungsprogramms, was man aber in den Vereinigten Staaten nicht wußte.

Hier ging alles weiter nach Plan und am 11. November 1968 verkündete der neue NASA-Chef Thomas Paine (der bisherige Chef James Webb war am 7. Oktober 1968, seinem 62. Geburtstag, überraschend zurückgetreten), daß am 21. Dezember mit der Mission von APOLLO 8 der Mond erstmals bemannt umkreist werden sollte, bei einem Startfenster, das bis zum 27. Dezember reichte, falls es unvorhergesehenerweise zu Startverzögerungen kam. Der Startazimutwinkel lag hierbei zwischen 72° und 108°.

Zur "primary crew" gehörten Frank Borman als Kommandant, James A. Lovell als Pilot und William A. Anders als Pilot des LM und Bordfotograf, zur "backup crew" Neil A. Armstrong, Edwin E. Aldrin und Fred W. Haise.

Frank Borman hatte bereits in Dezember 1965 zusammen mit James Lovell zwei Wochen lang die Erde in der GEMINI 7 umkreist, während Lovell danach noch einmal mit der GEMINI 12 geflogen war. Für William Anders war es die allererste Weltraummission, und die sollte gleich in Richtung Mond gehen. Borman, der zuvor dem Untersuchungsausschuß über die APOLLO 1-Katastrophe angehört hatte und nun bei North American Aviation in Downey, California, mit den Verbesserungsarbeiten am Block II des APOLLO-Raumschiffs befaßt war, erfuhr am 10. August 1968 von Donald K. Slayton, Chef des NASA-Astronautenteams, daß man aufgrund der beunruhigenden Nachrichten des CIA die APOLLO 8 zum Mond schicken wollte und seine Crew diese Mission durchführen sollte.

Die Änderung der Flugreihenfolge führte zu einer völlig anderen Gestaltung des Missionsplans mit zehn Mondumkreisungen statt mehrmaliger Erdumrundungen, sowie völlig andersartigen wissenschaftlichen Zielsetzungen, wobei allerdings die erfolgreiche Durchführung der ersten bemannten Mondumkreisung primär im Vordergrund stand. Natürlich mußte auch das Astronautentraining, das am 9. September 1968 mit Arbeiten im "command modul simulator" beim Marshall Spaceflight Center in Houston begann, entsprechend abgestimmt sein.

Samstag, 21. Dezember 1968
Der Tag begann für die drei Astronauten der "primary crew" sehr früh mit dem Wecken um 2:30 Ortszeit, während die Ersatzmannschaft seit 23:00 des Vorabends am Cape damit beschäftigt war, letzte Vorbereitungen zu treffen. Borman, Lovell und Anders mußten zunächst abschließende medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen, bis sie gegen 3:30 mit dem Frühstück im "Manned Spacecraft Operations Building", 14 km vom Startplatz entfernt, beginnen konnten, das traditionell aus Steaks, Rühreier, Toast, Kaffee und Orangensaft bestand. Danach zogen sie ihre Raumanzüge an und fuhren mit dem weißen Mannschaftsbus zur Startrampe 39 A, wo die 111m hohe SATURN V im gleißenden Scheinwerferlicht auf ihren Start wartete, der für 7:51 Ortszeit vorgesehen war. Gegen 5:00 betraten die Astronauten die APOLLO-Kapsel an der Spitze der SATURN-Rakete. Welch gigantisches Raumschiff dort unten am Cape stand wurde deutlich, als Borman der Flugkontrolle um 7:05 meldete, daß er am Horizont erste, zartrosa gefärbte Wolkenstreifen erkennen konnte, für die Bodenmannschaften waren sie erst 7 Minuten später sichtbar!

