31. Mai 2003: partiell

Der Mai hatte es astronomisch in sich: Neben dem Merkurtransit vom 7. und die totale Mondfinsternis am 16., gab es in der Nacht vom 29. auf dem 30. ein weithin gut sichtbares Polarlicht und am frühen Morgen des 31. dann die partielle Sonnenfinsternis.

Von den ersten drei ersten Ereignissen hatte ich nichts sehen können, aber die Sonnenfinsternis wollte ich auf jeden Fall beobachten, fotografieren und mit meiner Videokamera filmen. Dabei sah es zunächst gar nicht so gut aus: Tagelang hatten wir strahlenden Sonnenschein, doch, wie Hartwig Lüthen und Oliver Rensch auf dem Mai-Klönsnack ein paar Tage vorher erläuterten, sollte just in der Nacht vor der Finsternis ein Tiefdruckgebiet den norddeutschen Raum heimsuchen. Nachdem ich schon den Merkurdurchgang nicht sehen konnte, weil ich arbeiten musste, an die Mofi wegen zu hoher Bäume nicht herankam (und das Polarlicht krankheitsbedingt im Bett verbrachte), befürchtete ich schon, dass der viel zitierte Schotte nun gnadenlos zuschlagen sollte. Hartwig versorgte uns per Mail regelmäßig mit den neuesten Entwicklungen zum Wettergeschehen – herzlichen Dank dafür – und in den ersten Tagen sah es wirklich so aus, als sollte die Finsternis hinter Wolken stattfinden.

Je näher der 31. Mai kam, desto uneindeutiger wurden die Wettermodelle. Schon war man am Überlegen, nach Dänemark, an die Ostseeküste oder die Nordseeküste auszuweichen und insgeheim dabei, diejenigen zu beneiden, die sich in Richtung Schottland oder die Shetland-Inseln aufgemacht hatten, um dort die Sonnenfinsternis zu sehen. Allerdings würde dort die Sonne während der Finsternis nur knapp über den Horizont kommen, astronomisch waren die Aussichten bei uns besser, aber auch meteorologisch?

Am Freitag Abend dann meldete Hartwig, dass die Aussichten für Hamburg und Umgebung doch ganz ansehnlich wären, also beschloss ich, keinen großen Stress zu entfalten und plante, mir das Ereignis irgendwo im Osten von Hamburg aus anzusehen.

Tagsüber hatte ich am Freitag, nach erstem Wolkenaufzug, der meine Hoffnungen schon wieder schwinden ließ, mehrmals eine Nebensonne und bei Sonnenuntergang dann noch eine Lichtsäule beobachten und filmen können.

Gegen Abend packte ich meine Transportkiste mit Kameras, meinem kleinen 80/400-Refraktor und weiterem Zubehör zusammen, dazu eine Flasche stilles Wasser und ein Paket Kekse. Immer wieder sah ich dabei aus dem Fenster. Wie würde das Wetter werden? Der Himmel war nie völlig bedeckt, immer war ein Teil wolkenfrei, sodass ich davon ausging, die Sonnenfinsternis doch noch auf die eine oder andere Weise beobachten zu können.

Die Nacht war nur kurz und der Schlaf unruhig, da ich häufig wieder wach wurde und, da ich direkt am Fenster schlafe, immer wieder vom Bett aus einen Blick zum Nordwesthimmel richten konnte. Nur einmal, so gegen 2 Uhr MESZ, war die Wolkendecke völlig zu. Um 3:30 Uhr dann klingelte der Wecker. Nur zögernd stand ich auf, tut man es sich nun an, irgendwo zu stehen und nichts zu sehen? Schließlich siegte der „Entdeckergeist“. Gegen 3:45 Uhr kroch ich aus dem Bett zum Rechner, um erst mal Mails abzurufen. Anderen erging es offenbar wie mir. Angesichts der Wolken hoffte ich auf schöne Fotomotive, das gab dann den Ausschlag und ich brach auf. Doch wohin? Über die A 1 in Richtung Lübeck, oder auf die A 24 in Richtung Berlin. Und wo würde die Sonne aufgehen. Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen und ich richtete mich danach, dass an der Stelle des hellsten Bereiches der Morgendämmerung die Sonne aufgehen würde. Also erst einmal in Jenfeld auf die Autobahn, dann auf die A 1. Ich entschied, die Bedingungen an zwei möglichen Plätzen auszuloten. Da wäre zum einen der Segelflugplatz nördlich der Müllverbrennungsanlage Stapelfeld, wo ich früher öfter mal mit Christian Harder beobachtet hatte, zum anderen der Bereich um den kleinen Ort Siek, von dem ich mir freie Sicht in Richtung Osten erhoffte. Als ich an die Abfahrt kam, verzichtete ich aber gleich auf die erste Variante und fuhr in Richtung Trittau und bog dann nach Siek ab, dabei immer die Morgendämmerung im Auge. In Meilsdorf dann, weniger Kilometer vor Siek, zog es mich von der Hauptstraße abseits in das Dorf hinein. Göttliche Fügung: Hier fand ich am Ende des Dorfes einen idealen Platz. Der Blick nach Osten war frei und einige Bäume und Hochspannungsmasten in der Ferne würden schöne Vordergrundmotive abgeben.

