11. August 1999: total

Die Wahl des richtigen Beobachtungsstandortes wurde in den Tagen vor der Finsternis zu einem ständigen hin und her. Mal kündigte der Wetterbericht von ARD und ZDF eine höhere Wahrscheinlichkeit für gutes Wetter in Bayern, mal in Baden-Württemberg an, mal hieß es, nur in Frankreich gäbe es optimale Aussichten, ein anderes Mal galt das für Ungarn.

Wir planten, unseren Astrourlaub im thüringischen Kirchheim für eine Expedition zur totalen Sonnenfinsternis am 11.8. zu unterbrechen, nur, wo sollten wir hinfahren? Daß es eine Tour war, die mitten in der Nacht beginnen würde, war uns allen (3 Mitglieder der GvA Hamburg) vollkommen klar, daß es teilweise aber auch eine Tortur werden sollte, hingegen nicht.

Am Vorabend der Finsternis beschlossen wir, anhand der immer noch unsicheren Wetteraussichten, ins Saarland zu fahren. Einer unserer Mitfahrer brach schon am Dienstagnachmittag auf, um möglichst früh einen guten Standort zu erwischen, Fahrtrichtung: Saarland / Frankreich.

Um 3 Uhr am Finsternismorgen riß uns der Wecker "Marke Herztod" aus tiefstem Schlaf. Das Gesicht wurde kurz mit Wasser bespritzt, die Zähne geputzt, dann der Expeditionswagen, ein geländegängiger Opel Frontera, mit allem Astroequipment (parallaktische Montierung, 6 cm-Refraktor, Nachführeinheit, Video- und Fotokameras etc.) beladen und um 3:15 Uhr ging es los.

Der Verkehr auf den Bundesautobahnen, die uns von Kirchheim in Thüringen, an Offenbach und Frankfurt am Main vorbei in Richtung Saarbrücken führten, war nur sehr gering, so daß wir gut vorankamen. In einem kleinen Dorf im Saarland legten wir zwecks Einkauf einer Zeitung und Brötchen, eine kleine Pause ein. Leider funktionierte hier das Prinzip der Brötchennavigation nicht (Hafen anlaufen, Brötchen holen und auf die Tüte gucken, welcher Ortsname draufsteht). In einer großen deutschen Boulevardzeitung mit vier Buchstaben wurde mal wieder auf totale Panik gemacht, Weltuntergang, Erdbeben, undefinierbare Katastrophen sollten für den Finsternistag bevorstehen.

Nun denn, unsere persönliche Katastrophe würde darin bestehen, wenn wir keinen geeigneten Standort finden oder die Finsternis total verregnen würde!

Zunächst sah es aber eher danach aus, als ob Petrus ein Einsehen mit uns haben würde, denn aus westlicher Richtung her wurden immer mehr Wolkenlücken sichtbar. Nach dem kurzen Frühstücke, bestehend aus trockenem Brot und einer Dose Cola-Mixgetränk machten wir uns auf die Suche nach einem geeigneten, möglichst hoch gelegenen Standort. Da wir leider keinerlei Ortskenntnisse besaßen, gestaltete sich die Suche entsprechend schwierig. Da viele Orte nicht auf unserer Straßenkarte verzeichnet waren und wir auch kaum Ahnung hatten, wohin wir eigentlich fahren sollten, irrten wir etwa eine Stunde im Gebiet südlich von Saarbrücken und Zweibrücken herum, bis irgendwann mein Handy klingelte.

Unser Mitfahrer, der schon am Vortag aufgebrochen war, meldete sich. Wir stellten fest, daß wir nicht weit voneinander entfernt waren und er hatte schon einen guten Standort entdeckt! Also stand die Entscheidung fest, wohin wir fahren würden. Wir trafen uns in Altheim, in dem uns der Wagen unseres Mitfahrers auf der anderen Fahrbahnseite entgegenkam. Gemeinsam ging es nun zu einer Anhöhe, wo unser Mitreisender und einige Sternfreunde aus der Lüneburger Heide campiert hatten.

Die Anhöhe erwies sich als nahezu ideal: Guter Standort, um die Sonne ungehindert durch Bäume, Sträucher oder Häuser beobachten zu können, zudem gute Sicht in Richtung Nordwest, aus der der Mondschatten kommen sollte, nur das Wetter war zu diesem Zeitpunkt absolut nicht sofilike: Mehrere übereinandergelagerte, sich dazu noch in unterschiedliche Richtung bewegende Wolkenschichten verhinderten einen Blick auf die Sonne. Aber es war ja auch noch etwas Zeit bis zum 1. Kontakt, wenn der Mond erstmals die Sonnenscheibe berührte.