Der Zeitpunkt des Starts rückte näher. Entlang des John-F.-Kennedy-Spaceflight-Center versammelten sich Tausende von Besuchern, die alles live miterleben wollten (sie waren teilweise schon vor Tagen mit Campingwagen angerückt), und im APOLLO-Raumschiff wurden letzte Checks durchgeführt. Um 7:16 war die Trägerrakete vollständig mit Kerosin, Flüssigsauerstoff und Flüssigwasserstoff (insgesamt 4 Mio. Liter) befüllt. Um 7:20 begannen die Ferntests der SATURN V, bei denen der für den Start notwendige Druck in den Treibstoffkammern aufgebaut wurde. Der Test war erfolgreich und damit die letzte Hürde vor dem Start genommen. Um 7:36 wurde auf Bordstrom umgeschaltet, der Druck in den Treibstoffkammern erneut aufgebaut, um 7:45 dann das "go for launch". In den nächsten Minuten wurden letztmals die Funkverbindungen zur APOLLO-Kapsel und zur Trägerrakete überprüft, die beiden ersten Stufen unter Druck gesetzt und mit Bordstrom versorgt, bis bei t-8 Sekunden um 7:50:52 der Befehl "Ignition" ertönte und die 5 F-1 Triebwerke der SATURN V zündeten. Pünktlich um 7:51 hob APOLLO 8 vom Starttisch ab und strebte unaufhaltsam, dabei immer schneller werdend, seinem Ziel, dem Mond, zu.

APOLLO 8 erreichte wie vorgesehen die Erdumlaufbahn nach dem planmäßigen Abwurf der 1. und 2. Stufe um 8:02, doch war diese nicht ganz kreisförmig, sondern leicht elliptisch mit einem Apogäum bei 190,7 km und einem Perigäum bei 179,2 km. Zu diesem Zeitpunkt wurde die 3. Stufe, die S-IVB, abgeschaltet, aber nicht abgeworfen, da man sie später noch gebrauchen würde. Sie war der einzige Teil der SATURN-Rakete, der wieder eingeschaltet werden konnte, schließlich sollte hier dereinst das LM untergebracht und vom APOLLO-Raumschiff auf halber Strecke zwischen Erde und Mond herausgezogen werden.

Kurz nach dem Brennschluß der S II, der zweiten Raketenstufe, geriet das Raumschiff für etwa 30 Sekunden ins Schlingern, was aber nichts mit dem bei früheren Starts beobachteten Pogo-Effekt (Schlingern des Flugkörpers in Längsrichtung) zu tun hatte, sondern an den Schwingungen einer Sauerstoffpumpe in einem der Raketenmotoren lag.

Der Flugplan sah nun erst einmal zwei per Autopilot gesteuerte Erdumkreisungen vor. In der Zeit wurden von William Anders alle wichtigen Instrumente zur Steuerung, Navigation, Flugstabilität, Fluglagekontrolle, Bordelektrik, Luftversorgung und Nachrichtenübermittlung genauestens überprüft, und binnen weniger Minuten bis zu 700 verschiedene Meßwerte zur Bodenstation in Houston gefunkt.

James Lovell als Navigator nahm derweil Landvermessungen mit Teleskop und Sextant vor und befestigte im Inneren der Kabine eine kleine, kreiselstabiliserte Meßplattform, die es ihm während des Fluges erlaubte, die Lage des Raumschiffs zu kontrollieren. Auf der Plattform befand sich ein kleiner Sternsensor, der erst auf dem direkten Flug zum Mond justiert werden konnte und auf drei Sterne ausgerichtet war, deren Position im Bordcomputer gespeichert war. Durch einen Abgleich der Soll- mit der Ist-Position konnte der Kurs sehr genau bestimmt werden, allerdings waren immer wieder Kontrolljustierungen nötig.

