3./4. April 1996: total

Erstmals seit der Nacht vom 9, auf den 10. Dezember 1992 sollte, leider wieder zu einer völlig unchristlichen Zeit, der Mond in den frühen Morgenstunden des 4. April in den Kernschatten der Erde eintauchen. Nachdem uns, den Hamburger Sternfreunden von der GvA, der (Gesellschaft für volkstümliche Astronomie e. V.), bei der letzten Finsternis der Blick auf den rötlich verfinsterten Erdtrabanten aufgrund schlechten Wetters verwehrt blieb, hofften wir in diesem Jahr natürlich auf bessere Bedingungen. Der Wetterbericht in den Tagen vor der Finsternis sah vielversprechend aus.

Der 3. April begann mich damit, daß ich mich mit einem Freund morgens gegen 6 Uhr im Studio von Hamburg 1 an der Rothenbaumchaussee traf, um in der Sendung Frühcafe auf das bevorstehende Naturereignis hinzuweisen und zur Beobachtung vor dem Planetarium einzuladen. Zuvor hatten wir Pressemitteilungen an die größten Hamburger Tageszeitungen, den NDR, Radio Hamburg etc. versandt. Nach unserem Beitrag regten wir an, doch ein Drehteam vorbeizuschicken, das die Stimmung vor Ort einfangen sollte.

Unsicher waren wir vor allem hinsichtlich der Frage, wie viele Besucher im Stadtpark erscheinen würden. Der Planetariumsleiter hatte am März-Klönsnack zugesagt, daß das Planetarium bei klarem Wetter öffnen würde.

Voller Spannung und Erwartung traf ich gegen 23 Uhr im Planetarium ein. Das Drehteam von Hamburg 1 und mein Freund waren bereits eingetroffen, ein weiteres Mitglied begann kurze Zeit später mit dem Aufbau eines kleinen Standes im Foyer des Planetariums, wo gegen eine kleine Spende heißer Tee ausgeschenkt und Sternkieker verkauft werden sollten. Schließlich kamen auch der Planetariumsleiter und seine Mitarbeiterinnen.

Inzwischen waren die ersten Besucher erschienen, für die wir den 80/910 Refraktor auf der Repsold-Sternwarte aufbauten. Das Hamburg 1-Drehteam nutzte dabei gleich die Gelegenheit, ein Bild vom Mond einzufangen. Von Südwesten her schob sich gerade zu diesem Zeitpunkt - es war etwa 23.30 Uhr -ein dichtes und kompaktes Wolkenband heran, das dem Mond gefährlich nahe kam. Sollte etwa McMurphy???

Der Eintritt in den Kernschatten um 0.21 Uhr MESZ rückte immer näher (das Eintauchen in den Halbschatten war wegen der durchziehenden Wolkenfetzen von niemandem bemerkt worden), der Platz vor dem Planetarium begann sich zu füllen. Ein Lehrer war mit rund 50 Schülern auf Fahrrädern erschienen, und eine große Zahl von Nachtschwärmern, die überwiegend aufgrund unseres Hinweises bei Hamburg 1 kamen, warteten schon gespannt auf das bevorstehende Ereignis. Trotz vorgerückter Stunde konnten wir gut 80-100 (!) Besucher zählen.

Wir bauten auf dem Vorplatz den 102/1000 Refraktor des Planetariums auf, zwei andere GvA-Mitglieder hatten bereits den 20 x 80 Feldstecher aus der Sternwarte auf ein Fotostativ geklemmt und neben uns aufgestellt.

Während im Foyer die Gäste mit heißem Tee betreut wurden - ein Thermoanzug für den Außeneinsatz war in dieser Nacht Pflicht - und Mitglieder auf der Repsold-Sternwarte aktiv war, zeigten wir am Fernrohr nicht nur die nun immer deutlicher voranschreitende Finsternis, sondern erklärten den Anwesenden das Ereignis und beantworteten viele allgemeine und spezielle Fragen zur Astronomie. Mein Freund gab zwischendurch einem Reporter von Radio Hamburg ein kurzes Interview, während die beiden Reporter von Hamburg 1 kleine Szenen abdrehten und den Planetariumsleiter interviewten.

Die Spannung wurde um so größer je näher der Zeitpunkt des Beginns der Totalität kam. Um 1.21 Uhr war es dann soweit. Bereits vorher konnte man am östlichen Mondrand einen feinen rötlichen Saum erkennen. Interessant war hier vor allem die Frage, wie dunkel die Finsternis erscheinen würde. Nach den Eruptionen des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen im Jahr 1991 war damals soviel Staub in die Stratosphäre geblasen worden, daß die beiden darauffolgenden Mondfinsternisse sehr dunkel, beinahe aschgrau ausfielen. Zudem würde der Mond dieses Mal ziemlich zentral durch den Kernschatten hindurchlaufen, was nicht für eine sehr helle Verfinsterung sprach.

Der rötliche Saum ließ zunächst auf eine zumindest mittelhelle Finsternis schließen. Als der Mond dann vollständig in den Kernschatten eingetaucht war, leuchtete er in einem eher dunkleren Rot, wovon im 102/1000 Refraktor bei 50 facher Vergrößerung nur wenig zu sehen war. Hier erschien der Mond aschgrau mit leicht rötlichem Schimmer. Auffälliger war die Färbung mit bloßem Auge und im Feldstecher zu beobachten.

Dennoch waren die Besucher vor dem Planetarium begeistert von diesem für Hamburger Wetterverhältnisse selten zu beobachtendem Naturschauspiel. Viele hatten eigene Feldstecher, einige sogar Kameras, mitgebracht. Noch vor Ende der Totalität allerdings zogen viele wieder ab. Der Versuch, den Kometen Hyakutake von unserem Standort aus zu zeigen, mißlang, weil der Himmel in der fraglichen Richtung sehr dunstig war und die Chancen sehr schlecht standen, ihn überhaupt aufzufinden, trotz seiner hohen Flächenhelligkeit. In Richtung Mond war die Sicht jedoch klar und blieb es auch für die nächsten Stunden.

Gegen 2.30 Uhr hatten sich alle Anwesenden mehr oder minder verzogen, auch wegen der immer noch ziemlich grimmigen Kälte von etwa 5° C und einem leichten Ostwind. Wir bauten also vorzeitig die Geräte ab, in dem Bewußtsein, hier eine trotz des ungünstigen Termins öffentlichkeitswirksame Aktion durchgeführt und den nicht gerade wenigen Stadtparkbesuchern das Erlebnis Astronomie ein Stück näher gebracht zu haben.

Am nächsten Tag waren wir gespannt, was Hamburg 1 von dem am Vorabend Gedrehtem bringen würde. Angekündigt war ein längerer Beitrag in den Abendsendungen und ein kurzer Ausschnitt im Frühcafe. Leider wurde die "Longversion" aufgrund einer Live-Übertragung von der Insel Sylt (trotz Ankündigung im Videotext) gekippt, dafür lief der Kurzspot den ganzen Tag über in jeder Nachrichtensendung bei Hamburg 1. Immerhin, denn von den anderen eingeladenen TV- und Rundfunksendern erschien niemand, weder der NDR, noch das Hamburger Abendblatt oder die sonst immer allgegenwärtige Bildzeitung. So war denn auch der kleine Spot auf Hamburg 1 der einzige, der an diesem Tag auf den Hamburger Regionalsendern zu sehen war!

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