Wir bauten erst einmal in aller Ruhe unsere Ausrüstung auf, justierten die Kameras auf der parallaktischen Montierung und konnten nur noch abwarten. Ich machte eine Reihe von Fotos der Umgebung, bzw. der Situation vor Ort. Eine zweite Kamera mit einem 1:4,5/200mm Tele und einem Kodak Elite Chrome 200 war auf der Teleskopmontierung meines Freundes installiert.

Die Ausrichtung der Montierung auf die Sonne wurde indes zur Geduldsprobe. Nur gelegentlich lugte die Sonne einmal aus den anscheinend immer dichter werdenden Wolkenschleiern hervor. Den 1. Kontakt verpaßten wir auf diese Weise und auch in der nächsten Stunde tat sich nicht sehr viel. Man sah sich die Instrumente der Mitbeobachter an und hoffte, wenigstens zum Zeitpunkt der Totalität einen kleinen, verstohlenen Blick auf die verfinsterte Sonne werfen zu können. Die Wolken kamen aus zwei unterschiedlichen Richtungen, eine Abschätzung, wann und ob welche Wolkenlücke in Richtung Sonne marschieren würde, wurde dadurch unmöglich.

Ich hatte meinen 80/400-Refraktor auf die Motorhaube des Geländewagens gestellt und beobachtete mit einem Sonnenzenitprisma die Sonne, wenn sie sich dann und wann für ein paar Sekunden tatsächlich blicken ließ. Meist reichte die Zeit gerade aus, das Fernrohr auf die Position des Tagesgestirns auszurichten und schon war die Lücke wieder dicht. Gegen 11:30 Uhr riß dann die Wolkendecke das erste Mal für längere Zeit auf, einige machten Fotos, ich beobachtete die Sonne hingegen durch meinen Refraktor. Insgesamt drei Sonnenfleckengruppen konnten an diesem Tage beobachtet werden. Ich konnte verfolgen, wie sich der dunkle Mondrand immer weiter auf die Penumbra einer C-Gruppe vorarbeitete, doch bevor sie erreicht wurde, zog der Himmel wieder zu. Immerhin, von der partiellen Phase hatte ich etwas gesehen, besser als nichts. In so einer Situation ist man ja schon mit kleinen Wolkenlücken zufrieden.

Die Nachrichten von SR 1 verhießen nichts gutes, aus Stuttgart wurde eine tiefhängende Bewölkung gemeldet und hier auf dem Hügel nahe Altheim fielen jetzt sogar ein paar Regentropfen, die sich, je näher der Zeitpunkt des 2. Kontaktes, dem Beginn der Totalität, rückte, immer mehr verdichteten. Wir mußten zeitweise sogar die Teleskope und Kameras abdecken und in die Autos verschwinden, um nicht richtig naß zu werden.

Das war es denn wohl, dachten die meisten von uns. In nördlicher Richtung, aus der auch der Mondschatten kommen sollte, türmten sich dunkle Regen- und Gewitterwolken auf. Auch konnten wir dort einige Blitze zucken sehen. Nun denn, die einzige totale Sofi, die ich in meinem Leben sehen werde (es sei denn, ich steige doch noch mal in den Flieger und unternehme eine weite Reise), schien in Gewitter und Regen unterzugehen!

Doch der Regen ließ nach und es bildeten sich Wolkenlücken, die uns hoffen ließen, doch noch die Totalität zu erwischen. Im Nordwesten gab es seit einiger Zeit eine beständige Lücke, die aber auch nicht näher zu kommen schien, nun öffnete sich auch in entgegengesetzter Richtung ein Loch in der tiefhängende Wolkendecke. Sollten wir etwas doch...

Kurz nach 12 Uhr wurde die Wolkenschicht immer dünner, vor allem in Richtung Sonne. Noch immer liefen dünne Wolkenfetzen aus unterschiedlichen Richtungen an der Sonne vorbei. Spannung und Blutdruck stiegen, Hoffnung erfüllte alle auf dem Feld, vielleicht doch noch...? Und dann geschah das Unfaßbare! Die nun ganz schmale Mondsichel trat aus den Wolken hervor, ich konnte in meinem Refraktor die immer schmaler werdende Sonnensichel gut beobachten, schließlich das Perlschnurphänomen und den Diamantringeffekt.