Nachdem die zweite Erdumkreisung vollendet war und alle Systeme an Bord einwandfrei arbeiteten, kam um 10:19 das "go for TLI", die Zündung des Triebwerks der S-IVB und der Eintritt in die Mondübergangsbahn. Bis zu diesem Zeitpunkt hätten die Astronauten bei etwaigen Schwierigkeiten die Mission abbrechen und zur Erde zurückkehren können. Die Kreisbahngeschwindigkeit erhöhte sich nun von 7 km/s auf 10,9 km/s und der Einschuß in die TLI (Trans Lunar Injection) konnte ausgeführt werden. Die Bahnverfolgungsstationen der NASA, mehrere Ortungsschiffe im Pazifik und Atlantik, die die Namen MERCURY, VANGUARD, REDSTONE und HUNTSVILLE trugen, und mehrere erdgebundene Teleskope (z. B. beim Smithonian Astrophysical Observatory auf Hawaii) verfolgten das Manöver, das um 10:41 erfolgte, mit dem Brennschluß um 10:46 endete und APOLLO 8 endgültig und unumkehrbar in Richtung Mond beförderte.

Weitere teleskopische und fotografische Beobachtungen der Abtrennung lieferten die Sternwarte auf dem Pic du Midi, das Table Mountain Observatory des JPL, das Corralitos Observatory des Northwestern University`s Lindheimer Astronomical Research Center in New Mexico, das texanische McDonald Observatory, das Lick Observatory bei San Francicso und das Fullerton Observatory in der Nähe von Los Angeles.

Um 11:14 erfolgte die Trennung von der 3. Stufe, die man bei dieser Mission nun nicht mehr benötigte, da man ohne das LM flog. Als nächstes drehte Borman das Raumschiff um 180° und näherte sich der S-IVB mit kleinen Schüben aus den seitlichen Steuerdüsen. Hätte man das LM an Bord gehabt, müßte es nun aus der Ladebucht der 3. Stufe herausgezogen werden. So wurde dieses Manöver unter Realbedingungen erprobt. Später drehte Borman das Schiff abermals herum und richtete die Spitze des APOLLO-Raumschiffes auf den vorgesehenen Kurs aus, den Lovell mit Hilfe des Sternsensors bestimmte.

Der Eintritt in die Mondübergangsbahn war so exakt erfolgt, daß statt der vorgesehenen 4 Kurskorrekturen nur eine einzige vorgenommen werden mußte. Sie erfolgte um 18:51, als das Raumschiff bereits 97.730 km von der Erde entfernt war, mit Hilfe des Haupttriebwerks. Die Brenndauer betrug 2,5 Sekunden, die Fluggeschwindigkeit immerhin schon 2,4 km/s.

Danach begann für die Astronauten die erste Ruhephase. Der Flugplan sah vor, daß nach Möglichkeit zwei Astronauten schlafen sollten und einer Wache hielt, aber lediglich Frank Borman verkroch sich in den Schlafsack. Doch Ruhe finden konnte er nur durch die Einnahme eines Schlafmittels!

Unterdessen kümmerte sich James Lovell um die Bestimmung der Raumlage und die genaue Einhaltung des Kurses, während William Anders seine Film- und Fotoausrüstung überprüfte.

Sonntag, 22. Dezember 1968
Als Borman gegen 3:00 nach nur fünfstündigem, unruhigen Schlaf wieder erwachte, plagten ihn Schwindelgefühle, Übelkeit und Schüttelfrost, zudem erbrach er sich mehrmals. Auch Anders und Lovell ging es nicht viel besser. Der leitende Flugarzt Dr. Charles A.Berry ging zunächst von einer leichten, virulenten Darmgrippe aus (da Alan Bean und Harrison Schmitt ebenfalls daran erkrankt waren). Die aufgetretenen Symptome konnten aber auch Nebenwirkungen des Schlafmittels sein. Bei Anders und Lovell diagnostizierte man Raumkrankheit (eine Strahlenerkrankung schied aus, da die Meßgeräte in den Raumanzügen nur geringe Strahlenmengen auswiesen), Borman mußte hingegen Diarrhöe-Tabletten einnehmen. Danach besserte sich sein Gesundheitszustand soweit wieder, daß nun Anders und Lovell schlafen gehen konnten und er die Wache übernahm. Allerdings ließ er das Frühstück ausfallen, da ihm die Übelkeit immer noch zu schaffen machte.

