9. Februar 1990: total

,,Wozu soll ich mir die Finsternis angucken, die sind doch sowieso alle gleich und außerdem habe ich schon so viele gesehen, daß mich das nicht mehr reizt!"

Mit diesen Worten reagierte ein langjähriger Freund auf meine Ankündigung, am 9. Februar zur Beobachtung der totalen Mondfinsternis zur Repsold-Sternwarte der (Gesellschaft für volkstümliche Astronomie e. V.) ins Planetarium zu fahren. Nachdem die letzten Ereignisse dieser Art bei mir regelmäßig von häufigen Pannen begleitet waren (u.a. Probleme mit dem Filmtransport, der Kamera oder einem vergessenen Fotostativ), hoffte ich, einmal von dem allseits bekannten und gefürchteten Schotten mit dem Namen McMurphy in Ruhe gelassen zu werden. Schließlich ist es mir bis zum heutigen Tage nicht vergönnt gewesen, den kompletten Verlauf einer Mond- oder Sonnenfinsternis zu fotografieren.

Im Stadtpark angekommen, stand der Mond bereits, von Wolken bedrohlich umringt, am Himmel, die Halbschattenfinsternis, in der Regel ohnehin nur schwach zu sehen, fiel überhaupt nicht auf. Im Foyer des Planetariums und draußen an den an der Südflanke des Wasserturms aufgestellten Teleskopen warteten die Besucher gespannt auf das bevorstehende, in Presse und Rundfunk rechtzeitig angekündigte Ereignis.

Da ich das ganze einigermaßen ungestört mit meinem Feldstecher beobachten und mit Kamera und f/3.5 l3Smm Tele fotografieren wollte (es waren auch Weitwinkel- und Normalobjektivaufnahmen unter Einbeziehung der Hamburger Skyline während der Totalität geplant), fuhr ich mit dem Fahrstuhl in den 5. Stock hinauf, suchte mir einen der letzten freien Plätze aus und wartete nun ebenfalls.

Bereits ab 18.20 Uhr sah der Mond am südöstlichen Rand etwas angegnabbert aus - obwohl der Eintritt in den kegelförmigen Kernschatten erst um 18.29 Uhr erfolgen sollte - und eine Viertelstunde später war die partielle Verfinsterung für jedermann deutlich auszumachen.

Große Sorgen bereiteten uns die Wolken in Richtung Mond, die sich, je näher die totale Verfinsterung rückte, zunehmend verdichteten. Schließlich kam Dunst hinzu und verschlechterte die Sicht zusätzlich. Selbst der relativ hochstehende, helle Jupiter wurde ständig blasser.

Mit Beginn der Totalität um 19:49 Uhr schien sich endgültig abzuzeichnen, daß auch diese Finsternis wieder ein ,,doppelte" sein würde. Um 19:52 Uhr hob sich der Mond, dessen rötliche Farbe nur schemenhaft durchkam, kaum noch vom Hintergrund ab, um 20:03 Uhr sah man ihn praktisch überhaupt nicht mehr (lediglich einige Sterne in Zenitnähe und natürlich Jupiter bewiesen, daß sie noch da waren) und ab 20:12 Uhr war anscheinend alles vorbei. Dabei hätte man in der Totalität theoretisch einen schönen Farbkontrast zwischen der nördlichen und der südlichen Mondhalbkugel beobachten können, da der Erdtrabant durch die südlichen Bereiche des Kernschattens ging.

Einige Sternfreunde hatten bereits frühzeitig aufgegeben, ihre Sachen gepackt und waren gegangen, als ab 20:45 Uhr (die Totalität war längst vorbei) der Himmel, anfangs zögerlich, später fast vollständig aufklarte und den Blick auf den noch teilverfinsterten Mond freigab.

Rasch wurden noch einige Fotos gemacht. Leider waren alle meine Filme schon belichtet, denn als der Mond völlig verschwunden war, hatte ich mit einem 200mm Tele die Hamburger City und den nahen Barmbeker Bahnhof aufs Korn genommen, um meinen Kodak P800/1600 professional voll zu bekommen.

Doch der visuelle Eindruck und die Beobachtung durch den Feldstecher werden ebenso unvergessen bleiben, wie die Bemühungen eines Kameramanns, die Finsternis für die private Nachrichtensendung ,,SAT-1 blick" aufzuzeichnen, die man tatsächlich in der Sendung um 22:50 Uhr bewundern konnte, sowie die ,,Direktübertragung" über den ebenfalls privaten Offenen Kanal.

Die Erfahrung hat wieder einmal gezeigt, daß das Wetter, obwohl ein kausaler Zusammenhang nicht besteht, gerade bei herausragenden astronomischen Ereignissen einer gewissen, schwer durchschaubaren Eigendynamik unterliegt und Murphy einem trotz aller Vorsicht kaum von der Seite weicht.

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