Kurz vor 5:00 Uhr war ich fertig, aber im Osten trieben sich noch jede Menge Wolken herum, die jedoch keilartig um den Sonnenaufgnagspunkt herum standen. Gegen 5:12 Uhr MESZ zeigte sich erstmals ein Teil der verfinsterten Sonne: Durch die atmosphärische Refraktion aufgebläht ergab sich das wunderschöne Bild einer scheinbar sichelförmigen Sonne. Der Augenblick währte jedoch nicht lange und die Sonne verschwand wieder hinter den Wolken. Und so ging das Spiel weiter: Im Westen und Norden war der Himmel fast völlig frei, im Osten dagegen stapelten sich die Wolken geradezu und von Südwesten her schien sich eine weitere Wolkenfront heranzuschieben. Es wurde immer spannender. Um 5:22 Uhr MESZ erschien der nördliche Teil der „Sonnensichel“ und wurde immer größer. Kurz zuvor hatte ich Andr“eacute; Wulff auf dem Teleskoptreffen auf dem Vogelsberg angerufen: Er hatte sich gerade zum Schlafen ins Zelt gelegt, da es dort gewitterte und keine Aussichten auf eine Beobachtung der Sonnenfinsternis bestanden.

Dafür ging es in Meilsdorf weiter. Wieder schoben sich Wolken vor die Sonne. Um 5:34 Uhr kam wieder eine größere Wolkenlücke. Die Sonne glich nun einer auf dem Rücken liegenden Sichel. Jede der Durchbrüche durch die löchrige Wolkendecke wurde von mir gefilmt und fotografiert. Inzwischen erhielt ich von einem Anwohner aus Meilsdorf Besuch. Wie er mir erzählte, kam er aus Marburg nahe dem Vogelsberggebiet und machte hier Urlaub. Er wollte eigentlich nur die Darstellung der Finsternis auf seinem Palm mit der Wirklichkeit vergleichen und wunderte sich, so früh jemanden anzutreffen, nur des Ereignisses wegen.

Je höher nun die Sonne stieg, desto weniger Wolken waren zu sehen. Ich versah meine Kameras zunächst mit einfacher, dann mit doppellagiger Rettungsfolie. Doch bei all dem Glück, das ich nun doch mit dem Wetter hatte, mischte sich auch Pech, wie sollte es anders sein. Ich hatte die Video- und die Fotokamera auf zwei getrennten Fotostativen befestigt. Ohne vorherige Ankündigung und ohne das ich es berührt hatte, kippte plötzlich das Stativ mit der Fotokamera seitlich weg, fiel auf das Tele, riss es ab und zerstörte dessen Anschlussgeschwinde (warum muss Murphy immer wieder zuschlagen, wenn ich versuche, Astrofotos zu machen...).

Meine gute Laune konnte das aber nicht ändern und so fotografierte ich mit einem anderen Objektiv und filmte weiter. Zwischendurch sah ich mir, nachdem der Feriengast wieder ins Haus gegangen war, die partielle Sonnenfinsternis im 80/400er Refraktor an. Die Zeit schien nun wie im Fluge zu vergehen. Der Himmel war im Osten fast völlig klar. Ich belichtete meinen zweiten Film zu Ende und drehte auch mit der Videokamera weiter, bis die Finsternis vorüber war. Anderthalb Stunden Sofi – wo waren sie geblieben? Kurz nach 6:30 Uhr und nach meiner heutigen Relativzahlbestimmung baute ich alles ab und fuhr wieder nach Hause. In den Nachrichten von NDR 2 wurde dann über die Sonnenfinsternis berichtet, offenbar aus einer Pressemitteilung der VdS.

Schnell ausladen, das Auto wieder in die Garage bringen und dann den Videofilm gucken. Ja, er gibt die Eindrücke der letzten Stunden gut wieder. Vielleicht werde ich ihn mal auf dem Klönsnack vorführen. Nach den anderen verkorksten Astroereignisse (denn auch zur ATT hatte ich nicht mitfahren können) nun ein versöhnlicher Ausklang für den Astro-Mai 2003.

Bilder zur Sonnenfinsternis:

Videoaufnahmen
"Altdeutsche" analoge Aufnahmen


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