Anders und Lovell erwachten gegen 9:00, fühlten sich aber immer noch nicht wohler und teilten der Bodenstation mit, daß sie sehr schlecht geschlafen hätten. Zum Glück standen keine besonderen Manöver auf dem Flugplan. Nachmittags rollte Borman das Raumschiff so herum, daß man durch eines der Kabinenfenster hindurch die blaue Erde erkennen konnte. Die Entfernung zur Erde betrug mehr als 220.000 km, man war also dem Mond näher als dem Heimatplaneten. Nur wenige Augenblicke später begann die erste Fernsehübertragung, bei der man natürlich die im Raum schwebende Erde, aber auch das Bordleben zeigte: Lovell als Koch in der Bordküche, Borman an der Steuerung. Anders, der als Kameramann fungierte, ließ seine Zahnbürste durch das Schiff treiben und Borman übermittelte Geburtstagsgrüße an seine Mutter. Die Übertragung dauerte etwa 15 Minuten, danach begann eine weitere Schlafperiode für Borman. Anders und Lovell waren mit einigen Routineaufgaben beschäftigt und hielten die Funkverbindung zur Bodenstation aufrecht. Als auch Anders und Lovell geschlafen hatten, stellten sie fest, daß sie alle wieder bei bester Gesundheit waren.

Noch immer konnten die Bahnverfolgungskameras auf der Erde APOLLO 8 als schwachen Lichtpunkt ausmachen. Dabei kam beispielsweise das 48"-Teleskop des Mt. Wilson-Observatory zum Einsatz, aber auch ein System beim Gates Planetarium in Denver (Colorado).



Montag, 23. Dezember 1968
Für diesen Tag war der Eintritt in die Mondumlaufbahn geplant. Lovell hatte mittags eine weitere Bahnbestimmung mit seiner Meßplattform vorgenommen. Gemeinsam bereiteten die drei Astronauten am frühen Nachmittag die zweite Fernsehübertragung vor, bei der wieder Eindrücke aus dem Bordalltag und Bilder der 320.000 km entfernten Erde gesendet wurden.

Um 15:30 trat APOLLO 8 in das Schwerefeld des Mondes ein, der zu diesem Zeitpunkt gerade noch 70.000 km entfernt war. Wenig später führte Borman mit den seitlichen Steuerdüsen, die einen Schub von maximal 45 kp erzielen konnten, eine kleine Kurskorrektur aus, die eine Verringerung der Geschwindigkeit um 0,67m/s nach sich zog und das Raumschiff für seinen Eintritt in die Mondumlaufbahn vorbereitete. Danach begann wieder eine Schlafperiode.

Dienstag, 24. Dezember 1968
Auf der Erde trafen die Menschen Vorbereitungen für das schönste Fest des Jahres, und als die meisten Bewohner Floridas noch im tiefen Schlaf lagen, endete dieser für Borman und Lovell. Der Kommandant traf nun Vorkehrungen für den Einschuß in die lunare Orbitalbahn, die Entfernung zum Mond betrug weniger als 17.000 km. Die Reserve-Funkantenne wurde sorgfältig überprüft. Um 3:00 veränderte Lovell die Fluglage der APOLLO 8 soweit, daß die Voraussetzungen für eine erfolgreiche LOI (Lunar Orbit Insertion) gegeben waren. Mit abnehmender Mondentfernung stiegen im Raumschiff Aufregung und Hektik. Um 3:39 war die richtige Position zum Einfliegen in den Mondorbit erreicht, der Autopilot führte die Astronauten näher an den Erdtrabanten heran. Die Bodenstation übertrug dem Bordcomputer per Funk aktualisierte Kurs- und Steuerdaten. Die Entfernung zum Mond schrumpfte bis um 4:21 auf 2.806 km zusammen. Borman prüfte ein letztes Mal seine Systeme, Anders hatte derweil den Sitz des Funkers eingenommen.