Um uns herum veränderte sich der visuelle Eindruck dramatisch. Das immer fahler werdende Licht schien unwirklich. Manche Autoren meinen, es sei wie eine Art Dämmerung, aber das trifft es irgendwie nicht richtig. Kein Wort und kein Bild können die eigenartige Lichtstimmung, die richtig gespenstisch erscheint, wahrhaftig und treffend beschreiben. Die auf ein Minimum herabgesetzte Helligkeit war richtig eklig. Wegen der hohen Schichtbewölkung konnten wir zwar weder den heranrückenden Mondschatten, noch die fliegenden Schatten am Boden erkennen, dafür blieben uns nur wenige Augenblicke bis zur Totalität und dann stand sie da: Die total vom Mond verfinsterte Sonne.

Ich fotografierte jetzt, ohne durch den Sucher der Kamera zu sehen. Ohne die Blende (4,5) zu verändern, belichtete ich mit allen Belichtungszeiten, die meine Kamera hergab. Gleichzeitig beobachtete ich mit bloßem Auge die verfinsterte Sonne. Die Protuberanzen traten deutlich hervor, sogar eine über dem westlichen Sonnenrand schwebende war gut zu sehen. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine koronale Aufhellung zu erkennen. Die Korona enttäuschte allerdings sehr, denn die bekannten Koronastrahlen konnten ebensowenig wahrgenommen werden, wie Venus oder helle Sterne, dafür war die Wolkenlücke, in der sich alles abspielte, einfach viel zu klein. Zwischendurch beobachtete ich auch kurz die Umgebung. Das Blau in den wolkenfreien Zonen innerhalb des Totalitätsstreifens war zwar immer noch irgendwie blau, aber eher unecht, es sah eher verwaschen aus, so wie auf einem total unterbelichtete Foto. Die Natur verhielt sich auch ganz seltsam, so war es um uns herum vollkommen still, keine Vögel, keine raschelnden Bäume, nur Stille. Auch der häufig beobachtete Finsterniswind blieb aus.

Nach nur knapp zwei Minuten war das Naturschauspiel vorbei, das helle Sonnenlicht schoß zwischen einige Mondtäler hervor: Erst der Diamantring, dann die Perlschnur und schon war die Sonne wieder eine schnell sich vergrößernde Sichel. Auch die Umgebung erhellte sich schnell wieder. Ich hatte den Eindruck, daß das fahle Schattenlicht schneller abnahm, als es vor der Finsternis einsetzte. Auch, was den zeitlichen Ablauf der Finsternis angeht, gab es einige erhebliche Diskrepanzen. Einige meinten, es seien 4 Minuten in der Totalität vergangen, ich hingegen glaubte, es sei nur 1 Minute gewesen!

Es dauerte Minuten, bis wir das Erlebte verarbeitet hatten. Schnell schoß ich noch ein paar Fotos von der partiellen Phase, um den Film voll zu bekommen. Alle Wettergötter vereinigten sich nun und meinten, wir hätten genug gesehen: Die Wolkenlücke schloß sich erneut und nun setzten wieder Regen und auch Gewitter ein, welch grandioser Abschluß.

Wir stiegen alle in unsere Fahrzeuge und während die Beobachter aus der Lüneburger Heide heute noch dorthin wieder zurückfahren wollten, machten wir uns mit zwei PKW in Richtung Kirchheim auf. Die Rückfahrt sollte SEHR anstrengend, einem Horrortrip gleich, werden. Waren wir mit Standortsuche auf dem hinweg noch gut 5 Stunden unterwegs, waren es nunmehr 8. Dabei mußten wir einmal einen 30 km und dann einen 20 km langen Stau über uns ergehen lassen, um Frankfurt am Main und Offenbach herum benötigten wir eine gute Stunde und zu Anfang waren wir so rasend schnell, daß wir in 4 Stunden rund 200 km schafften, macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 50 km/h. Das täuscht aber darüber hinweg, daß wir die meiste Zeit mit anderen Sofiguckern irgendwo auf saarländischen oder rheinlandpfälzischen Autobahnen herumstanden. Als wir im Radio hörten, daß vor uns ein 11 km langer Stau war, wichen wir auf die Landstraße aus. Dummerweise meinte man dort, genau in dieser Zeit jede Menge Baustellen anhäufen zu müssen. Wir stauten uns weiter und waren unterm Strich auch nicht schneller, als wenn wir die 11 km über uns hätten ergehen lassen.

Gegen 21 Uhr kamen wir dann erschöpft, müde, und doch irgendwie glücklich und zufrieden wieder im thüringischen Kirchheim an.

Jetzt, wieder in Hamburg, habe ich meine Bilder vom Fotohändler zurückbekommen und bin zufrieden. Auf dem Sofifilm sind mehr geglückte Treffer als erwartet. Sie können in meiner kleinen Bildergalerie betrachtet werden!

Sofi 99 - Bildergalerie
zurück zur Übersicht
zurück zur Homepage
© Manfred Holl, Impressum