Zum Einschwenken in die Mondumlaufbahn mußte das Haupttriebwerk erneut für einige Sekunden gezündet werden, womit gleichzeitig eine Verringerung der Geschwindigkeit und ein elliptischer Orbit mit einen mondfernsten Punkt bei 314,8 km und einem mondnächsten Punkt bei 111 km erreicht werden sollte. Das vermeintlich größte Problem bestand nun aber darin, daß dieses Manöver über der Mondrückseite ohne direkten Funkkontakt zur Erde ablief, denn ein paar Minuten vor dem Zünden des Haupttriebwerks kam es zum LOS, dem "Loss of Signal", wenn APOLLO 8 in den Funkschatten des Mondes eintrat. Erst beim "Acquisition of Signal" (AOS), dem Austritt aus dem Funkschatten, kam wieder eine Verbindung zustande und man konnte im Kontrollzentrum erfahren, ob alles planmäßig abgelaufen war.

Um 4:49 Floridazeit riß das Signal ab und das bange Warten begann. Frank Borman leitete in der Zwischenzeit per Computer das Bremsmanöver ein, das vom Autopilot durchgeführt wurde, hierzu mußte nur das entsprechende Programm zum richtigen Zeitung gestartet werden. Das AOS war beim planmäßigem Flug für 5:19 vorgesehen, würde APOLLO 8 nicht abgebremst, rechnete man ab 5:09 mit einer Funkverbindung, bliebe sie aus, konnte sich jeder ausrechnen, was geschehen war. Ab 5:18 wurden Funksignale erfaßt, Sekunden später erste Telemetriedaten und um 5:20 meldete Lovell den erfolgreichen Einschuß in die Mondumlaufbahn.

Im Kontrollzentrum in Houston brach unbeschreiblicher Jubel aus, man hatte das erste von Menschenhand gebaute Raumschiff erfolgreich in eine Umlaufbahn um dem Mond gebracht. Die Bahndaten wiesen nur geringe Toleranzabweichungen auf, APOLLO 8 befand sich somit auf einer stabilen Parkbahn.

Als sich die erste Aufregung legte, man anhand der Bahndaten im Bordcomputer eine Brenndauer von 4 Minuten und 6,5 Sekunden errechnet hatte, bestimmte man die Bahnellipse zu 312 x 112 km Höhe über dem Mond. Zwischenzeitlich waren Probleme mit dem bordinternen Kühlsystem aufgetreten, die aber nach der "malfunction checklist" rasch gefunden und behoben wurden.

Die Astronauten begannen nun den Mond zu fotografieren und zu filmen. Sie überflogen die Maria Smythii, Fecunditatis und Tranquillitatis, dem voraussichtlichen Landeplatz von APOLLO 11, beschrieben die Morphologie der Krater Messier, Pickering-West, Langrenus, Magelhaens, Goclenius, Gaudibert, Colombo, Gutenberg, Maskelyne B und F und die Pyrenäen. Einigen Kratern auf der Mondrückseite wurden Namen nach persönlichem Geschmack vergeben: Gemini, von Braun, Houston etc. Diese dienten später bei der systematischen fotografischen Erfassung als Referenzpunkte.



Um 7:29 war die erste Mondumkreisung vollendet und die Astronauten begannen mit den Vorbereitungen für die dritte Fernsehübertragung, die erste aus der Mondumlaufbahn. Um 7:31 war es soweit, und sie setzen ihre Beschreibungen der Mondoberfläche fort. Borman sprach ein Weihnachtsgedicht als Apell an die Völker der Welt, den Frieden zu bewahren. Um 7:44 war die Übertragung beendet, doch damit kehrte noch keine Ruhe an Bord ein. Im Gegenteil: Bill Anders fotografierte die Mondoberfläche mit zwei speziellen Hasselblad-Kameras und filmte sie mit einer 16mm-Kinokamera. Für die Hasselblad hatte er ein 80mm und ein 250mm-Tele, die Filmkamera konnte mit 5mm-, 18mm-, 75mm- und 200mm-Objektiven bestückt werden. Bei der Belichtung kamen mittelempfindliche Kodak Panatomic-X-SW-Filme, Kodak SO-121 SW-Filme, Kodak SO-368 Ektachrome-Diafilme und ein Kodak 2485-SW-Film zur Anwendung. Die Filmkamera hatte 49m-Magazine mit insgesamt 441m Kodak SO-368-Film im Kasten. Außerdem konnte noch hochempfindlicher Kunstlichtfilm für die Innenaufnahmen in der APOLLO-Kapsel eingesetzt werden. Anders nahm den Mond nach dem Stereostreifenverfahren auf, bei der das Raumschiff lotrecht ausgerichtet wurde und die Kamera überlappend die unter dem Schiff vorbeigleitende Mondoberfläche erst horizontal dann vertikal erfaßte.



Um 9:26 erfolgte ein weiteres Bremsmanöver, das APOLLO 8 noch näher an die Oberfläche heranführte und noch detailgenauere Aufnahmen ermöglichte. Die Aufgaben der Astronauten bestanden jedoch nicht allein in der fotografischen Erfassung. Aus den Bahnstörungen, denen das Raumschiff ausgesetzt war, konnte man einerseits die Masse des Mondes genauer bestimmen, andererseits aber auch Schwerkraftanomalien feststellen (Mascons).



Als die Astronauten sehr erschöpft waren beschloß Borman, die noch ausstehenden Experimente einfach zu streichen und eine Ruhepause einzulegen. Das Schnarchen Lovells war denn auch schon bald darauf im Kontrollzentrum überdeutlich zu hören.



Um 21:00 war die 8. Mondumkreisung vollendet. Anders und Lovell waren wieder fit, Borman hingegen stark übermüdet. Dennoch bereiteten sie gemeinsam die nächste Fernsehübertragung vor, die zweite an diesem Heiligen Abend. Sie begann um 21:31 und zeigte zunächst die abwechslungsreiche, kraterübersäte Oberfläche des Mondes mit eindrucksvollen Beschreibungen durch die Mondfahrer. Anders, Lovell und Borman schilderten ihre unterschiedlichen Eindrücke. Nacheinander zitieren sie ergriffen die ersten Verse der Schöpfungsgeschichte aus der Bibel. Mit Weihnachtsgrüßen endete die Übertragung schließlich um 22:00. Sie sollte vielen Menschen, die das damals miterlebten, bis zum heutigen Tage in Erinnerung bleiben.



Etwa um 23:00 begann die 10. und letzte Mondumrundung. Das Haupttriebwerk der APOLLO 8 wurde hinter dem Mond für 3 Minuten und 18 Sekunden zum Eintritt in die TEI, die "Trans-Earth-Injection", die Erdübergangsbahn, gezündet. Kurz vor dem LOS wurden zwischen der Bodenstation und dem Raumschiff jede Menge Daten für die korrekte Steuerung und weitere Brennzeiten des Haupttriebwerks übermittelt. Während nun APOLLO über die Mondrückseite hinwegglitt, brach auf der Erde der 1. Weihnachtsfeiertag an.



Mittwoch, 25. Dezember 1968
Gespannt wartete man bei Mission Control auf das letzte AOS. Vor allem aber wollte man wissen, ob die Zündung, die für 1:10:16 vorgesehen war, auch erfolgt war. Leichte Unstimmigkeiten ergaben sich, als Lovell eine Brenndauer von 2 min. und 23,7 sec. meldete, es in Wirklichkeit aber 3 Minuten und 23,7 Sekunden waren. Ein Abweichung von einer Minute hätte einen falschen Eintrittswinkel in die Erdübergangsbahn ergeben, was fatale Folgen, bis hin zu einem Vorbeiflug an der Erde, haben konnte. Aber alle Aufregung war umsonst, das Manöver war erfolgreich, APOLLO 8 befand sich auf dem Rückweg.

Danach legten Borman und Lovell eine Schlafpause ein, die fünf Stunden dauerte, anschließend ging Anders "zu Bett". Mittags um 12:38 verließ APOLLO 8 endgültig das Anziehungsfeld des Mondes und wurde nun von der Schwerkraft der Erde mehr und mehr angezogen. Den ganzen Tag über konnten sich die Astronauten von den Strapazen der vergangenen Tage erholen, nur Lovell nahm wieder Messungen mit dem Sternsensor vor. Abends dann wurden ihnen per Funk Weihnachtslieder übertragen.

Donnerstag, 26. Dezember 1968
Gegen morgen wurden Borman und Lovell wieder mit Musik geweckt, doch statt der Weihnachtslieder gab es nun Herb Alpert und die Tijuana-Brass aus den Lautsprechern zu hören. Der fast arbeitsfreie Tag hatte allen drei Astronauten gutgetan. Durch das Kabinenfenster beobachteten sie die nun deutlich größer gewordene Erdkugel. Erste Berichte trafen ein und sagten gutes Wetter für das vorgesehene Landegebiet im Pazifischen Ozean, 1.600 km südwestlich von Honolulu, voraus.

Mittags traten erhöhte Kabinentemperaturen auf, die aber einfach durch das Zuhängen des Kabinenfensters gesenkt werden konnten. Um 14:51 wurde die Hälfte der Entfernung Mond Erde erreicht (191.000 km) und APOLLO 8 raste mit 6.400 km/h in Richtung Erde. Die nächste Fernsehübertragung begann um 15:52. Die übermittelten Bilder zeigten neben Highlights aus dem Bordalltag vor allem die größer werdende Erdkugel, auf der man Südamerika und die Vereinigten Staaten klar ausmachen und einen Wirbelsturm erkennen konnte. Die Übertragung endete um 15:56, danach stand wieder eine Schlafperiode auf dem Flugplan, damit die Astronauten für das bevorstehende Wiedereintrittsmanöver fit waren.

Freitag, 27. Dezember 1968
Die Rückkehr zur Erde stand bevor. Um 4:31 teilte Mission Control der Besatzung mit, daß keine weitere Kurskorrektur erforderlich sei und die Bahn für den Wiedereintritt gut aussah. Borman meldete unterdessen die Bereitschaft der Besatzung für den "reentry". Die Stunden verstrichen. APOLLO 8 näherte sich immer mehr der heimatlichen Erde und an Bord begann man damit, die Wiedereintrittscheckliste durchzugehen. Um 6:50 war man noch 56.345 km entfernt.

Knapp drei Stunden später nahm die Geschwindigkeit des Raumschiffs drastisch zu, um 10:15 dann das "go" für das Eintauchen in die Erdatmosphäre. Um 10:24 wurde das Command Module (CM) vom Service Module abgetrennt, das sich unter kurzer Zündung der Steuerdüsen alsbald vom CM entfernte. Die Distanz zur Erde betrug nunmehr 2.985 km. Die Geschwindigkeit war auf nahezu 32.000 km/h gestiegen. Das CM wurde derweil so gedreht, daß es mit dem Hitzeschild voranflog und nur wenige Minuten später die ersten Ausläufer der irdischen Lufthülle gestreift. Nun kam es darauf an, ob man den korrekten Eintrittswinkel erreicht hatte, wenn nicht, fiel man entweder unkontrolliert in Richtung Erde, oder prallte an den obersten Atmosphäreschichten ab und wurde in den Weltraum hinausgeschleudert.

Aber auch dieses Mal funktionierte alles nach Plan. Um 10:39 war die größte Abbremsung erreicht. Auf den Astronauten lastete ein Andruck von 6,8g und die Temperatur des Hitzeschildes war auf 2.800° angestiegen. Zu diesem Zeitpunkt riß erwartungsgemäß die Funkverbindung ab, da das Raumschiff beim Wiedereintritt die umgebende Lufthülle ionisierte, also von einer Art Plasmahülle umgeben war, die, elektrisch leitfähig, keine Funksignale passieren ließ. Der Zeitraum der Funkstille endete um 10:43, die Ortungsschiffe meldeten Radarkontakt. Drei Minuten später öffneten sich die drei rot-weiß gestreiften Fallschirme. APOLLO 8 sank zur Erde hinab. Um 10:51 wasserte sie schließlich unweit der U.S.S. YORKTOWN. Die Wellenbewegung kippte aufgrund des einige Sekunden zu spät erfolgten Abtrennens der Fallschirme die Kapsel um, die aber nach drei Minuten dank der heckseitig angebrachten Luftkissen wieder aufgerichtet werden konnte. Um 12:04 öffnete James Lovell von innen die Luke, die Astronauten wurden vom SIKORSKY SH-3A-Hubschrauber der YORKTOWN geborgen und zum Flugzeugträger geflogen, den sie um 12:44 betraten. Damit endete offiziell die Mission der APOLLO 8.

Die Bergung aus der Kapsel gestaltete sich für die Froschmänner insofern schwierig, als ein drei Meter langer Hai um die APOLLO-Kapsel herumschwamm und sie sich beeilen mußten, die Astronauten und schließlich sich selbst wieder in den Hubschrauber zu bekommen, sowie die Kapsel in Schlepp zu nehmen.

Ergebnisse
Neben dem Prestigeeffekt sind hier vor allem die intensive fotografische und filmische Kartographierung der Mondoberfläche zu nennen, aber auch eine ganze Reihe medizinischer Erkenntnisse. So wurde das Schlafbedürfnis der Astronauten begutachtet, die Folgen der Weltraumkrankheit erforscht oder der Kalziumschwund in den Knochen untersucht. Die Crew litt unter leichter Appetitlosigkeit, trockener Haut und einer Abnahme des Blutvolumens. Für die Weltraummediziner überraschend waren die bei allen drei Astronauten aufgetretenen entzündeten Augen, verstopfte Nasen, Heiserkeit und eine Verringerung der roten Blutkörperchen. Alle Ergebnisse zusammen genommen, waren sich die Mediziner der NASA einig, daß auch bei einem längeren Aufenthalt in der Schwerelosigkeit oder unter der geringen Schwerkraft des Mondes (ein Sechstel der Erdanziehung), wie sie bei einer bemannten Mondlandung zu erwarten war, nicht mit einer ernsthaften gesundheitlichen Gefährdung der Astronauten zu rechnen war.

APOLLO 8 ging als die erste bemannte Umkreisung des Mondes in die Geschichte der Raumfahrt ein. Doch die nachfolgenden Missionen waren nicht minder wichtige Stationen auf dem Weg zur ersten bemannten Mondlandung mit APOLLO 11 am 21. Juli 1969. Mit APOLLO 9 wurde erstmals das LM im Erdorbit getestet, und APOLLO 10 flog zum zweiten Mal zum Mond, die Generalprobe für die eigentliche Landung.

Abbildungen: NASA, Kennedy-Space-Center, Public Affair Office, Houston, Texas, USA

Literatur:
Andrew Chaikin: A Man on The Moon, Penguin Books USA Inc., New York (1994)
Jesco von Puttkamer: APOLLO 8 - Aufbruch ins All, Heyne-Verlag, München (1969)
Fred G. Delius: APOLLO 11 - Die Landung auf dem Mond, Heyne-Verlag, München (1969)
Harro Zimmer: Das NASA-Protokoll, KOSMOS-Verlag, Stuttgart (1997)
Harro Zimmer: Der rote Orbit, KOSMOS-Verlag, Stuttgart (1996)
Horst W. Köhler: Bemannter Flug zum Mond: APOLLO 8, SuW 8 (1969/3) 59f.
Harold B. Liemohn: Optical Observations of Apollo 8, Sky and Telescope 37 (1969/3) 156ff.
Raymond N. Watts jr.: Around the moon and back, Sky and Telescope 37 (1969/2), 76ff.


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